Chicago Bears in der Sezierstunde

Die Chicago Bears haben sich zu einem komischen Laden entwickelt, der sich seit Jahre in der Mittelmäßigkeit verliert, immer mit ein paar Hoffnungsschimmern zum Durchbruch, aber immer auch mit hinreichend Lücken, die die Mannschaft killen. In der abgelaufenen Saison war man besser als erwartet, bevor der Verletzungsteufel ab Mitte November brutal zuschlug und die Bears-Bilanzen in Grund und Boden schoss. In der Offseason wurde OffCoord Mike Martz durch Mike Tice ersetzt, aber die grundsätzlichen Probleme bleiben.

Denn so gut QB Jay Cutler auch spielt, auf so wackeligen Beinen steht trotz leichter Verbesserung die Offensive Line. Dabei wurde Cutler, der Mann, der prädestiniert für das vertikale Spiel wäre, dafür eingekauft, die tiefen Bomben zu servieren, wofür ihm die anerkannt schwache Pass Protection der Bears aber überhaupt keine Zeit lässt, weswegen kein Bears-Spiel ohne INT und 5-6 Sacks vergeht. Angesichts dieser Gegebenheiten lesen sich Cutlers 6.4 Nettoyards/Passversuch wie ein kleines Wunder und gewannen durch die Vorstellungen des Backups Hanie noch einmal an Wertigkeit. Möglicherweise bekommt Cutler, der Grund-Unsympath, nicht die Anerkennung, die er verdienen würde.

Als Reaktion auf die Probleme wurde jüngst WR Brandon Marshall aus Miami eingekauft – der Mann, mit dem Cutler einst in Denver prächtig harmonierte. Marshall ist keine Bedrohung für die 50yds-Raketen, jedoch als Waffe für die schnellen Pässe jederzeit gebräuchlich. Recht viel mehr an Wide Receivers gibt es in Chicago nicht: Hester, Knox und Williams sollen Super-Athleten sein, aber über keine Technik verfügen. Deswegen galt über die Jahre auch der RB Matt Forté als zuverlässigster Ballfänger. Fortés Standing in Chicago ist gut genug, dass sich Martz, das Synonym für „vertikales Passspiel“, zuletzt immer häufiger dazu hinreißen ließ, auf Laufspiel und schnelle Screen-Pässe zu setzen.

Trotz aller Probleme machten sich die Bears in der Free Agency nicht auf, die Offensive Line anzugehen. Auf Tackle kann man auf die Genesung des hoch gedrafteten Gabe Carimi (Wisconsin! Ein Blocker aus Wisconsin!) hoffen, aber abseits davon hätte es hinreichend Handlungsbedarf gegeben. Lieber konzentrierte man sich jedoch darauf, grundsolide Backups wie RB Michael Bush oder QB Jason Campbell aus Oakland zu holen, um Cutler und Forté nach deren nächstem Abschuss halbwegs adäquat ersetzen zu können. Man kann davon ausgehen, dass im Draft Offensive Liner einberufen werden, bis die Äpfel reif sind.

Bei all dem Desaster geht völlig unter, dass die Defense der Chicago Bears eine fantastische Saison spielte und absolut e-x-z-e-l-l-e-n-t gegen den Lauf verteidigte. Die Unit von DefCoord Rod Marinelli ist immer noch als „Cover-2“-Variante konzipiert, die auf eine famose Defensive Line um den Superstar-DE Julius Peppers gründet. Obwohl man undisziplinierte Freelancer wie Meriweather durchschleppen musste, hielt das Bollwerk lange genug Stand, dass die Bears mit einer wenigstens durchschnittlichen Offense in der zweiten Saisonhälfte die Playoffs erreicht hätten.

Allerdings wird die gesamte Abwehr a) nicht jünger und muss b) einen Aderlass verkraften. MLB Brian Urlacher, der „Ober-Bär“ seit über einem Jahrzehnt, riss sich im letzten Saisonspiel die Bänder im Knie, während gleich mehrere Cornerbacks und DT Adams ziehen gelassen wurden. Es gibt hoffnungsvolle Talente wie DT Paea oder CB Jennings, aber sofern Lovie Smith noch langfristig planen darf, muss spätestens in einem Jahr der Verjüngungsprozess eingeleitet werden. Schon heuer öffnen sich die ersten Waale in der Secondary, die via Draft angegangen werden müssen.


Die Bears stehen am Scheideweg. Lovie Smith ist ein Verpassen der Playoffs vom Rauswurf entfernt und man muss wohl eine weitere Saison mit einer Offense bestreiten, die in sich nicht vollends stimmig wirkt: Quarterback mit Anlage für tiefes Spiel, Wide Receiver für kurze Routen, Offensive Line, die nicht mehr als 2sek für Spielzugentwicklung zulässt und dann kommt da noch ein OffCoord, der berüchtigt für seine fehlende Liebe zum Detail ist. Im schlimmsten Falle könnte es ProBowl-kalibrige Leistungen Cutlers brauchen, um erneut in Playoffnähe zu bleiben. Auf der anderen Seite sieht das Bears-Fundament nun deutlich solider aus als in der vergangenen Offseason; man finde 1-2 gute Blocker im Draft und die NFC North wird eine heiße Angelegenheit.

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