Da geht er hin und martzt nicht mehr

Ich lese gerade bei ESPN.com, dass Mike Martz sich nach seinem Abgang in Chicago vom Coaching in der NFL zurückziehen möchte. Der NFL geht damit einer der markantesten Trainergestalten verloren.

Ich habe die große Rams-Zeit nicht mehr miterlebt – der Ausklang, Superbowl XXXVI, war mein erstes Livespiel, das ich verfolgte – und kenne das einzige ORF-Tape von der Superbowl XXXIV (die mit dem Tackle an Dyson), aber es war über die Jahre unmöglich, „Mike Martz“ und „Greatest Show on Turf“ voneinander getrennt zu halten. Diese sagenhaften Highlight-Clips mit fünf 50yds-Bomben Warners pro Spiel, das war noch anno 2003, als keine Brees, Rodgers oder Staffords die 4700yds im Vorbeigehen schnackelten, einzigartig und ungesehen.

Mike Martz war danach noch über Jahre HeadCoach bei den Rams und wurde für mich zum Inbegriff des Schlampians: Genial und kreativ, wenn es ans Ausdenken und Umsetzen neuer Ideen ging, aber nicht in der Lage, die Basics ausreichend zu exekutieren, weswegen die Rams immer und immer wieder viel zu früh scheiterten. Besonders eingeprägt haben sich bei mir diese unglaubliche doppelte Overtime gegen Carolina in den Playoffs 2003/04 und diese Laxheit, mit der man Vinatieri einst einen Trick-Touchdown bei einem Field Goal gestattete. Nur ein Play. Aber eines, das die fehlende Liebe fürs Detail bei Mike Martz auf schockierende Weise offenbarte.

Martz‘ Offense war nicht simpel gestrickt: Alles, was zwei Beine hatte, wurde auf tiefe Routen geschickt, während der Quarterback hinter der Offensive Line zum Abschuss frei gegeben war. Ein Tight End wurde nur als Alibi-Blocker eingesetzt. Das ging solange gut, so lange Superstar-Ballfänger wie Bruce oder Holt und RB Marshall Faulk in ihrer Blütezeit waren. Als sie langsam alterten, implodierte diese Pass-Offense mit ihren lange in der Entwicklung dauernden Spielzüge und die Quarterbacks, seien sie Warner oder Bulger, wurden abgeschossen und mit serienweise Gehirnerschütterungen ausgewechselt.

Nach dem eher leisen Ende bei den Rams (Krankheit, Rücktritt) tourte Martz durch mehrere Stationen (u.a. Detroit, San Francisco) und hatte überall anfangs Erfolg, um dann doch schneller als alle dachten wieder gegangen zu sein. Zuletzt sorgte er in Chicago für unterhaltsame Zeiten, als er erst seine komplizierte Offense hinter einer nonexistenten Offensive Line einführen wollte, aber dann doch einsichtig genug war, um einen etwas traditionelleren Weg einzuschlagen und sich simplerer Mittel wie RB Forté zu bedienen, um den QB mit dem Raketenarm, Jay Cutler, wenigstens alibimäßig zu schützen. Zuletzt zerstritt sich der Bärbeiß Martz mit seinem ehemaligen Schüler Lovie Smith und scheint nun das Handtuch endgültig geworfen zu haben.

Falls wir uns nicht mehr wiederseh’n: Mach’s gut.

2011/12 Divisional Playoffs – Giants, John Fox, Patriots, Jenkins

Zu den Divsionals nur noch kurze, ungeordnete Beobachtungen, weil wir uns schon ganz auf die Championship Games konzentrieren.

Die New York Giants, die mit ihrem neunten Sieg erst am letzten Spieltag der regulären Saison die Playoffteilnahme eintüten konnten, sind die beste noch verbliebene Mannschaft. Sie haben die beste Defensive Line, drei ganz starke WR und zwei gute Tight Ends und jetzt auch noch völlig überraschend eine starke Secondary. Und sie haben den besten Quarterback. Ohne Scheiß. Eli Manning spielt besser als Tom Brady. Und Brees. Und Rodgers.

Am beeindruckendsten war die Vorstellung der Secondary. Wenn Rodgers mal Zeit zum Werfen hatte, stand er und stand und guckte und guckte und fand einfach niemanden, woraufhin er selber laufen mußte wie Steve Young in seinen besten Tagen. (Oder Alex Smith, wenn bei einem 3rd&7 die Saison zu 99% schon vorbei ist.) Man hat es in der Fernsehübertragung leider nicht gesehen, aber die Giants haben wohl die meiste Zeit eine aggressive Man-Coverage gespielt und den WRs der Packers keinen Fußbreit Platz gegönnt. Wenn doch mal jemand frei war, hingen schon einige G-Men an ihm dran. Green Bay hatte auch noch viel Glück mit den furchtbare Fumble- und Roughing-The-Passer-Calls, ohne die sie zwei Touchdowns weniger gemacht hätten. Dann konnten sie auch noch ein FG blocken und bekamen von den Giants auch noch Geschenke wie einen Kickoff out of bounds. Sehr beeindruckend von Big Blue.

Der Obertrottel dieser Playoffs ist John Fox. Und das hat überhaupt nichts mit Tim Tebow zu tun. In Woche 6 dieser Saison hatte Cowboys Defensive Coordinator Rob Ryan, der alte Belichick-Schüler, einen lichten Moment, als er seine Defensive Backs und Linebackers eine aggressive bumb-and-run-coverage spielen ließ, was die Abstimmung und Antizipation zwischen Brady und seinen WRs fast völlig zerstörte. In den folgenden Wochen haben Steelers, Giants und Jets sich dieser Blaupause bedient und Brady zeitweise recht alt aussehen lassen. Selbst die Chiefs haben mit dieser Einstellung nur 223 Passing Yards zugelassen. Als die ganze Liga also einen Plan hatte, die Patriots-Offense etwas einzubremsen, kamen die Coaching Genies aus Indianapolis und hatten Anfang Dezember eine andere Idee, wir schruben damals nach dem Spiel:

Jeopardy:

– „weiche“ Tampa-2 Defense, ohne Schnörkel, ohne Abwechslung, die CBs und LBs beim Snap mindestens 10 Yards von der Line of Scrimmage entfernt.

Antwort 1) die Lieblingsdefense von Brady, gegen die er so sicher 30 Punkte macht, so lange ein Footballfeld nicht quadratisch ist

Antwort 2) der Gameplan des neuen DC Mike Murphy und HC Jim Caldwell gegen Brady und seine Patriots.

Beides richtig.

Völlig unverständlich, wie ein so erfahrener Mann und Verteidigungsexperte á la John Fox seine Defense genau so auflaufen lassen kann. Daß man dann mit seiner total tollen Zonenverteidigung in Situationen kommt, in denen man Julian Edelman oder Deion Branch doppelt – selbst Schuld. Aaron “YAC” Hernandez und Wes Welker freuen sich. Und irgendjemand in Denver sollte mal “Robert Gronkowski” googlen, den scheint man in Denver nicht zu kennen.

Ebenfalls völlig überraschend, aber im positiven Sinne, war die Vorstellung der Patriots-D. Immer wenn man auf die Namen auf den Trikotrücken schaute, war man überrascht, daß da nicht McGinest, Vrabel, Bruschi oder Harrison stand. Sondern Ninkovich, Spikes, Love und Chung. 14 Negative Plays für die Broncos gegen diese sehr disziplinierte und aggressive Defense. Update von Bill Belichicks Zauberkugel: dieses Mal durfte Safety Sterling Moore – vormals arbeitslos nach Rauswurf aus Oaklands Practice Squad – Cornerback spielen; dafür ging Cornerback Devin McCourty mal wieder auf die Safety-Position, wo er WR Matt Slater ablöste. WR Julian Edelman durfte dieses Mal nur wenige Snaps als Dimeback spielen, weil Safety James Ihedigbo in die Nikckel-Defense durfte. So geht das schon seit Wochen bei den Patriots und man kann sich nicht vorstellen, daß eine jede Woche aufs neue wild zusammengeworfene Secondary irgendwas reißen könnte. Immerhin hat´s für das AFC Championship Game gereicht.

Wir verweisen auch für das Saints/49ers Spiel nochmal ganz unverschämt auf uns selbst. Wir mutmaßten:

Zumindest Davis sollte gegen die in Zonendeckung schwachen LB der Saints Chancen bekommen. Ob QB Smith die dann hinter seiner schlechten O-Line nutzen kann, wird eines der wichtigsten Matchups sein.

Das hat sich wohl auch Defensive Coordinator Gregg Williams gedacht und Vernon Davis von Safety Malcolm Jenkins in Manndeckung nehmen lassen. Jenkins ist kein Hänfling und ausgebildeter Cornerback. Gute Idee von Williams. Nur leider war Jenkins völlig überfordert und hat eine Leistung abgeliefert, mit der er nicht mal einen Platz in New England Secondary bekommen würde. Die restliche Defense sah ganz anständig aus. Allerdings war diese OLine mit diesem Quarterback einfach kein adäquater Gegner für die Blitzes von Williams – wenn man die letzten fünf Minuten des Spiels ignoriert. Bis dahin aber war gar keine Offense vorhanden, weder Lauf- noch Paßspiel und bei jedem dritten Versuch mußte man Angst um Alex Smith´ Leben haben, so oft wie er in den Boden gerammt wurde.