Wir lesen (1) – Take Your Eyes Off The Ball (Pat Kirwan)

[Um die Offseason etwas kürzer zu machen, werden hier in den kommenden Wochen in loser Folge Bücher vorgestellt, die sich um das Ei drehen. Nr. 1: Pat Kirwan with David Seigerman: Take your eyes off the ball: how to watch football by knowing where to look. Triumph Books: Chicago 2010. Zum Beispiel hier.]

Pat Kirwan ist heute bekannt als Kolumnist für NFL.com und mit seiner Radioshow „Movin´ the Chains“ bei Sirius Radio. Er war Trainer im High-School- und College-Bereich (u.a. Offensive Coordinator bei Hofstra) und später als Coach, Scout und im Management bei verschiedenen NFL Teams (Cardinals, Jets, Buccaneers). Sympathischerweise hat dieses Buch ein ganz klares Ziel, ein ganz bestimmtes Anliegen. (Anstatt einfach ungeordnet alles Wissen und witzige Anektoden runterzuleiern, die „Ex-NFL-soundso“ in seiner langen und echt voll einzigartigen Karriere gemacht hat, wie das leider oft bei Büchern früherer Sportler und Trainer ist.)

Wie der Untertitel selbsterklärend besagt: „how to watch Football by knowing where to look“; Kirwan beschreibt das Ziel des Buches in der Einleitung ausführlicher:

For too long, watching Football has been sort of like visiting an unfamiliar city. When you first find yourself in the middle of Paris or Rome or even New York, you recognize a couple of familiar sights, but it´s easy to feel in over your head as your senes get overwhelmed by the swirl of activity and energy. It´s not until you start learning the language and recognizing certain neighbourhood landmarks that you feel acclimated and comfortable. And the the fun can really begin.

Und damit der Fun dann auch sogleich beginnen kann, macht Kirwan etwas recht trockenes. Das gesamte erste Kapitel dreht sich nur darum, welche verfügbaren Informationen alle beachtet werden sollten, die helfen können zu antizipieren, was als nächstes passieren wird. Dazu schlägt er vor, mittels eines Charts mitzuschreiben, wer überhaupt auf dem Feld ist (Personnel) und was diese Aufstellung dann macht (Paß/Lauf). Man baue sich also eine Tabelle und führe diese als Strichliste: in der linken Spalte „Personnel“, in der zweiten „Run“ und in der dritten „Pass“. Personnel kann man kurz mit zwei Ziffern angeben, die sich danach richten, wie viele Running Backs im Spiel sind (erste Ziffer) und wie viele Tight Ends im Spiel sind (zweite Ziffer). 11 Personnel sind also 1RB, 1TE, 3WR und 01 sind 1TE und 4WR usw.

Wenn man das mal macht, bekommt man tatsächlich ein viel besseres Gespür „for the flow of the game“. Einige offensichtliche Dinge kann man schnell verifizieren (zum Beispiel spielt die Colts-Offense unter Peyton Maninng fast ausschließlich mit zwei Aufstellungen, 70% „11“ und 30% „12“), einige je nach Erfahrung mehr oder weniger bekannte Dinge werden schnell deutlich (zum Beispiel, daß die Patriots viel öfter als man denkt aus „11“ laufen) und daß dieser Chart bei Teams wie New Orleans total sinnlos ist, weil sie im Laufe eines Spiels alle nur erdenklichen Formationen spielen und aus dene heraus ohne klare Tendenz sowohl laufen als auch passen. Daneben geht er auch auf alle anderen Informationen ein, die auch der Zuschauer hat und die es zu bedenken gilt: Zeit, Score, Down&Distance.

Anschließend daran beschreibt Kirwan, wie im Laufe einer Offseason das Playbook zusammengestellt wird und was dabei alles eine Rolle spielt (Rookies, neue Free Agents, neue Coaches, der Quarterback). Die ersten Ideen für das Playbook werden dann während der Offseason in OTAs installiert, ausprobiert und je nach Erfolg wieder verworfen und Neues dazu genommen. Schließlich wird das fertige Ding im Juni gedruckt und während des Training Camps jedem Spieler wieder und wieder eingehämmert.

Aus diesem Playbook wird dann in der Saison je nach Gegner ein passender Gameplan destilliert, der unter der Woche zwischen den Spielen installiert wird. Die typische NFL-Trainings-Woche wird vorgestellt und erläutert, was Coaches und Spieler an welchem Tag der Woche jeweils machen. Kein Tag gleicht dem anderen.

Jetzt weiß man, wie der Gameplan entsteht, auf was Coaches und Scouts alles achten, auf was man selbst alles achten kann und was die Spieler tatsächlich zwischen den Spielen trainieren. Darauf aufbauend dreht sich der längste Teil des Buches um die Spieler. Jede Position wird ausführlich erläutert im Sinne von: was sind die Aufgaben eines QB oder eines LT; wie sollte er prototypisch gebaut sein; welche Unterschiede gibt es je nach „Philosophie“ (z.B. Linemen in 3-4 vs. Linemen in 4-3-D) und wie sich die Rolle der Position im Laufe der Jahre entwickelt hat.

Das gerät manchmal etwas trocken. Zeitweise hat man das Gefühl, wie in der Schule ein Lehrbuch zu lesen, in dem erklärt wird, wie Photosynthese funktioniert oder warum es zum Ersten Weltkrieg kam. Ein besserer Ghostwriter hatte das sicher ansprechender formulieren können. Aufgelockert wird das Ganze immerhin durch Kästen, in denen Kirwan knapp Fragen beantwortet wie „What´s the biggest adjustment college receivers face when they get to the NFL?“. Auch die Fragen sind wie das ganze Buch teils wirklich simpel und für Anfänger; teils ziemlich „sophisticated“, wie die Fragen zur „Sprache“ der Quarterbacks und Playcalling.

Nachdem die Positionen alle durch sind, gibt es auch noch Kapitel zum Coaching, zur Organisation des Managements und zum Draft-Prozeß. Dabei merkt man deutlich, daß Kirwan sehr viel Erfahrung hat und weiß wovon er redet. Auch der selbsternannte „Experte“ unter den Lesern kann hier noch was lernen. Insgesamt bekommt man mit dem Buch sehr viele Informationen auf gerade mal 200 Seiten, wodurch es mehr als Nachschlagewerk geeignet ist.

Falls man nicht gerade selbst schon mal in einem NFL-Staff garbeitet hat, ist Kirwans Buch trotz seiner Schwächen eine lohnende Investition. Am besten geeignet ist es wohl für Fans, die erst seit einem oder zwei Jahren Football-Spiele schauen und mehr wissen wollen. Besser verstehen wollen, was sie sehen und auch verstehen wollen, was die Mannschaften da überhaupt gerade machen und warum sie das machen. Für schmale 12,50€ gehört die Mischung aus Nachschlagewerk und Lehrbuch aber auch in jeden „Experten-Haushalt“, um schnell nochmal nachzuschauen, woran man denn jetzt pre-snap erkennt, ob der Cornerback Zone- oder Man-Coverage spielt oder um in der Combine-Vorbereitung sich nochmal schnell zu vergewissern, daß man auch die Formel für die „Explosion Number“ bei Pass Rushers nicht durcheinander gebracht hat.

Kauft´s, lest´s, werdet´s schlauer.

14 Kommentare zu “Wir lesen (1) – Take Your Eyes Off The Ball (Pat Kirwan)

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  3. nun als neuauflage 2.0 erhältlich.
    gerade durch 😉

    kann mich dem fazit anschließen.
    Gerade für den „unvorbelasteten“ Zuschauer ein toller erster Schritt um tiefer ins Spiel hineinzuschauen. Wer selber spielt oder intensiver den Sport verfolgt hat, dem kommt vieles bekannt vor, was aber nicht so schlimm ist. Gerade Draft und Gameweek sind wirklich lesenswert. Ansonsten hab ich an manchen stellen schon die Stirn runzeln müssen, aber seis drum. Insgesamt ein tolles Buch, wenn es mich auch nicht ganz so umhaut, wie Tim LAyden etc…

    Im Vergleich zur erstausgabe kann ich wenig sagen, da ich selbige nicht kenne. Kirwin scheint hat nun aber viele aktuelle Beispiele einbezogen und beginnt das Buch damit den „Call“ vom Superbowl zu analysieren. – was schon ein ganz netter einstieg ist und nicht allz trocken eingefühl dafür vermitelt, wie entscheidungen in der NFL getroffen werden.

  4. Nach dem Monday night Game , es gibt Gerüchte das ein neues Buch erscheint , Take Your Eyes Off The Fisch , von Jon Grudden , analyse von Mike Tirico beim Spiel der Lions gegen die Seehawks 😉

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  8. Im September soll „Take your eye off the ball“ in deutscher Sprache als „Schau nicht auf den Ball“ erscheinen.
    Weiß jemand, ob es sich dabei um eine unveränderte Übersetzung handelt?

  9. @Öwi: Woher kommt die Info? Football boomt hierzulande zwar, aber ich hätte nicht gedacht, dass irgendein Verleger den Mut hat, ein deutschsprachigesTheoriebuch rauszubringen. Mal schauen, wie die Resonanz so sein wird. Mit Millioneneinnahmen würde ich vielleicht nicht rechnen.

  10. @Dizzy: Auf die Info bin ich zufällig bei einer Recherche gestoßen, aber das Buch soll wohl tatsächlich über den Riva-Verlag unter ISBN 978-3-7423-1003-3 erscheinen. Ist dort auch bereits gelistet.

  11. Mutig und irgendwie auch wichtig- aber Erfolg kann ich mir da nicht vorstellen. Take your eye off the ball ist vielleicht nicht ganz so freakig wie der Football outsiders almanach, aber richtet sich ja doch eher an eingefleischte Footballfans, genau die, die es bereits auf englisch gelesen haben. Zumal in der jungen Generation die Sprachbarriere auch fast verschwunden ist.

  12. @Öwi: Danke für die interessante Info. Zur Frage: Übersetzungen von Fachbüchern werden für gewöhnlich 1:1 übersetzt. Das Thema Football-taktik lässt weder großen Interpretationsspielraum für Übersetzer noch enthält es originelle Sprachwendungen, die ein Abweichen vom Originaltext erfordern. Ein Extrakapitel für Europäer dürfte auch nicht dazukommen. Selbst der Klappentext ist praktisch Wort für Wort übersetzt. Geh entsprechend davon aus, dass es eine extrem direkte Übersetzung sein wird.

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