Brauchen wir die 18-Spiele-Saison? Eine andere Perspektive

Ich will keine NFL-Saison mit 18 Spielen in der Regular Season. Und als ich das Milan-Barca-Spiel gesehen habe, kam mir auch endlich der Gedanke, warum ich das nicht will. Es wird im Folgenden sehr persönlich, was mir ansonsten gar nicht behagt.

Ich schreibe über Football am liebsten unpersönlich. Wie auch der Kollege korsakoff bevorzuge ich (mehr oder weniger) tiefgehende strategische Analysen, eine Auseinandersetzung mit Xs and Os, die möglichst sophisticated ist und auch mag ich gesichtslose Statistiken – wenn auch ich eine andere Beziehung zu Statistiken habe als korsa. Aber jetzt, beim Thema 18 Spiele oder nicht 18 Spiele, möchte ich einmal persönlich werden.

Auch wenn ich nichts lieber sehe als American Football und auch wenn es nichts gibt, für das ich auch um halb vier nachts noch wachbleibe – so gibt es es doch auch bei mir eine Grenze. (Es wird in all meinen Beiträgen bis Silvester kumuliert nicht mehr so oft das „ich“ auftauchen – versprochen). Diese Grenze wird gesetzt von den vielen anderen Sportarten und – events, die ich unbedingt sehen will. Und das beschränkt sich nicht nur auf das Anschauen der Events selber, sondern auch auf eine ausführliche Vorbereitung, eine ausführliche Begleitung und eine umfassende Nachbereitung.

Es muß der Weltgeist, in seiner unnachahmlichen Einzigartigkeit, gewesen sein, der einen Sportkalender zusammengezimmert hat, der für einen TV-Sport-Verrückten (TM allesaussersport.com, für jemanden wie mich unverzichtbar) ein Paradies neben dem (und doch gleichzeitig im) Alltag geschaffen hat, daß für mehr als fünfeinhalb Monate Football einfach keine Zeit bleibt.

Es sind zwei Komplexe, die mich zum Gegner einer Regular Season mit 18 Spielen machen.

1) Während der NFL-Saison sauge ich so viel als nur irgend möglich in mich auf. Ich schaue meistens vier oder fünf Spiele pro Woche, in der Regel in den Nächten zwischen Sonntag und Montag beziehungsweise Montag und Dienstag. Die Spiele ziehe ich mir als Aufzeichnung rein, weil ich so, ohne Werbung, ein Spiel in 2 bis 2,5 Stunden sehen kann statt in 3,5. Der Nachteil dabei ist natürlich, daß ich von Sonntag 19.00Uhr bis Dienstag morgen keinen freien Zugang zum großen Internet habe, da dort alles voller Spoiler ist für Leute wie mich, die keine Live-Spiele gucken.

Anschließend verbringe ich die Zeit von Dienstag abend bis Sonntag mittag damit, die gesehenen – und vor allem die nicht gesehenen – Spiele aufzuarbeiten und möglichst gute Analyse zu bekommen und mich anschließend auf die nächste Woche vorzubereiten. Und eben auch hier darüber zu schreiben.

2) Es gibt außerhalb der Footballsaison einfach zu viele Sportevents, die ich auch intensiv verfolgen möchte. Nicht so intensiv wie Football, aber doch bringt es viel Zeitaufwand mit sich. (Es kommt natürlich nicht einfach so über mich, sondern ich will viel Zeit darauf verwenden.)

Hier kommen wir zum Ausgangspunkt des Champions League Spiels und dem Sportkalender zurück. Wie gesagt, ich bin ein (TV-)Sport-Verrückter. Fangen wir der Einfachheit halber (fast) genau jetzt an. Im März ist College-Basketball – March Madness. Bis zum Tournament habe ich meistens kein College-Basketball-Spiel gesehen, aber doch ist vor allem das erste March-Madness-Wochenende ein Event wie keines sonst. So viel Sport, so viel Kampf, so viel Triumph, so viel Schweiß, so viel Glückseligkeit und so viel Enttäuschung auf einem Fleck, an einem Wochenende, ist einzigartig. Das zieht sich dann bis Anfang April. Dort sind wir jetzt.

Da haben wir nun das Viertelfinale der Champions League einerseits (Bayern ist noch drin! Die iberischen Schönspieler gegen die Treter aus Italien!) und nun auch noch das Masters andererseits. Golf mag nicht viele interessieren, mich auch nicht. Aber das Masters auf dem wunderschönen Platz in Augusta mit der unaufgeregten Stimme von Jim Nantz bei dem schönen Frühlingswetter in Georgia – wie kann man das nicht schön finden? Vor allem, wenn man dann auch noch die Tiger-Comeback-Story dabei im Gepäck hat.

Der restliche April ist dann gefüllt mit englischen Fußballwochen in der Bundesliga und dem Halbfinale in der Champions League. Anschließend – im Mai – geht es Schlag auf Schlag: Bundesliga-, DFB-Pokal- und Champions-League-Finale und auch noch ein ganz neuer Player: die Playoffs in der NBA. Wie auch beim College Basketball ist es hier so, daß ich vorher kaum ein Spiel gesehen habe. Aber das Drama ist nicht weniger fesselnd: der No.8-Seed in einem Spiel 6 gegen den Topfavoriten; LeBron James und seine Bagage strauchelt gegen (noch) jüngere Up-and-comer, die sich die Seele aus dem Leib spielen; die Opas von San Antonio blasen zum letzten Halali und ein Upset in der ersten Runde ist garantiert.

So gehen wir in den Juni, wo uns in diesem Jahr nicht nur die NBA-Finals, sondern auch die Fußball-EM erwarten. Eine EM ist noch viel besser als eine WM, weil die Dichte an Weltklasse einmalig ist. Und ganz nebenbei haben wir als Football-Fans im März, April und Mai auch die volle Packung Free Agency und Draft-Dauerbeschallung mitgemacht.

Im Juni und Juli gibt es auch ohne EM keine Pause für echte Sportverrückte: es warten Wimbledon und Tour de France. Ebenso wie das Masters im Golf sind auch diese beiden Veranstaltungen absolut sehenswerte Highlights für Freaks, die die betreffenden Sportarten sonst nicht weiter verfolgen. Auch wenn man das für verrückt hält, aber eine Wimbledon-Partie von Roger Federer oder gar ein Halbfinale Djoker-Nadal halten mich immer wieder von einem sonnigen Nachmittag im Park ab. Wenn dann auch noch „Georgeous Görges“ oder eine andere deutsche Überraschung in die zweite Woche kommt, ist bei mir alles aus. Und ja: ich gucke immer noch Le Tour. Mittlerweile kenne ich jede Kehre am Col de Madeleine, l´Alpe D´Huez und am Tourmalet. Es mag pervers klingen, aber es gibt nichts schöneres, als um ihr Leben kämpfende Hochleistungssportler am alles entscheidenden Anstieg im direkten Kampf zu sehen.

Im Juli mache ich dann Urlaub vom Sportgucken – wenn nicht auch noch die Olympischen Spiele anstehen. Wie auch beim Basketball, Golf oder Tennis ist es auch hier so: bei diesem einen Event will ich Leichtathletik sehen. Ich will Usain Bolt sehen, der alle Rekorde bricht. Ich will den deutschen Diskuswerfer, die Speerwerferin und die Überraschung-Staffel über 400 Meter sehen. Den Zweikampf bei den Hochspringerinnen und den Weltrekord beim Stabhochsprung auf der größten Bühne des Sports. Und die Siebenkämpferin, die früher auf meiner Schule war. (Ich war auf einer sogenannten Eliteschule des Sports. Bei mir war´s keine Elite, bei einigen anderen schon.) Ich will Leute sehen, die geschafft haben, zu was ich niemals in der Lage war.

Immer noch mehr Leistung sehen wollen, immer noch mehr Kampf und immer noch mehr zerstörte Karrieren und immer noch außergewöhnlichere Leistungen sehen wollen: ist das pervers oder zynisch? Vielleicht. Bestimmt sogar. Aber es geht hier um die Footballsaison.

Nun sind wir schon im August und da ist die Saisonvorbereitung in vollem Gange. Wir schreiben hier Previews und analysieren jeden Kader bis ins letzte Glied und Preseason-Games sehen wir auch schon. Der Football hat uns wieder. Aber nicht nur der Football. Denn im Winter schaue ich auch Biathlon und auch ein bißchen Ski Alpin und vorher ist auch schon wieder Bundesliga und – ich habe keine Zeit, noch mehr Football zu schauen und zu analysieren. Es gibt einfach keine Zeit, noch mehr Football zu senden und zu sehen. Football ist (auch) so großartig, weil man ihn nicht das ganze Jahr über hat. Die NFL ist die perfekte Mischung aus einem (relativ) kurzen Highlight mit einer besonders hohen Intensität (bei mir zumindest). Ich will nicht, daß die NFL zu einer zehnmonatigen Dauerberieselung wie die Fußball-Bundesliga verkommt. Ich will die möglichst kurze Konzentration auf fünfeinhalb Monate. Denn sonst könnte ich mich nicht mehr mit der gleichen Intensität da reinsteigern.

6 Kommentare zu “Brauchen wir die 18-Spiele-Saison? Eine andere Perspektive

  1. Ich stimme dir irgendwie zu.
    Klar würde ich gerne mehr Spiele sehen, aber genau deswegen ist es gut, dass es nur so „wenige“ sind.
    Es ist was besonderes.
    Nicht wie im Baseball, Basketball etc.
    Eine Mannschaft einmal, bzw. zweimal die Saison. Das sind alles Highlight-Spiele!!!!!
    Gott, wenn es doch endlich wieder losgehen würde 😀

  2. Das Argument, dass nur zwei Spiele mehr (die glaube ich noch von der Preseason abgezogen werden sollen) gleich einen Football-Overkill bedeuten, kann ich immer nicht so ganz nachvollziehen. Ob dann jedes zweite Saisonspiel am Ende bedeutungslose waere, kann ich jetzt auch schlecht einschaetzen.
    Es werden ja nicht gleich zehn Monate drauss, sondern 5,5 + 2 Wochen.
    Mein Argument waere eher, dass meiner sehr fernen Ferndiagnose nach die Spieler jetzt schon am Limit des physisch vertretbaren spielen. Da kann man dann die Spieler wohl auch mit Dollars zuschmeissen wie man will…

  3. Hallo an alle.

    Aus den folgenden sehr verschiedenen Gründen (und alle sind gleich bedeutend) bin ich auch absolut gegen eine Ausweitung :

    1. Meistens als Fan des Clevelandteams, ist man spätestens nach Gameday 8 schon so sehr bedient, dass man bereits ab Ende Oktober , unter dieser Perspektive, das Ende der Saison herbeisehnt 😉 – ok, das ist natürlich eigenes Pech

    2. Ebenso auch persönliche Gründe. Zwar keine andere Sportarten, die ich dann verfolge, aber eben andere Dinge die im Frühling und SOmmer dann mehr in den Vordergrund rücken oder mehr Zeit für vieles, was So abend, Mo abend und Die abend während der Saison zu kurz kommt.

    3. 18 Spieltage sollen aus NFL Sicht vor allem deshalb her, damit noch MEHR Geld gescheffelt wird. Für mich als Fan absolut unbedeutend.

    4. Verletungsgefahr der Leistungsträger. Dazu brauchts nicht mal ein Bountysystem, aber zwei ernsthafte Spiele mehr (vielleicht auch gegen Gegner für die es um wenig geht ) erhöhen die Gefahr.

    5. Umgekehrt sind mehr Spiele langweilig, wenn am 17 und 18. Spieltag die Fronten noch klarer sind wie am 16 Spieltag zuvor und dann vielleicht Team A seine Leistungsträger noch mehr schont und Spiele eventuell abschenkt ( und so vielleicht anderen Teams auch schadet zB IND vor ein paar Jahren gegen TEN als Cleveland und TEN im Wildcardrennen waren).

    6. Mir gefällt das jetzige Schedulesystem so einigermassen. Es ist zu bezweifeln ob durch zusätzliche Spiele mehr oder gleichbleibende „Gerechtigkeit“ für Wildcard- oder Homefieldvergabe erzeugt würden. Für mich ist das Thema Schedule oft sehr mitentscheidend. Das würde u.U. noch mehr ins Geeweicht fallen, wenn zwei weitere Spiele hinzukommen.

    7. Die Saison verlangt jetzt schon genügend den Spielern ab. Auch in Hinblick Regeneration, Frische für die neue Saison würden meistens zwei zusätzliche Spiele ( 3 Wochen längere Siaosn weil evntuell 2 bye weeks) Spiele, weniger Raum bringen zum Auskurieren von Verletzungen. Das klingt zwar auf einen Zeitraum von 8 bzw 7 Monaten, gegenüber 7,5 bzw 6,5 Monaten nicht so wild, ich bin aber überzeugt, es spielt eine Rolle. Ferner ist es ein Witz, dass die Anzahl der diversen Teamtrainings (auch non contact?) letztes Jahr auf Verlangen der Spielergewerkschaft drastisch kastriert wurden, dafür aber wegen des schnöden Geldes nun 120 Minuten (oder ggf mehr durch OT) mehr Powerfootball sein soll.
    Gruß Alex

  4. Mein Argument contra 18 Spiele ist die wunderbare Symmetrie der NFL, wie sie einst ein Kollege (Football-Wildschwein) beobachtet und formuliert hat:

    1 (2^0) Liga.
    2 (2^1) Conferences.
    4 (2^2) Divisions pro Conference und Franchises pro Division.
    8 (2^3) Divisions.
    16 (2^4) Spiele pro Franchise.
    32 (2^5) Franchises.
    256 (2^8) Spiele in der Regular Season.

    Okay, ist ein Freak-Argument. Aber ich sehe auch sonst kaum Vorteile. 16 Spiele bedeutet Ungewissheit, auch krasse Außenseiter können sich in die Playoffs würfeln und es bleibt noch genügend Zeit und Lust, um nebenher College Football bis zum Abwinken zu schauen.

  5. Für mich ist auch die Frage, welche zwei zusätzlichen Partien soll es geben??? Welche Modelle für den Spielplan hat da die NFL im Schrank?

    (1) Es gibt keine Interconferencegames mehr. Man spielt 2mal Jeder gegen Jeden in der eigenen Division (6 Spiele) plus gegen jeden anderen Kontrahenten aus der eigenen Conference (12 Spiele).

    (2) Es bleibt bei den Interconferencegames (4 Spiele), in der eigenen Conference spielt man weiter 2mal Jeder gegen Jeden in der eigenen Division (6 Spiele) und man spielt gegen zwei der anderen drei Divisionen komplett (8 Spiele). Damit würde man aber gegen die vierte Division gar nicht spielen.

    (3) Man belässt alles, so wie es ist. Die Interconferenceames (4 Spiele), 2mal Jeder gegen Jeden in der eigenen Division (6 Spiele), Spiele gegen eine weitere Division in der eigenen Conference (4 Spiele), die Partien gegen die Gleichplatzierten der Vorsaison aus den beiden andern Divisionen der eigenen Conference (2 Spiele) plus zwei weiteren Partien aus diesen Divisionen. So würde zum Beispiel der Erste der East-Division nicht nur gegen den Ersten aus dem Süden und Westen spielen, sondern auch gegen den Vierten dieser Divisionen. Der Zweite aus dem Osten dann nicht nur gegen die Zweiten aus dem Süden und Westen, sondern zusätzlich gegen den Dritten dieser Divisionen usw.

    Mir persönlich ist es lieber, es bliebe bei dieser schönen Einteilung von Teams, Divisionen und Spielen auf Ewigkeit.

  6. Pingback: Dümmer als die Affen | Sideline Reporter

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