Jacksonville Jaguars in der Sezierstunde

2011/12 fühlt sich für die seltsam uninspirierten Jacksonville Jaguars wie ein weiteres verlorenes Jahr an: Die Defense war fantastisch, aber in der Offense drückte der Schuh. Und nun ist mit Mike Mularkey ein neuer HeadCoach eingestellt, dessen Vergangenheit in Pittsburgh, Buffalo und Atlanta bei mir eher bedrückende Erinnerungen weckt.

Erste große Baustelle in Nordflorida wird für Mularkey die Quarterback-Position sein, wo nach der tabula rasa von letztem Jahr mit Blaine Gabbert ein junger Mann eingestellt wurde, der einen selten schlechten Eindruck hinterließ. Gabbert ist Lehrbeispiel für ein aufgescheuchtes Huhn, das selbst bei Andeutung von Druck auf die Pocket panisch wird und unzählige Spielzüge mit überflüssigen Incompletions aufgibt. Gabberts durchschnittliche NFL-Partie liest sich so:

14 von 27 für 147.6yds
0.8 TD, 0.73 INT, 2.7 Sacks
3.2 Scrambles für 6.5yds.

Das sind mit 50.8% Completion Rate und 4.2yds/Passversuch Werte, die von Tebow stammen könnten. Schlimmer noch: Gabbert wird nachgesagt, völlig verunsichert zu sein (wobei „völlig verunsichert“ für NFL-Standards immer noch eine zirka 2,5m breite Brust bedeuten dürfte). Es wird an Mularkey und OffCoord Bradkowski liegen, Gabbert wenigstens ein Gefühl von NFL-Spiel und eine Prise Selbstvertrauen einzuimpfen. Man kann auch davon ausgehen, dass ein irgendwo auf die Straße gestellter Routinier als Mentor oder wenigstens Absicherung eingekauft wird – vielleicht der pflegeleichte Campbell aus Oakland?

Die Jaguars haben auch trotz mehrerer Draftpicks in den letzten Jahren immer noch keine vorzeigbare Offensive Line zusammengestellt. Mit OT Guy Whimper durfte zuletzt ein Mann auflaufen, der bei Fans und Coaches v-e-r-h-a-s-s-t ist, wie auch die Besetzung des Centers ungeklärt ist.

Fehlen immer noch gute Ballfänger. TE Marcedes Lewis hatte 2011/12 eine schwache Saison, dürfte nach dem Gesetz seiner beständigen Unkonstanz als nächstes aber wieder einen ordentlichen Herbst absolvieren. Ansonsten ist es nie das beste Zeichen, wenn dein Running Back (Jones-Drew) mit 43 Catches nur einen Catch davon entfernt ist, der Top-Receiver deiner Mannschaft zu sein (WR Thomas hatte 44). Upgrade gesucht.

Die Defense dagegen gefiel, wie bereits Anfang November beobachtet, außerordentlich. Als zusätzliches Plus kann man vermerken, dass der DefCoord Mel Tucker den Trainerwechsel überstanden hat und im Coaching Staff bleibt. Die Defense Line um den stabil gebauten DT Terrance Knighton sowie die Ends Mincey, Roth (beide Free Agents) und die Allrounder Alualu/Mosley gehört zum feinsten in der NFL, war hauptverantwortlich für eine fassungslose Run-Defense, die nur 3.8yds/Carry zuließ (#5). Nicht ausgeschlossen, dass die Jaguars jedoch noch einen hohen Draftpick in die Line stopfen (selten eine schlechte Idee), vor allem, wenn Mincey oder Roth gehen sollten.

Personell aufwändig wird es, das Backfield zusammenzuhalten, wo nicht weniger als sechs Leute vertragslos sind, vier davon mit signifikanter Einsatzzeit: S Lowery, S Greene, der gelobte CB Middleton und der aus unzähligen dieser vor Jahren so physischen Schlachten gegen die Steelers bekannte CB Rashean Mathis, der tatsächlich schon 31 ist!

Zwei wichtige Positionen darüber hinaus: Der über Jahre zuverlässige K Josh Scobey ist Free Agent. Und auf der Punter-Position gibt es im JAX-Kader aktuell niemanden, der annähernd NFL-Durchschnittswerte erreicht.

Für die Jaguars wird es also ein banges Hoffen, dass Gabbert sich verbessern kann. Ich bin da skeptisch, denn wenn Quarterbacks so unsicher selbst bei bloß gefühltem Druck wirken, darf man skeptisch sein, ob es allein Coaching richten kann. Mularkey hat eine gute Vergangenheit als Entwickler von Quarterbacks und kann fantastische Spielzüge kreieren, aber dann sind da immer wieder diese hirnlosen Spielansagen Mularkeys. Gabberts Schreckigkeit mal nicht betrachtet, ist die Situation ähnlich wie in St Louis: Junger QB, sehr guter Running Back, schwache O-Line, null Receiver.

Die Jaguars besitzen im Verhältnis zu den Rams aber eine sehr viel bessere Defense und scheinen einzig einen ernsthaften Quarterback von der Relevanz entfernt. Mal schauen wie die Wetten stehen, dass Gabbert die nächste Saison übersteht.