Seattle Seahawks in der Sezierstunde

Nach allem Spott um Planlos in Seattle über Wochen und Monate fühle ich mich den Seattle Seahawks gegenüber zu einer genaueren Analyse verpflichtet. Die Personalpolitik der Hawks und von Head Coach Pete Carroll ist nicht immer durchsichtig oder nachvollziehbar, aber sie trägt ihre ersten Früchte. Seattle 2011/12, das war durchaus eine aufregende Mannschaft, wie ich bereits zum Donnerstagnachtspiel Anfang Dezember schrieb.

Beginnen wir mit der jungen Defense, deren Arbeit insbesondere gegen den Lauf fantastisch war. Bei Seattles Front Seven sprechen wir nicht von einer sonderlich druckvollen Unit gegen Quarterbacks, aber die Schotten gegen alles, was ein Ei in der Hand hielt, waren dicht. Tackling: Erstklassig. Disziplin: Hoch. Vor allem der grundsolide DT Red Bryant wurde in den Himmel gehoben und sogleich mit einer relativ teuer anmutenden Vertragsverlängerung (5yrs/35M) belohnt. Neu aus Tennessee kam der als Geheimtipp geltende DT Jason Jones, womit Seattles Line eine neue Dimension gewinnen könnte: Pass Rush. Diesbezüglich ging die meiste Gefahr vom alternden DE Clemons aus; DE Brock soll nicht mehr die Agilität alter Tage an den Tag legen.

Ein Punkt, mit dem Seattle stets zu kämpfen hatte: Verletzungen bei Linebackers. Hawthorne wurde ziehen gelassen, weswegen nun händeringend Ersatz gesucht wird. Dieser Mannschaftspart könnte von der ordentlichen Line profitieren, dürfte aufgrund der schieren Unerfahrenheit verstärkt werden müssen.

In der Secondary fällt sofort die Dynamik von Safety Earl Thomas (früher Texas Longhorns) ins Auge; Thomas ist der kleine Polamalu. Trotz 4,1% INT-Quote wird Seattle aber personell nachbessern müssen, da das Defensive Backfield a) am ehesten die Schwäche stellte und b) abseits von Thomas langsam in die Jahre kommt.

Auf der anderen Seite gilt auch das Fundament der Offense, die Line, als Versprechung mit Verletzungsproblemen. Der LT Okung soll zum Beispiel der neue Walter Jones sein, aber in den ersten beiden Jahren weniger gespielt haben als gewünscht. Auch der Rookie-G Carpenter war öfter im Spital als im Line-Up. Line-Coach Cable gilt als knallharter Hund und presst auch aus den Backups mehr raus als man erwartet, jedoch wird gemeinhin auch aufgrund der besorgniserregenden Sack-Zahlen Nachbesserung via Draft erwartet.

Das Grundproblem der Seattle Seahawks im Angriff bestand jedoch auf der Quarterback-Position. Tavaris Jackson ist kein unterirdischer Mann, aber anfällig gegen Fehler zum dümmsten Zeitpunkt und so langsam verliert man das Vertrauen, dass Jackson es noch „packt“. Reaktion der Hawks: Matt Flynn wurde aus Green Bay für drei Jahre eingekauft und soll die nicht unspektakuläre Spread-Offense von OffCoord Darrell Bevell in Zukunft anführen. Bei Flynn weiß noch kein Mensch, wie gut er wirklich sein kann; ich betone jedoch immer wieder, dass Flynns Spielweise stark jener wuseligen Art von Mentor Aaron Rodgers ähnelt.

Weil mit RB Marshawn Lynch der gute, aber nicht großartige Running Back gehalten wurde, glaubt man in Seattle, ein grundsolides Offensive Backfield zu besitzen. Kaum vorstellbar, dass QB oder RB mit einem hohen Draftpick ergänzt werden. Wo man allerdings immer Verstärkung gebrauchen kann: Wide Receiver. Sidney Rice gehört zu den großen Anspielstationen, die jedermann heutzutage sucht, hat sich jedoch über die Jahre nicht als der Mann herauskristallisiert, um den allein man wie Fitzgerald oder Johnson einen Angriff bauen möchte. Und nebenan findet man serienweise namenloses Spielermaterial. Ein Tight End könnte auch nicht schaden, wenn nur nicht die TE-Klasse von 2012 als so durchwachsen angesehen würde.

Fazit: Streckenweise waren die Seahawks von 2011/12 eine richtig, richtig ansehnliche Footballmannschaft. Die Defense deutete exzellente Ansätze an. Weil das bestehende, junge Spielermaterial wie auch der Trainerstab gehalten werden konnten und bereits jetzt zwei, drei sinnvolle Ergänzungen gemacht wurden, würde ich wenigstens ein Halten des Levels erwarten. Der kritische Punkt ist die Beziehung Offensive Line/Quarterback: Flynn kann als Risikoinvestition gesehen werden. Die Protection wird dann gut sein, wenn die Bänder der Blocker halten. Flynn braucht dann aber immer noch Anspielstationen.

Die Seattle Seahawks sind innerhalb eines Jahres vom Luck-Favoriten Nummer eins zu einer Mannschaft geworden, denen ich durchaus zutrauen würde, die 49ers zu überflügeln.

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