Vor dem AFC-Finale 2011/12

Am Championship Sunday werden die beiden Superbowl-Teilnehmer 2011/12 ausgespielt. Als erstes Reingrooven heute mal ein Blick auf das Endspiel in der AFC.

New England Patriots – Baltimore Ravens

So, 22.1. um 21h LIVE bei ESPN America, SPORT1+ und PULS4
ESPNA-Tape: Montag, 23.1. um 15h30

Man mag widersprechen, aber es ist das im Sommer erwartete „Traumfinale“ der eigenartigen AFC, ein Spiel zwischen zwei völlig verschieden aufgestellten Mannschaften. Beide Playoff-Stammgäste seit Jahren. Beide zuletzt häufig knapp vor dem Titeltraum gescheitert. Beide in den letzten Jahren mit intensiven, knackigen direkten Duellen.

Die Baltimore Ravens (13-4), seit Äonen Sinnbild für aggressive, physische Defense, haben seit der Inthronisierung von HeadCoach John Harbaugh den Wandel zu einer halbwegs kompletten Mannschaft vollzogen und das Stigma, jedes Quarterback-Talent zu verbraten, abgelegt. Der aktuelle Spielmacher Joe Flacco gilt zwar nicht als first class, fühlt sich aber im Vergleich zu früheren Konsorten wie Dilfer, Boller oder Redman wie selbige an – zumindest fast.

Denn während Flacco gutes Mittelmaß repräsentiert, ist Gegenüber Tom Brady die Quarterback-Ikone schlechthin und steht vor seinem fünften Superbowl-Einzug. Während in den vergangenen Zeiten jedoch zumeist eine grundsolide Mannschaft hinter Brady stand, ist die Patriots-Ausgabe 2011/12 größtenteils eine Ansammlung an ehemaligen Backups und anderswo auf die Straße gestellten Gescheiterten.

Der Leistungs-Check

Die New England Patriots sind von HeadCoach Bill Belichick im Kern dafür gebaut, Shootouts zu gewinnen. Starke Offensive Line (#8 mit Sacks in nur 5.4% der Passversuche), viele verschiedene Anspielstationen, vornehmlich über die famosen jungen Tight Ends Gronkowski/Hernandez sowie den zirka 1,20m großen WR Wes Welker, und natürlich Brady höchstpersönlich sind die Schlüsselfiguren einer eher unkonventionellen Kurzpass-Offense, die 8.3yds/Pass (#2) macht und mit 39.5yds pro Drives die zweitlängsten Angriffsserien auszuspielen vermag. Weil dazu Turnovers vermieden werden (nur 18 in 17 Spielen), scort New England inklusive Playoffs heuer 32.8pts pro Partie.

Dem gegenüber steht eine Ravens-Defense, die vor allem über Physis und eine druckvolle Front Seven (48 Sacks) operiert und mit 4.8yds/Play (#2) und 24.6yds/Drive (#1) ein Bollwerk stellt. Im Schnitt braucht ein Gegner fassungslose 8,25 Drives, um gegen die Ravens zu einem Touchdown zu kommen, trotz etwas suspekter Special Teams und meistens vergleichsweise „kurzem“ Spielfelds für die Defense (Starting-Position #20 der NFL).

Prunkstück ist die Lauf-Abwehr (3.5yds/Carry, #1), die gegen New England eher geruhsam arbeiten wird können, weswegen es Baltimore zugute kommen sollte, dass das Passspiel trotz nicht überragender Secondary folgende Werte aufweist (Regular Season):

Completion Rate     53.8%   #2
yds/Pass             5.9    #3
yds/Spiel          196.2    #4
Sacks                 48    #2
Interceptions         15    #17

Als Gesamtheit kassiert Baltimores Abwehr 288yds/Spiel. Vergleich: New Englands Pass-Defense allein lässt 295.2yds/Spiel zu, und das trotz eher passarmem Schedule. Natürlich werfen New Englands Gegner aufgrund der punktegewaltigen Offense häufiger, aber es war frappierend, wie Leute wie Grossman 330+yds einschenken konnten. Die Patriots vertrauen mit ihrer Abwehr auf zwei Dinge:

  • Solide Starting Field Position: Der Gegner startet durchschnittlich an der 24.1yds-Line (#2)
  • Turnovers: New England fängt viele INTs und forciert alle 5.6 Drives einen Ballverlust beim Gegner (#3).

Da kann man schonmal verschmerzen, dass man mit zugelassenen 37.5yds/Drive mit Abstand das NFL-Schlusslicht ist. Baltimores Offense gehört nicht zu den „rhythmischsten“ (nur 58% Completion Rate für QB Flacco), ist aber ausbalanciert wie wenige andere (28:34 Lauf/Pass) und verfügt mit RB Ray Rice über eine gefährliche Allzweckwaffe.

Eine Kuriosität im Lauf-Angriff der Ravens ist, dass er zum einen sehr straight ist (nur 11% der Carries verlassen die Zone zwischen den Hashmarks) und zum anderen die linke Seite wie die Pest meidet: Rice/Williams und Kumpanen bekamen 414 Carries, von denen nur 17 (4%) links an LT Bryant McKinnie vorbeigeschleust wurden – aber die paar wenigen Carries waren im Schnitt nach Herausnahme der Spitzen ligaweit die erfolgreichsten! Träfe sich bei den Patriots exzellent: Genau gegen solche Laufspielzüge sieht deren Front Seven kein Land (#31 mit 5.4 zugelassenen Yards/Carry über ihre äußerste recht Abwehrseite).

Der Form-Check

Die Baltimore Ravens waren am Sonntag gegen Houston nicht überzeugend und hätten die Texans einen etwas reiferen Quarterback als Rookie T.J. Yates aufgeboten, die Ravens wären glatt rausgeflogen. Die eigene Offense lebte vornehmlich von Wundercatches der Wide Receivers Boldin/Evans, während Rice im GamePlan erstaunlich wenig involviert und deep threat Torrey Smith weitestgehend abgemeldet war. Das größte, letztlich wohl spielentscheidende „Play“ war bezeichnenderweise Resultat der Butterfinger von Texans-PR Jones, der den Ravens einen Touchdown schenkte – existenzrettend, weil Baltimore aus eigener Kraft wenig zustande brachte, Flacco sehr uncool in der Pocket wirkte und die Offensive Line bei den kritischen „kurzen Versuchen“ im 3rd und 4th down kein Land sah.

Brady dagegen genoss gegen Denver Narrenfreiheit in der Pocket, wurde wenn ich richtig mitgezählt habe nicht ein einziges Mal physisch angegangen und verbrannte die in ängstlicher Zonendeckung verharrende Bronco-Defense Spielzug für Spielzug. Das wird der Knackpunkt für Baltimore: Auf Brady schnell genug Druck auszuüben, um das Timing zu zerstören, ohne die Tight Ends ungedeckt zu lassen. Sollte das gelingen – und den Patriots schmeckt überaggressive Defense nicht wirklich! – rieche ich eine Orgie an Kurzpässen für die Herren Welker und Branch.

Dass es für die Ravens gelingen kann, ist ebenso nicht ausgeschlossen. New England hat seit November nicht verloren, aber einen wirklich heftigen Gegner hatten sie seit damals nicht im Schedule. Gegen die beiden besten Gegner in einem insgesamt lausigen Spielplan wurde prompt verloren (Pittsburgh & NY Giants), aber in jenen Tagen wurden verschiedene Blaupausen von schwächeren Defenses wie jener der Ravens geliefert.

Baltimore ist auch hier die Antithese dazu, hatte zwar Probleme gegen die Gurkentruppen wie Jacksonville, Arizona oder Seattle, räumte aber die großen Kaliber fast ausnahmslos aus dem Weg.

Fazit

Obwohl ich dazu raten würde, die Potenz der Ravens-Defense nicht zu unterschätzen, wäre es eine Überraschung, wenn die New England Patriots dieses Spiel zuhause verlieren.