NFL-Draft 2012 in der Morgendämmerung

In der Nacht von Donnerstag auf Freitag beginnt die diesjährige Ausgabe des NFL-Drafts, wo die größten Talente des College Football auf die einzelnen Teams aufgeteilt werden. Die Termine in diesem Jahr:

Do/Fr 26./27.4. 02h MESZ erste Runde
Fr/Sa 27./28.4. 00h MESZ 2./3. Runde
Sa        28.4. 18h MESZ 4.-7. Runde

ESPN America scheint heuer nach ein oder zwei Jahren Sendepause wieder live dabei zu sein und überträgt lt. derzeitigem Stand in der Nacht ab Freitag, 02h morgens aus der Radio City Music Hall in New York City.

Ebenso live (und gratis) wird mit hoher Wahrscheinlichkeit das NFL-Network auf der Homepage NFL.com übertragen; Startzeiten: 1h30 am ersten Tag, 23h30 am zweiten Tag, 18h am dritten Tag. Schlüsselfiguren in der fabulösen NFLN-Übertragung, as always: Der unterhaltsame Moderator Rich Eisen und Mike Mayock, der Mann mit der Nasenstimme, der selbst Schuhgrößen von Sechstrundendraftpicks in Sekundenschnelle aus dem Arm schnackeln kann.


Die Draftniks

Über das gängige Jargon, das jeder Mitgucker des NFL-Drafts beherrschen muss, habe ich bereits vor einem Jahr geschrieben. Das Highlight dieses Jahres stammt von Mike Tanier (Football Outsiders/Fifth Down) mit seiner Analyse der Spezies des „Draftniks“, der in den Wochen und Monaten vor dem großen Tag das Netz mit Analysen und Scheinanalysen unsicher macht:

Draftniks are N.F.L. draft enthusiasts, speculators who prefer gathering information about rookie prospects to watching basketball or hockey or enjoying a more socially acceptable hobby like Dungeons and Dragons. Draftniks fuel a cottage industry of specialized programming, Web sites and magazines, and they helped turn the N.F.L. draft into a combination tailgate party and debutante ball, a late-April mini-Super Bowl without the bothersome game.

Quelle und Lesebefehl: Draftniks: Ever the Experts and Always on the Clock.


Vom Evaluierungsprozess in der NFL

Obwohl wir um die Schamhaarfärbung der besten Long Snapper wissen und mit wie vielen Yards nach dem Catch die Wide Receiver von der Chattanooga-University dem Quarterback B.J. Coleman verhelfen, tendiert der NFL-Draft trotz aller Scouting Reports und Big Boards immer wieder dazu, den einen oder anderen Bust zu produzieren – als Beispiel sei hierfür der wahnsinnig enttäuschende Draft von 2009 angeführt, wo sich Flops als Tops in Runde 1 fast die Waage hielten. Eine richtige Erklärung dafür ist schwer zu finden, aber ich komme immer mehr zum Entschluss, dass die schiere Anzahl an „Freiheitsgraden“ eine noch sehr viel präzisere Evaluierung und Antizipierung der Athleten im American Football unmöglich macht:

  • Spielsysteme. Die naheliegendste Erklärung: In einem Sport, der so hohen Spezialisierungsgrad wie Football hat, können diverse kleine Adjustierungen aus einem enttäuschenden einen mittelmäßigen oder aus einem mittelmäßigen einen großartigen Spieler machen (und vice versa). Selbst die besten Trainerstäbe finden nicht immer für jeden Athleten den richtigen Einsatzpunkt. Und obwohl sich College und NFL immer ähnlicher werden, ist der Football an der Universität doch immer noch deutlich simplifiziert.
  • Scouting. Weil die Statistiken sich im Draftprozess als eher nutzlos erwiesen, werden viele Spieler nach Potenzial gedraftet. Dabei ist kaum vorherzusehen, wie WR Johnson auf plötzlich fingernägelenge Deckung reagiert. Oder wie QB Laserarm seine tiefen Bomben plötzlich in 10cm-Lücken anbringt, wo er am College 30cm Raum hatte.
  • Charakter. Wie in der Mitarbeiterakquisition: Ein paar Vorstellungsgespräche können nicht ins Herz eines Spielers schauen. Viele Karrieren scheitern am letzten Quäntchen fehlenden „inneren Willen“ eines Spielers. Vergleiche hierzu dieses Zitat.
  • Verletzungen. Liegen in der Natur des Sports.
  • Kultur. Ein Running Back aus Sankt Bartholomäh im Südwesten von Idaho kann im Trubel von New Jersey Anpassungsprobleme haben. Gleichwie niemand weiß, wie ein Problemkind auf einen Disziplinnazi im Trainerstab reagieren wird.

Es dürfte weitere Gründe geben, warum Superspieler wie Simeon Rice von den Arizona Cardinals an #3 einberufen werden, schwerst floppen, nach Tampa Bay wechseln und dort plötzlich den Eckpunkt für eine überragende Defense mit Superbowl-Sieg geben. Aber angesichts der schieren Komplexität des Sports dürfte die Trefferquote trotz des möglicherweise immer noch mit rudimentären Mitteln geführten Scouting-Prozesses zufriedenstellend sein.

Das Harvard Sports Analysis Blog hat den erwarteten „Wert“ eines Draft-Prospects angenähert. Die beiden Kernaussagen der Analyse: Teams tendieren dazu, den durchschnittlichen der hohen Draftpicks zu überschätzen, v.a. mit dem Draft Pick Value Chart im Hinterkopf. Auf der anderen Seite wird die erste Runde des Drafts zurecht stark gehypt, da die Aussicht auf einen Superstar doch beträchtlich besser ist, wie auch die die Abweichung vom Durchschnitt sehr viel geringer ist wie in den späteren Runden.


Zwei Probleme, die mir im Evaluierungsprozess von Draft-Anwärtern immer wieder auffallen: Overanalyzing und Versessenheit in herausragende Attribute, und es dürften Probleme sein, die voneinander nicht unabhängig sind. „Overanalyzing“ kommt immer wieder vor, wenn Teams aus Langeweile im April damit beginnen, den Fokus vom Essenziellen auf Kleinigkeiten zu richten, sich in überflüssigen Details verlieren und irgendwann den Wald (Athlet X) vor lauter Bäumen (Ohrwaschtlgröße) nicht mehr finden.

Das zweite Problem dürfte eine Spezialvariante des ersten sein: Scouts fressen sich an einer herausragenden Fähigkeit eines Athleten fest (auf Knien 80m-Bomben zu werfen, in Unterhosen Sprintrekorde aufzustellen oder Tebows „Intangibles“ zu besitzen) und vergessen vor lauter feuchter Träume über die für jedermann sichtbaren Flauseln. Ein Problem, das im Baseball mit Computern eliminiert werden kann, sich jedoch im deutlich schwerer berechenbaren Footballsport in der Murmeltierschleife wiederholt und auch von rationalen Beobachtern nicht völlig ausgeblendet werden kann: Die Vorstellungskraft trübt den Blick aufs Wesentliche. Trainer sind zuversichtlich, aus vereinzelten überragenden Fähigkeiten Footballspieler formen zu können, während sich aus normalen Footballspielern keine famosen Einzelfähigkeiten coachen lassen, Stichwort „you can’t teach speed“.

Die Gewinner sind am Ende häufig die, die die meisten Draftpicks besitzen und sich damit über den einen oder anderen Flop müde hinweglächeln können. Und natürlich sind die Gewinner solche, denen nach fast 200 Picks am Ende der vorletzten Runde Tom Brady in den Schoß fällt.


Draft und Spieltheorien

Strategien gibt es für die Teams viele. Medien sabbern sich die Mäuler fusselig, wer denn nun nach „need“ (Löcher im Kader) oder „best player available“ (bester verbleibender Spieler) draften würde. Im Prinzip dürfte jeder Pick ein Mix aus beidem sein: Ein Spieler, der für eine relative Notwendigkeit den besten Wert erwarten lässt. Ich glaube nicht, dass eine Franchise den besten verfügbaren Spieler nehmen würde, wenn dieser ein Quarterback ist und der eigene Quarterback im Kader ist Philip Rivers. Teams haben gewisse Prioritäten; Teams werden versuchen, diese gewissen Prioritäten mit dem bestmöglichen „Wert“ anzugehen. „Wert maximieren“ heißt dabei auch zu wissen, wie die Konkurrenz die Spieler reiht und gegebenenfalls mit Trades nach unten oder oben einen gewünschten Athleten zu erhalten.

Beispiel: St Louis draftet an #6 und weist auf seinem hypothetischen Draft-Board den CB Stephon Gilmore als besten Spieler aus. Die Rams werden Gilmore nicht an #6 draften, obwohl das Defensive Backfield durchaus eine Problemzone stellen würde und Gilmore gleichzeitig auch „best player available“ wäre. Die Rams würden nach unten traden, weil sie wissen, dass Gilmore bis wenigstens zum 15. Pick nicht vom Board gehen würde.

Für näher Interessierte hat Jonathan Bales (DC Times/Fifth Down) im Februar seine Analyse geschrieben und das Konzept von VORP (value over replacement player) noch einmal unter die Lupe genommen: Reassessing Best Player Available Draft Strategy: Why Teams Should Often Bypass BPA To Maximize Overall Value.

Noch drei Tage.