Die zweite Reihe: Jeff Saturday

[In der Serie „Die zweite Reihe“ werden Spieler, Trainer und Taktiken vorgestellt, die für den Erfolg einer Mannschaft essentiell sind, aber nicht im Rampenlicht stehen. In Teil 1 war Jets´ Safety Jim Leonhard dran, in Teil 2 New York Giants´ Offensive Coordinator Kevin Gilbride. Für Teil 3 tritt heute Jeff Saturday, Center der Indianapolis Colts, aus der zweiten Reihe ins erste Glied.]

Jeff Saturday ist so etwas wie der Poster Boy für die Stars aus der zweiten Reihe. Kaum jemand wird von Spielern anderer Mannschaften, Liga-Offiziellen und sogar Management-Verantwortlichen anderer Teams derart respektiert wie der Vorzeigeprofi der Indianapolis Colts. Immer mal wieder wird er kurz ins Rampenlicht gezerrt; entweder, wenn es um die einzigartige Karriere von Peyton Manning geht oder wenn es um die Rolle geht, die er im Verhandlungsmarathon zur Beendigung des letztjährigen Lockouts gespielt hat.

Elektriker statt NFL

Jeff Saturday stammt aus einem der amerikanischen Football-Zentren: Georgia. In Atlanta wurde er 1975 geboren, in Atlanta besuchte er auch die High School. Im benachbarten North Carolina besuchter er das College und war drei Jahre lang Starting Center der Tar Heels. Obwohl er in mehrere All-ACC-Teams gewählt wurde, blieb er bei der NFL Draft 1998 unberücksichtigt. Wie so oft beim Übergang guter College-Spieler zu den Profis machen die physischen Voraussetzungen den spielerischen Qualitäten einen Strich durch die Rechnung – zumindest in den Augen vieler Scouts -; Saturday war einfach zu klein mit seinen 1,87m. Die Baltimore Ravens gaben ihm eine Chance, aber nach nur sieben Wochen im Frühling war er schon wieder raus aus der NFL. Das nächste halbe Jahr, bis zum Januar 1999, verdingte er sich in Raleigh, North Carolina, in einem Elektronikfachmarkt.

Saturday wurde während seiner College-Zeit von den Colts gescoutet. Was sie mochten waren seine Intangibles und Technik, was sie nicht mochten – seine Physis. Anfang 1999 aber gab Indys legendärer Offensive Line Coach Howard Mudd Saturday eine Chance und er sollte sie nutzen. Nach zwei Starts in seiner ersten Colts-Saison 1999 wurde er zu Beginn der Saison 2000 Starting Center und blieb dies bis heute. Schnell hat sich zwischen ihm und Peyton Manning eine Beziehung entwickelt wie zwischen Golfer und Caddy. Sie stehen auf dem Spielfeld hintereinander, im Huddle nebeneinander, in der Umkleide sitzen sie nebeneinander und im Flugzeug auch. Sie haben sich gesucht und gefunden.

Jeff und Peyton

Auf dem Feld sind sie so eingespielt wie Michael Jordan und Scottie Pippen. Während Peyton seine Rumhampeleien veranstaltet, die Defense ausguckt und seinen potentiellen Paßempfängern erklärt, was sie zu tun haben, macht Saturday die Protection Calls. Er koordiniert die Offensive Line, bestimmt, wer wen blockt und wer für was verantwortlich ist, damit sein QB sich in Ruhe um seine Dinge kümmern kann.

Dieses Zusammenspiel haben die beiden bis zur Perfektion getrieben. Jahr für Jahr geben die Colts mit die wenigsten Sacks aller NFL-Teams ab. Zwischen 2004 und ´06 sogar die allerwenigsten. Das hat kaum mit der Qualität der vier Nebenleute von Saturday zu tun, denn bis auf den hochkarätigen Left Tacke Tarik Glenn haben dort nur Lückenfüller gespielt. Ein Erfolgsfaktor ist die herausragende Pocket Awareness von Manning und der andere die lehrbuchmäßige Arbeit, die Saturday Sonntag für Sonntag abgeliefert hat. Dabei stand er kaum je im Spotlight, sondern immer im riesigen Schatten Mannings und auch im typischen Center-Schatten – wer interessiert sich schon für Center?

Den Auguren und Experten war er immer schon ein Begriff. Bei ProFootballFocus (die sich auch und gerade für OLiner interessieren) ist er seit jeher eine Hausnummer. Nach PFF war er 2011 der fünfbeste Center der Liga. Auch in den Jahren zuvor wurde er immer als Vorbild für gutes Center-Spiel angepriesen. Gregg Easterbrook, der die immer noch lesenswerte Tuesday-Morning-Quarterback-Kolumne auf ESPN´s Page 2 schreibt, hat ihn 2006 zu seinem MVP ernannt. Und das vor dem wohl legendärsten Spiel in der Geschichte der Indianapolis Colts – dem 2006 AFC Championship Game.

An diesem 21. Januar konnten Peyton Manning, Jeff Saturday, Head Coach Tony Dungy und der Rest der Colts ihr Brady/Belichick/Patriots-Trauma überwinden, nachdem sie in den Playoffs 2003 und 2004 sowie einige Male in der Regular Season gegen die Mannschaft verloren haben, mit der zusammen sie die großartigste NFL-Rivalität des neuen Jahrtausend begründeten. Saturday spielte dabei – wie immer – eine wichtige Rolle, aber dieses mal konnte man sie sogar auf dem Spielberichtsbogen sehen. In diesem AFC Championship Game 2006, bei 21-28-Rückstand zu Beginn der vierten Viertels fumblet Running Back Dominic Rhodes den Ball an New Englands 1-Yard-Linie, aber Saturday erobert den Ball in der Endzone zum Ausgleich. Dann im letzten Drive, Indy liegt mit drei Punkten hinten, schleudert Saturday Patriots Nose Tackle Vince Wilfork dermaßen zu Boden, daß RB Joseph Addai problemlos zum siegbringenden Touchdown in die Endzone spazieren kann. Manning wird diese Aktion später als „The Block“ bezeichnen und ihn damit in eine Reihe mit The Drive und The Catch stellen. Am Ende der Saison 2006 steht Saturdays erster und einziger Super Bowl Triumph.

Die späten Jahre und NFLPA

Auch in den Jahren 2007 bis 2010 gehören die Colts auch dank Saturday mit zum Besten, was die Liga zu bieten hat. 2009 hat man nach 14 Siegen zu Saisonbeginn sogar die Chance auf eine Perfect Season, die den neuen Head Coach Jim Caldwell aber nicht im Geringsten interessiert. So verliert man mit der B-Mannschaft in Woche 16 gegen die Jets unter deren neuen HC Rex Ryan. Ebenjene Jets schlägt man dann zwar im kommenden AFC Championship Game, aber die New Orleans Saints verwehren den Colts den zweiten Ring. 2010 hat Rex Ryan dann in den Playoffs das erste Mal in seinem Leben ein Mittel gegen Peyton gefunden, nachdem dieser ihm während seiner Jahre in Baltimore und dann auch in New York so große Kopfzerbrechen bereitete, daß Ryan ein ums andere Mal für ihn völlig uncharakteristisch jemanden voller Respekt in den Himmel hob. Dieses Spiel in der Wild-Card-Runde, eine 16-17-Niederlage, war bis zum heutigen Tage das letzte, daß Peyton Manning und Jeff Saturday zusammen beschritten.

Auch außerhalb des Platzes hat Saturday in den letzten Jahren von sich reden gemacht. Seit 2008 ist Saturday gewähltes Mitglied des Executive Committees der Spielergewerkschaft NFLPA. Im Frühjahr und Sommer 2011, als ob des Lockouts in der NFL der Ausnahmezustand herrschte, hat Saturday bei den Verhandlungen eine herausragendende Stellung eingenommen. Wie wichtig er dabei war, zeigte sich vor allem nach der Einigung, als er mit – ausgerechnet – Patriots-Owner Robert Kraft vor die Kameras trat und die beiden sich gegenseitig für ihren Anteil an dem neuen CBA lobten. Nur wenige Tage vorher verstarb Krafts langjährige Ehefrau Myra und der tiefgläubige Saturday fand dabei die richtigen Worten, woraufhin dieses berühmte Photo entstand.

Zur Zeit wird allerorten darüber spekuliert, ob Peyton Manning WR Reggie Wayne im Schlepptau haben wird, wenn seinen nächsten Arbeitsplatz antreten wird. Komischerweise wird kaum darüber gemunkelt, ob er nicht auch den wichtigsten Mann aus seiner Offensive Line mitnehmen wird, zumindest für ein oder zwei Jahre. Dem Vernehmen nach trainiert Saturday, der Free Agent ist, derzeit irgendwo und trifft seine Entscheidung, ob er sich aus dem aktiven Sport zurückzieht oder ob er auf seine 197 NFL-Spiele noch einige draufpackt. Die Chancen stehen wohl 50/50. Fest steht aber, daß sich einige Teams, allen voran die Colts, sehr gut vorstellen können, Saturday einen Job in ihrem Front Office zu geben. So oder so wird er der NFL auf jeden Fall erhalten bleiben.