Super Bowl 2012, T-minus 3: Die New England Patriots – von kraftlos zum Kraftzentrum

Der 21. Januar 1994 markiert den Wendepunkt in der Geschichte der New England Patriots. An diesem Tag kaufte der Unternehmer Robert K. Kraft die Franchise von James B. Orthwein, der seinerseits nicht so ganz zufrieden war mit dem Laden, den er selber erst zwei Jahre zuvor erworben hatte. Vor allem aber war so gut wie niemand in New England mit ihm zufrieden, denn sein Plan sah vor, die Patriots ins damals NFL-lose St. Louis zu verschieben.

Er sah sich auch auf einem guten Weg, nur ein Hindernis bereitet ihm Kopfzerbrechen: die Patriots hatten sich verpflichtet, bis 2002 im Foxboro-Stadium zu spielen. Orthwein versuchte, sich aus diesem Vertrag herauszukaufen, doch der Vertragspartner dachte nicht mal im Traum daran. Nach zwei Jahren schließlich gab Orthwein auf und verkaufte die gesamte Franchise an diesen mürrischen Vertragspartner – Bob Kraft, Unternehmer und Saisonkartenbesitzer seit 1971.

Zumindest hatte Orthwein die Franchise finanziell und organisatorisch wieder auf einen annehmbaren Stand gebracht, nachdem sein Vorgänger Viktor Kiam in den vier Jahren seiner Herrschaft den Karren vor die Wand gefahren hatte. Die wilden Jahre zwischen 1988 und 1994 mit drei Besitzerwechseln bildeten den unrühmlichen Abschluß der Ära Billy Sullivan, der die Boston Patriots 1959 als AFL-Gründungsmitglied aus der Taufe gehoben hat. Mit Sullivan als Owner waren die Patriots nur eine Franchise unter vielen. Gute Jahre wechselten sich mit schlechten Jahren ab, Playoffs waren selten. Mitte der 70er Jahre hatte man mit einer starken Offensive Line, Quarterback Steve Grogan und den Coaches Chuck Fairbanks und Ron Erhardt die wohl beste Zeit, aber selbst dann reichte es nicht zu einer Super-Bowl-Teilnahme. Die gab es erst in der Saison 1985, als sie in den Playoffs auswärts bei den Jets, Raiders und Dolphins gewannen, nur um dann von den berühmt-berüchtigten 85er Chicago Bears vermöbelt zu werden – 10-46. Von da an begann der Abstieg, der in 1-15- (1990) und 2-14-(1992)-Bilanzen endete.

Kraft übernimmt

Immerhin hatte Orthwein 1993 die rettende Idee, Bill Parcells als Head Coach zu verpflichten. Dazu gab er ihm auch volle Macht in personellen Fragen. Parcells krempelte die Mannschaft völlig um, beginnend mit dem No.1 Pick der 93er Draft Drew Bledsoe. Schon in seiner zweiten Saison 1994 führte Parcells die Mannschaft wieder in die Playoffs und 1996 gar in den Super Bowl. Den gewann zwar Green Bay mit ihrem jungen MVP Brett Favre, doch mit diesem Spielermaterial, das Parcells da in seinen vier Jahren zusammengebaut hat, sollte es nicht die letzte Finalteilnahme gewesen sein – dachten viele.

Aber das Verhältnis zwischen Kraft und Parcells war derart angespannt, gerade was die Macht über personelle Entscheidungen anging, dass Parcells keine Lust mehr auf eine weitere Zusammenarbeit hatte und mit einem der berühmtesten Sätze der NFL-Geschichte hinschmiß:

They want you to cook the dinner; at least they ought to let you shop for some of the groceries.“

Den Disziplinfanatiker Parcells ersetzte Kraft durch den Gute-Laune-Onkel Pete Carroll. Dieser hatte sich in der NFL einen Namen gemacht als Defensive Coordinator der New York Jets und San Francisco 49ers. Als Head Coach war er nicht der Richtige, ließ sich von den Profis auf der Nase rumtanzen und machte aus der sehr talentierten Mannschaft, die Parcells zusammengestellt und in den Super Bowl geführt hat, eine Durchschnittstruppe. Kraft wollte einen Neuanfang und erinnerte sich einiger Coaches, die der Big Tuna mitgebracht hatte. Denn auch wenn es zwischenmenschliche Probleme gab, fachlich hat Kraft Parcells nie in Zweifel gezogen und auch mit dem Kennerauge gesehen, daß da einige Talente in seinem Staff gearbeitet haben.

Die Ära Belichick/Brady

Unter anderem Bill Belichick. Belichick war erst Defensive Backs Coach und später dann Defensive Coordinator in Parcells Staff bei den New York Giants in den 80er Jahren (ein Staff, in dem Tom Coughlin WRs-Coach war). Nachdem Belichicks erster Cheftrainerjob bei den Cleveland Browns nach durchwachsenen Ergebnissen mit dem Umzug der Browns nach Baltimore endete, holte Parcells ihn als Assistant Head Coach bei den Patriots wieder in seinen Staff und nahm ihn auch mit zu den Jets, die er nach seinem Ausscheiden bei den Patriots übernahm. Als Parcells sich nach der Saison 1999 zur Ruhe gesetzt hat, waren die Verträge schon unterschreiben, die Belichick zum Head Coach der New York Jets gemacht hätten. Bis Kraft kam und ihn umstimmte, was zu dem legendären Zettel führte, auf den er vor seiner Abschiedspressekonferenz handschriftlich kritzelte:

I resign as HC of the NYJ

Er war noch nie ein Mann der vielen Worte. Die Jets waren ziemlich sauer und konnten erst mit einem 1st-rd pick beruhigt werden. Belichick scharte dann einige Assistants um sich, die er und Kraft aus seiner Zeit bei den Patriots kannten oder die er bei den Giants und Jets kennengelernt hat. Romeo Crennel wurde Defensive Coordinator, Charlie Weis Offensive Coordinator, Eric Mangini Defensive Backs Coach; andere Assistants waren Rob Ryan, Brian Daboll und Josh McDaniels. Zusammen bildeten sie den Kern der Franchise, die zwischen 2001 und 04 drei Super Bowls gewann und die Dekade prägte wie kaum eine andere.

Bledsoe, das noch von Parcells gedraftete Gesicht der Franchise war immer noch ein guter Quarterback und Publikumsliebling, als in der sechsten Runde der 2000er Draft Tom Brady gedraftet wurde. Daß überhaupt ein QB gedraftet wurde, haben die meisten erst gemerkt, als im zweiten Spiel der folgenden Saison LB Mo Lewis, der von Parcells und Belichick zum Defensive Captain der Jets gemacht wurde, Bledsoe so schwer ausknockte, daß er mehrere Wochen verletzt ausfiel. Der Rest ist Geschichte. Brady wird nach Kurt Warner die zweite unglaubliche Unbekannter-gewinnt-Super-Bowl-Story innerhalb von drei Jahren und im Folgenden einer der besten Quarterbacks aller Zeiten.

Das Steckenpferd Belichicks war aber seit jeher die Defense. Bei ihren drei Super-Bowl-Siegen hatten die Patriots jeweils eine der besten Verteidigungsreihen der Liga und bevor New England unter dem reifen Tom Brady zur offensive Dampfwalze wurde, der Garant für den Erfolg. Spieler wie Tedy Bruschi, Mike Vrabel, Willie McGinest, Ty Law, Rodney Harrison und Junior Seau stehen in der Erinnerung der Patriots-Fans bis heute auf einer Stufe mit Brady.

Die Patriots 2011/12

Umso überraschender ist es, daß ausgerechnet die Verteidigung das Problem der Patriots 2011/12 ist. Der einzige verbliebene Spieler mit einem Ring ist NT/DE Vince Wilfork. Vor allem das Gespür für die besten Spieler scheint Belichick verlassen zu haben. Schon vor der Saison wurde der Kader ordentlich durcheinander gewürfelt und was dann während der Saison stattfand, spottet jeder Beschreibung. WRs, Special Teamer und Leute von der Straße haben sich in der Secondary als Starter abgewechselt und durch Verletzungen gab es kaum einmal die gleiche Front Seven.

Weil aber die um die beiden jungen Tight Ends Rob Gronkowski und Aaron Hernandez völlig neu aufgestellte Offense so überaus erfolgreich war, konnten die Patriots die meisten Gegner einfach outscoren – mit tatkräftiger Unterstützung durch die Special Teams, erwzungene Ballverluste durch die Defense und einige Dämlichkeiten der Gegner. Aber auch das gehört dazu, wenn man im Super Bowl steht – im Falle der Patriots das fünfte Mal unter der Ägide von Bill Belichick.

Mehr zu den aktuellen Patriots gibt es morgen in der ausführlichen Taktik-Vorschau.

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3 Kommentare zu “Super Bowl 2012, T-minus 3: Die New England Patriots – von kraftlos zum Kraftzentrum

  1. Hallo Herrmann

    Ich bedanke mich herzlich für diesen History-Artikel. Da die Patriots eine meiner Lieblingsteams sind, habe ich den Artikel um so mehr mit grossem Interesse gelesen 🙂

    Gruss, Vasilij „Tarner“

  2. Pingback: NFL-Franchises in der Vorstellung, #22: New England Patriots | Sideline Reporter

  3. Pingback: Das System New England: Do Your Job | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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