Superbowl-Countdown 2012, T-minus 9: Einmal laut und einmal leise, bitte

Superbowl XLVI zwischen den New England Patriots und den New York Giants ist auf mehreren Ebenen eine spannende Auseinandersetzung. Es wird die Neuauflage des Endspiels von vor vier Jahren sein. Im Haus, das Peyton Manning baute, treffen sich Peytons kleiner Bruder Eli und Peytons größter Rivale Brady. Für die betroffenen Städte der beiden Superbowl-Finalisten ist das Spiel aber mehr: Boston und New York verbindet eine Art Hassliebe untereinander. Zwei amerikanische Ostküstenstädte, die im äußeren Erscheinungsbild viel unterschiedlicher nicht sein könnte. Beantown gegen Big Apple. Die Walking City gegen die Stadt, die niemals schläft.

Boston ist dank Tea Party die Wiege der amerikanischen Nation, eine der ältesten Städte mit reichlichem kulturellen Angebot – als Musikfan sei an der Stelle das Symphonieorchester von Boston genannt – und eine Stadt, die mit einer lange Zeit sehr „weißen“ Bevölkerung bevorzugt irischer und italienischer Abstammung erst in den letzten Jahrzehnten das Phänomen der Gentrifizierung durchlebte. Boston gehört heute zu den wohlhabendsten Städten in den Vereinigten Staaten, ein Ort mit enorm hoher Single-Quote und ein Zentrum höherer Bildung. Jedermann kennt Eliteuniversitäten wie Harvard oder das MIT, die beide übern Fluss im – nennen wir es despektierlich: Vorort – Cambridge lehren, oder das klerikal angehauchte Boston College in der Peripherie.

Trotzdem sagt man den Bostonians einen leichten Minderwertigkeitskomplex im Vergleich zu den ein paar Zugstunden weiter südlich lebenden New Yorkern nach. Während der klassische Neuengländer eher der verschlossene, unzugängliche Typ ist – ein Gast in meinem Hotel beschrieb das mal so: In New England mache der „fence good neighbours“ – zeichnet man vom New Yorker das Bild, offen für alles zu sein, was das Leben erleichtere.

New York ist eine pulsierende Stadt, der klassische Schmelztiegel der Kulturen, wogegen Boston mit seiner eher versteckten „Ausländerschicht“, dem studentenlastigen Stadtbild und den fast geräuschlos durch die Straßen schleichenden Bahnen fast etwas langweilig daherkommt. Der New Yorker kümmert sich nicht darum. Rund um die Uhr Bewegung, Züge, Metros, machen das Bild einer extrem dynamischen, lauten Stadt. Der New Yorker ist eher nicht der Genießer. Er ist busy. Und rastlos.

In einem allerdings sind die Neuengländer den New Yorkern in den letzten Jahren voraus: Sie sind die Stadt der sportlichen Erfolge. Massivste Kennzahl: Am Sonntag kämpfen die Patriots darum, den Titel der erfolglosesten (!) Bostoner Franchise der letzten Jahre abzugeben. Seit dem letzten Superbowlsieg sind sieben Jahre vergangen; in der Zwischenzeit haben Rex Sox (2007/MLB), Celtics (2009/NBA) und Bruins (2011/NHL) die Pokale abgeräumt, während die Lombardi Trophys der Pats schön langsam verstauben.

New York hat diesem Titel-Run zuletzt nicht viel entgegenzusetzen. Der einzige Stanley Cup der letzten Jahre wurde 2003 von einer Franchise, die sich als „New Jersey“ definiert (die Devils), geholt, während die in den 90ern noch ultraerfolgreichen Yankees wenigstens 2009 eine World Series gewannen und das Jahrzehnt nicht völlig dem Erzrivalen Red Sox überlassen mussten. Und dann war da noch der Superbowlsieg der Giants 2007/08 – ein Glückslauf, aber einer, in dem man ausgerechnet den Patriots ein doppeltes Schnippchen schlagen konnte: Titel weggeschnappt. Perfect Season ruiniert.

Am nächsten Sonntag die „Revanche“ im größten Einzelsportereignis der Welt – ein Event, das im US-Nordosten die Massen über den Sport hinaus bewegen wird.


Ich will nicht Recyclinghof spielen: Für eine vertiefende Lektüre empfehle ich den Blogeintrag von Allesaussersport aus den Stunden vor Superbowl 42, der sich etwas tiefer in die sportliche und kulturelle Historie der beiden Städte eingräbt.