Der ausgewürfelte Superbowlsieger

Alles in allem ein Spiel, das so oder so hätte ausgehen können. Der Sieger war ein zufälliger – so wie man es hatte befürchten müssen.

Diese meine spontanen Gedanken am Ende des Liveblogs zu Superbowl XLVI waren Anlass zu einiger Irritation und fordern mich zu einer Klarstellung heraus. Nein, dieser Satz bedeutet nicht, dass die New York Giants ein unverdienter Titelträger 2011/12 sind. Und nein, dieser Satz bedeutet auch nicht, dass die New York Giants reine Kinder des Glücks waren. Trotzdem sind sie ein eher zufälliger Superbowl-Sieger 2011/12.

Einer der faszinierenden Aspekte an der Sportart American Football ist, dass man sich im Rückspiegel häufig an einzelnen Situationen gegen Spielende aufhängen kann – und das mit Recht!

Denn wenn sich zwei Teams über vier Viertel und 60 Spielminuten auf fast exakt gleicher Augenhöhe begegnen, entscheiden oft Kleinigkeiten, Zufälle, glückliche Fügungen. Man kann dies sehr gut an den GWP-Charts („Game Winning Probability“/Sieg-Wahrscheinlichkeit) vom hoch geschätzten Brian Burke von Advanced NFL Stats ablesen: Eine Vierpunkteführung in der „Crunch Time“ ist mehr wert als eine Vierpunkteführung im ersten Viertel. Sie ist auch mehr wert als eine Zehnpunkteführung im ersten Viertel.

Und so ist ein geglücktes 3rd down und 11 an der gegnerischen 44yds Line 3:59 Minuten vor Spielende bei Zweipunkteführung im Sinne der Sieg-Wahrscheinlichkeit auch wertvoller als ein gelungenes 3rd down und 11 an der gegnerischen 44yds und zwei Punkten Vorsprung im – sagen wir – zweiten Viertel, respektive ein Scheitern im Schlussviertel verheerender als ein Scheitern irgendwo am Anfang der Partie.

Die Konzentration auf die Schlüsselmomente gegen Spielende ist also ebenso intuitiv wie mathematisch erwiesen und geht damit über den üblichen ESPN-Hype hinaus. Das bedeutet nicht, dass alles Vorherige unrelevant war, denn alles Vorherige bereitete das Feld für die Crunch Time und ist oft ebenso mit Zufällen besät wie der entscheidende Moment himself.

Anders gesagt: Die Gesamtleistung eines Mannings wird durch die Comeback-Drives im Schlussviertel nicht unbedingt sehr viel besser. Sie wird jedoch wertvoller. Das ist – um ganz kurz abzuschweifen – auch das interessante beim simultanen Betrachten von Pro Football Focus, das versucht, jeden Spielzug unabhängig der Situation gleich zu gewichten und damit der blanken Leistung Beachtung schenkt, und Advanced NFL Stats, das aufgrund der Einbeziehung des Kontexts dazu neigt, die Crunch Time – sofern eine Partie darauf hinausläuft – deutlich höher zu bewerten, weil es den Einfluss eines Spielers auf den Spielausgang misst.


Superbowl XLVI war so ein enges, hart umkämpftes Spiel zweier sehr, sehr guter Footballmannschaften, das spätestens im dritten Viertel erkennbar auf einen Furz als Entscheidungsfinder („Tie-Breaker“ ist angesichts des Spielstandes nicht ganz korrekt, gefühlt aber zutreffend) hinauslaufen musste.

Stark reduziert ist die Analyse des Superbowls ebenso populistisch wie tiefschürfend: Die Giants haben den einen Fehler der Patriots (Welkers Drop) genutzt, die Patriots den großen Fehler der Giants (Bradshaws Touchdown) nicht.

Hätte Welker den Catch gemacht, die Patriots hätten das Spiel so gut wie eingetütet gehabt (mit Drop 74%, ohne Drop wären es 98% gewesen!). Wer findet, kann einen anderen Moment herausheben. Was die Sache mit Welker aber einen Tick brisanter macht: Dieser neben Belichicks Anti-Management völlig spiel(mit)entscheidende Augenblick war ein „unforced error“. Der Giants-Beitrag zum Welker-Drop geht nicht über einen in der Wurfbahn stehenden Abwehrspieler hinaus: Welker war meterweit ungedeckt und man kann angesichts der Klasse der Protagonisten erwarten, dass sowohl Brady den Wurf platziert, als auch Fangwunder Welker das Ei zu pflücken vermag – trotz dieses einen Männleins.

Beides geschah in jenem Moment nicht. Für beides konnten die Giants herzlich wenig. Deswegen fällt der Giants-Sieg aus Giants-Sicht trotz der sehr guten Mannschaftsleistung zu einer großen Portion in die Kategorie des Zufalls, der glücklichen Fügung, was aufgrund der schieren Ausgeglichenheit der Mannschaften nicht mit „verdient“ oder „unverdient“ gleichzusetzen ist.

Hell, alle drei der abschließenden NFL-Partien dieser Saison wurden durch „unforced errors“ wenn nicht entschieden, dann doch extrem stark beeinflusst. Das verkickte Field Goal der Ravens. Das entnervte Knie des Kyle Williams. Der Drop des Wes Welker. Eine einzige Situation, die anders ausgeht, und wir haben, obwohl die Leistung haargenau gleich gut war, keinen Superbowl-Champ Giants.

Wir waren gar nicht so weit von einem 2-0 Endspielsieg der Baltimore Ravens über San Francisco entfernt wie wir glauben, und jeder der beiden wäre a) ein verdienter und b) ein zufälliger Ringträger gewesen.