Superbowl-Countdown 2012, T-minus 4: Von der Unternehmensphilosophie der New York Giants

Wenn ich über die Monate Franchises wie Detroit oder Arizona für intelligentes „Team-Building“ gelobt habe, so wird es drei Tage vor der Superbowl XLVI Zeit, den Scheinwerfer auf die New York Giants zu richten, wo die Beharrlichkeit und die Stetigkeit angesichts der rabiaten Presse vielleicht noch eine Stufe höher einzuordnen ist.

Vorausgeschickt: Die Giants sind eine der klassichen NFL-Franchises, gegründet in den 20ern und aufgrund des gleichnamigen Baseball-Teams (heute „San Francisco Giants“) offiziell mit dem Zusatz „Football-Giants“ versehen. In der Urzeit war man viermal NFL-Champ, lieferte heute hymnisch besungene Partien wie das NFL-Finale 1958 („The Greatest Game Of All Time“), gehörte in den 70ern jedoch zu den erfolglosesten Mannschaften.

Die 70er waren auch die Zeit, in der etwas weiter südlich, bei den Baltimore Colts, die zukünftigen klugen Köpfe von Big Blue geschult wurden: George Young und der berühmte Ernie Accorsi, Schützlinge des visionären Joe Thomas, dessen Philosophie so simpel gestrickt war, dass sie von Podolski stammen könnte:

Oberste Priorität ist: Finde deinen Quarterback. Und zwar nicht „einen“, sondern „deinen“. Du musst dir ob seiner Qualitäten 100%ig sicher sein. Hast du ihn, drafte Pass Rusher bis die Kälber fliegen lernen.

Vor Jahren lernte ich, dass bereits die große, von Young zusammengestellte Giants-Dynastie der 80er Jahre genau so funktionierte; als berühmteste Figur agierte mit dem OLB Lawrence Taylor (hierzulande bekannt aus Any Given Sunday) der noch heute als dominantester Abwehrspieler seiner Zeit angesehen wird, ein Mann, der das rare Kunststück zustande brachte, als Abwehrspieler zum NFL-MVP gewählt zu werden. Resultat: Zwei Superbowlsiege und etliche noch heute „zitierte“ Playoff-Klassiker.

Ach, und: Im Trainerstab des rastlosen HeadCoaches Bill Parcells waren zwei weitere uns heute bekannte Gesichter: DefCoord Bill Belichick und Tom Coughlin, der Positionstrainer der Wide Receivers.

Parcells‘ Trainerstab zerschlug sich Anfang der 90er, aber im Front Office der Giants setzte man weiterhin auf Kontinuität. Der greise Besitzer Wellington Mara war eine eigenartig kultige Gestalt, der man rückwirkend betrachtet so viel Gelassenheit in der Führung einer so großen Franchise an einem so unruhigen Ort gar nicht zugetraut hätte.

Nach GM Youngs Abgang übernahm der ähnlich gepolte GM Accorsi. Die Giants verschwanden zwar etwas von der Bildfläche, hatten aber mit Michael Strahan wenigstens „ihren“ großen Pass Rusher für die nächsten 15 Jahre gefunden. Trotzdem stehen die Jahre Ende der 90er und Anfang der 2000er etwas verloren in der Giants-Historie: Obwohl man als Spielmacher nur den Wandervogel und gefühlten Notnagel Kerry Collins zu bieten hatte, schaffte man es unter dem „kulturellen Mismatch“, HeadCoach Jim Fassel, 2000/01 ins Endspiel, das allerdings sang- und klanglos verloren ging.

Die Ära Coughlin/Manning

Irgendwann im Herbst 2003 war allen klar geworden, dass die implodierenden Giants einen Schnitt brauchten, zurück zu ihren Wurzeln mussten. Accorsi machte den Move und verpflichtete den als Diziplinfanatiker verschrieenen ehemaligen Giants-Assistenztrainer und Chefcoach der Jaguars, Tom Coughlin – kein Showman und charakterlich die Anti-These zum Bild von New York City.

Der Wiederaufbau auf dem Feld wurde um den noch blasseren QB Eli Manning versucht, den Bruder des damaligen NFL-MVPs Peyton Manning, und ein bereits zu Zeiten des Drafts verhasster Charakter, weil er sich die Freiheit genommen hatte, selbst zu bestimmen, wo er spielen wollte. Eine Ungeheuerlichkeit.

Das Theater um Manning in jenem April 2004 hatte noch eine weitere, wenig bekannte, aber vielsagende und wie die Faust auf Accorsis Auge passende Facette, die der NFL.com-Kolumnist Vic Carucci im Frühjahr 2006 durchleuchtete: San Diego – das Manning gegen dessen Willen gedraftet hatte – wusste, wie sehr Accorsi/Coughlin den Manning wollten; für einen Trade wurden abstruse Preise verlangt und die Giants waren bereit, alle Geschäftemacherei mitzugehen, bis auf die eine: Der junge, unbekannte DE Osi Umenyiora, in der damaligen Madden-Version mit einem unspektakulären Rating von 72 Punkten versehen, stand nicht zur Diskussion. Accorsi hätte sich eher die Pulsadern aufgeschlitzt, bevor er Umenyiora verkauft hätte. Da war es also wieder: Tue alles, um deinen Franchise-QB zu bekommen. Deine zweite Priorität: Pass Rusher.

Wenig später starb die Legende Wellington Mara, der Giants-Besitz wurde auf Sohnemann John überschrieben, einen noch unscheinbareren Kopf als Coughlin, Accorsi und Manning zusammen. John Mara kommt nicht wie ein Visionär daher, passt aber mit seinem bedingungslosen Bekenntnis für Kontinuität wie die Faust aufs Auge auf diesen komischen, biederen und vielleicht gerade deshalb doch inspirierenden Laden „Giants“.

Denn obwohl Manning lange Jahre stagnierte, obwohl die Giants November für Dezember aufs Neue kollabierten, obwohl Coughlin dreimal pro Jahr bei den Fans unten durch war und sein Kopf gefordert wurde: Owner Mara, GM Accorsi oder Nachfolge-GM Floyd Jerry Reese blieben selbst im größten Trubel cool. Vermutlich musste diese Franchise genau so geführt werden.

Verdienter Lohn war der fast zufällig errungene Superbowl-Sieg von 2007/08, ein innerlicher Reichsparteitag Triumph auch für Accorsi: Offizieller MVP war Manning. Aber der wahre wertvollste Part jener Mannschaft war die Defensive Line. Und rein zufällig war deren auffälligste, ja dominanteste, Figur – erraten – Defensive End Umenyiora.

Die Giants von 2011/12

Jener Umenyiora stand im vergangenen Sommer 2011 vor dem Absprung. Wir schreiben ein neues Kapitel Giant’scher Unternehmens-Führung, die konzeptionell trotz neuer Köpfe (der schwarze GM Reese hatte für Accorsi übernommen) immer noch unverändert blieb. Reese bekannte sich seiner Wurzeln und riskierte erst gar nicht, Umenyiora zu verlieren und bewahrte, nach unglücklich ausschauender Kaderpolitik voll ins Kreuzfeuer geraten, kühlen Kopf.

Als die Giants-Saison im November den gewohnten Lauf nahm und nach viel versprechendem Beginn mal wieder abzustinken drohte, schoben Mara, Coughlin und Reese die Probleme auf die lange Bank und verwiesen einfach auf den Faktor Geduld. Wenn erstmal wieder alle Pass Rusher gesund seien, wäre die Saison eh gerettet.

Und so stehen die Giants nun in der Superbowl und man tut sich erneut schwer, es wirklich rational erklären zu können; anstelle der Schlachtrufe für den Rauswurf Coughlins wird über seine eventuell kommende Wahl in die Hall of Fame diskutiert, Reese als großer Stratege und Mara als legitimer „neuer“ Wellington gefeiert.

Ich bin mir nicht sicher, wie ernst es der Giants-Führung über die Jahre mit ihrer Nibelungentreue für das sich jahrelang nicht recht weiterentwickelnde ewige Talent Manning und den knorrigen Coughlin war. Fakt ist aber, dass die beiden trotz aller Widrigkeiten niemals von einer offiziellen Giants-Stelle verbal angesägt worden waren.

Und so ist der wie schon vor vier Jahren überraschende Playoff-Lauf der Giants am Ende neben dem durchaus vorhandenen Freak-Faktor alles in allem auch ein Produkt jahrzehntelang konsequent durchgezogener Unternehmensphilosophie und ein Lohn für den unerschütterlichen Glauben an die Kontinuität.

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8 Kommentare zu “Superbowl-Countdown 2012, T-minus 4: Von der Unternehmensphilosophie der New York Giants

  1. Zum Thema Coaches kann ich dazu Michael Lombardi zitieren, der in seinem Beitrag „Super Bowl XLVI showcases two coaches schooled by Parcells“ auf NLF.com wie folgt schreibt: „[…] here’s one iron-clad guarantee: Super Bowl XLVI will be a well-coached game.“
    Ich glaube, wenn man sich die Philosophien, Entwicklungen und Coaches ansieht, trifft diese Aussage den Nagel auf den Kopf.

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