Gib mir Quarterbacks!

Seit anno 98 Peyton Manning an #1 einberufen wurde, vergeht fast kein Jahr, in dem nicht ein Quarterback der Top-Draftpick des Jahrgangs ist, und auch dieses Mal wird der #1-Pick mit an 100% grenzender Wahrscheinlichkeit ein Quarterback sein.

JAHR POSITION       NAME              TEAM
1998 Quarterback    Peyton Manning    IND
1999 Quarterback    Tim Couch         CLE
2000 Defensive End  Courtney Brown    CLE
2001 Quarterback    Michael Vick      ATL
2002 Quarterback    Dave Carr         HOU
2003 Quarterback    Carson Palmer     CIN
2004 Quarterback    Eli Manning       NYG
2005 Quarterback    Alex Smith        SF
2006 Defensive End  Mario Williams    HOU
2007 Quarterback    JaMarcus Russell  OAK
2008 Left Tackle    Jake Long         MIA
2009 Quarterback    Matt Stafford     DET
2010 Quarterback    Sam Bradford      STL
2011 Quarterback    Cameron Newton    CAR
2012 Quarterback    ???               IND

Das Verlangen der NFL-Franchises nach Star-Quarterbacks hat auch einen Grund, und es ist nicht allein öffentlichkeitsgetrieben: Der Pass gewinnt NFL-Spiele. Brian Burke/Advanced NFL Stats schreibt seit Jahren darüber. Ich habe mal eine der vielen Analysen Burkes neu aufgegriffen und das Verhältnis Lauf/Pass seit der letzten Regeländerung im Frühjahr 2004 („Illegal contact“) unter die Lupe genommen. Der erste Graph zeigt, wie die Statistik NY/A (Netto-Yards pro Passversuch) zur Anzahl der eingefahrenen Saisonsiege einer Mannschaft steht. Der zweite Graph zeigt das Verhältnis Lauf-Yards/Laufversuch zur Anzahl an Saisonsiegen (beide Male gilt: Klick auf den Graphen vergrößert jenen auf den Zoom „lesbar“).

 Passyards in der NFL

Wir sehen: Die lineare Trendlinie steigt mit dem Faktor 2,33. In den acht Jahren Beobachtungszeitraum hat es nur eine Mannschaft mit absurd schlechtem Passspiel zu mehr als zehn Saisonsiegen gebracht: Die Bears 2005/06 unter dem damaligen Rookie-QB Kyle Orton. Die Bears von damals hatten eine der mächtigsten Defenses ever in der NFL. Vergleichen wir dazu die durchschnittlich pro Lauf eingefahrenen Yards:

 Laufyards in der NFL

Steigungsfaktor nur 0,5. Viele Teams mit mickrigem Laufspiel knacken die 10-Siege-Marke und fahren in die Playoffs ein. Die allerbesten Teams haben für gewöhnlich ein bloß durchschnittliches Laufspiel.

Drei Anmerkungen:

  • Die Differenz zwischen den stärksten Pass-Teams und den schwächsten Pass-Teams ist deutlich größer (größtenteils zwischen 4,5 und 7,5) als jene zwischen den besten und schwächsten Lauf-Teams (zirka 3,5 bis 5). Das spricht dafür, dass der Unterschied zwischen Elite und Bodensatz deutlich größer im Passspiel denn im Laufspiel ist, ergo, dass der Wert eines Top-RB im Verhältnis zum Ligadurchschnitt eher marginaler Natur ist.
  • Die Trendlinie Pass-Spiel/Siege verläuft viel steiler, wogegen die Trendlinie Laufspiel/Siege relativ flach des Weges kommt und eher eine „Bubble“ bildet. Die zugehörigen Korrelationskoeffizienten: Für Pass/Siege beträgt die Korrelation starke 0,648. Für Lauf/Siege relativ unbedeutende 0,079.
  • Entsprechend sind die Punkte schön entlang der mit Faktor 2,33 ansteigenden Trendlinie verteilt. Teams mit überdurchschnittlichem Pass-Spiel gewinnen viele Spiele (häufig über 10 pro Saison), wogegen Teams mit überdurchschnittlichem Laufspiel nur in Ausnahmefällen 8 und mehr Saisonsiege einfahren. Teams mit bärenstarkem Laufspiel schaffen es allenfalls, einer peinlichen „3-13“ Bilanz zu entweichen und retten sich in „8-8“ Mittelfeld.

Natürlich ist die Analyse nicht vollends ausgereift und mit nur zwei Statistiken leicht vereinfacht. Weitere Kategorien wie Turnovers, Defense, Anfälligkeit gegen Strafen, sowie Special Teams werden hier nicht in Betracht gezogen. Die Analyse verschweigt auch, dass gutes Laufspiel durchaus gefragt sein kann: Bei 3rd downs und kurzer Distanz zur neuen Angriffsserie ist Laufspiel der statistisch erfolgreichere Weg, in der RedZone und beim Runterlaufen der Uhr zum Spielende kann ein gutes Laufspiel von hohem Wert sein. Auf der anderen Seite gelangen bloß die Teams mit exzellentem Passspiel häufig in die Situation, im Schlussviertel einen klaren Vorsprung verteidigen zu können (gell, Rodgers?).

Wir sehen: Wer ein starkes Passspiel besitzt, gewinnt in der Regel viele Spiele. Erfolgreiche Teams versuchen erst gar nicht, mit hoch bezahlten Running Backs die Abwehr zu knacken, sondern pfeffern ihre Ressourcen in den Luftangriff. Wobei „Luftangriff“ neben Quarterback noch primär Offensive Line und Wide Receiver bedeuten sollte.

Am Donnerstag werden die ersten beiden Picks jeweils Quarterbacks sein. Die Colts kriegen wohl den seit Jahren massiv gehypten Andrew Luck, die Redskins haben für die Rechte am nicht minder hochgejazzten Robert Griffin III einen scheinbar absurden Preis bezahlt. In den Top-10 könnte aus blanker Not mit Ryan Tannehill ein dritter Quarterback vom Tablett gehen und die Auguren streiten noch, ob in der ersten Runde weitere Spielmacher in der Verlosung sein könnten. Dagegen gibt es mit Trent Richardson heuer nur einen Back, der in den Top-10 gehen könnte, und vielleicht einen weiteren für die erste Runde. Die Geschichte der letzten 10-15 Jahre NFL zeigt jedoch: So spektakulär Running Backs auch anzuschauen sind, so relativ unbedeutend sind sie mittlerweile im Vergleich zu den Quarterbacks geworden.


Dieses Verlangen nach Quarterbacks führt mitunter zu witzigen Drafts, in denen Franchises plötzlich völlig verzweifeln und scheinbar viel zu hoch ihren Quarterback einberufen (Ponder 2012). Eine Strategie, die man teilweise nachvollziehen kann: Der Pool an hochkarätigen Quarterbacks ist begrenzt, also versuchen Teams, „ihren“ Franchise-QB zu bekommen, wenn er auf dem Tablett liegt. NFL-Teams sind mittlerweile relativ sicher im Evaluieren von Top-Quarterbacks geworden. Ein Blick auf die Erstrundendraftpicks seit 1998:

1998 #1  Manning
1998 #2  Leaf
1999 #1  Couch
1999 #2  McNabb
1999 #3  Smith
1999 #11 Culpepper
1999 #12 McNown
2000 #18 Pennington
2001 #1  Vick
2002 #1  Carr
2002 #3  Harrington
2002 #32 Ramsey
2003 #1  Palmer
2003 #7  Leftwich
2003 #19 Boller
2003 #22 Grossman
2004 #1  Manning
2004 #4  Rivers
2004 #11 Roethlisberger
2004 #22 Losman
2005 #1  Smith
2005 #24 Rodgers
2005 #25 Campbell
2006 #3  Young
2006 #10 Leinart
2006 #11 Cutler
2007 #1  Russell
2007 #22 Quinn
2008 #3  Ryan
2008 #18 Flacco
2009 #1  Stafford
2009 #5  Sanchez
2009 #17 Freeman
2010 #1  Bradford
2010 #25 Tebow
2011 #1  Newton
2011 #8  Locker
2011 #10 Gabbert
2011 #12 Ponder

Die Extreme nach unten halten sich in relativen Grenzen und sind großteils vor 2003 zu finden: Leaf, Akili Smith und Russell gelten als Allzeit-legendäre Busts, knapp dahinter folgen in der Hitliste der abgeschmierten hohen Picks Couch, McNown und Harrington, während andere nicht hoch genug gedraftet waren (Grossman, Ramsey, Losman, Quinn), um verdammt zu werden, oder hinreichend Probleme als teilweise Entschuldigung gherangezogen werden können (Carr im Expansion Team Houston). Culpepper hatte selbst ohne Randy Moss ein absolut fantastisches Jahr 2004/05. Und Boller… nun, ehe hätte der Vatikan einen Puff eröffnet, als dass in Baltimore ein Quarterback Erfolg gehabt hätte.

Wie Mike Mayock bemerkt, ist die Quote in den letzten acht Jahren Draft merklich besser geworden: 15 von 23 Erstrundenpicks sind NFL-Starter, während aus den Runden danach fast nichts nachkommt: 7 Starter (2 aus Runde 2, 2 aus Runde 3, 3 aus Runde 7!) aus 82 Draftpicks. Klar lässt sich insistieren, dass ein Ponder oder Gabbert nur aufgrund mangelnder Alternativen starten, aber: Insgesamt sind höher einberufene Quarterbacks deutlich erfolgreicher als niedriger einberufene – as you would expect. Kein Grund also, an einem russeligen Beispiel alles zu verdammen. Selbst meine These aus dem Vorjahr – junger Quarterback ohne Offensive Line droht abgeschossen zu werden – wackelt.


Zwei Zuckerln zum Abschluss: Bei NFL.com hat sich Greg Cosell die beiden Kontrahenten Luck/Griffin und eine Serie weiterer Quarterback angeschaut:


Und dann ist da noch “Graubart” Brian Billick, dessen These „Nobody knows anything“ IMHO eine Spur zu harter Tobak ist. Aber die Serie „How to draft a quarterback“ ist nichtsdestotrotz sehens- und lesenswert. Bisher vier Teile:

  1. Nobody knows anything.
  2. One and done.
  3. What could have been?
  4. The Kyle Boller experiment.

Noch fünf Tage.