Kansas City Chiefs in der Sezierstunde

Wenig überraschend fielen die Kansas City Chiefs in dieser Saison auf den letzten Platz in der AFC West zurück. Die Endbilanz von „7-9“ ist am Ende sogar noch massiv geschönt durch selbstzerstörerische Gegner (Rivers!), schwachen Schedule und schwache Division – nach pythagoreischer Erwartung hätten es ganze 4,1 Siege sein dürfen.

Nur eine Mannschaft erzielte weniger Punkte als die 212 der Chiefs. Nur eine Mannschaft hatte größere Nachteile allein durch die schlechte Feldposition (man startete im direkten Duell durchschnittlich 6.8yds weiter hinten als die Gegner) – und das bei einer Offense, die mit 4.9yds/Play nur die 26-meisten Yards zurücklegte. Folgerichtig musste der umstrittene HeadCoach Todd Haley dann auch bereits während der Saison gehen.

Die Nachfolge wurde intern gelöst: Romeo Crennels Beförderung ruft bei mir ambivalente Gefühle hervor. Einerseits würde ich es Crennel ja wirklich mal vergönnen, aber seine Vergangenheit lässt befürchten, dass die Chiefs spätestens nach der nächsten Niederlagenserie zu einem disziplinlosen Haufen voller interner Reibereien verkommen. Daher verwundert es, dass ein Disziplin-Nazi wie Pioli auf den eher laxen Crennel setzt. Ist es, wie man es Pioli nachsagt, das Bestreben danach, möglichst wenig Macht mit einem gestärkten Head Coach teilen zu müssen?


Man sollte bei allen Schlechtigkeiten nicht am unglaublichen Verletzungspech der Chiefs vorbeidiskutieren: Die jungen S Eric „fifth dimension“ Berry und TE Tony Moeaki schafften es nichtmal zum Season Opener. Der explosivste und optisch ansprechendste Running Back der NFL, Jamaal Charles, ging gleich im ersten oder zweiten Spiel flöten. QB Matt Cassell, ein unterdurchschnittlicher, aber nicht unterirdischer Mann, folgte ein paar Wochen später. Die Saison musste von Konsorten wie QB Palko (5.9yds/Passversuch, 1 INT pro 20 Würfe) oder RB Jones (3.1yds/Lauf und immer noch mit 153 Carries!!) gerettet werden, was völlig überraschend aussichtsloses Unterfangen war. So blieb das Highlight einer verkorksten Saison dieser unglaubliche, einzigartige Catch von Rookie-WR Jon Baldwin:

Freilich zählte die Aktion dann auch aufgrund einer Strafe nicht. Und Baldwin, der Erstrundenpick 2011, brachte sich abseits davon nur mit Wortgefechten und Schlägereien im Training ein und hatte schnell sämtliche arrivierten Spieler gegen sich aufgebracht.

Das überzeugendste an den Chiefs in war die Passverteidigung (#20) gegen einen mäßigen Schedule, bei 4.4% INT-Quote (#2). Dumm daran: Letztere Statistik ist bekanntlich recht volatil und unterliegt für gewöhnlich dem Phänomen „regression towards the mean“.


Die Chiefs überlegten eine zeitlang, QB Matt Cassell zu ersetzen. Überrascht? Nun, sehen wir uns Cassells Saisonen in Kansas City an:

Jahr  Comp.%   NY/A   TD  INT
2009    55.0    5.0   16   16
2010    58.2    6.2   27    7
2011    59.5    5.5   10    9

Eine plötzliche Explosion Cassells wäre angesichts dieser Zahlen nichts anderes als eine Sensation. Einen richtig vertrauenswürdigen Backup gibt es für die Chiefs noch nicht – es sei, denn man baut auf den jungen Rick Stanzi von Iowa.

Weil man also weiterhin auf Gedeih und Verderb auf die Dienste Cassells angewiesen sein dürfte, richtet sich der Fokus im Angriff auf die Offensive Line, wo mit RT Barry Richardson einer der unisono anerkannt schwächsten Tackles in der NFL spielt (um mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit „nicht mehr spielen wird“ zu ergänzen). Der junge Asamoah soll Richardson ergänzen können, während der ehemalige FSU-Guard Rod Hudson nach Wiegmanns Abgang als Nachwuchs-Center aufgebaut werden soll.

Wie man erwarten durfte, blieb die Position der Running Backs nicht unangefochten. Der spektakuläre Charles kommt von einer Verletzung zurück und wird mit dem brachialen Peyton Hillis einen neuen Nebenmann bekommen, nachdem Thomas Jones über Jahre schlimme Zahlen lieferte. Bei den Ballfängern sah man nicht mehr an der ellenlangen Verletzungshistorie Moeakis vorbei und kaufte sich den in Oakland rausgeworfenen Kevin Boss ein.

Und natürlich gilt es ein Auge auf den neuen OffCoord Brian Daboll zu werfen, dessen Zeit in Miami Gruseliges befürchten lässt.


In der Defense ist der Schützengraben das Problem: NT Kelly Gregg gilt als solide, aber nicht wirklich prototypischer Athlet. DE Tyson Jackson soll auch im dritten Jahr keinen Fortschritt gemacht haben und schleppt einen Multimillionenvertrag mit sich. DE Gilberry ist als situativ einsetzbarer Pass Rush-Spezialist vor dem Absprung. Es werden bereits Wetten abgeschlossen, dass Kansas City hier via Draft massiv nachbessern wird.

„Dahinter“ sieht es so übel nicht aus: Ein junger Kern an teilweise fantastischen Athleten wie OLB Tamba Hali, CB Brandon Flowers oder S Eric Berry wurde ergänzt mit dem in Oakland aus Gehaltsgründen gefeuerten CB Stanford Routt, während allerdings der als talentiert angesehene CB Carr die Chiefs verließ.


Die Chiefs stellen auch nach drei Jahren immer noch ein recht junges, hoffnungsvolles Team, das mit etwas weniger Verletzungspech in der nicht gerade als Power Division mitreden dürfte. Allerdings erweist sich IMHO die Quarterback-Position immer mehr als das große Fragezeichen, trotz eines QB-Coaches wie Zorn. Ich würde nicht ausschließen, dass die Chiefs in einer Art Überreaktion einen Mann wie Tannehill draften, auch wenn man eher dazu tendieren dürfte, die Defense Line als Hauptproblem anzusehen.