Tampa Bay Buccaneers in der Sezierstunde

Große Enttäuschung während der Regular Season, aber ein aktiver Player in den ersten Stunden der Free Agency 2012: Die Tampa Bay Buccaneers. Das hatte man nach Jahren der Passivität auf dem Markt gar nicht mehr erwartet. Dabei war das Drehen an einigen Stellschrauben dringende Notwendigkeit, nach einer selten schlimmen Saison für die Buccs.

Null Siege mit mehr als einem Touchdown Differenz, dafür haufenweise Blowout-Pleiten. Pythagoreische Erwartung von 3.2 Siegen. Junges Team, das nicht mehr auf seinen Trainer horchte. Junger Chefcoach mit realitätsfernem Selbstbild („Wir werden nächstes Jahr aufhorchen lassen“).

Der sympathische Raheem Morris war dann auch wenige Stunden nach Ende der Saison gegangen; bei der Suche nach dem Nachfolger hinterließen die Buccs einen eher peinlichen Eindruck, interviewten alles, was nicht bei drei auf dem Baum war, nur um am Ende mit Greg Schiano von Rutgers einen Mann zu präsentieren, der eher als Billiglösung aufgefasst werden kann und aufgrund seiner umstrittenen Vergangenheit als eher windiger Typ von Mensch des Weges kommt.

Schiano, ein Mann mit nicht allzu viel NFL-Erfahrung, übernimmt eine unerfahrene Mannschaft mit mehreren Baustellen. Die allergrößte ist die Defense, deren Statistiken so aussehen:

Punkte/Spiel      30.9   #32
Punkte/Drive       2.6   #32
Yards/PT          12.8   #31
Y/A                6.3   #32
Y/Pass             7.6   #31
Y/Lauf             5.0   #31

Um das in Relation zu setzen: Obwohl man die fünftwenigsten Drives gegen sich ausgespielt sah, kassierte man die mit massivem Abstand meisten Punkte in der NFL (45 mehr als die Vikes, die fünf Drives mehr gegen sich sahen). Letzter oder Vorletzter in allen Effizienzmessungen.

Auf der anderen Seite war die Offense annehmbar, schoss sich jedoch zu häufig ins eigene Knie. Besonders hervor tat sich dabei der Quarterback, von dem ich getragene und noch ungewaschene Unterhosen in meinem Schrein aufbewahre: Der famose Josh Freeman, der es zustande brachte, 22 Interceptions in 551 Würfen zu produzieren. Man muss fast befürchten, dass Freeman nur ein weiterer Quarterback ist, dessen Interception-Quote wild fluktuiert:

2009    6.2%
2010    1.3%
2011    4.0%

Diese vielen Turnovers sind auch der Grund, warum Tampas Angriff trotz durchschnittlicher Statistiken nahe dem NFL-Bodensatz klassiert ist, was erzielte Punkte angeht (287 an der Zahl, #27).

Die Lücken in der Offense

Als größte Schwäche kann die Offensive Line ausgemacht werden, wo vor allem der RT Jeremy Trueblood schwer unter Beschuss steht. Die Innenseite wurde mit dem hochgelobten Guard Carl Nicks vom Divisionskonkurrenten New Orleans verstärkt.

Was abseits davon noch fehlte: Ein Wide Receiver. Der neue Stern an Bord ist der hünenhaft gewachsene Vincent Jackson, ein deep threat vor dem Herrn mit relativ geringer Anfälligkeit für Drops. Jackson ist ein ähnlicher Typus Spieler wie der junge, zuletzt enttäuschende Buccs-WR Mike Williams. Ob die beiden in ihrer Spielweise so brillant harmonieren, bleibt abzuwarten. Auf alle Fälle kann man davon ausgehen, dass ein weiterer Mann für den/die/das Slot gesucht wird. Abzuwarten bleibt, wohin die Reise für den athletischen, aber teuren TE Kellen Winslow jr. gehen wird – einige Indikatoren deuteten auf Abgang hin.

Und dann ist da das Laufspiel, wo der Mann mit dem geradlinigen Weg voraus, RB LeGarrette Blount, zwar Hits verteilen kann, jedoch als Blocker und Receiver nicht ernst genommen wird. Solch eindimensionale Backs sieht man eher als Auslaufmodell an; ob die Buccaneers mit ihrem hohen Pick den hochgejazzten RB Richardson draften werden?

Die Lücken in der Defense

Ich wäre skeptisch. Die größten Löcher haben die Buccs schließlich im Abwehrbereich. Die Defensive Line wurde in den vergangenen Jahren zwar massiv via Draft gebaut und sollte wenigstens in Ansätzen höheren Ansprüchen genügen, aber die vermeintlichen Superstars DT McCoy und DE Bowers verbringen mehr Zeit als gewünscht im Krankenstand und in Sachen Kadertiefe bewegt man sich eher in seichten Gewässern.

Richtige Waale tun sich in der Back-7 auf, wo jeder Spieler als austauschbar gilt – vielleicht auch der alternde Routinier CB Ronde Barber, das letzte Überbleibsel der Meistermannschaft von 2002/03, der mit Mitte 30 noch ein letzte Jahr NFL anhängen möchte. CB Aqib Talib gilt als Knalltüte, der jeden Moment die Einknastung riskiert, während S Tanard Jackson allzu sehr dem Gras verfallen sein soll und sämtliche Alternativen als wandelnde Risikoquellen durch die Gegend stapfen. Mit dem aufstrebenden CB Eric Wright hat man eine Abhilfe geschaffen; womöglich kommt via Draft noch der eine oder andere große Name hinzu.

Ausblick

Ich vermag Schiano nicht so recht einzuschätzen. Er galt stets als exzellenter Recruiter, aber haargenau diese Fähigkeit wird in der NFL eher wertlos sein. Schiano hat einen immer noch jungen Kern beisammen und ich habe trotz der Turnovers eine hohe Meinung vom Quarterback, aber der Kader hat, wie schon im Sommer auseinandergenommen, entsprechend viele Lücken. Man kann davon ausgehen, dass sich die Buccs mit ihrem hohen Draftpick entweder eines Cornerbacks oder Wide Receivers bedienen und generell versuchen werden, billige Linebackers und weitere Defensive Backs zu verpflichten.