Marginalien

Manchmal ist American Football frustrierend und faszinierend zugleich. Nächtelanges Quälen durch Graupenkicks, wunderschöne Pivot-Charts und taktische Analysen in Ehren, aber am Ende entscheidet ein Furz von einer scheinbaren Kleinigkeit nicht bloß über Sieg und Niederlage, sondern womöglich über Titel und nicht-Titel. San FranciscoNY Giants war durchaus das Skript, das man hatte erwarten können: „Big Play“ Manning auf der einen Seite, auf der anderen ein unsouveräner Alex Smith hinter einer windelweichen Offensive Line, der einen (EINEN!) Pass für einen Wide Receiver anbringen konnte, 112 von seinen 196 Pass-yds in zwei langen Spielzügen für TE Davis machte und nur 1/13 dritte Versuche verwertete.

Am Ende war es wie ein Schwergewichtsboxkampf, in dem beide Offenses in den Seilen hingen und einen Punt nach dem anderen produzierten. Eine kleinliche Auslegung einer in manchen Situationen sinnbefreit wirkenden Regel („Forward Progress“). Viele zu Boden fallende Pässe. Düsteres Stadionlicht. Und dann kam der Backup-Kickreturner, ein Mann, dessen Name bisher 2000km weiter östlich für gänzlich andere Qualitäten – namentlich fulminante Defensive Line – gestanden hatte. Kyle Williams, der Ersatz-Returner der 49ers mit der tauben Stelle am Knie, produzierte in Schlussviertel und Overtime zwei Turnovers Marke „haarsträubend“, die das Schicksal der Partie entschieden und den Giants den Weg zur Superbowl bereiteten.

Aussetzer, die dir keine Glaskugel prognostizieren wird. Aussetzer, bei denen du mit dem Unglücksraben mitleidest. Aussetzer, die sowohl im Endspiel der AFC, als auch jenem der NFC den Ausschlag über Sieg und Niederlage gaben. Wir erleben also statt dem Bruderduell Harbaugh gegen Harbaugh nun die Neuauflage jener Superbowl, die trotz etlicher weiterer Anhaltspunkte für immer von dem einen Namen geprägt sein wird: Tyree.

HeadCoach-„Klasse“ von 2009

Im Anschluss an 2008/09 gab es ein massives Coach-Ringelreihe, und selten hat man eine derartige Ansammlung an „Risiko-Einstellungen“ im Anschluss: Entweder blutjunge, unerfahrene Assistenzcoaches oder charakterliche Zeitbomben – alles Moves, die einst einem Regenschirm glichen – so gespannt war man, wie sich diese Gruppe schlagen würde. Ein Blick auf die elf Trainerwechsel von damals, und wie es drei Jahre danach aussieht:

HeadCoach        Team           Bilanz PO   Status
Tom Cable        Oakland        13-19       gefeuert nach 2010
Jim Caldwell     Indianapolis   26-22  2-2  gefeuert nach 2011
Todd Haley       Kansas City    19-26  0-1  gefeuert während 2011
Eric Mangini     Cleveland      10-22       gefeuert nach 2010
Josh McDaniels   Denver         11-17       gefeuert während 2010
Jim Mora jr.     Seattle         5-11       gefeuert nach 2009
Raheem Morris    Tampa Bay      17-31       gefeuert nach 2011
Rex Ryan         NY Jets        28-20  4-2  aktiv
Jim Schwartz     Detroit        18-30  0-1  aktiv
Mike Singletary  San Francisco  13-18       gefeuert während 2010
Steve Spagnuolo  St Louis       10-38       gefeuert nach 2011

Drei Jahre später kann man an dieser Stelle den ollen Fontane heranziehen: Courage ist gut, aber Ausdauer ist besser. Die Klasse von 2009 hatte eher stürmische Zeiten zu überstehen, mit zwei kritischen Offseasons: Im Frühjahr 2009 entfiel die Salary Cap, im Frühjahr 2011 gab es einen monatelangen Arbeitskampf – und zudem wurden auffällig viele Chefcoaches in schwierige Situationen geworfen. Trotzdem: Neun von elf Gefeuerte nach drei Jahren – Alle Achtung, die Owner scheinen ungeduldiger denn je.

Cable war einst bereits eine dreiviertel Saison als Kiffin-Nachfolger eingesprungen (4-8 wird oben nicht berücksichtigt) und lieferte nach seiner Einstellung beste Unterhaltung mit fliegenden Fäusten gegen eigene Assistenzcoaches, aber auch mit der ersten „nicht-negativen“ Saisonbilanz der Raiders seit Äonen. Resultat: Direkt im Anschluss gefeuert.

Caldwell, der Mann mit den schmalsten Lippen, startete im Anschluss an Dungy wie eine Rakete, gewann die ersten 14 Spiele seiner Colts-Trainerlaufbahn, teilweise mit bizarr viel Glück gewonnene Partien, ehe sich in Woche 16 von 2009/10 das Schicksal wandte, als Caldwell inmitten einer souverän geführten Partie gegen die Jets seine A-Mannschaft vom Feld nahm. Wochen später verlor man die Superbowl gegen die Saints, würgte sich mehr schlecht als recht durch die anschließende Saison und kollabierte heuer nach Mannings Ausfall schlimmer als es alle erwartet hatten. Der geborene Bürokrat Caldwell wird nie mehr den Ruf eines Visionärs bekommen.

Haley kam einst als frischer OffCoord aus Kansas City, zerstritt sich aber schnell mit dem neuen GM Scott Pioli, dessen Vorstellungen von Arbeitsklima von der Belegschaft als versuchter Psychoterror aufgefasst wurden, führte die Chiefs 2010/11, gebaut um einige fantastische Einzelspieler, mehr schlecht als recht in die Playoffs, ehe heuer der – vorhersehbare – Einbruch folgte.

Mangini ist so ein Fall, den man ewig diskutieren kann: Der Mann war in New York gescheitert, disziplinierte in Cleveland erstmal die Browns, mit denen es Mitte der Saison 2010/11 tatsächlich aufwärts zu gehen schien, ehe es allen klar wurde, dass GM „West Coast“ Holmgren und „Football-Urzeit“ Mangini nicht gut gehen konnte. Resultat: Rauswurf, Cleveland steckt ein Jahr danach immer noch in den Untiefen und weiß nicht, wie es weitergeht.

Ein anderer ehemaliger Belichick-Schüler, McDaniels, scheiterte in Denver mit seinem Versuch, alles auf einmal umzukrempeln. Ich bin nach wie vor extrem skeptisch, was McDaniels’ konzeptionelle Arbeit anging. Erst wurde der Franchise-QB mit dem starken Arm, Cutler, rausgeworfen, dann kam mit WR Demariyus Thomas die Waffe für das tiefe Spiel, dann wurde ein Erstrundendraftpick für den unkonventionellen Tebow verbrannt. Es wurde ein Erstrundendraftpick für CB Smith verschenkt, ehe Smith nach einem Jahr wieder auf der Straße saß. Dann klickte die Offense mit dem ungeliebten Orton, ehe die Defense implodierte und McDaniels inmitten seiner zweiten Saison wenig überraschend auf der Strafe saß und mit dem „sicheren“ John Fox ersetzt wurde.

Zu Mora jr. erübrigt sich jeder Kommentar: Seit Falcons-Zeiten ist der Mann bei mir völlig verbrannt – in Seattle war er nach einer Saison gegangen, als Nachfolger der ehemals in der NFL gefloppte Pete Carroll, Flüchtling von USC, eingestellt.

Morris, aufgestiegen innerhalb von Wochen vom Secondary-Betreuer zum Chefcoach, propagierte in Tampa den jugendlichen Elan, nur um am Ende die jugendliche Unerfahrenheit als Grund für sein Scheitern bloßzustellen. Die Kaderpolitik in Tampa war nicht immer durchschaubar, aber der fabulöse QB Josh Freeman überdeckte für einige Zeit die Schwächen – am Ende schien die Mannschaft den Coach Morris aufgegeben zu haben.

Singletary war in San Francisco aufgrund seiner engen Fesseln für das 49er-Spiel, galt als schlechter GameManager und wurde ebenso in seiner zweiten Saison geschasst. Spagnuolos Rams durchliegen tiefste Tiefen und liegen aktuell in einem noch tieferen Tal der Depression als zu seinem Amtsantritt, trotz jungem Toppick mit QB Bradford, und fishten sich jüngst einen neuen HeadCoach. Spagnuolos Zeit in St Louis war gekennzeichnet von einer ordentlichen Defense im zweiten Jahr, als gegen einen lachhaften Schedule sieben Siege eingefahren werden konnten.

Bleiben Ryan und Schwartz – und gemessen an der abgelaufenen Saison ist Ryans Stuhl mittlerweile zumindest leicht „angewärmt“. Einzig der große Football-Pragmatiker Jim Schwartz darf als richtig geglückter Move gelten – betrieben die Lions doch mitunter eine Kader-Aufbaupolitik, wie man sie in den letzten Jahren maximal noch von Green Bay oder kurzzeitig Arizona gesehen hatte.

NFC-Championship 2011/12: San Francisco 49ers – New York Giants

[00h38] Astreine, ja fantastische Hymnen-Performance von unserem blonden Gesangssternchen Kristin Chenoweth im strömenden Regen. Das war vielleicht die beste Version vom Star Spangled Banner, die ich bisher gehört habe. Können sich die Konsorten Aguilera/Tyler was von abschneiden.

Und nur mal so nebenbei bemerkt: Was sich da über Candlestick zusammengebraut hat, ist eine SUPPE.

[00h31] Nachdem der Heimvorteil von uns vor den Playoffs als möglicher, vergleichsweise überproportional wichtiger X-Faktor ausfindig gemacht worden war, sind die Heimmannschaften bislang 8-1 in diesen Playoffs. Einziger Auswärtssieg bis dato von den Giants, die auch heute wieder auswärts antreten, und als leichter Favorit gelten.

[00h29] Bei FOX entscheidet der ehemalige Giants-DE Michael Strahan die Tipprunde mit 3:2 zugunsten der NY Giants.

[00h20] Back in a minute aus dem schwer verregneten San Francisco.