Houston Texans in der Sezierstunde

Die Sezierstunden 2012 möchten den Schwall an Footballmannschaften nicht bis in die Pipette analysieren, sondern kurz und knackig Stand der Dinge und die Schlüsselprobleme aufdecken, mit denen sich die einzelnen Teams nach einer interessanten Saison 2011/12 beschäftigen müssen. Dass wir am Ende nicht mit Obduktionsbericht nach Hause gehen, dafür bürgt schon die erste betrachtete Mannschaft, die Houston Texans, Lieblinge von Microsoft Excel und allen Freunden der Frage, was wäre gewesen, wenn?

Nach Jahren mit starker Offense, schlechter Defense und Game-Management zum Fremdschämen rief HeadCoach Gary Kubiak heuer nur einmal gegen Oakland die Geister der Vergangenheit, als eine bizarre Partie per in die EndZone „geschaubeltem“ Pass noch verloren wurde. Abseits davon war die Klopapierrolle (zum Abwischen von Speichel) ständiger Begleiter von Texans-Spielen.

So fassungslos war der kometenhafte Aufstieg der Defense, die nach einem Komplettkollaps 2010/11 schon im ersten Jahr der heiklen Umstellung auf 3-4 unter dem neuen DefCoord Wade Phillips einen großartigen Aufschwung erlebte:

Kategorie          2010   2011
Y/P                8.2    6.2
Completion Rate    64%    51.9%

Diese Zahlen lassen sich auch mit eher lauwarmem Pass-Schedule nicht kleinreden, vor allem mit dem Hintergrund der Umstellungsprobleme auf diese Art von Defense andernorts. Die sehr straighte Philosophie beeindruckte vor allem, weil nichts überaus Kompliziertes aufgeboten, dafür humorlos mit der physischen Gewalt vieler ehemals hoher Draftpicks dominiert wurde. Der Blick auf das Alter der einzelnen Starter verrät sogar noch Entwicklungspotenzial.

DE   Watt         22
NT   Cody         28
DE   Smith        30
OLB  Williams     26
ILB  Cushing      24
ILB  Ryans        27
OLB  Barwin       25
CB   Jackson      23
CB   Joseph       27
S    Manning      29
S    Quin         25

Eine wichtige Stellschraube wird der auslaufende Vertrag von DE/OLB Mario Williams sein, der in den wenigen Wochen bis zu seiner schweren Verletzung brillante Ansätze in seiner neuen Rolle zeigte. Williams ist im besten Alter und würde bei Abgang als herber sportlicher Verlust empfunden werden, obwohl die Nachrücker sehr gelobt wurden.

Nachbesserung bedarf es abseits davon vermutlich nur auf der als kritisch empfundenen Position des Nose Tackles, wo der nicht massiv genug gebaute Shaun Cody als größte Schwachstelle ausgemacht wird, sowie im Defensive Backfield, wo man dem jungen Safety Glover Quin nicht voll zu vertrauen scheint. Trotz Quins Flauseln kann man der Secondary großes Potenzial nachsagen: Der im vergangenen Sommer eingekaufte CB Jonathan Joseph gilt als hochklassig, dazu gesellen sich um CB Kareem Jackson und Konsorten eine Reihe an jungen Deckungsspielern, die sich zuletzt prächtig entwickelten und den Routinier Allen entbehrlich machen könnten. Gepaart mit einer druckvollen Front Seven eine wohl gut aufgestellte Unit.

Dabei war das Prunkstück der Texans seit Jahren der andere Mannschaftsteil, wo rund um die Combo QB Matt Schaub/WR Andre Johnson die Eier bis zum Gebrechen durch die Lüfte flogen. Seit zwei Jahren ist die Spielweise etwas balancierter, was vornehmlich an der gewachsenen Offensive Line und den beiden famosen Running Backs Arian Foster und Ben Tate liegt.

Foster ist ein restricted free agent (RFA), wird also mit einem billigen Preisschildchen eher einfach für ein weiteres Jahr zu halten sein. Weil der Texans-Kader aber kein Aldi-Gefühl aufkommen lassen will, muss man sich schon fragen, wie lange man sich Foster darüber hinaus leisten wird können. Stark empfohlen sei den Texans auch, C Chris Myers, den Ankermann der Line, einen neuen Vertrag zu geben.

So sind die beiden größten Fragezeichen in dieser Offseason jene beiden Komponenten, die jahrelang den Kern der Texans bildeten: Quarterback und Wide Receiver. Schaub ist einer der meist-übersehenen Spielmacher, weil er a) für einen jahrelangen Verlierer spielte und b) ästhetisch nicht das feinste tiefe Spiel aufziehen kann, aber der Mann muss zu meinen Favoriten gehören, weil ungemein effizient und imstande, mit limitierter Ressource Großes zu veranstalten. Bleibt jedoch die Frage, wie gut die komplizierte Fußverletzung verheilen wird.

Die Backups sind indes nicht wirklich allererste Sahne: QB Leinart ist mit seinen langsamen Bogenlampen keine Alternative, QB Yates trotz furchtloser Spielweise und besseren Anlagen als Grünschnabel ein potenzielles Risiko.

Nehmen wir an, dass die Texans weiter an Schaub glauben, so sind mit hoher Wahrscheinlichkeit die Wide Receiver im Fokus dieser Offseason. Abseits des phänomenalen, aber alternden Johnson und Walter könnte Blutauffrischung zum Imperativ werden, gerade auch mit dem Blick auf die mittelfristige Zukunft.

Von Wichtigkeit könnte darüber hinaus nach Blick auf die Spezialisten auch sein, den selbst für Punter-Verhältnisse steinalten Turk (43 Jahre) zu ersetzen, wie auch K Rackers Free Agent ist.

Die Texans sind erschreckend gut aufgestellt. Jahrelang hat man diese Mannschaft Kubiak-bedingt nicht für voll nehmen können; in der abgelaufenen Saison waren sie trotz mehrerer Schlüsselverletzungen allerdings sehr nahe an der Superbowl dran. Sofern die Offseason nicht mit irgendwelchen Selbstbeweihräucherungen verdaddelt wird, dürfte diese Franchise für die nächsten ein bis zwei Jahre ein brandheißer Titelkandidat werden, bevor das Phänomen „Salary Cap“ mit Eiseskälte zuschlägt.

4 Kommentare zu “Houston Texans in der Sezierstunde

  1. Cool, dass die Sezierstunden endlich wieder losgehen 🙂
    Auch wenn ich die Abneigung gegen KUBIAK nicht ganz nachvollziehen kann. Hat ja schließlich einen miseravlen Roster übernommen immer an den POs gekratzt.

    Schaut ja richtig gut aus für die Texans die Zukunft, aber da kann man schon drauf kommen, dass die Rookie Cap 2 od. 3 Jahre zu spät kommt für die Texans. Der Roster ist bestimmt einer der teuersten.

  2. Man kann die Texans aber auch anders sehen. Außer Play-Offs nur 3 ernsthafte Gegner und 2x davon verloren (nur PIT geschlagen). ansonsten einfacher Schedule, eine AFC South Division ohne Peyton Manning und die Jaguars ohne Offense und _trotzdem_ nur 10 Siege. Nächstes Jahr kommen der First Place Schedule, da müssen die Texans zeigen, ob sie wirklich was wert sind!

  3. Pingback: Sezierstunde II: Houston Texans 2012 | Sideline Reporter

  4. Pingback: Glaskugel 2012: Houston Texans | Sideline Reporter

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