Detroit Lions in der Sezierstunde

Für die Detroit Lions war 2011/12 trotz einiger Turbulenzen ein sehr gutes, weiteres Jahr des Aufbaus. Mit 10-6 Siegen und einem Ranking im oberen NFL-Drittel in fast allen wichtigen Statistiken zeigt der Trend ein weiteres Jahr steil nach oben, und nach einigen knappen Niederlagen gegen die NFL-Elite brach man im Wildcard-Spiel bei den extrem heimstarken New Orleans Saints erst im Schlussviertel einer auf mehreren Ebenen unglücklich verlaufenen Partie ein. Konzeptionell ist die Mannschaft 1A zusammengebaut: Via Draft, mit einigen ergänzenden Einkäufen vom Transfermarkt. Ohne die vielen Nebengeräusche abseits des Spielfelds wären die Lions ein gigantischer Sleeper.

Obwohl ein Running Back nach dem anderen auf die Injuried Reserve wanderte und die Offensive Line weiterhin nicht überzeugend aussieht, scorte die Offense 502 Punkte. QB Matthew Stafford ist erst vor wenigen Wochen 24 geworden, spielt aber trotz einiger etwas holpriger Phasen über diese Saison abgewichster als man es von einem Grünschnabel seiner Kategorie erwarten würde und sorgt ästhetisch mit für die ansprechendsten Pässe, die derzeit in der NFL geworfen werden. Ein Tribut geht an den atemberaubenden WR Calvin Johnson (inklusive Playoffs 108 Catches, 1892yds, 18 TD), dessen Touchdown in Dreifachdeckung gegen Dallas einer der Spielzüge der Saison war.

Stafford und Johnson bilden, wenn in Hochform, das Kernstück eines ansonsten auf wackeligen Beinen stehenden Angriffs, der so fokussiert auf zwei Starspieler ist wie kaum ein anderer ligaweit. Die Offensive Line müffelt auch im Jahr drei der Regentschaft Schwartz/Mayhew nach Schweizer Käse und bietet nicht mehr als den nötigsten Schutz; weil zudem die langjährigen Recken Backus und Raiola schön langsam in die Jahre kommen, wird man an einer baldig anstehenden Firschzellenkur nicht mehr lange vorbeidiskutieren können.

Die Armada an Wide Receivers und Tight Ends liest sich abseits Johnsons und vielleicht noch TE Brandon Pettigrews etwas suspekt. Der junge WR Titus Young von Boise State ist fähig zu großartiger Artistik, gewinnt jedoch auf physischem Weg keinen Zweikampf mit einem Backup-Defensive Back. Ersatz-TE Tony Scheffler und die Konsorten der Güteklasse Burleson sind zwar jederzeit zu Catches in der Lage, profitieren jedoch optisch nur allzu schwer von der Bündelung der Abwehrkräfte auf Johnson.

Das alles passiert in Detroits Angriff ohne Laufspiel. Der junge RB Mikel LeShoure kommt frisch von der IR, während der als Notnagel verpflichtete Kevin Smith ansprechende Ansätze zeigte, jedoch letzten Endes ohne nachhaltigen Eindruck blieb. Ein herzerweichender Fall ist jener vom ehemaligen Erstrundenpick Jahvid Best: Best ist kein besonders effizienter Ballträger, jedoch eine famose Waffe für Big Plays in Situationen mit Kurzpässen auf den Running Back. Nach der jüngsten schweren Gehirnerschütterung steht Best allerdings schon nach zwei NFL-Saisonen vor dem Karriereende, womit der Lions-Offense eine wertvolle zusätzliche Dimension abhanden käme.

Trotz aller Probleme erinnert diese Offense, wie ich mehrfach schrieb, an eine „light“-Version der Saints. Um annähernd diese Produktivität an den Tag legen zu können, müssen sich mit dem aktuellen Personal jedoch alle einzelnen Bausteine an ihrer Leistungsgrenze bewegen.


Ambivalenter, aber auf solideren Beinen stehend, sieht die Defense aus, die getreu der Lebensphilosophie von Schwartz/Cunningham auf einer mächtigen Defensive Line (Kosenamen „Silver-Crush“) fußt. Prunkstück ist dabei der Defensive Tackle mit dem Ruf einer Horde Cholerablasen, Ndamukong Suh, dessen aggressives und recht spekulativer Spielstil Aufsehen zur Genüge erregt. Wenn auf der Höhe, dominiert Suh mit Nebenleuten wie Williams oder Fairley sämtliche Innenseiten von Offensive Lines.

Die Knackpunkte liegen bei den Ends: Avril möchte als Free Agent den Vertrag seines Lebens. Weil man Avril aber zu einem gewissen Grad nachsagt, Produkt des Systems zu sein, könnten sich die Verhandlungen schwierig gestalten und am Ende zwei Parteien als Verlierer auseinander gehen.

Avrils Backups, Lawrence Jackson und der reine Rusher Willie Young, gelten als gefährlich, aber nicht ausreichend durchhaltevermögend. Und dann ist da noch der Eckpunkt „Roughing the quarterback“ Vandenbosch, der die gelben Flaggen anzuziehen scheint. Vandenbosch wird nicht mehr allzu lange spielen und musste trotz lichter Momente zuletzt immer mehr Kritik einstecken. Ist es möglich, dass die Lions tatsächlich ein weiteres Mal gezwungen sind, einen Defensive Liner in der ersten Runde zu draften?

Nicht ausgeschlossen. Denn obwohl die Secondary äußerst suspektes Tackling zeigt und zudem mit Wright, McDonald und Harris drei „Stützen“ auslaufende Verträge haben, wurde Schwartz bisher noch nicht dabei gesichtet, sich beim Gedanken an einen Defensive Back einen runterzuholen. Die Tendenz geht eher dahin, die wichtigsten Free Agents zu halten, und die immer noch jungen Athleten um S Delmas, CB Houston und CB Smith zu entwickeln.

Von der „Schlüsselposition“ zur „Friss-oder-stirb“-Position wird die Deckung erst dann, wenn tatsächlich mehrere Spieler abwandern. In diesem Falle gewänne ein potenzieller Neueinkauf und mit seiner grenzwertigen Spielweise durchaus in diese Mannschaft passender Schwartz-Spezl wie CB Cortland Finnegan automatisch an „Lieferantenmacht“ im Vertragspoker.

Nicht minder wertvoll als ein kleines qualitatives Upgrade in der Secondary dürfte die Weiterverpflichtung vom MLB Stephen Tulloch sein, dem die Lions im Sommer miserable Vertragsbedingungen aufoktroyieren konnten. Tulloch wird eine exzellente Saison 2011/12 nachgesagt und gewinnt noch mehr an Wert, weil die Defensive Line durch ihren Fokus auf Pass Rush durchaus nicht die sicherste gegen Draws und überhaupt Laufspiel ist.


Da abseits des Glamours durchaus auch der auslaufende Vertrag des Backup-QBs Hill ein Thema wird und die Lions nicht über den allergrößten Spielraum in Sachen Salary Cap verfügen, dürfte diese Offseason für GM Mayhew die Meisterprüfung darstellen. Sofern die sportliche Leitung der Lions nicht völlig ins Klo greift, werden die Lions auf Jahre ein Thema bleiben.

Weitere unkontrollierbare Faktoren wie Verletzungspech mal außer Acht gelassen, scheinen mir die Detroit Lions darüber hinaus bloß ein oder zwei Draft- oder Transfercoups davon entfernt zu sein, zu den ganz heißen NFC-Superbowlfavoriten zu zählen.