Tränen für Petrino

Der bizarre Fall des Bobby Petrino hat sich ganz klassisch mit einer Entlassung gelöst. Für die Neulinge: Bobby Petrino war Head Coach der Arkansas Razorbacks (College Football/SEC), mittlerweile vier Jahre lang seit jenem unseligen Abgang bei den Atlanta Falcons, der Petrino für ever den Ruf des Oberarschlochs eingebrockt hatte.

Petrino ging nach Fayettville, um jahrelang als verheirateter Mann mit einer jungen Kellnerin fremdzugehen. Vor zwei Wochen ein Motorradunfall, eine Unfallstelle ohne Opfer, dafür ein Petrino im Spital. Petrinos Tanz, durch die Hintertür abzumarschieren, war wieder durchgeschlagen. Es kam heraus, dass Petrino zwar ohne Helm, aber nicht ohne Begleitung unterwegs war. Jetzt ist Bobby Petrino gefeuert.

Indianapolis Colts in der Sezierstunde

Gleich zu Beginn möchte ich auf den Eintrag von Ende Oktober verweisen, als ich unter dem Eindruck der schockierenden Vorstellung der Indianapolis Colts im Sunday Night Game zu New Orleans eine Statusbeschreibung aus meiner damaligen Sicht wagte. Obwohl die Colts am Saisonende dann einen Tick besser waren als es die 2-14 Bilanz vermuten hätte lassen, ist fast alles eingetroffen. Mehr noch: Auch GM Polian wurde gefeuert. Der neue Mann am Steuer, der von den Eagles gekommene GM Ryan Grigson, schmiss gleich am ersten Arbeitstag den schmallippigen Jim Caldwell raus. Ebenso weg: Peyton Manning und Gefolgschaft sowie ein großer Teil der verbliebenen Meistermannschaft. Tabula rasa in Indianapolis, nach einem Jahrzehnt in den obersten Sphären der NFL.


Als neuer Chefcoach wurde der recht profillos wirkende, aber unter dem Tisch als durchaus  begabt bezeichnete Ravens-DefCoord Chuck Pagano installiert, ein Mann, dessen Abwehrvorstellung sich diametral von jener über Jahre praktizierten „Tampa 2“ unterscheidet, weswegen dann auch gleich Recken wie Freeney oder Brackett klargemacht wurde, dass sie ihre Karriere besser woanders ausklingen lassen sollten.

Konkret bedeutet ein Chefcoach „Pagano“, dass die Abwehr auf ein straightes 3-4 umgestellt wird, was Freeneys größte Stärke, das Druntertauchen unter den Left Tackle, negiert. Bis dato fand sich noch kein Abnehmer für den Mann, der vor all seinen Verletzungen über Jahre als ultimativer Pass Rusher in der NFL gefeiert wurde. Gesucht werden dann auch: Nose Tackle, Ends für die 3-4 Defense, flinke Linebackers und vor allem Defensive Backs. In einem Wort ausgedrückt: Rundumerneuerung.

Hopfen und Malz ist aber nicht verloren: DE Mathis dürfte mit seiner schmächtigen Statur ohnehin ein besserer OLB als Defensive End sein, und mit DT Redding sowie S Zbikowski hat sich Pagano gleich zwei Buddys aus dem Ravens-Lager mitgenommen. Abseits davon wird es nach einer eher gemächlich angegangenen Free Agency wohl einen oder zwei defensivlastige Drafts brauchen, um die über Jahre verlotterte Colts-Abwehr wieder in Schwung zu bekommen.


Ähh ja. Die Offense der Indianapolis Colts steht auch vor einer grundlegenden Restrukurierung. Angefangen werden soll beim Quarterback. Alle Zeichen deuten darauf hin, dass die Organisation der Colts sich 14 Jahre nach dem Committment pro Peyton Manning diesmal mit dem Top-Pick den mindestens ebenso gehypten Andrew Luck von der Stanford University grapschen wird. Luck wird nun schon seit längerer Zeit als Jahrhunderttalent angepriesen und erst seit wenigen Tagen ernsthafte Konkurrenz durch RG3 aufgeschwatzt. Weil das Colts-Lager jedoch von Luck überzeugt zu sein scheint, dürfte die Diskussion nur medial geführt werden. Luck ist auf alle Fälle ein unglaublich reif wirkender Quarterback, dessen Horizont nicht an der Seitenauslinie endet, und IMHO ein athletischerer Mann als man es ihm zugestehen würde.

Um Luck herum wird allerdings gerade alles eingerissen, was man einreißen kann: Der gemeinhin als schwach angesehene Offensive Line wurde eine Frischzellenkur verordnet (C Saturday, G Pollak, T Diem sind weg) und abseits der vergangenes Jahr gedrafteten Tackles Castonzo/Ijalana ist noch nicht abzusehen, wie die Line in Zukunft ausschauen wird (aus Oakland kam C Satele).

Die beiden Top-Wide Receiver Stand heute sind der Routinier Reggie Wayne und der von den Rams eingekaufte Donnie Avery, nachdem Garcon, Tamme und Clark ziehen gelassen wurden. Und bei den Running Backs gibt es abseits des bereits als Flop abgestempelten Donald Brown von UConn nur noch den jungen Delone Carter von Syracuse, und der soll als Rookie nicht die besten Eindrücke hinterlassen haben.


Weia. Solches Hausreinemachen wie gerade in Indianapolis kommt in der NFL alle drei, vier Jahre vor. Es fällt eigentlich erst jetzt auf, wie lange die Colts mit einem Kern von nur acht, neun Schlüsselfiguren operierten (und alterten) und wie wenig Substanz abseits davon gegeben war. Man wusste, dass die Colts zuletzt 3-4x schlecht gedraftet hatten, jedoch wurden die Auswirkungen lange Zeit kaschiert. Diese Offseason zeigt in aller Brutalität, wie krass sich in der NFL ein Schnitt machen lässt.

Als Fan ist man dankbar, das miterleben zu dürfen. Ich habe es vor drei Jahren in Detroit gesehen, wo mit Schwartz nach langem Siechtum ein pragmatischer Coach eingestellt wurde und ohne allzu viel Free Agency, dafür via Draft Baustein für Baustein eingebaut wurde. In der Kinderschuh-Phase ist es schmerzhaft mit anzuschauen. In der Pubertätsphase (wo sich die Lions gerade befinden) dafür umso besser. Es gibt nichts Schöneres als sich die Zukunft eines aufstrebenden Teams auszumalen.

Und man sollte nicht vergessen, dass die Indianapolis Colts 2012 über ein um Welten (!) besseres Grundgerüst verfügen als damals die Lions besaßen. Die Colts 2012 waren ein Team, das historisch wenigstens fünf Spiele hätte gewinnen müssen. Die sieglosen Lions von damals hätten mit viel Glück zwei Partien gewonnen.

Natürlich steht und fällt vieles mit der Entwicklung des Quarterbacks Andrew Luck, bei dem man sich ein komplettes Floppen nur schwer vorstellen kann. Aber die Colts werden um Luck herum in mindestens zwei Drafts ein Gerüst bauen müssen. 2012/13 dürfte es selbst in einer schwachen AFC South Niederlagen hageln. Wenn aber Pagano und Co. dem Skript folgen können, werden die Indianapolis Colts spätestens in zwei Jahren ungeduldig dem September entgegenfiebern.