Vor dem NFC-Finale 2011/12

Hand aufs Herz: Dass sich San Francisco und die New York Giants für das NFC-Finale qualifiziert haben, ist eine Überraschung. Und es ist eine Ansetzung, die sich dank 80er Jahre und einem famosen Playoffspiel im Jänner 2003 mit historischem Thrill aufladen lässt: Die Giants knockten einst QB Joe Montana aus. Die 49ers gewannen dafür das „ineligible man downfield“-Spiel von vor neun Jahren. Jetzt geht es erneut um den Superbowleinzug.

San Francisco 49ers – New York Giants

So/Mo, 22./23.1. um 0h30 LIVE bei ESPN America, SPORT1+ und PULS4
ESPNA-Tape: Montag, 23.1. um 18h30, Dienstag, 24.1. um 15h30

Für die Giants ist es im dritten Playoffspiel in Serie der dritte völlig unterschiedlich gebaute Gegner: Nach den „Allroundern“ der Atlanta Falcons und der rohen Passgewalt der Green Bay Packers sieht man sich nun einem unspektakulären, auf pure Effizienz getrimmten Gegner gegenüber.

Ich möchte die 49ers in ihrer Gesamtheit nicht „parasitär“ nennen. „Parasitär“ würde ich mit „Schmarotzen von Gegners Fehlern“ gleichsetzen, aber das trifft die 49ers nur im Kern. In der Defense schauten wenigstens zwei der fünf Turnovers – die beiden INTs – wie blitzsauber erzwungene Fehler gegen eine der spektakulärsten Angriffe in der NFL aus, die der – für sich wirklich nur – opportunistische Angriff prompt zu Punkten verwertete.

Der Leistungs-Check

Wie ich vergangene Woche bereits erläuterte, ist San Franciscos Offense um reine Feherminimierung und Effizienzoptimierung getrimmt – was streckenweise optisch furchtbar aussieht. Ordnen wir die letzten vier Spielminuten von letzter Woche mal unter „außergewöhnliche Umstände“ ein: Was bleibt, ist eine horrende Offensivvorstellung um einen gnadenlos kastriert wirkenden QB Alex Smith hinter einer völlig übermannten Offensive Line.

Eine Offensive Line, die Fragen aufkommen lässt: Wie kann eine Mannschaft damit so weit kommen? Wir sprechen hier über eine Unit, die in 8.4% der Passversuche Sacks zulässt (#25) und hinter jener 20.4% der Laufspielzüge spätestens an der Anspiellinie schon wieder abgewürgt sind (#22) und die nur die #29 bei sehr kurzen dritten und vierten Versuchen ist. Es dürfte also ein langer Tag für die RBs Gore/Hunter werden – und dann läuft die Sache darauf hinaus, dass Smith mit seinem goldenen Händchen die Partie gewinnen muss.

Die Giants-Defense beeindruckte in den Playoffs IMHO weniger mit dem Sacks und Knockdowns, sondern muss in der Coverage eine Formel gegen die bisherigen Angriffe gefunden haben: Das war keine Defense, die wie in der Regular Season 7.5yds/Catch zuließ – Rodgers hatte zuletzt beispielweise 5.7yds/Passspielzug und musste ein ums andere Mal scrambeln. Sieht nicht wie das beste Matchup für die 49er-Offense aus, zumal die wichtigste Offensivwaffe TE Vernon Davis als launische Diva verschrieen ist und Giants-DefCoord Perry Fewell mit Sicherheit das eine oder andere Karnickel ziehen wird, um Davis möglichst mit Blocken beschäftigt zu halten.

Auf der anderen Seite verfügen die 49ers über eine seit Monaten atemberaubende Front Seven um die Smiths, Justin und Aldon, sowie die Linebackers Bowman/Willis. Laufspiel geht dagegen gar nicht (3.5yds/Lauf), vor allem in kurzen Yardage-Situationen läuft die 49er-„Box“ zur Hochform auf und würgt 60% dieser Situationen ab – Nummer 1 ligaweit mit meilenweitem Abstand.

Spricht einiges dafür, dass die Giants ihre wiederentdeckte Affinität fürs Laufspiel aufgeben müssen, um erneut auf die Big Plays zu setzen – ein Szenario wie geschaffen für den eigenartigen QB Eli Manning, dessen famose Coolness unter Druck und rattenscharfen tiefen Pässe so gar nicht so seinem eher farblosen Äußeren passen wollen: Manning für Nicks/Cruz/Manningham hat sich heimlich und leise zum Kassenschlager entwickelt und sollte gerade gegen die suspekte „no risk, no fun“-Secondary der 49ers minimum drei 40yds-Raumgewinne fabrizieren – und wenn die tiefen Bälle analog zur letzten Woche gegen Brees aus dem Spiel genommen werden, traue ich Gilbride/Manning mittlerweile auch die nötigen mentalen Adjustments zu, um den Fokus auf die nicht minder potenten Mitteldistanzen zu richten.

Der Form-Check

Ich bin dazu geneigt, San Franciscos Upset über New Orleans als Freak-Unfall abzutun – obwohl die 49ers exakt über jene Trümpfe operierten, die sie immer ausspielen: Turnovers, exzellente Feldpositionen, keine Fehler im Angriff. Bloß hätte das alles nicht gereicht, wenn nicht in der Crunch Time ein Ass nach dem anderen aus dem Ärmel gezückt worden wäre – und immer wenn ein Spiel so stark vom Skript abweicht, dass der GWP-Chart solch nervösen Zuckungen untersteht, darf man skeptisch über eine Wiederholbarkeit sein.

Auf der anderen Seite wirkten die Giants mächtig. Die Behauptung, Green Bay hätte am Sonntag das Spiel mehr verloren denn die Giants es gewonnen, geht großteils an den Tatsachen vorbei und ignoriert völlig die famose Gesamtleistung der Blauen, die selbst den widrigen Umständen – Stichwort: Refereeing – trotzten und die überhypten Packers in beeindruckender Manier abwürgten. Angefangen von Mannings mittlerweile beachtlichem Standing hin zur nicht minder eindrucksvollen Passrush- und Deckungsarbeit versprühen die Giants im Formhoch ein unerschütterliches Selbstvertrauen. Allerdings bin ich – ohne einen statistischen Vergleich zwischen anfänglicher Regular Season und den letzten drei-vier Wochen gemacht zu haben – immer noch etwas skeptisch bezüglich Giants: Ich kann mich an fast keine Mannschaft der letzten 4-5 Jahre erinnern, die eine derartige Leistungsexplosion wie jene der Giants über 1-1.5 Monate halten konnte. Ein baldiger Einbruch scheint mir unausweichlich.

Fazit

„Zum Glück“ aus Giants-Sicht sind auch die San Francisco 49ers eine Mannschaft, die zuletzt trotz starker Leistungen immer noch mehr Glück als Verstand brauchten, um die Siege heimzufahren – übrigens war auch das „Hinspiel“ im Oktober so eine Partie: San Francisco gewann verdient, hatte aber mit Giants-Drops und idiotischen PlayCalls in der Endphase damals alle Schutzengel auf seiner Seite. Damals ein überhaupt ungewöhnliches Spiel mit null Yards Laufspiel für Gore, allerdings einem *tada* Comeback Alex Smiths im Schlussviertel.

Mein Tipp: Die 49ers haben morgen nur dann eine Chance, wenn sie ihre uns bekannten Basics fehlerlos exekutieren und das Spiel knapp halten können. Als X-Faktor spielt ihnen sogar möglicherweise das playoffkompatible Wetter mit rein: Für morgen sind starke Regenfälle und böiger Wind vorausgesagt. Ehrlicherweise will man trotzdem nicht dran glauben, dass die Giants dieses Spiel nicht gewinnen werden.