Der Zufall hat Methode

Disclaimer: Dieser Eintrag war ursprünglich als Antwort-Kommentar für Herrmanns Artikel „Auch die Footballgötter würfeln nicht“ gedacht. Es war im Abteil recht laut. Ich konnte meine Gedanken nicht ausreichend kurz und knackig formulieren. Also habe ich daraus einen separaten Blogeintrag gestrickt, der als Anwort auf verlinkten Artikel zu verstehen ist.

Herrmann geht in seiner Argumentation weit über meine ursprüngliche These, die Giants seien ein „ausgewürfelter Champion“, hinaus. Ich hatte beschrieben, warum die Schlussphasen der letzten NFL-Partien dieser Saison mit ihren Freak-Ereignissen durchaus dazu taugen, einen Spielausgang als „zufällig“ zu bezeichnen. Das Phänomen von recency bias gibt es dabei nicht. Die erhöhte Wertigkeit einer Schlussphase in Bezug auf den Ausgang einer engen Partie ist statistisch erwiesen, und sie ist eben nicht mit anderen Phasen des Spiels gleichzusetzen. Da grüßt ganz verlegen der unscheinbare, aber nicht unerhebliche (schamlose Untertreibung) Faktor „Zeit“.

Das Glück mit den Eiern

Herrmann thematisiert den Fluss des Spiels und damit auch die Kombination der Spielzüge und ergo die Komplexität des Spiels. Er thematisiert „Glück im Football“. „Glück“ ist etwas so Triviales, dass es schwer begreifbar ist. Es bedarf keiner Fumbles oder Hail Marys, es braucht nicht mal ein Klavier, das Coughlin auf den Kopf fällt.

Wenn ich auf der Straße einen Dahergelaufenen freundlich anlächle, bin ich nicht sicher, ob er nicht gleich explodieren wird oder mir auf die Füße kotzt. Ich rechne nicht damit, aber ich kann mir nicht 100%ig gewiss sein, weil nichts in Stein gemeißelt ist. Wenn Vinatieri zum 20yds Field Goal antritt, ist es kein „sicheres“ Field Goal. Es ist aber ein sehr wahrscheinliches Field Goal, wohl wahrscheinlicher als wenn Brotzman oder Ndamukong Suh zum Kick antreten.

Wir notieren: Kein Ereignis ist vorbestimmt. Ein Ereignis tritt mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ein; sei es auf der Straße, im Footballstadion oder in der Badewanne.


Man kann der Behauptung, Football sei komplex, nur zustimmen. Wir haben, sofern nicht die Patriots einen Fumble erobern wollen, augenmaßgeschätzte 120 Spielzüge á 22 Männer auf dem Feld. 22 Männer, die 120 Mal exzessiv vorbereitete Aufgaben erfüllen sollen und womöglich eine Kettenreaktion auslösen, wenn sich auch nur einer falsch verhält. Das bedeutet: Wir haben eine kaum abzählbare Möglichkeit an verschiedenen Kombinationen.

Je mehr Kombinationen, desto mehr Komplexität.

Höhere Anzahl an Kombinationen bedeutet, dass Varianz und ergo Standardabweichung zu einem höheren Wert tendieren und wir somit im Spiel ein höheres Maß an „Zufall“ haben.

Mehr Zufall = mehr Glück.

Mehr Glück = mehr Zufall.

Und wir brauchen dafür weder Klaviertasten, noch Fumbles, noch Verzweiflungspässe.

Jeder GamePlan ist auf minutiös errechneten Wahrscheinlichkeiten („der Backuprunningback mit der #27 tendiert im zweiten Viertel in einer Two-Back-Aufstellung mit 62.7%iger Wahrscheinlichkeit dazu, zwischen dem Left Guard und dem Center durchzulaufen“) aufgebaut. Jeder einzelne PlayCall ist mit einer Portion Glück behaftet: Bringt mir der Gegner auch das, was er im Videostudio erwarten ließ, oder das, was er mir gerade mit seiner Nickel-Aufstellung andeutet? Ich kann mir dessen nur zu einem gewissen Prozentsatz sicher sein. Ich muss eine größere oder kleinere Portion Glück haben.

Jede Planbarkeit wird auf Grundlage von Wahrscheinlichkeiten erstellt. Ist es Harbaughs Fehler, Williams nach zwei Fumbles erneut aufzustellen? Vielleicht. Denn vielleicht ist Williams dadurch mental verunsichert worden. Auf der anderen Seite: Ist es Bradys Fehler, gleich nach einem einfachen Drop erneut auf Hernandez zu werfen? Jener Fehler hätte Hernandez genauso mental belasten können!


Der ungläubige Thomas

Wochenlang wurde mir fehlende Wertschätzung für die Größe der Green Bay Packers vorgeworfen. Dabei waren die Packers von 2010/11 aus mathematischer Sicht ein fast identisches – zugegeben einen kleinen Tick schwächeres – Team als jenes, das heuer zu 15-1 Siegen marschierte. Die Krux: Die Packers waren 2010/11, selbst wenn wir alles Verletzungspech mal vor die Tür sperren, ein „unglückliches“ Team, denn ihre ähnlichen Zahlen waren anders verteilt.

Die Packers von 2010/11 wurden als „durchschnittliches“ Team mit Playoff-Lauf angesehen. Jene von 2011/12 als „grandios und unschlagbar“ mit eintägigem Aussetzer in der Post Season. Die Differenz zwischen beiden Teams war die Verteilung der statistischen Werte, und ich nenne als Beispiel die berüchtigten knappen Spiele. Von jenen verloren die Packers in ihrer Meistersaison gleich sechs (Hallo! Sie verloren insgesamt nur sechs Spiele!), heuer nur ein einziges.

Wer glaubt, ein knapp verlorenes Spiel sei ein Zeichen von fehlender Qualität, dem sei folgende Statistik ans Herz geworfen – es sind die Bilanzen in den Dreipunkte-Spielen einiger der größten Coaches aller Zeiten (Quelle: interne Datenbank; ich habe die Daten vor wenigen Wochen aus einer vertrauenswürdigen Quelle erhalten):

Bill Walsh        15-22
Vince Lombardi    14-14
Chuck Noll        13-24
Bill Belichick    28-30
Mike Shanahan     34-32
Curly Lambeau   35.5-39.5
Buddy Ryan      16.5-19.5

Und da isses wieder: Knappe Niederlagen sind kein Zeichen einer schwachen Mannschaft. Sie bringen nur für eine Nacht nichts Zählbares. Oder: Mannings viele Comebacks machen die Giants nicht besser als sie sind. Aber sie machen sie wertvoller.

Wir hatten eben zwei Packer-Mannschaften. Die eine gilt als „okay“, die andere als „episch“. Und weil Menschen nicht wahrhaben wollen, was nicht auf den ersten Blick greifbar ist, verkennen sie, dass im Prinzip beide Teams nichts von beidem waren, sondern einzig „sehr gut“.

Es ist das Thema der „Sichtbarkeit“, das allerdings weniger mit missed tackles zu tun hat, sondern mit dem Unwissen oder Unglauben der Menschen an jene Faktoren, die ich oben beschrieben hatte: Nix ist fix, aber alles zu einem gewissen Grad wahrscheinlich.


Wer will, für den sei auf das phänomenale Buch vom hoch geschätzten Nassim Nicholas Taleb – Fooled by Randomness: The Hidden Role of Chance in Life and in the Markets – verwiesen. Vielleicht werde ich es irgendwann auf dieser Seite vorstellen. Dieses Buch beschreibt auf simple wie geniale Weise eben vorgestelltes Konzept von Wahrscheinlichkeiten in der Wirtschaft – und ergo von der Notwendigkeit des Glücks.

Football ist by wahr nicht einfach. Die Spielzüge für sich sind alle miteinander verknüpft. Jedoch hat jeder Spielzug ein Binnenleben, das größtenteils unabhängig vom restlichen Spielgeschehen abläuft. Manchmal reicht ein Ereignis von der Größe eines Münzwurfs, um eine auf Augenhöhe geführte Partie zu entscheiden – was im Sinne des Thrills einer sportlichen Veranstaltung auch notwendig ist.

Daher brachte ich heute Nachmittag auch Gronkowski und die Hail Mary ins Spiel, um mit einem möglichst banalen Beispiel zu illustrieren, was vielen Menschen nicht bewusst ist. Was nützen Manning alle seine großartigen Würfe, wenn Gronkowski jener Verzweiflungspass doppelt abgefälscht in den Schoß fällt? Was nützt den Giants dann der insgesamt bessere Kader? Was nützen Eli Mannings waffenscheinpflichtige Pässe?

3595 Sekunden Super Bowl waren haarklein zu 100% genau gleich gespielt. Aber wir haben wegen dieses einen Plays einen 100%ig anderen Sieger.

12 Kommentare zu “Der Zufall hat Methode

  1. So, ihr beiden. Ihr werde das nicht weiter kommentieren, aber ich bedanke mich für ein Triplett an großartiger Leseunterhaltung. Ich bin kein Coach und kein Statistiker, aber ich bedanke mich und behaupte mal für mich, dass Sportbloglesen bildet.

  2. Imo bester Artikel zum Football, den ich hier bisher gelesen habe (der verlinkte Eintrag von Herrmann hat auch was und ist auf seine Weise nicht falsch). Das liest sich alles wie das Kern von den bei ANS disskutierten Themen, aber das ist auch kein Zufall – ! -, schließlich wird diese Site schon seit langem hiver verlinkt. Ich glaube, dass Brian Burke zustimmen würde. Thx, ist sensationell zum Lesen.

  3. Ich werde morgen nochmal eine Antwort darauf schreiben, auch wenn ich eigentlich verhindern will, das noch in die Länge zu ziehen. Weil ich glaube, daß man schon sehr viel besser Footballspiele und deren Komplexität bzw. Zufälligkeit erkennnen und verstehen kann, wenn man unsere Beiträge dazu gelesen hat, egal welcher Seite man zuneigt. Und das sollte eigentlich auch das Hauptziel sein: Football „bewußter“ zu genießen und zu analysieren. Gerade im Nachhinein, wenn sich die große Aufregung des Live-Erlebnisses gelegt hat.

    [Das mit Bill Walsh hat mich geschockt, aber es scheint zu stimmen. siehe PFR, danach ist es zwar 15-21-1 statt 15-22, aber wie auch immer. Man kann den PFR-Play-Finder übrigens für alles Mögliche nutzen; sehr, sehr hilfreiches Tool, wenn man statistisch/historisch arbeitet.]

  4. „Schocken“ ist immer so eine Sache. Fakt ist: Besonders „clutch“ gibt es meiner Meinung nach nicht. Enge Spiele tendieren über längere Zeit dazu, sich zufällig zu verhalten und dem können sich auch die Star-Coaches nicht entziehen. Auch nicht Belichick, bei dem wir das Beispiel Superbowl nehmen können: Dreimal knapp gewonnen, nun zweimal sehr knapp verloren.

    @Addict: Es ist eigentlich weniger eine andere Seite. Die Beobachtungen hatte ich vor Jahren in Excel gemacht, als ich bloß 5 Footballspiele/Saison zu sehen bekam. Ich fand es aufregend, dass die Zahlen so bizarr sind, aber es überrascht eigentlich auch nicht, weil die Liga durch und durch auf Gleichheit gedrillt ist.

  5. „3595 Sekunden Super Bowl waren haarklein zu 100% genau gleich gespielt. Aber wir haben wegen dieses einen Plays einen 100%ig anderen Sieger.“

    Damit entkräftigst du Hermanns Argumentation nicht, du bekräftigst sie. Du vergisst nämlich, dass bei den Plays, die ganz am Ende stattfinden, wo kaum noch Zeit für Plays übrig bleibt, eine ceteris paribus Situation vorliegt. Speziell auf diese Situationen bezieht sich Hermann´s Theorie nicht.

  6. @Omid Sonst gleichbleibende Bedingungen kriegst du nur im letzten Play wenn die Defense keine Strafe begeht. Herrmann hat Argumente, aber er bezieht sich darauf, dass sich so viele Bedingungen ändern, dass ein Play das Spiel nicht entscheiden kann. Korsakoff bringt Gronkowski und damit ist Herrmanns Theorie, dass ein Play das nicht kann, hinfällig. Ob sie sich darauf bezog oder nicht ist dann egal.
    Die anderen diskutierten Themen wie Dynamik und Sichtbarkeit stimmen auf ihre Weise bei beiden.. Korsakoff geht in diesem Post hier ja nur noch ganz am Anfang (s. Zeit-Faktor und Bedingungen) & am Ende auf die Theorie mit dem einen Play und Faktor Zufall ein. Dieser Post hat mehr auf das generell vorhandene Portion Glück, die im Football herrscht. Due Gronkowski Absätze am Ende lesen sich nur noch wie geschlossener Kreis.

  7. Pingback: Würfel, Münzwurf oder Schwarzer Schwan? | Sideline Reporter

  8. Ich habe jetzt mal die Spiele mit einem Score Differenz rausgesucht (berücksichtigt dabei sind Regular und Post Season sowie der Fakt, dass 2pts-conversion in der NFL erst wieder 1994 eingeführt wurde) und auf die Schnelle ein paar Coaches gesucht:

    Belichick 77-58 (.570)
    Coughlin 73-58 (.557)
    Noll 71-67-1 (.514)
    Walsh 33-37-1 (.472)

    Der angebliche „Clutch“-Guru Walsh sieht nicht viel besser aus. Belichick hat vor allem in seiner Patriots-Zeit eine sensationelle Bilanz in den engen Spielen; da mutet es geradezu bizarr an, dass ausgerechnet in den Playoffs nur ein 8-4 rausschaut.

    Bevor nun die „Spygate“-Spötter kommen. Jo, Belichicks Bilanz in engen Spielen ist nach dem aufgeflogenen Spygate schlechter geworden:

    Vor Spygate: 42-21
    davon Playoffs: 7-1

    Nach Spygate: 19-13
    davon Playoffs: 1-3

    Ob diese Diskrepanz und vor allem die Testmenge reichen? Ich tendiere eher dazu zu sagen: Nope.

  9. Pingback: NFL Close Win Percentage: Würfelspiel | Sideline Reporter

  10. Pingback: NFL Power Ranking 2015/16, Week 17 | Regression zum Mittelmaß | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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