Nach Spygate nun Bountygate: Ob erneut ein Bauernopfer genügt?

Ich bin erstaunt, welche Reaktionen die Kopfgeldjäger von Gregg Williams (u.a. Bills, Titans, Redskins, Saints) hervorrufen, wobei sich ESPN – wo Jon Gruden Woche ein, Monday Night Game aus seine steinzeitlichen Ansichten über illegale legale Hits verbreiten darf – mal wieder an vorderster Front seine Geschütze auffährt.

Ich bin erstaunt deshalb, weil es meiner Meinung nach seit Jahren deutliche Hinweise dafür gab, dass in der NFL immer mal wieder Athleten für vogelfrei erklärt wurden. Als in den NFL-Playoffs 2006/07 Saints(sic!)RB Reggie Bush auf brutalste Weise abgeschossen wurde und Christopher D. Ryan im ORF offen über eine Absicht der Eagles spekulierte, endete diesbezüglich meine Blauäugigkeit.

Mittlerweile scheinen sich auch einige aktuelle oder ehemalige Athleten gefunden zu haben, die die gängigen Praktiken sachte oder weniger sachte andiskutieren oder verzwitschern. Trotzdem ist die Lage für Williams ernst; ernst genug, dass er noch am gleichen Tag des Bekanntwerdens eine öffentliche Entschuldigung nach NFL-Schema F rausließ und erst gar nicht den Sachbehalt zu bestreiten versuchte:

„I want to express my sincere regret and apology to the NFL, Mr. Benson, and the New Orleans Saints fans for my participation in the ‚pay for performance‘ program while I was with the Saints. It was a terrible mistake, and we knew it was wrong while we were doing it. Instead of getting caught up in it, I should have stopped it. I take full responsibility for my role. I am truly sorry. I have learned a hard lesson and I guarantee that I will never participate in or allow this kind of activity to happen again.“

Interessant ist die Nomenklatur: „Pay for Performance“. Wohl wissend, dass das System nicht nur an sich nicht erlaubt war, sondern in der durchgeführten Form wohl auch grundsätzlichere ethische Fragen aufwerfen sollte.

Wir sollten in Boohay nicht vergessen, dass es unter NFL-Begleitern ein beliebtes Spielchen ist, die brutalsten Kopfjäger unserer oder aller vergangenen Zeiten mit einem Schuss Bewunderung aufzulisten. Wir sollten auch nicht vergessen, wie sich Experten und Kommentatoren, die nun ihr Entsetzen in die Welt posaunen, vor zwei Jahren beim Runterholen fast die Fingern verbrannt hatten vor lauter Bewunderung für die Saints und ihre „remember me hits“ gegen die Genossen Warner, Favre oder Manning.

Trotzdem wird die NFL unter dem Commissioner Roger Goodell gezwungen sein, den Saints eine Strafe aufzuoktroyieren. Gerade Goodell hat in seinen Jahren als Commissioner der NFL keinen Streit und keine suspekten Relationen gescheut, um dem Spiel einen Teil seiner Brutalität zu nehmen, und dabei auch anhand von Belanglosigkeiten Exempel statuiert.

Gemessen an Goodells Aufwand in der Vergangenheit werden sämtliche vergangenen Trainerstationen Williams’ durchwühlt und sämtliche Wegbegleiter in Sippenhaft genommen werden, auch ein Joe Gibbs, von dem vor Jahren schon gemunkelt worden war, dass er den Laden in Washington nicht mehr im Griff hatte.

Die Strafe gegen Williams, und/oder gegen dessen ehemalige Arbeitgeber und Kumpanen, wird heftiger ausfallen müssen als die Larifari-Auflagen einst gegen die Patriots im Spygate-Skandal (damals ein paar Hunderttausend Dollar Strafe gegen Belichick und gegen die Franchise plus Draftpick in Runde 1). Wobei „heftig“ bei solchen „Strafen“ ein – yo – heftig übertriebener Ausdruck ist, angesichts der Relationen.

Also: Ein Bauernopfer ist besser als keins. Ob damit aber gängigen Praktiken mit einem Schlag der Garaus gemacht werden kann, darf ruhig angezweifelt werden. Eine verankerte Denkweise hat sich noch nie von einem Tag auf die andere gewandelt. Deswegen wird es interessanter, ob die NFL in nächster Zukunft weitere der zweifellos vorhandenen Kopfgeldsysteme quer durch die Lande auffliegen lassen wird.

19 Kommentare zu “Nach Spygate nun Bountygate: Ob erneut ein Bauernopfer genügt?

  1. Mich würde ja auch interessieren, ob BOUNTYGATE nicht auch gegen den Salary Cap verstößt?
    Beim Rest stimme ich schon zu. Die Hits sind seit langer Zeit ein Problem, aber auch Teil vom Spektakel und daher gelitten.

  2. „Ich bin erstaunt, welche Reaktionen die Kopfgeldjäger von Gregg Williams (u.a. Bills, Titans, Redskins, Saints) hervorrufen“ Mir geht es ähnlich, obwohl du die Sache wahrscheinlich unter einem anderen Gesichtspunkt siehst…
    Es geht mir nicht darum, die Sache gut zu reden. Ich habe aber ein Problem mit der Berichterstattung, die da zur Zeit läuft. Momentan wird ja so getan, als ob die Saints ihre Erfolge nur auf Grund dieses Systems erreichen konnten. Was ich ehrlich gesagt, ein wenig lächerlich finde. Die Frage ist doch, wie erfolgreich ist ein System, das offenkundig nicht verhindern konnte, dass die jeweiligen „Starspieler“ der Seahawks und 49ers dafür sorgen, dass die Saints in den wirklich wichtigen Spielen die Segel streichen mussten. Wie kann es sein, dass ein V. Davis (die einzige O-Waffe die San Fran besitzt) im 4. Viertel solche Plays macht, obwohl die Saints doch regelmäßig jeden Starspieler vom Platz prügeln? Wie kann es sein, dass zwischen 2009 und 2011 nicht die Saints, sondern die Lions auf dem 1. Platz für persönliche Strafen stehen? Ich habe letzte Saison jedes Spiel der Saints live gesehen. Ich kann mich lediglich an 4 gelbe Flaggen wegen übertriebener Härte erinnern, Harper gegen S. Smith, Harper gegen J. Cutler, Harper gegen N. Washington und Isa Abdul-Quddus gegen H. Nicks.
    Von diesen 4 Flaggen waren 2 sogar glatte Fehlentscheidungen (wurde zumindest so von den Kommentatoren bezeichnet) Harper gegen J. Cutler und Isa Abdul-Quddus gegen H. Nicks….
    Insofern kann ich absolut nicht nachvollziehen, dass momentan so getan wird, als ob die Saints eine überharte Truppe wären, die jeden Gegner vom Platz prügelt.

  3. Die Berichterstattung trieft bei solchen Sachen doch immer vor Sensationsgeilheit. Und erfolgreiche Franchises wie damals New England oder jetzt New Orleans bringen mit großem Namen auch bessere Quote bei großen Schlagzeilen.
    Es ist aber unwichtig, ob das System erfolgreich gewesen ist oder nicht oder ob die Saints deswegen Titel gewonnen haben. Denn es ist einfach nicht erlaubt und moralisch nicht okay. Vielleicht auch justiziabel, denn hier werden Menschen bezahlt, um Menschen absichtlich zu verletzen. Deswegen verdient Gregg Williams die Schmähungen und verdient sicher noch mehr.
    Wo ich Korsakoff zustimme: Der Bauernopfer-Gedanke, der meiner Meinung nach genau der richtige Ausdruck bei dem Fall ist. Die Pats Fans (Spy Gate) werden sich denken, Willkommen im Club.
    Die Saints sind erwischt worden und sie müssen damit leben. Ihre größten Erfolge sind während Bountygate passiert. Sich darauf zu reduzieren und zu jammern, dass es nicht fair, ist sie zu kritisieren weil andere es ja auch machen, ist zu kurz gegriffen. Dafür eignet sich so ein Thema nicht.

  4. Leider spielen Moral und Ethik im Profisport eine eher untergeordnete Rolle.
    Gerade in der NFL wo Spieler wie moderne Sklaven behandelt werden….

    Es geht mir auch nicht darum, dass die Saints für das Programm kritisiert werden. Mir ist es auch egal, ob andere Teams ähnliche Programme haben, was ich aber auf keinen Fall anzweifel. Terrell Suggs hat sich ja ziemlich eindeutig via Twitter geäußert.
    Nur die Art der Meinungsmache geht mir gegen den Strich. Ganz abgesehen davon, dass die meisten Sachen gar nicht zu 100 Prozent bewiesen sind und von Spielern wie D. Sharper ja auch deutlich zurückgewiesen werden…

  5. Mein Tipp: Nicht zuviel Zeit mit ESPN verbringen und die „Meinungsmache“ gegen die New Orleans Saints wird zu halbwegs solider Diskussion über grundsätzlichere Werte.

    Re: Sharper. Ich würde niemals bei Vorwürfen dieser Größenklasse einen Cent darauf geben, was direkt Beteiligte oder Mitwisser an Distanzierungen im ersten Moment so alles von sich geben. Ich habe oben im Fließtext einen Artikel von USA Today aus den Tagen vor Superbowl 44 verlinkt, wo Darren Sharper sich begeistert über die Machenschaften von Gregg Williams äußert.

  6. Re: Korsakoff
    Die Aussagen über Jon Vilma (10.000 Dollar für B. Favre) können aber auch nur von einem Teammitglied stammen. Also steht in diesem Fall Aussage gegen Aussage.
    Fakt ist aber auch, dass die Hits gegen K. Warner und B. Farve alle Regelkonform waren. Was ja sowohl B. Favre als auch K. Warner selbst zugegeben haben.
    Ganz abgesehen davon, dass Favre sowieso eine ganz eigene Meinung zu diesem Thema hat:
    „Mich juckt das nicht. Das ist Football. Ich halte jetzt nicht weniger von den Jungs“

  7. Re: Leistung:
    Vielleicht sehe ich zu wenig ESPN, aber bis jetzt werde ich in der Berichterstattung nicht erschlagen mit „ohne bounties hätten sie nie irgendwas gewonnen“.

    Insgesamt halte ich das auch alles für recht unspektakulär, das wird jetzt alles seinen vorhersehbaren Gang gehen:
    Ja, früher haben das alle gemacht.
    Ja, heute machen das immer noch einige.
    Ja, das wissen auch alle.
    Goodell tut alles für Player Safety. Und ja, das ist auch richtig so.
    Die Saints werden böse bestraft, nicht unter 500 000 Taler und mindestens ein 1st-rd pick.
    Dann ist die ganze Liga eingeordnet und wieder ein wenig sicherer geworden. (Ob auch unspektakulärer oder „weicher“ mag dann jeder für sich entscheiden).

  8. Ich bin in diesem testosterongeschwängerten Spiel nicht das repräsentativste Mitglied, aber nur mal für mich gesprochen kann ich sehr gut ohne krachende Helme und verzögerte Abschüsse leben, ohne dass das Spiel auf mich seinen durchaus vorhandenen Reiz verliert. So spektakulär ist das nicht, wenn in jedem Spiel drei Halbtote abtransportiert werden, deswegen fünf zusätzliche Werbebreaks geschaltet werden und diese bangen Minuten…

    Roger Goodell hat ja durchaus seine eigenen Ansichten vom Leben, aber die Versuche, diesen Sport sicherer zu machen, sind lobenswert. Es ist an der Zeit, Themen wie die viel schwereren Ausrüstungen der Spieler im Vergleich zu früher zu thematisieren, die immer kräftigeren Athleten, das Doping, durch all das die wirkenden Kollisionskräfte immer stärker geworden sind. Da ist es richtig und löblich, Praktiken wie Pay for Hitting dirty auffliegen zu lassen und wenn möglich hart genug zu bestrafen (500k ist indiskutabel zu wenig).

  9. @Seminole: agree.
    @Jernel: ja, verstößt auch gegen Salary-Cap-Regeln (da Williams auch Geld aus seiner eigenen Tasche reingehauen hat)

  10. Was verstehst du nicht? Ich bin mir sicher es gibt fast nichts was dir hier nicht erklärt werden kann zu diesem Thema 😉

  11. Hätte selbst mal eine Frage zum Thema „Franchise Tag“: Wieso vergeben so viele Teams (Tampa Bay, Jacksonville, Denver, Cleveland und Cincinnati) ihr Franchise Tag an ihren Kicker? Diese bekommen damit (im Falle der „Nicht-Einigung) ca. 2,6 Mio/Jahr!
    was mir extrem viel erscheint für diese Position… und damit doch unnötig viel Platz im Salary Cap eines Teams benötigt…

  12. 2.6 Mille wär mir jeder Kicker wert wenn er die Nerven hat wie Adam Vinatieri und damit einen Superbowl gewinnt (wie in New England)

    Wie wichtig ein guter Kicker ist der sowohl Nerven als auch Eier mitbringt weiß man ja spätestens seit dem Ravens – Patriots Conference Championship Game

  13. @Chewie16: Ein guter Kicker ist unter Umständen mehr wert als ein guter, sagen wir, Linebacker, der auch noch das Dreifache kostet. In einer Liga, in der etwas mehr als ein Fünftel der Spiele von 3 oder weniger Punkten Differenz entschieden wird, würde ich jede Anstrengung unternehmen, um einen möglichst zuverlässigen Kicker zu haben bzw. zu halten.

  14. Hmm, seh ich jetzt anders, hab allerdings auch nicht so viel Erfahrung im bezug darauf…
    Aber war es z.B wirklich ein Fehler von den Eagles „David Akers“ (Ich weiß, er hat groß aufgegeigt bei den 49ers… aber ich meine mich erinnern zu können, das das auch hier gesagt wurde: systembegünstigt!) ziehen zu lassen und den Rookie „Alex Henery“ als Kicker zu etablieren… der jetzt spottbillig ist in seinem Rookie-Vertrag (2011: ca. 500 000$/y, 2012: ca. 600 000$/y) und trotzdem beeindruckende Statistiken geliefert hat: XP FGM 24/27. Ergibt sogar eine bessere Quote als Akers hat…
    Akers Cap Hit übrigens: ca. 2011 1,9 Mio/y, ca. 2012/2013 3,5Mio/y

    Der andere Kicker-Rookie: Dan Bailey hat auch sehr gute Statistiken…(im vgl besser als Akers^^) Ausgenommen in den Field Goals mit 50+ Yards und beim Kickoff mit Touchbacks. Da hat Akers natürlich gigantische Zahlen geliefert: 7/9 und ca. 50%

    (Alles nur auf RegularSeason bezogen)

  15. Gibt es jedes Jahr so viele (gute) Kicker in der Draft, das jedes Team diesen Weg gehen kann?

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