Atlanta Falcons in der Sezierstunde

Die Atlanta Falcons 2010 holten 13-3 Siege in der Regular Season, jene von 2011 holten 10-6 Siege. Beide Saisons endeten ähnlich: Mit einem Debakel in den Playoffs. Trotzdem gibt es aus Georgia einen Fortschritt zu vermelden. Schauen wir uns eine größere und damit aussagenkräftigere Datenmenge an: Die Spielzüge.

Offense                2010       2011
Yards per Play          5.0        5.6
Netto-Yards pro Pass    5.9        6.8
Yards pro Lauf          3.8        4.0
INT-Rate                1.6%       2.2%
Defense                2010       2011
Yards per Play          5.6        5.5
Netto-Yards pro Pass    6.1        6.4
Yards pro Lauf          4.6        4.2
INT-Rate                3.9%       3.4%

Die jeweils ersten drei Stats korrellieren historisch gesehen mit den jeweiligen Vorsaisonen. Die Turnover-Statistik jedoch hat historisch gesehen vor allem auf Seiten der Defense eine Korrelation von fast null, tendiert also dazu, sich „zufällig“ zu verhalten. Wir sehen: Bis auf die Pass-Defense haben sich die Falcons in allen Kategorien gegenüber 2010/11 verbessert. Zwei schnell aussm Ärmel geschüttelte Hauptgründe für die trotzdem schwächere Saisonbilanz:

  • Turnovers: Die erstaunliche INT-Rate von 1.6 pro 100 Pässen (Ligadurchschnitt ist 3.0%) konnte natürlich nicht aufrecht erhalten werden. Resultat: Statt 9 INTs waren es heuer 13. In der Defense war man heuer deutlich näher am Ligaschnitt dran. Resultat: Nur noch 19 anstelle von 22 INTs. Macht in Summe eine Differenz von sieben Turnovers – ein massiver Wert in einer Kategorie, die historisch stark zu schwanken tendiert.
  • Knappe Spiele: 2010 holte Atlanta teilweise bizarrste Siege (z.B. INT-Return der 49ers, die knapp abgewürgten Comebacks von Ravens und Buccs, das verschossene FG der Saints) und war 7-2 in Spielen mit einem Score Differenz. 2011 hatte man das Glück seltener auf seiner Seite, gewann nur mehr 5 von 8 knappen Spielen und sah sich beispielweise beim 4th down in der Overtime gegen New Orleans schwer im Pech.

Alles klar?

Das bedeutet freilich nicht, dass sich die Falcons nach dem erneuten Scheitern damit entschuldigen dürfen: Die eigenartig sterile Mannschaft löst nirgendwo Entzücken aus und braucht Impulse.

Eine Baustelle seit Jahren ist die Offensive Line, die keine Dominanz durchgedrückt bekommt. Die Tackles gelten als bestenfalls mittelmäßig, aber mit welchen Mitteln sollen sie ersetzt werden? Dahinter eröffnet sich ein weiterer Brennpunkt in RB Michael Turner, dessen unexplosive Spielweise immer weniger zur eingeschlagenen Richtung der Falcons-Offense passt. Ein quicker Back sollte dieser Mannschaft besser zu Gesicht stehen, um wenigstens verschiedenen Rhythmen einschalten zu können.

Abseits davon sind mit dem exzellenten jungen QB Matt Ryan und dem Ballfängertrio White/Jones/Gonzalez (sofern Gonzalez seinen Level halten kann) einige Bausteine da, wobei der Receiving-Corp nicht wie ein fertiges Paket aussieht. Deswegen schaut der immer noch schwer zu begreifende Jones-Deal im Draft 2011 immer noch eher schlecht aus, auch wenn sich Jones immer besser in den Angriff integriert zu haben scheint.

Um noch etwas Positives über den Angriff zu verzapfen: Der OffCoord Mike Mularkey verabschiedete sich nach Jacksonville. Mularkey hatte bei mir nach seiner Zeit in Pittsburgh einen exzellenten Ruf genossen; die immer steifer gewordenen Vorstellungen der Falcons in den letzten Monaten haben bei mir die Erkenntnis reifen lassen, dass Frischwind für die Falcon-Offense die übelste Sache der Welt nicht sein kann, selbst wenn der Neue – Dirk Koetter – eine Unbekannte darstellt.

Solide Grundlage, aber keinen Wow-Effekt gibt es aus der Defense zu vermelden. Mit DE John Abraham und dem situativ eingesetzten Kroy Biermann riskiert man, die beiden besten Pass Rusher zu verlieren. Abraham ist mit bald Mitte 30 nicht mehr der jüngste und war in der jüngeren Vergangenheit häufig entweder verletzt oder nicht mehr durchhaltevermögend genug. Dem DE Ray Edwards sagte man ein eher ernüchterndes erstes Jahr bei den Falcons nach und auch der ehemals hoch gedraftete DT Peria Jerry verliert so langsam seine Unterstützer.

Hinter der Defensive Line, die man insgesamt als nicht physisch genug betrachten könnte, sind mit den jungen Sean Witherspoon und Stephen Nicholas zwei aufstrebende Talente da. Sollte allerdings MLB Lofton abwandern, reißt sich eine Lücke auf, die nur noch vom drohenden Abgang des besten Cornerbacks Brent Grimes in den Schatten gestellt würde. Und selbst wenn Grimes bleibt, gibt es nur wenig aufregende Safetys und den zu unverlässigen CB Dunta Robinson.

Auch hier ein neuer Coordinator – und diesmal kein Unbekannter: Der stets elegant gekleidete Mike Nolan, ein verbrannter Name als Cheftrainer, aber mit sehr, sehr vorzeigbarer Vergangenheit als DefCoord. Nolan passt wie Arsch auf Eimer auf Atlantas Defensive: Wenig Spektakel, aber grundsolide exekutierte Basics, und alle Defenses Nolans tendierten zu rascher Vebesserung.

Trotzdem: Das Unangenehme an den Atlanta Falcons ist alles in allem der fehlende eine Anhaltspunkt, wo man denn nun auf die Schnelle ansetzen sollte, noch dazu ohne die vielen für Jones eingetauschten Draftpicks. Alle Mannschaftsteile sind gut besetzt, aber überall mangelt es an dem Mann, an dem man sich aufrichten kann.

Die Offensive Line, die den Anstürmen nur bedingt standhalten kann. Das träge Laufspiel. Das unvollständige Passspiel. Der solide Pass Rush. Die unspektakuläre Pass-Defense. Einerseits ist Atlanta so schlecht nicht aufgestellt, andererseits fehlen die Mittel (Draftpicks), um im Sprinttempo den Level von „gut“ auf „großartig“ zu heben. Und so muss man fürchten, dass im Herzen des bible belt das Fenster des Erfolgs ungenutzt verstreichen wird, weil man nicht alle notwendigen Bausteine zugleich an Ort und Stelle hat.