AFC Championship Game 2011/12 Baltimore Ravens @ New England Patriots – Preview

Baltimore Ravens (14-4) @ New England Patrios (14-3)

[Sonntag 21h LIVE bei ESPN America, Sport1+ und PULS4; kommentiert (über CBS) von Jim Nantz und Phil Simms.]

Als vor vielen Jahrzehnten einige kluge Leute damit angefangen haben, Football zu spielen, gab es nur Footballspieler. Jeder Spieler hatte mehrere Rollen in der Offense und mehrere Rollen in der Defense. Sehr schnell hat sich dann rumgesprochen, daß es besser ist, wenn sich jeder Spieler auf eine Position im Angriff und eine Position in der Verteidigung festlegt. So haben viele Offensive Guards ebenso Defensive Tackle gespielt, wenn der Ballbesitz wechselte und Wide Receivers ganz selbstverständlich auch Cornerback.

Später haben die Spieler dann nur noch auf einer Seite des Balles gespielt und sich darüber hinaus noch weiter spezialisiert. So gibt es heute unter unter den Running Backs zum Beispiel “Short-Yardage-Backs” und “Space Placers”; bei den WRs gibt es “Deep Threats” und “Slot Receivers” und bei den Safeties gibt es die große Räume abdeckenden Free Safeties und die kräftigeren, auch gegen das Laufspiel eingesetzten Strong Safeties.

In diesem AFC Championship Game zwischen den Baltimore Ravens und den New England Patriots gibt es ein Aufeinandertreffen zwischen “Old School” und “New School”. Wobei die New School von den Ravens präsentiert wird, auch wenn ihr Spiel oftmals recht altbacken aussieht. Baltimore setzt auf die aus der Mode gekommene Maxime “Offense wins games, defense wins championships”, während die Patriots scheinbar sehr unkonventionelles Zeug machen, was aber – und darauf weist Head Coach Bill Belichick auch immer wieder in seinen langweiligen Pressekonferenzen hin – meistens alte Hüte sind, nur haben die Anderen im Football-Geschichtsunterricht geschlafen und können das nicht erkennen. (Belichick kennt alles, hat alles schon gesehen, auch schon alles gespielt und ist darauf auch sehr stolz. Darum ist bis heute die Niederlage in Woche 3 der Saison 2008 gegen die Wildcat-Dolphins für ihn eine der schmerzlichsten seiner Karriere, denn in dem Spiel wurde er mit lange verschütt geglaubten Mitteln aus den Geschichtsbüchern geschlagen – die ihn und sein Footballwissen nicht hätten überraschen dürfen).

So sehen wir am Sonntag ein Spiel zwischen einer Mannschaft, in der jeder Einzelne seinen festen zugewissen Platz und eine ganz bestimmte Aufgaben hat und einer Mannschaft, in der viele verschiedene Spieler viele verschiedene Dinge machen.

Patriots Offense vs Ravens Defense

Am überraschendsten war am letzten Samstag, daß Aaron Hernandez die meisten Laufyards unter den Patriots-Spielern hatte. Das hat letztlich aber nur eine Entwicklung auf die Spitze getrieben, die Belichick und Offensive Coordinator Bill O´Brien schon seit zwei Jahren exzessiv ausleben. Der Gegner sieht, welche Spieler aufs Feld kommen, aber er weiß nicht, was diese dann machen werden.

Die beliebteste “Personnel”-Gruppe der Patriots-Offense ist die 2WR/2TE/1RB-Variante. Dabei kommen WR Deion Branch, WR Wes Welker, TE Aaron Hernandez, TE Rob Gronkowski und ein RB (Ben Jarvus Green-Ellis, Stevan Ridley, Kevin Faulk oder Danny Woodhead) aufs Feld und die Defense steht schon vor der ersten schwierigen Entscheidung: Base- oder Nicke-Defense? Weil Gronk, Hernandez und Ridley/Holzkopf/Faulk so vielseitig sind, kann New England mit dieser Spielergruppe von 5WR bis hin zur I-Fomation alles spielen. Je nachdem, wie die Defense sich entschieden hat, entscheidet Brady seinerseits vor dem Snap, was er machen will. Verteidung spielt Base? Dann wird erstmal Hernandez in den Slot oder an die Seitenlinie geschickt; Gronk und der RB vielleicht auch. Bereitet sich die Defense auf einen Paß vor, spielen Gronk und Hernandez als “richtige” Tight Ends und der RB läuft. Den Vogel hat New England gegen Denver abgeschossen, als sie mit 3 etatmäßigen WRs und 2 TEs aufgelaufen sind und dann trotzdem Laufspielzüge exerzierten – eben mit Hernandez.

Weil das aber noch nicht Verwirrung genug ist, spielen die Patriots auch gerne mit sechs Offensive Linemen. RT Nate Solder spielt dann den “Extra-TE” und Marcus Cannon oder Sebastian Vollmer gehen auf seine angestammte Tackle-Position. Solder hat bis jetzt noch keinen Ball als TE gefangen, es wäre aber keine Überraschung, wenn er Sonntag seine Premiere als Ballfänger genießt. (Es ist für Belly auch nichts Neues, Positionsfremde Bälle als TE fangen zu lassen – LB Mike Vrabel hat das jahrelang gemacht.) Falls es mal richtig langweilig wird, kann Brady auch punten….

Aber was machen diese Leute dann – unabhängig davon, wo sie sich aufstellen? Der Patriots-Angriff basiert auf vielen kurzen Pässen im Raum bis zu 10 Yards hinter der Line of Scrimmage. Die potentiellen Paßempfänger laufen sehr viele “Option-Routes”, heißt: sie laufen 5 bis 10 Yards geradeaus und entscheiden sich dann, ob sie sich einfach umdrehen oder nach rechts bzw. links ausbrechen und parallel zur Line of Scrimmage laufen. Das erfordert sehr viel Abstimmung zwischen QB und Ballempfänger und ein hohes Maß an Timing. In dem Moment, in dem der Paßempfänger sich für eine Option entscheidet, muß sich auch der QB schon entschieden haben. Wenn Brady den Ball wirft, muß er schon wissen, wo sich sein Ziel in drei Sekunden befinden wird.

Diese Kunst hat er gegen Zonenverteidigungen zur Perfektion getrieben. Wir schreiben es hier ja schon seit langer Zeit: jede Defense, die eine einfache Zonenverteidung spielt, wird von Brady gnadenlos auseinandergenommen. Den Fehler hat Denver letzte Woche gemacht, den Fehler haben auch schon viele andere gemacht, aber in dieser Saison haben schon einige Teams gezeigt, wie man das verteidigen kann: mit aggressiver Bump-and-Run-Coverage. Die Defensive Backs stehen den Paßempfängern direkt gegenüber und schubsen sie erstmal durch die Gegend. Das zerstört das in dieser Offense so wichtige Timing und führt zu Pässen, die aussehen, als wären sie ins Nichts geworfen worden.

Baltimores Defensive Coordinator Chuck Pagano (und auch HC John Harbaugh) gehört zu den klügsten Köpfen der NFL und wird New Englands WRs/TEs viele blaue Flecken schon an der Anspiellinie verpassen wollen. Mit Terrell Suggs, der vom Sidelinereporter-Panel einstimmig zum Defensive Player of the Year gewählt wurde, sollten es die Ravens auch schaffen Druck auf Brady auszuüben; die Offensive Line ist nicht so gut, wie die Zahlen versprechen. Durch die vielen schnellen Pässe zu Welker/Gronk/Hernandez haben die gegnerischen Pass Rusher meist gar keine Zeit zum QB zu kommen, weil der Ball zu schnell geworfen wird. Wenn aber der bequeme kurze Paß durch die aggressive Verteidigung gegen die Paßempfänger nicht da ist, kommt Brady schnell ins Schwimmen. Was ihm in solchen Situationen immer hilft, ist die No-Huddle-Offense. Damit geht immer irgendwas, wenn auch nicht so viel, wie vielleicht angedacht.

Der zweite wichtige Punkt für die Ravens-D ist richtig Old School: gute, saubere Tackles. Sowohl Welker als auch Gronkowski und am allermeisten Hernandez machen die meisten ihrer Yards nach dem Catch, weil sie immer wieder Verteidiger aussteigen lassen. Gegen eine Defense, die von Ray Lewis den Marsch geblasen bekommt, sollte die Pats da limitiert werden. Insgesamt spielt die Ravens-D sehr, sehr diszipliniert, verpaßt kaum Tackles und hat mit Suggs/Ngata, Lewis und Safety Ed Reed auf jeder Höhe Playmakers, die zu den besten ihres Faches gehören. Nichtsdestotrotz wäre es eine Überraschung, wenn New England hier mit weniger als 20 Punkten aus dem Spiel geht. Womit wir bei der Frage wären, wie viel Punkte Baltimores Offense machen kann.

Ravens Offense vs Patriots Defense

In Baltimores Offense dagegen hat jeder seinen festen zugewiesenen Platz. WR Torrey Smith “strecht” das Feld; WR Anquan Boldin ist immer für einen Ball über die mittleren Distanzen anspielbar und Ravens´ RB Ray Rice from Rutgers rumblet sich nach Handoff oder kurzem Paß für vier Yards in die sich ihm entgegenstürzenden Verteidiger. Das ist insgesamt nicht viel mehr als trocken Brot – aber davon wird man ja auch irgendwann satt. Der Angriff Baltimores ist um drei Männer gebaut: Ray Rice, Ray Rice und um den Running Back Ray Rice.

Das funktioniert oftmals auch sehr gut, nur bekommt die Offense ein Problem, wenn es mal nicht so gut läuft mit Rice. Das System hat vor allem zwei Schwachstellen: QB Joe Flacco und das Playcalling von Offensive Coordinator Cam Cameron.

Flacco ist einfach kein Top-10 Quarterback. Da kann er auch noch so viel lamentieren, daß er nicht genügend Respekt bekommt, aber er ist nicht mehr als ein Trent Dilfer mit coolerem Bart. Mit einem Ray Rice ist das aber auch gar nicht so schlimm, nur hängt OC Cameron auch der Idee an, daß Flacco ein Spiel alleine gewinnen kann. Manchmal versucht er es dummerweise mit seinem Playcalling zu beweisen und dann kommen so furchtbare Spiele bei raus, in denen Baltimore große Probleme gegen Volleimer wie Jacksonville, Cleveland oder Seattle hat.

Auch gegen New Englands Defense sollte es nur ein Mittel geben: Ray Rice. Selbst wenn Belichick und DC Matt Patricia ihre Zauberkugel aufmachen und wieder Sterling Moore als Cornerback aufbieten, Devin McCourty als Safety und WR Julian Edelman und WR Matt Slater als Defensive Backs spielen lassen – die Ravens haben nur eine Chance, wenn Rice ein Riesenspiel macht. In seinen Playoffspielen hat Flacco eine Completion Percentage von 53,1; miese 5,8 Yards pro Paßversuch und ein Rating von 66,2 – gegen diese Defense New Englands bieten sich mehr Chancen, aber Flacco ist eben kein Drew Bress, der alles ausnutzen könnte.

Entscheidend wir hier sein, ob die LBs Jerod Mayo und Brandon Spikes sowie Safety Pat Chung so heiß sind wie letzte Woche gegen Denver, als sie alles platt gemacht haben, was über die Line of Scrimmage kam. Oder sogar schon dahinter. Und New England darf sich nicht von Big Plays verbraten lasssen. Hier hat Baltimore durchaus eine Chance mit den WRs Smith und Boldin gegen Cornerbacks mit Namen wie Arrington, Molden und Moore. Wenn denn Flacco seiner großen Klappe ein großes Spiel folgen lassen kann.

Insgesamt haben die Patriots deutliche Vorteile vor allem in der Offense, die aber mit einer disziplinierten Defense minimiert werden können. Wenn Joe Flacco gegen eine Defense, die mit DE Andre Carter ihren besten Mann durch eine Verletzung schon verloren hat, wie ein Top-10-QB spielt, ist Baltimore im Spiel. Und wenn Baltimore auf Bewährtes und Ray Rice setzt und nicht versucht, Flacco eine Rolle zu geben, die ein Eli Manning oder Aaron Rodgers haben, wird das ein Spiel, bei dem beide Mannschaften in den 20ern scoren und am Ende der QB den Ausschlag gibt – Vorteil New England.