Baltimore Ravens in der Sezierstunde

Für die Baltimore Ravens schließt sich nach der dritten oder vierten verpassten großen Chance in den letzten Jahren schön langsam das Fenster des Erfolgs. So nahe an die Superbowl wie in den Schlusssekunden gegen New England kommt man nicht aller Tage, und die Ravens vergeigten es – again. Es bleibt ein insgesamt schaler Beigeschmack nach einem Jahr mit fantastischer Defense und viel zu unrhythmischer Offense.

Um nicht alles am kauzigen Bart des QB Joe Flacco festzumachen: Das PlayCalling von OffCoord Cam Cameron schreit alle paar Wochen eigentlich nach „Entlasse! Entlasse!“. So nett die Story mit dem kleinen Jungen, der sich Plays wünschen darf, ist: Gefühlt haben die Ravens nicht nur ein Spiel durch eigenartige Ansagen Camerons verloren oder nicht klarer gewonnen.

Das soll nicht an den Schwächen im Angriff vorbeidiskutieren. Flacco stagniert seit Jahren auf mittelmäßigem Niveau, bekommt trotz eines MVP-würdigen Running Backs Ray Rice (erneut über 2000yds, 15 TD), einer ordentlichen Offensive Line und einem variablen Corp an Ballfängern nicht mehr als 57% Completion Rate und 5.9yds/Passversuch zustande – zu wenig in einer NFL 2011/12. Flacco ist angezählt, spielt ab sofort um seine Zukunft.

Wenn ich sage „variable Ballfänger“, dann muss man konstatieren: WR Boldin als knochenharte Mitteldistanzwaffe, WR Torrey Smith ist Blitzgenie für das vertikale Spiel, zwei okaye Tight Ends – und dann doch wieder eher lange nichts. Vermutlich wird hier nachgebessert, nachdem es bis dato keine Anzeichen gibt, dass Tyrod Taylor auf Wide Receiver umgeschult wird.

Vermutlich wird auch in der Offensive Line nachgebessert, nachdem LT McKinnie langsam gen 200kg Mitte 30 zugeht, G Grubbs nach New Orleans abgewandert ist und auch C Birk nicht jünger wird. Und nach Ricky Williams‘ Rücktritt wird auch Nachwuchspotenzial bei den Running Backs gesucht.

Über die Qualität der Ravens-Defense muss prinzipiell nicht allzu lange diskutiert werden. Nun ist allerdings mit Chuck Pagano der DefCoord weg (ersetzt durch ex-Pats DefCoord Dean Pees) und zudem eine Serie an Startern oder Ergänzungsspielern abgewandert. Die beiden namhaftesten sind DE Redding und OLB Johnson, die allerdings beide aufgrund ihrer Spielanlage eh austauschbar geworden wären.

Die dringendste Suche in der Defense dürfte jene nach einem zweiten druckvollen OLB neben Suggs sein. Baltimores Defense ist nicht um massiven Pass Rush konzipiert, sondern um Hits und blaue Flecken, aber der Zug zum Quarterback ließ in den letzten Jahren doch enorm nach. Angesichts der alternden Eckpunkte Lewis/Reed wird die Pass-Defense bevorzugt über diesen Weg verstärkt werden müssen, nachdem allgemein anerkannt keine schnell einsetzbaren Safetys via Draft erhältlich sind und man sich keinen der teuren Cornerbacks leisten konnte.


Womöglich haben die Ravens zuletzt zumindest drei hochkarätige Titelchancen en suite durch dumme Nachlässigkeiten verstreichen lassen. Womöglich bietet 2012/13 mit einem gelungenen Draft – und GM Ozzie Newsome gehört zu den erfolgreichsten Draft-Strategen in der NFL – einen letzten großen Ansturm auf die Lombardi Trophy, ehe Lewis und Reed zu alt sowie Flacco verbrannt sind. Das Know-how in Baltimore dürfte vor allem auf der Abwehrseite ausgeprägt genug sein, um die Personalwechsel kaschieren zu können. Nicht so sicher bin ich mir bei der Offense und daher stehen die Wetten für einen Superbowlchamp „Ravens“ ab sofort vermutlich einen kleinen Tick schlechter als in der jüngeren Vergangenheit.