Bayern vor dem Frühling 2012

Nach mehreren notgedrungenen Absagen kann ich heute Abend nach elendig langer Zeit wieder ein Bayern-Heimspiel in der Allianz Arena besuchen. Beim letzten Mal saß noch das taufrische Meistercoach Van Gaal auf der Bank und die Hoffnungen auf ein endlich längerfristiges Bayern-Konzept waren noch intakt. Eineinhalb Jahre später ist klar: Bayern hat des internen Hausfriedens zuliebe zwei Schritte rückwärts gemacht. Heute Abend riskiert der FCB, gegen den FCB rauszufliegen.

Dabei fand ich Bayern über die letzten Wochen nie so unterirdisch, wie man die Mannschaft quer durch die Blogosphäre redete. Was aber vor allem im Hinspiel in Basel auffiel: Wenig Dynamik im Offensivspiel und eklatantes Fehlen von eingelernten Spielzügen. Wenn du gegen eine nicht sattelfeste Schweizer Abwehr acht von zehnmal mit dem wenig probaten Mittel „Flanke auf Gomez“ operieren musst, wird es allerdings Zeit, deine Spielanlage zu überdenken.

Vor ziemlich genau einem Jahr versuchte Van Gaal verzweifelt per Personalrochaden, Schwung in die verwaiste Mittelfeldzentrale zu bringen, um dem streckenweise brillanten Passspiel im Offensivspiel zu helfen. Heute versucht Heynckes sich immer mal wieder des etwas rudimentäreren Mittels des starken Offensivpressings, den Gegner unter Druck zu setzen. Etwas, das phasenweise klappt, wie in der zweiten Halbzeit in Basel, als Bayern den Gegner locker unter Kontrolle hatte.

Aber das Zusammenspiel wirkt in sich nicht stimmig. Ein Weltklassedribbler wie Ribéry ist zu häufig isoliert. Optisch vermittelt die Mannschaft trotz gelegentlich eingestreuter großartiger Phasen den Eindruck von Stückwerk. Der Fluss im Spiel wird gegen dichter gestaffelte Gegner immer wieder abgewürgt durch zu wenig Bewegung der einzelnen Offensivkomponenten – weil keiner weiß, was er machen soll? Oder sind es nur die so häufig auftretenden Zeichen von Wachstumsschwierigkeiten?

Heynckes’ letzte Trainerstationen lassen ersteres befürchten und das macht die Allianz Hoeneß/Heynckes spannend. Wird Hoeneß in alte Verhaltensmechanismen zurückfallen und seinen Kumpel nach zwei-drei weiteren Niederlagen rasieren? Andeutungen dieser Mechanismen ließen sich zuletzt aus der Rhetorik ableiten, die sachte am Trainerstuhl rüttelte. Dann kam der Kantersieg vom Samstag.

Auf der anderen bedient man sich nach jedem erneuten Tiefschlag einer Trotzreaktion-Rhetorik, die sich bei diesem Kadergefüge als Griff in den Gully zu erweisen scheint. Man lasse sich durch den Kantersieg gegen die vogelwilde Hoffenheimer Verteidigung (noch) nicht das Gegenteil aufschwatzen.

Anyway. Die Resignation beim Gedanken an den nonexistenten Innovationstrieb in der Führungsetage des FC Bayern ist nachvollziehbar. Selbst ein Ausscheiden heute Nacht wird daran – also an den begrenzten Innovationsfreude der Bayern – nur wenig ändern. Bleibt also heute wie längerfristig das Hoffen auf die lichten Momente.