St Louis Rams in der Sezierstunde

Die Rams waren eine der ganz großen Enttäuschungen in dieser Saison. Saisonbilanz von 2-14, neun Niederlagen mit mehr als einem Score, ein positiver Unfall gegen die Saints und der zweite Sieg ein gegurktes 13-12 gegen Cleveland. Im Sommer hatte ich schedulebedingt einen nicht reibungsfreien Saisonstart erwartet, aber dass die Rams so hoffnungslos auftreten würden? Nope.

Kernproblem von allem war die inexistente Offense, die trotz weniger Turnovers (1 Turnover pro 9 Drives, nur 1 Interception pro 25 Drives) und trotz des namhaften OffCoords Josh McDaniels in fast allen Kategorien NFL-Bodensatz war. Als problematisch erwies sich dabei neben der wackeligen Offensive Line und den namenlosen Ballfängern (Top-WR Lloyd mit 51 Catches, danach RB Jackson mit 39, danach WR Gibson mit 36) vor allem auch die Quarterback-Situation.

Der junge Top-Pick Sam Bradford hatte mit Verletzungsproblemen zu kämpfen, aber auch mit allen Entschuldigungen im Hinterkopf liest sich die Bilanz ernüchternd: 216yds/Spiel, 4.9yds/Pass (nur Tebow und Gabbert waren ineffektiver) und sechs Touchdowns in zehn Einsätzen sind keine konsequenzlos hinnehmbaren Werte. Ergebnis: Mit nur 0.92 erzielten Punkten pro Drive stellte man den mit Abstand ineffizientesten NFL-Angriff der Saison, und immer wenn eine Franchise nur 193 Punkte über die Saison scort, leuchten die Alarmsignale auf.

Die Defense war nicht gut, aber besser. Die Front Seven der Rams ist dafür gebaut, mit Pass Rush Rabatz zu machen, wodurch sich die schlechten Laufspielwerte (4.8yds/Carry, #28) erklären lassen. Die mäßige Sack-Zahl von 39 ist irreführend, da die Rams die fünftwenigsten Passversuche der Liga gegen sich ausgespielt sahen (die 7,5 Sacks auf 100 Versuche sind ein Top-10 Wert für die Rams).

Die wichtigste Stellschraube ist bereits gedreht: Mit Jeff Fisher wurde der neue Chefcoach eingestellt, ein Mann, dem großes Machtverlangen nachgesagt wird und der den scheinbar unattraktiven Ort St Louis vor allem deshalb ausgewählt hat, um in Sachen Personalpolitik – anders als zu seinen Zeiten in Tennessee – ungestört walten zu können. Fisher hat mit seinen Coordinators Signale gesetzt: Brian Schottenheimer aus New York steht für seine Neigung, Quarterbacks entwickeln zu wollen, während Gregg Williams aus New Orleans blitzen lässt bis die Wände wackeln.

Das HundbeißtsichindenSchwanz-Argument gilt für die Rams in der Offense: Ist Bradford so schlecht, weil er nicht besser ist, oder weil die Umstände nicht mehr zulassen? Fisher/Schottenheimer scheinen von Bradford überzeugt genug zu sein, um den #2-Draftpick (genannt auch „Robert Griffin III“) auf dem Basar meistbietend zu verkaufen. Das heißt: Bradford kriegt wenigstens noch ein oder zwei Jahre mit der Hoffnung, mit adäquaten Wide Receivers wenigstens NFL-taugliche Statistiken herausfahren zu können. Oberste Rams-Priorität dürfte daher (mindestens) ein Wide Receiver sein, und geht es nach den Auguren, so wird es Oklahoma States Justin Blackmon werden, ein nicht unproblematischer Charakter. Bei McDaniels-Buddy Brandon Lloyd geht kaum jemand von einer Vertragsverlängerung in St Louis aus.

Den Eindrücken nach fehlt es den Rams auch gehörig an der Offense Line. LT Saffold und RT Smith gelten als Busts, wobei prinzipiell jeder der Blocker üble Kritiken einstecken muss (auch die Free Agents C Wragge und G Bell). Nach etlichen hohen Picks in den letzten Jahren dürfte der Hunger der Fans nach einem weiteren der gesichtslosen Offense Liner jedoch eher gering sein.

Kleinerer Nebenschauplatz sind die Running Backs: Der großartige Steven Jackson wird nicht jünger und hatte häufig mit Verletzungen zu kämpfen, während die Backups Norwood und Cadillac Williams vertragslos sind.

Wichtigste Stellschrauben in der Defense sind neben dem vertraglosen DT Gary Gibson sowie dem jungen OLB Chamberlain vor allem im Defensive Backfield zu finden: Gregg Williams ist bekannt dafür, risikoreiches Spiel und gute Blitzer zu bevorzugen, weswegen mit Sicherheit personell nachgebessert werden wird. Dazu nur ein Stichwort: Die Rams hatten 2011/12 mal eben zehn Defensive Backs auf der Injuried Reserve.

Es wird spannend zu sehen sein, wie Fisher diese Franchise aufstellen wird. Fisher war für mich nie ein großer Visionär und wirkte auch nie so, als wäre er der richtige quasi-GM. Kurzfristig wird man QB Bradford Waffen geben und/oder besser schützen müssen. Die Rams besitzen den Pick #2, der angesichts des Strebens der halben Liga nach RG3 ein wertvoller sein könnte, und sie haben Pick #33, der als erster Pick des zweiten Draft-Tages als äußerst begehrte Ware (Stichwort: Trades) gilt.