Der Vergleich: Rookie-Headcoaches gegen die Arrivierten

Ein paar Tage vor der Superbowl XLVI bekam ich eine eMail von Blogleser „Alexander“. Auszug:

[Ich] bin überrascht, wieviel neues Blut als HC in die NFL gespült wird und wieviel erfahrene Headcoaches unberücksichtigt bleiben.

50 % Rookie HC bei den Neubesetzungen

Mich verblüfft dieser Trend zu „Jungspunden“. Meint jeder man hat gleiche Situation wie in San Francisco ?`

Während draussen einige namhafte Coaches noch sind, die nicht gewählt oder nicht stark genug gelockt wurden.

Hat ein Marty Schottenheimer wirklich in TB vorgesprochen (dann hat er wohl doch noch nicht abgeschlossen mit dem Trainerberuf in der NFL) ?

Gruden will wohl lieber noch TV machen, aber bei Cowher war ich mir da nicht so sicher ?

Oder warten einige noch lieber bis eine vielleicht attraktive Stelle (San Diego?) frei wird.

Andere Namen. Brian Billick, Mangini. Gibts noch Mora Senior?

Also nehmen wir mal wegen Desinteresse Dungy, Gruden und Cowher raus, so bleiben doch noch einige Namen.

Cleveland hat es letzte Saison bitter bezahlt, dass man einen Rookie HC hatte.

Das wurde nun mit OFF Coord Childress zum Teil korrigiert.

Mich würde eine Quote interessieren wieviele Rookie HC erfolgreiche Jahre hatten und wieviele wieder wegen Problemen gefeuert wurden.

Ich würde als Owner mit Kusshand nochmal einen Marty Schottenhemier nehmen ( ich glaube über 200 NFL Siege) .

Oder auch ein Risiko mit Mangini, wobei ich befürchte, dass Mangini wegen Vidiogate als verbrannt gilt.

Ich finde, Mangini hat keinen so schlechten Job gemacht. in NY zuletzt mit 9-7 und mit einem kranken Favre gefeuert.

In Cle hat er nach Holmgrens Antritt keine richtige Chance erhalten.


Schaler Blick auf die Wechsel im heurigen Jänner 2012:

  • Indianapolis: Chuck Pagano (DefCoord BAL) für Caldwell
  • Jacksonville: Mike Mularkey (OffCoord ATL) für Del Rio
  • Kansas City: interne Lösung mit Romeo Crennel (zuvor DefCoord)
  • Miami: Joe Philbin (OffCoord GB) für Sparano
  • Oakland: Dennis Allen (DefCoord DEN) für Jackson.
  • St Louis: Jeff Fisher für Spagnuolo
  • Tampa Bay: Greg Schiano (HC Rutgers) für Morris

Wir haben vier Rookie-Head Coaches ohne Cheftrainererfahrung in der NFL (Schiano am College), und drei Neuverpflichtungen „arrivierter“ Cheftrainer (Mularkey, Crennel, Fisher).


Ich hatte in den letzten Jahren auch den Eindruck, dass unerfahrene HeadCoaches ein spezielles Risiko darstellten. Daher finde ich die Anregung höchst interessant – ich habe mich mal zu einer Analyse hinreißen lassen. Die Testmenge ist so gesetzt, weil ich meine vor Jahren erstellte und gefütterte eigene Access-Datenbank mit der Saison 1999 begonnen hatte.

Rookie-Coaches seit 1999

Seit 1999 wurden folgende 59 „Rookie“-Cheftrainer in der NFL eingestellt (als „Rookies“ gelten auch Leute wie Les Frazier, die von Interims- zu Cheftrainern befördert worden waren, sofern nicht mit vorheriger HC-Erfahrung) . Angeführt sind neben der Sieg/Niederlagen-Bilanz auch die Sieg-Quote (%) und die Dauer des Aufenthalts (yrs).

Wir haben vier Superbowl-Sieger unter den Rookie-Coaches, plus sechs, deren größter Erfolg ein Conference-Titel war. Nicht zu vergessen: 2005/06 gewann mit Cowher ein weiterer Rookie den/die/das Superbowl. Durchschnittliche Bilanz der Rookie-HeadCoaches: Siegquote von 48.3% und Verweildauer von 3.7 Saisons (ergo: 59 Spiele/ohne Playoffs).

Rookie-Headcoaches seit 1999

Rookie-Headcoaches seit 1999

Die Arrivierten seit 1999

Wir haben im selben Zeitraum 30 Trainerverpflichtungen von Männern, die zuvor bereits andernorts Erfahrungen als HeadCoach gesammelt hatten (Leute wie Schottenheimer oder Turner wurden mehrmals eingestellt). Die Bilanz hier: Vier Superbowl-Champs und ein Superbowl-Verlierer. Durchschnittliche Sieg-Quote von 51.0% und durchschnittliche Verweildauer von 3.8 Saisons (61 Spiele).

Die erfahrenen Head Coaches

Die erfahrenen Head Coaches

Der Vergleich

Vergleich Rookies zu Arrivierte

Linien = Winning % (Skala links), Balken = Anzahl Einstellungen (Skala rechts)

Im folgenden Graphen sind die Sieg-Quoten der HeadCoaches pro Jahrgang verglichen. Im Hintergrund die Balken mit der jeweiligen Anzahl der Trainerwechsel in jenem Jahr. Es gilt: GRÜN = Grünling/Rookie, BLAU = Arrivierter.

Ein Trend lässt sich nur in Sachen Anzahl der Neuverpflichtungen herauslesen: In den vergangenen 6-7 Jahren wurden tendenziell überpropotional viele Head Coaches ohne Erfahrung eingestellt, wobei zwei Jahrgänge einzig und allein aus Rookies bestanden. Insgesamt ist das Verhältnis seit 2005 sagenhafte 35:11 pro Rookies. Die Erfolgsquoten der beiden Gruppen lassen nicht wirklich einen stabilen Trend erkennen.

Aus den oberen Tabellen kann man herauslesen, dass die beiden Gruppen tendenziell fast gleich lange im Amt bleiben (3.8 zu 3.7 Jahre), die Arrivierten aber ca. 3% mehr Spiele gewinnen. Ich bin mir ob der Bedeutung dieser 3% nicht sicher, ob sie ausreichend signifikant sind. Da ich nicht herauslesen kann, wie viele direkte Duelle zwischen Rookies und Arrivierten es gegeben hat, lässt sich nicht herauslesen, welche Quote die Arrivierten in den direkten Duellen einfahren. Fakt ist aber: Eine Siegquote von 51% bedeutet, dass die Arrivierten mit den 3553 Spielen der Rookies ca. 100 Siege mehr eingefahren hätten.

Beim Betrachten des Datenpools fällt auch auf, dass beide Gruppen gespickt sind mit ähnlichen Trainerkarrieren. Es gibt die Martz’schen oder Gruden’schen Coaches auf beiden Seiten (Leute, die Topteams übernehmen durften und diese mit zunehmder Vertragslaufzeit zu immer schlechteren Ergebnissen coachten), beide haben ihre Turnaround-Meister (quasi die Belichicks und Paytons), beide haben ihre Graupen (Mornhinweg, LeBeau), beide ihre Einjahreswunder (Jauron, Wannstedt).

Prozentuell ist der Anteil der Superbowl-Sieger bei den Arrivierten höher. Auf der anderen Seite kann man dem entgegensetzen, dass ein Herr Gruden einen fast fertigen „Champion in the making“ von seinem Vorgänger Dungy – einem Rookie – übernommen hatte. Dass ein Payton oder Billick langjährige Loser innerhalb kurzer Zeit zu Titelgewinnen führten. Wenn heuer zwei Arrivierte im Superbowl standen, dann waren es in den letzten drei Jahren ausschließlich Rookies gewesen.

Auf der anderen Seite korreliert die Vertragslaufzeit über wahllose Fünfjahresräume seit 1999 bei den Arrivierten stärker mit der Sieg-Quote als jene der Rookies, was dafür spricht, dass Rookies häufiger aus Gründen gefeuert werden, die mit Dingen abseits des Feldes zu tun haben.

Schlussfolgerung

Meiner Meinung nach sind die Vorbehalte gegen den Typus des Rookie-Head Coaches übertrieben. Jene Vorbehalte, die sich vermutlich durch die vielen spektakulär gefloppten Rookies der vergangenen Jahre verstärkt hatten. Cam Cameron. Nolan. McDaniels. Spagnuolo. Petrino. Kiffin. Es gibt aber auch die leuchtenden Beispiele Payton, Smith, McCarthy und vielleicht beide Harbaughs. Die Arrivierten haben auch ihre großen Flops: Erickson. Shell. Mora jr.

Sofern er bereits ein paar Jahre Erfahrung als Coordinator gemacht haben sollte, favorisiere ich persönlich tendenziell sogar die Neueinstellung eines Rookies. Die junge Generation scheint mir einen Tick offener für mehr Pragmatismus zu sein; sie scheint tendenziell stärker auf den Erfolgsfaktor „Passspiel“ zu setzen; und schlussendlich ist die Erwartungshaltung bei einem Rookie meistens vage genug, dass es spannender ist, einem Schwartz zuzuschauen als einer weiteren Ära Schottenheimer.