Six Years Later

Football Outsiders, die falsch verstandene Footballseite, hat den nächsten Teil eines alljährlichen Tradition veröffentlicht – jener Tradition, die mich vor Jahren via Google nicht nur zu „Football Outsiders“ brachte, sondern generell zu „Football and outside thinking“ und diesmal in der Serie „Six Years Later“ auf den NFL-Draft 2006 zurückgeschaut. 2006, das war der bis heute lauteste Draft, den ich miterlebte. Er schrie.

Es war das Jahr, als das NFL Network in die Draft-Berichterstattung einstieg und aus den Tiefen des amerikanischen Fernsehens Draft-Halbgott Weiterlesen

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Brauchen wir die 18-Spiele-Saison? Eine andere Perspektive

Ich will keine NFL-Saison mit 18 Spielen in der Regular Season. Und als ich das Milan-Barca-Spiel gesehen habe, kam mir auch endlich der Gedanke, warum ich das nicht will. Es wird im Folgenden sehr persönlich, was mir ansonsten gar nicht behagt.

Ich schreibe über Football am liebsten unpersönlich. Wie auch der Kollege korsakoff bevorzuge ich (mehr oder weniger) tiefgehende strategische Analysen, eine Auseinandersetzung mit Xs and Os, die möglichst sophisticated ist und auch mag ich gesichtslose Statistiken – wenn auch ich eine andere Beziehung zu Statistiken habe als korsa. Aber jetzt, beim Thema 18 Spiele oder nicht 18 Spiele, möchte ich einmal persönlich werden.

Auch wenn ich nichts lieber sehe als American Football und auch wenn es nichts gibt, für das ich auch um halb vier nachts noch wachbleibe – so gibt es es doch auch bei mir eine Grenze. (Es wird in all meinen Beiträgen bis Silvester kumuliert nicht mehr so oft das „ich“ auftauchen – versprochen). Diese Grenze wird gesetzt von den vielen anderen Sportarten und – events, die ich unbedingt sehen will. Und das beschränkt sich nicht nur auf das Anschauen der Events selber, sondern auch auf eine ausführliche Vorbereitung, eine ausführliche Begleitung und eine umfassende Nachbereitung.

Es muß der Weltgeist, in seiner unnachahmlichen Einzigartigkeit, gewesen sein, der einen Sportkalender zusammengezimmert hat, der für einen TV-Sport-Verrückten (TM allesaussersport.com, für jemanden wie mich unverzichtbar) ein Paradies neben dem (und doch gleichzeitig im) Alltag geschaffen hat, daß für mehr als fünfeinhalb Monate Football einfach keine Zeit bleibt.

Es sind zwei Komplexe, die mich zum Gegner einer Regular Season mit 18 Spielen machen.

1) Während der NFL-Saison sauge ich so viel als nur irgend möglich in mich auf. Ich schaue meistens vier oder fünf Spiele pro Woche, in der Regel in den Nächten zwischen Sonntag und Montag beziehungsweise Montag und Dienstag. Die Spiele ziehe ich mir als Aufzeichnung rein, weil ich so, ohne Werbung, ein Spiel in 2 bis 2,5 Stunden sehen kann statt in 3,5. Der Nachteil dabei ist natürlich, daß ich von Sonntag 19.00Uhr bis Dienstag morgen keinen freien Zugang zum großen Internet habe, da dort alles voller Spoiler ist für Leute wie mich, die keine Live-Spiele gucken.

Anschließend verbringe ich die Zeit von Dienstag abend bis Sonntag mittag damit, die gesehenen – und vor allem die nicht gesehenen – Spiele aufzuarbeiten und möglichst gute Analyse zu bekommen und mich anschließend auf die nächste Woche vorzubereiten. Und eben auch hier darüber zu schreiben.

2) Es gibt außerhalb der Footballsaison einfach zu viele Sportevents, die ich auch intensiv verfolgen möchte. Nicht so intensiv wie Football, aber doch bringt es viel Zeitaufwand mit sich. (Es kommt natürlich nicht einfach so über mich, sondern ich will viel Zeit darauf verwenden.)

Hier kommen wir zum Ausgangspunkt des Champions League Spiels und dem Sportkalender zurück. Wie gesagt, ich bin ein (TV-)Sport-Verrückter. Fangen wir der Einfachheit halber (fast) genau jetzt an. Im März ist College-Basketball – March Madness. Bis zum Tournament habe ich meistens kein College-Basketball-Spiel gesehen, aber doch ist vor allem das erste March-Madness-Wochenende ein Event wie keines sonst. So viel Sport, so viel Kampf, so viel Triumph, so viel Schweiß, so viel Glückseligkeit und so viel Enttäuschung auf einem Fleck, an einem Wochenende, ist einzigartig. Das zieht sich dann bis Anfang April. Dort sind wir jetzt.

Da haben wir nun das Viertelfinale der Champions League einerseits (Bayern ist noch drin! Die iberischen Schönspieler gegen die Treter aus Italien!) und nun auch noch das Masters andererseits. Golf mag nicht viele interessieren, mich auch nicht. Aber das Masters auf dem wunderschönen Platz in Augusta mit der unaufgeregten Stimme von Jim Nantz bei dem schönen Frühlingswetter in Georgia – wie kann man das nicht schön finden? Vor allem, wenn man dann auch noch die Tiger-Comeback-Story dabei im Gepäck hat.

Der restliche April ist dann gefüllt mit englischen Fußballwochen in der Bundesliga und dem Halbfinale in der Champions League. Anschließend – im Mai – geht es Schlag auf Schlag: Bundesliga-, DFB-Pokal- und Champions-League-Finale und auch noch ein ganz neuer Player: die Playoffs in der NBA. Wie auch beim College Basketball ist es hier so, daß ich vorher kaum ein Spiel gesehen habe. Aber das Drama ist nicht weniger fesselnd: der No.8-Seed in einem Spiel 6 gegen den Topfavoriten; LeBron James und seine Bagage strauchelt gegen (noch) jüngere Up-and-comer, die sich die Seele aus dem Leib spielen; die Opas von San Antonio blasen zum letzten Halali und ein Upset in der ersten Runde ist garantiert.

So gehen wir in den Juni, wo uns in diesem Jahr nicht nur die NBA-Finals, sondern auch die Fußball-EM erwarten. Eine EM ist noch viel besser als eine WM, weil die Dichte an Weltklasse einmalig ist. Und ganz nebenbei haben wir als Football-Fans im März, April und Mai auch die volle Packung Free Agency und Draft-Dauerbeschallung mitgemacht.

Im Juni und Juli gibt es auch ohne EM keine Pause für echte Sportverrückte: es warten Wimbledon und Tour de France. Ebenso wie das Masters im Golf sind auch diese beiden Veranstaltungen absolut sehenswerte Highlights für Freaks, die die betreffenden Sportarten sonst nicht weiter verfolgen. Auch wenn man das für verrückt hält, aber eine Wimbledon-Partie von Roger Federer oder gar ein Halbfinale Djoker-Nadal halten mich immer wieder von einem sonnigen Nachmittag im Park ab. Wenn dann auch noch „Georgeous Görges“ oder eine andere deutsche Überraschung in die zweite Woche kommt, ist bei mir alles aus. Und ja: ich gucke immer noch Le Tour. Mittlerweile kenne ich jede Kehre am Col de Madeleine, l´Alpe D´Huez und am Tourmalet. Es mag pervers klingen, aber es gibt nichts schöneres, als um ihr Leben kämpfende Hochleistungssportler am alles entscheidenden Anstieg im direkten Kampf zu sehen.

Im Juli mache ich dann Urlaub vom Sportgucken – wenn nicht auch noch die Olympischen Spiele anstehen. Wie auch beim Basketball, Golf oder Tennis ist es auch hier so: bei diesem einen Event will ich Leichtathletik sehen. Ich will Usain Bolt sehen, der alle Rekorde bricht. Ich will den deutschen Diskuswerfer, die Speerwerferin und die Überraschung-Staffel über 400 Meter sehen. Den Zweikampf bei den Hochspringerinnen und den Weltrekord beim Stabhochsprung auf der größten Bühne des Sports. Und die Siebenkämpferin, die früher auf meiner Schule war. (Ich war auf einer sogenannten Eliteschule des Sports. Bei mir war´s keine Elite, bei einigen anderen schon.) Ich will Leute sehen, die geschafft haben, zu was ich niemals in der Lage war.

Immer noch mehr Leistung sehen wollen, immer noch mehr Kampf und immer noch mehr zerstörte Karrieren und immer noch außergewöhnlichere Leistungen sehen wollen: ist das pervers oder zynisch? Vielleicht. Bestimmt sogar. Aber es geht hier um die Footballsaison.

Nun sind wir schon im August und da ist die Saisonvorbereitung in vollem Gange. Wir schreiben hier Previews und analysieren jeden Kader bis ins letzte Glied und Preseason-Games sehen wir auch schon. Der Football hat uns wieder. Aber nicht nur der Football. Denn im Winter schaue ich auch Biathlon und auch ein bißchen Ski Alpin und vorher ist auch schon wieder Bundesliga und – ich habe keine Zeit, noch mehr Football zu schauen und zu analysieren. Es gibt einfach keine Zeit, noch mehr Football zu senden und zu sehen. Football ist (auch) so großartig, weil man ihn nicht das ganze Jahr über hat. Die NFL ist die perfekte Mischung aus einem (relativ) kurzen Highlight mit einer besonders hohen Intensität (bei mir zumindest). Ich will nicht, daß die NFL zu einer zehnmonatigen Dauerberieselung wie die Fußball-Bundesliga verkommt. Ich will die möglichst kurze Konzentration auf fünfeinhalb Monate. Denn sonst könnte ich mich nicht mehr mit der gleichen Intensität da reinsteigern.