Bloghit

#in eigener Sache

Sideline Reporter ist bei Hitmeister zum Top-Blog in der Kategorie Sport/Fitness vorgeschlagen. Ab heute findet eine Woche lang die Abstimmung statt, an der jeder Leser eingeladen aufgefordert ist, für dieses Blog abzustimmen. Als Belohnung gibt es nächste Woche *eventuell* die Draft-Guideline 2012.

MFG,
Team Sideline Reporter

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Tennessee Titans in der Sezierstunde

Die Tennessee Titans sind ein Team, das nach „Durchschnitt“ schreit. Insbesondere in der zweiten Saisonhälfte fuhr man typische, standardisierte NFL-Ergebnisse gleich in Serienform ein:

Woche 9  L 24-17 Cincinnati
Woche 11 L 23-17 @Atlanta
Woche 12 W 23-17 Tampa Bay
Woche 13 W 23-17 @Buffalo
Woche 14 L 22-17 New Orleans
Woche 16 W 23-17 Jacksonville
Woche 17 W 23-22 @Houston

Logisches Resultat dieses Flip-Flops an Ergebnissen der Geschmacksklasse „23-17“: Eine 9-7 Bilanz ohne die großen Ausreißer nach oben, dafür aber mit der bitteren Klatsche Mitte Dezember gegen Indianapolis (!), die zwei Wochen später im Playoffkampf schmerzlich fehlte. Trotzdem dürfte man „9-7“ als ordentliches Endergebnis werten.


Dabei musste man sich häufiger als erwartet von der eigentlichen Stärke, dem Laufspiel um RB Chris „CJ1K“ Johnson (4.0yds/Carry, 4 TD) abwenden, hin zu einem unspektakulären, in keinerlei Hinsicht herausragenden Passspiel um den Oldie-QB Matt Hasselbeck. Gegen die Elite hatte man nur selten eine Chance, jedoch reichte die fehlerarme Spielweise, um die schwächeren Gegner abzuwürgen.

Nach dem gescheiterten Anlauf auf QB Peyton Manning steht in der Offense früher oder später ein interner Generationswechsel an: Der junge, mobile QB Jake Locker scharrt bereits in den Startlöchern und könnte schon in der kommenden Saison übernehmen. Das große Fragezeichen bei Locker wird seine Passpräzision sein. Drei Spiele sind nicht ausreichend Testmenge, um die 51% Completion Rate zu verteufeln, aber gepaart mit seiner Historie am College muss man bei „big arm“ Locker eine eher mäßige Completion Rate erwarten. Locker ist immerhin ein spannend anzuschauender Quarterback, der keinen Scramble mit Kopf voraus scheut.

Die Titans dürften allerdings ernsthaft überlegen, einen oder mehrere Wide Receivers einzukaufen. Der beste Mann, WR Kenny Britt, hat eine elend lange Verletzungshistorie und abseits Britts dürfte der Corp an Ballfängern als eher dürftig besetzt gelten.

Eine angesichts der schwachen Zahlen für RB Johnson viel diskutierte Position war die Offensive Line, wo es keinen Konsens über deren „Anteil“ an Johnsons Einbruch gab. Man sieht in LT Roos einen erstklassigen Mann, man sieht im Rest einen Haufen Mittelmaß. Nun wurde für teures Geld der einst in alle Sphären hochgelobte G Steve Hutchinson aus Minnesota geholt, aber man geht immer noch davon aus, dass sich die Titans in der ersten Runde des Drafts eines Offensive Liners bedienen könnten – vielleicht C Konz aus Wisconsin (Wisconsin! Der Mann ist aus Wisconsin!).


Die Titan-Defense wird zu den grundsoliden gezählt, aber eben nicht mehr. In anderen Worten: Wo heute jede Unit Rabatz mit Pass Rush machen möchte, ist die Front Seven von Tennessee recht pathetisch an der Anspiellinie und dürfte auch nach dem wichtigen Einkauf von DE/OLB Kamerion Wimbley aus Oakland (5yrs/35M) auf der Suche nach Upgrades sein. Mit dem zuletzt suspekt eingesetzten DT/DE Jones ist einer der Eckpunkte der letzten Jahre gen Seattle abgewandert, weswegen Tennessees depth chart maximal als „durchwachsen“ deklariert werden kann.

In der Secondary ging CB Finnegan verloren. Durch relativ gute Coaches dürften die Titans zwar nicht kollabieren, aber irgendwann wird es den einen oder anderen „Playmaker“ eben auch brauchen, selbst in einer Division mit so apathischen Offenses wie jener der Titans.


Ich bin mir nicht sicher, was man von den Titans künftig erwarten kann. Das Spielermaterial schreit im Prinzip nicht nach „Playoffs!“, der HeadCoach Mike Munchak ist dann auch nicht der große Visionär und bei OffCoord Chris Palmer habe  ich auch immer ein eher ungutes Gefühl. Locker könnte nach dem intensiven Flirt der Besitzerschaft mit Peyton Manning leicht angeknackst sein und muss dringend seine Konstanz steigern, sollte er über längere Zeit der Starter werden, während die Geschichte zeigt, dass ein spektakulärer Running Back wie Johnson nur selten ein Mann ist, um den man eine Offense bauen sollte. Und dann haben wir immer noch nicht über die Defense gesprochen… Pluspunkt: Die Divisionskonkurrenz hat auch so ihre Wehwehchen.

Baltimore Ravens in der Sezierstunde

Für die Baltimore Ravens schließt sich nach der dritten oder vierten verpassten großen Chance in den letzten Jahren schön langsam das Fenster des Erfolgs. So nahe an die Superbowl wie in den Schlusssekunden gegen New England kommt man nicht aller Tage, und die Ravens vergeigten es – again. Es bleibt ein insgesamt schaler Beigeschmack nach einem Jahr mit fantastischer Defense und viel zu unrhythmischer Offense.

Um nicht alles am kauzigen Bart des QB Joe Flacco festzumachen: Das PlayCalling von OffCoord Cam Cameron schreit alle paar Wochen eigentlich nach „Entlasse! Entlasse!“. So nett die Story mit dem kleinen Jungen, der sich Plays wünschen darf, ist: Gefühlt haben die Ravens nicht nur ein Spiel durch eigenartige Ansagen Camerons verloren oder nicht klarer gewonnen.

Das soll nicht an den Schwächen im Angriff vorbeidiskutieren. Flacco stagniert seit Jahren auf mittelmäßigem Niveau, bekommt trotz eines MVP-würdigen Running Backs Ray Rice (erneut über 2000yds, 15 TD), einer ordentlichen Offensive Line und einem variablen Corp an Ballfängern nicht mehr als 57% Completion Rate und 5.9yds/Passversuch zustande – zu wenig in einer NFL 2011/12. Flacco ist angezählt, spielt ab sofort um seine Zukunft.

Wenn ich sage „variable Ballfänger“, dann muss man konstatieren: WR Boldin als knochenharte Mitteldistanzwaffe, WR Torrey Smith ist Blitzgenie für das vertikale Spiel, zwei okaye Tight Ends – und dann doch wieder eher lange nichts. Vermutlich wird hier nachgebessert, nachdem es bis dato keine Anzeichen gibt, dass Tyrod Taylor auf Wide Receiver umgeschult wird.

Vermutlich wird auch in der Offensive Line nachgebessert, nachdem LT McKinnie langsam gen 200kg Mitte 30 zugeht, G Grubbs nach New Orleans abgewandert ist und auch C Birk nicht jünger wird. Und nach Ricky Williams‘ Rücktritt wird auch Nachwuchspotenzial bei den Running Backs gesucht.

Über die Qualität der Ravens-Defense muss prinzipiell nicht allzu lange diskutiert werden. Nun ist allerdings mit Chuck Pagano der DefCoord weg (ersetzt durch ex-Pats DefCoord Dean Pees) und zudem eine Serie an Startern oder Ergänzungsspielern abgewandert. Die beiden namhaftesten sind DE Redding und OLB Johnson, die allerdings beide aufgrund ihrer Spielanlage eh austauschbar geworden wären.

Die dringendste Suche in der Defense dürfte jene nach einem zweiten druckvollen OLB neben Suggs sein. Baltimores Defense ist nicht um massiven Pass Rush konzipiert, sondern um Hits und blaue Flecken, aber der Zug zum Quarterback ließ in den letzten Jahren doch enorm nach. Angesichts der alternden Eckpunkte Lewis/Reed wird die Pass-Defense bevorzugt über diesen Weg verstärkt werden müssen, nachdem allgemein anerkannt keine schnell einsetzbaren Safetys via Draft erhältlich sind und man sich keinen der teuren Cornerbacks leisten konnte.


Womöglich haben die Ravens zuletzt zumindest drei hochkarätige Titelchancen en suite durch dumme Nachlässigkeiten verstreichen lassen. Womöglich bietet 2012/13 mit einem gelungenen Draft – und GM Ozzie Newsome gehört zu den erfolgreichsten Draft-Strategen in der NFL – einen letzten großen Ansturm auf die Lombardi Trophy, ehe Lewis und Reed zu alt sowie Flacco verbrannt sind. Das Know-how in Baltimore dürfte vor allem auf der Abwehrseite ausgeprägt genug sein, um die Personalwechsel kaschieren zu können. Nicht so sicher bin ich mir bei der Offense und daher stehen die Wetten für einen Superbowlchamp „Ravens“ ab sofort vermutlich einen kleinen Tick schlechter als in der jüngeren Vergangenheit.

Seattle Seahawks in der Sezierstunde

Nach allem Spott um Planlos in Seattle über Wochen und Monate fühle ich mich den Seattle Seahawks gegenüber zu einer genaueren Analyse verpflichtet. Die Personalpolitik der Hawks und von Head Coach Pete Carroll ist nicht immer durchsichtig oder nachvollziehbar, aber sie trägt ihre ersten Früchte. Seattle 2011/12, das war durchaus eine aufregende Mannschaft, wie ich bereits zum Donnerstagnachtspiel Anfang Dezember schrieb.

Beginnen wir mit der jungen Defense, deren Arbeit insbesondere gegen den Lauf fantastisch war. Bei Seattles Front Seven sprechen wir nicht von einer sonderlich druckvollen Unit gegen Quarterbacks, aber die Schotten gegen alles, was ein Ei in der Hand hielt, waren dicht. Tackling: Erstklassig. Disziplin: Hoch. Vor allem der grundsolide DT Red Bryant wurde in den Himmel gehoben und sogleich mit einer relativ teuer anmutenden Vertragsverlängerung (5yrs/35M) belohnt. Neu aus Tennessee kam der als Geheimtipp geltende DT Jason Jones, womit Seattles Line eine neue Dimension gewinnen könnte: Pass Rush. Diesbezüglich ging die meiste Gefahr vom alternden DE Clemons aus; DE Brock soll nicht mehr die Agilität alter Tage an den Tag legen.

Ein Punkt, mit dem Seattle stets zu kämpfen hatte: Verletzungen bei Linebackers. Hawthorne wurde ziehen gelassen, weswegen nun händeringend Ersatz gesucht wird. Dieser Mannschaftspart könnte von der ordentlichen Line profitieren, dürfte aufgrund der schieren Unerfahrenheit verstärkt werden müssen.

In der Secondary fällt sofort die Dynamik von Safety Earl Thomas (früher Texas Longhorns) ins Auge; Thomas ist der kleine Polamalu. Trotz 4,1% INT-Quote wird Seattle aber personell nachbessern müssen, da das Defensive Backfield a) am ehesten die Schwäche stellte und b) abseits von Thomas langsam in die Jahre kommt.

Auf der anderen Seite gilt auch das Fundament der Offense, die Line, als Versprechung mit Verletzungsproblemen. Der LT Okung soll zum Beispiel der neue Walter Jones sein, aber in den ersten beiden Jahren weniger gespielt haben als gewünscht. Auch der Rookie-G Carpenter war öfter im Spital als im Line-Up. Line-Coach Cable gilt als knallharter Hund und presst auch aus den Backups mehr raus als man erwartet, jedoch wird gemeinhin auch aufgrund der besorgniserregenden Sack-Zahlen Nachbesserung via Draft erwartet.

Das Grundproblem der Seattle Seahawks im Angriff bestand jedoch auf der Quarterback-Position. Tavaris Jackson ist kein unterirdischer Mann, aber anfällig gegen Fehler zum dümmsten Zeitpunkt und so langsam verliert man das Vertrauen, dass Jackson es noch „packt“. Reaktion der Hawks: Matt Flynn wurde aus Green Bay für drei Jahre eingekauft und soll die nicht unspektakuläre Spread-Offense von OffCoord Darrell Bevell in Zukunft anführen. Bei Flynn weiß noch kein Mensch, wie gut er wirklich sein kann; ich betone jedoch immer wieder, dass Flynns Spielweise stark jener wuseligen Art von Mentor Aaron Rodgers ähnelt.

Weil mit RB Marshawn Lynch der gute, aber nicht großartige Running Back gehalten wurde, glaubt man in Seattle, ein grundsolides Offensive Backfield zu besitzen. Kaum vorstellbar, dass QB oder RB mit einem hohen Draftpick ergänzt werden. Wo man allerdings immer Verstärkung gebrauchen kann: Wide Receiver. Sidney Rice gehört zu den großen Anspielstationen, die jedermann heutzutage sucht, hat sich jedoch über die Jahre nicht als der Mann herauskristallisiert, um den allein man wie Fitzgerald oder Johnson einen Angriff bauen möchte. Und nebenan findet man serienweise namenloses Spielermaterial. Ein Tight End könnte auch nicht schaden, wenn nur nicht die TE-Klasse von 2012 als so durchwachsen angesehen würde.

Fazit: Streckenweise waren die Seahawks von 2011/12 eine richtig, richtig ansehnliche Footballmannschaft. Die Defense deutete exzellente Ansätze an. Weil das bestehende, junge Spielermaterial wie auch der Trainerstab gehalten werden konnten und bereits jetzt zwei, drei sinnvolle Ergänzungen gemacht wurden, würde ich wenigstens ein Halten des Levels erwarten. Der kritische Punkt ist die Beziehung Offensive Line/Quarterback: Flynn kann als Risikoinvestition gesehen werden. Die Protection wird dann gut sein, wenn die Bänder der Blocker halten. Flynn braucht dann aber immer noch Anspielstationen.

Die Seattle Seahawks sind innerhalb eines Jahres vom Luck-Favoriten Nummer eins zu einer Mannschaft geworden, denen ich durchaus zutrauen würde, die 49ers zu überflügeln.

Chicago Bears in der Sezierstunde

Die Chicago Bears haben sich zu einem komischen Laden entwickelt, der sich seit Jahre in der Mittelmäßigkeit verliert, immer mit ein paar Hoffnungsschimmern zum Durchbruch, aber immer auch mit hinreichend Lücken, die die Mannschaft killen. In der abgelaufenen Saison war man besser als erwartet, bevor der Verletzungsteufel ab Mitte November brutal zuschlug und die Bears-Bilanzen in Grund und Boden schoss. In der Offseason wurde OffCoord Mike Martz durch Mike Tice ersetzt, aber die grundsätzlichen Probleme bleiben.

Denn so gut QB Jay Cutler auch spielt, auf so wackeligen Beinen steht trotz leichter Verbesserung die Offensive Line. Dabei wurde Cutler, der Mann, der prädestiniert für das vertikale Spiel wäre, dafür eingekauft, die tiefen Bomben zu servieren, wofür ihm die anerkannt schwache Pass Protection der Bears aber überhaupt keine Zeit lässt, weswegen kein Bears-Spiel ohne INT und 5-6 Sacks vergeht. Angesichts dieser Gegebenheiten lesen sich Cutlers 6.4 Nettoyards/Passversuch wie ein kleines Wunder und gewannen durch die Vorstellungen des Backups Hanie noch einmal an Wertigkeit. Möglicherweise bekommt Cutler, der Grund-Unsympath, nicht die Anerkennung, die er verdienen würde.

Als Reaktion auf die Probleme wurde jüngst WR Brandon Marshall aus Miami eingekauft – der Mann, mit dem Cutler einst in Denver prächtig harmonierte. Marshall ist keine Bedrohung für die 50yds-Raketen, jedoch als Waffe für die schnellen Pässe jederzeit gebräuchlich. Recht viel mehr an Wide Receivers gibt es in Chicago nicht: Hester, Knox und Williams sollen Super-Athleten sein, aber über keine Technik verfügen. Deswegen galt über die Jahre auch der RB Matt Forté als zuverlässigster Ballfänger. Fortés Standing in Chicago ist gut genug, dass sich Martz, das Synonym für „vertikales Passspiel“, zuletzt immer häufiger dazu hinreißen ließ, auf Laufspiel und schnelle Screen-Pässe zu setzen.

Trotz aller Probleme machten sich die Bears in der Free Agency nicht auf, die Offensive Line anzugehen. Auf Tackle kann man auf die Genesung des hoch gedrafteten Gabe Carimi (Wisconsin! Ein Blocker aus Wisconsin!) hoffen, aber abseits davon hätte es hinreichend Handlungsbedarf gegeben. Lieber konzentrierte man sich jedoch darauf, grundsolide Backups wie RB Michael Bush oder QB Jason Campbell aus Oakland zu holen, um Cutler und Forté nach deren nächstem Abschuss halbwegs adäquat ersetzen zu können. Man kann davon ausgehen, dass im Draft Offensive Liner einberufen werden, bis die Äpfel reif sind.

Bei all dem Desaster geht völlig unter, dass die Defense der Chicago Bears eine fantastische Saison spielte und absolut e-x-z-e-l-l-e-n-t gegen den Lauf verteidigte. Die Unit von DefCoord Rod Marinelli ist immer noch als „Cover-2“-Variante konzipiert, die auf eine famose Defensive Line um den Superstar-DE Julius Peppers gründet. Obwohl man undisziplinierte Freelancer wie Meriweather durchschleppen musste, hielt das Bollwerk lange genug Stand, dass die Bears mit einer wenigstens durchschnittlichen Offense in der zweiten Saisonhälfte die Playoffs erreicht hätten.

Allerdings wird die gesamte Abwehr a) nicht jünger und muss b) einen Aderlass verkraften. MLB Brian Urlacher, der „Ober-Bär“ seit über einem Jahrzehnt, riss sich im letzten Saisonspiel die Bänder im Knie, während gleich mehrere Cornerbacks und DT Adams ziehen gelassen wurden. Es gibt hoffnungsvolle Talente wie DT Paea oder CB Jennings, aber sofern Lovie Smith noch langfristig planen darf, muss spätestens in einem Jahr der Verjüngungsprozess eingeleitet werden. Schon heuer öffnen sich die ersten Waale in der Secondary, die via Draft angegangen werden müssen.


Die Bears stehen am Scheideweg. Lovie Smith ist ein Verpassen der Playoffs vom Rauswurf entfernt und man muss wohl eine weitere Saison mit einer Offense bestreiten, die in sich nicht vollends stimmig wirkt: Quarterback mit Anlage für tiefes Spiel, Wide Receiver für kurze Routen, Offensive Line, die nicht mehr als 2sek für Spielzugentwicklung zulässt und dann kommt da noch ein OffCoord, der berüchtigt für seine fehlende Liebe zum Detail ist. Im schlimmsten Falle könnte es ProBowl-kalibrige Leistungen Cutlers brauchen, um erneut in Playoffnähe zu bleiben. Auf der anderen Seite sieht das Bears-Fundament nun deutlich solider aus als in der vergangenen Offseason; man finde 1-2 gute Blocker im Draft und die NFC North wird eine heiße Angelegenheit.

Tränen für Petrino

Der bizarre Fall des Bobby Petrino hat sich ganz klassisch mit einer Entlassung gelöst. Für die Neulinge: Bobby Petrino war Head Coach der Arkansas Razorbacks (College Football/SEC), mittlerweile vier Jahre lang seit jenem unseligen Abgang bei den Atlanta Falcons, der Petrino für ever den Ruf des Oberarschlochs eingebrockt hatte.

Petrino ging nach Fayettville, um jahrelang als verheirateter Mann mit einer jungen Kellnerin fremdzugehen. Vor zwei Wochen ein Motorradunfall, eine Unfallstelle ohne Opfer, dafür ein Petrino im Spital. Petrinos Tanz, durch die Hintertür abzumarschieren, war wieder durchgeschlagen. Es kam heraus, dass Petrino zwar ohne Helm, aber nicht ohne Begleitung unterwegs war. Jetzt ist Bobby Petrino gefeuert.

Indianapolis Colts in der Sezierstunde

Gleich zu Beginn möchte ich auf den Eintrag von Ende Oktober verweisen, als ich unter dem Eindruck der schockierenden Vorstellung der Indianapolis Colts im Sunday Night Game zu New Orleans eine Statusbeschreibung aus meiner damaligen Sicht wagte. Obwohl die Colts am Saisonende dann einen Tick besser waren als es die 2-14 Bilanz vermuten hätte lassen, ist fast alles eingetroffen. Mehr noch: Auch GM Polian wurde gefeuert. Der neue Mann am Steuer, der von den Eagles gekommene GM Ryan Grigson, schmiss gleich am ersten Arbeitstag den schmallippigen Jim Caldwell raus. Ebenso weg: Peyton Manning und Gefolgschaft sowie ein großer Teil der verbliebenen Meistermannschaft. Tabula rasa in Indianapolis, nach einem Jahrzehnt in den obersten Sphären der NFL.


Als neuer Chefcoach wurde der recht profillos wirkende, aber unter dem Tisch als durchaus  begabt bezeichnete Ravens-DefCoord Chuck Pagano installiert, ein Mann, dessen Abwehrvorstellung sich diametral von jener über Jahre praktizierten „Tampa 2“ unterscheidet, weswegen dann auch gleich Recken wie Freeney oder Brackett klargemacht wurde, dass sie ihre Karriere besser woanders ausklingen lassen sollten.

Konkret bedeutet ein Chefcoach „Pagano“, dass die Abwehr auf ein straightes 3-4 umgestellt wird, was Freeneys größte Stärke, das Druntertauchen unter den Left Tackle, negiert. Bis dato fand sich noch kein Abnehmer für den Mann, der vor all seinen Verletzungen über Jahre als ultimativer Pass Rusher in der NFL gefeiert wurde. Gesucht werden dann auch: Nose Tackle, Ends für die 3-4 Defense, flinke Linebackers und vor allem Defensive Backs. In einem Wort ausgedrückt: Rundumerneuerung.

Hopfen und Malz ist aber nicht verloren: DE Mathis dürfte mit seiner schmächtigen Statur ohnehin ein besserer OLB als Defensive End sein, und mit DT Redding sowie S Zbikowski hat sich Pagano gleich zwei Buddys aus dem Ravens-Lager mitgenommen. Abseits davon wird es nach einer eher gemächlich angegangenen Free Agency wohl einen oder zwei defensivlastige Drafts brauchen, um die über Jahre verlotterte Colts-Abwehr wieder in Schwung zu bekommen.


Ähh ja. Die Offense der Indianapolis Colts steht auch vor einer grundlegenden Restrukurierung. Angefangen werden soll beim Quarterback. Alle Zeichen deuten darauf hin, dass die Organisation der Colts sich 14 Jahre nach dem Committment pro Peyton Manning diesmal mit dem Top-Pick den mindestens ebenso gehypten Andrew Luck von der Stanford University grapschen wird. Luck wird nun schon seit längerer Zeit als Jahrhunderttalent angepriesen und erst seit wenigen Tagen ernsthafte Konkurrenz durch RG3 aufgeschwatzt. Weil das Colts-Lager jedoch von Luck überzeugt zu sein scheint, dürfte die Diskussion nur medial geführt werden. Luck ist auf alle Fälle ein unglaublich reif wirkender Quarterback, dessen Horizont nicht an der Seitenauslinie endet, und IMHO ein athletischerer Mann als man es ihm zugestehen würde.

Um Luck herum wird allerdings gerade alles eingerissen, was man einreißen kann: Der gemeinhin als schwach angesehene Offensive Line wurde eine Frischzellenkur verordnet (C Saturday, G Pollak, T Diem sind weg) und abseits der vergangenes Jahr gedrafteten Tackles Castonzo/Ijalana ist noch nicht abzusehen, wie die Line in Zukunft ausschauen wird (aus Oakland kam C Satele).

Die beiden Top-Wide Receiver Stand heute sind der Routinier Reggie Wayne und der von den Rams eingekaufte Donnie Avery, nachdem Garcon, Tamme und Clark ziehen gelassen wurden. Und bei den Running Backs gibt es abseits des bereits als Flop abgestempelten Donald Brown von UConn nur noch den jungen Delone Carter von Syracuse, und der soll als Rookie nicht die besten Eindrücke hinterlassen haben.


Weia. Solches Hausreinemachen wie gerade in Indianapolis kommt in der NFL alle drei, vier Jahre vor. Es fällt eigentlich erst jetzt auf, wie lange die Colts mit einem Kern von nur acht, neun Schlüsselfiguren operierten (und alterten) und wie wenig Substanz abseits davon gegeben war. Man wusste, dass die Colts zuletzt 3-4x schlecht gedraftet hatten, jedoch wurden die Auswirkungen lange Zeit kaschiert. Diese Offseason zeigt in aller Brutalität, wie krass sich in der NFL ein Schnitt machen lässt.

Als Fan ist man dankbar, das miterleben zu dürfen. Ich habe es vor drei Jahren in Detroit gesehen, wo mit Schwartz nach langem Siechtum ein pragmatischer Coach eingestellt wurde und ohne allzu viel Free Agency, dafür via Draft Baustein für Baustein eingebaut wurde. In der Kinderschuh-Phase ist es schmerzhaft mit anzuschauen. In der Pubertätsphase (wo sich die Lions gerade befinden) dafür umso besser. Es gibt nichts Schöneres als sich die Zukunft eines aufstrebenden Teams auszumalen.

Und man sollte nicht vergessen, dass die Indianapolis Colts 2012 über ein um Welten (!) besseres Grundgerüst verfügen als damals die Lions besaßen. Die Colts 2012 waren ein Team, das historisch wenigstens fünf Spiele hätte gewinnen müssen. Die sieglosen Lions von damals hätten mit viel Glück zwei Partien gewonnen.

Natürlich steht und fällt vieles mit der Entwicklung des Quarterbacks Andrew Luck, bei dem man sich ein komplettes Floppen nur schwer vorstellen kann. Aber die Colts werden um Luck herum in mindestens zwei Drafts ein Gerüst bauen müssen. 2012/13 dürfte es selbst in einer schwachen AFC South Niederlagen hageln. Wenn aber Pagano und Co. dem Skript folgen können, werden die Indianapolis Colts spätestens in zwei Jahren ungeduldig dem September entgegenfiebern.

San Francisco 49ers in der Sezierstunde

Rückwirkend betrachtet hätten die San Francisco 49ers das NFC-Finale gewinnen müssen. Auf der anderen Seite war es überraschend genug, dass man es überhaupt dorthin geschafft hatte. Leser von Sideline Reporter wissen um die zwei großen Geheimnisse der 49ers, die hier bis zum Gebrechen rauf- und runtergeleiert wurden: Turnovers und Starting Field Position.

Zehn eigenen Ballverlusten standen in der Regular Season 36 Balleroberungen gegenüber – großartige Werte, die auch noch im ersten Playoffspiel hielten, ehe im NFC-Finale ausgerechnet zwei eigene Fumbles die Saison beendeten. QB Alex Smith warf nur 1,1 Interceptions pro 100 Pässen – in den letzten acht Jahren in der NFL war nur eine Quarterback-Saison „sicherer“: Brady 2010/11 (1.0%). San Francisco wird keine Chance haben, diese Zahlen auch nur annähernd zu reproduzieren.

Die 49ers sind um ihre Defense gebaut, und die Defense um eine absolut dominante Front Seven. Aber selbst wenn diese Defense ihr Niveau wird halten können, so wird man sich nicht noch einmal so durchlavieren können. Sprich: Die Offense muss mehr vom Kuchen der Verantwortung nehmen. Das bedeutet automatisch die Hinwendung zu einem etwas risikoreicheren Spiel als man es heuer praktizierte.


Die Offensive Line gehört optisch zu den löchrigsten, die man in der NFL sehen wird; das Passspiel mit seinen 5.9yds/Versuch (#18) und selbst das vermeintlich ordentliche Laufspiel (4.1yds/Carry, #19) sehen dahinter nicht gut aus.

Die Offense ist also die Großbaustelle. Größtes Dilemma ist für HeadCoach Jim Harbaugh der QB Alex Smith, dessen highlightträchtiges Playoffspiel gegen die Saints immer noch herumgeistert; auf der anderen Seite ist Smith nach Harbaughs Flirt mit Manning erneut angesägt. Abseits der nicht wiederholbaren „No-INT-Policy“ gehörte Smith auch 2011/12 nicht wirklich zu den überdurchschnittlichen Quarterbacks. Trotzdem kann man kaum erwarten, dass der potenzielle Nachfolger in spe Colin Kaepernick so schnell zum Zug kommen wird.

Es gibt auch recht wenige brauchbare Anspielstationen. Wir haben den trotz 72 Catches dezent enttäuschenden WR Michael Crabtree, den wetterwendischen TE Vernon Davis (67 Catches), und… und… dann haben wir die Herren Williams, Ginn jr., Walker mit jeweils 20 oder weniger Catches. Für die 49ers dürfte es zum Imperativ werden, auch nach der Reaktivierung von Randy Moss und dem Einkauf von Superbowl-Hero Manningham hier nachzubessern.

Strengere Blicke haben auch die Running Backs Gore/Hunter zu erwarten, deren schwache Statistiken sich mit den optischen Eindrücken decken… und was machen die 49ers? Holen sich den 250kg schweren Bolzen Jacobs aus New York! (wtf? in Kleinbuchstaben. Ich bin erstaunt)

Und dann gibt es das Torso von Offensive Line. Trotz hoher Draftpicks in den letzten Jahren (Staley/Davis/Iupati) fragt sich der geneigte Gelegenheitsverfolger, wie eine Mannschaft mit so einer Unit ins Conference-Finale vordringen kann. Nachbesserung nicht bloß „optional“, sondern ein Muss.

Die um eine ebenso athletische wie aggressive Defensive Line gebaute Abwehr offenbart in der von unserem Freund Ed Donatell gecoachten Secondary signifikante Verbesserungspotenziale: Mit CB Carlos Rogers und S Dashon Goldson wurden die beiden namhaftesten (nicht unbedingt: besten) Free Agents gehalten, aber: San Francisco offenbarte unübersehbare Schwächen gegen bessere Quarterbacks und durfte sich glücklich schätzen, einen günstigen Schedule gegen sich ausgespielt zu sehen. 2012/13 werden unter anderem kommen: Green Bay, New Orleans, New England, Detroit. ‘Nuff said.


Das Fundament der 49ers scheint also mit der soliden Defense zu stehen. Die Kernfrage wird sein, ob und wie man mit QB Smith weitermachen soll, welche Waffen man dem Passspiel zur Verfügung stellen wird und wer die Pocket beschützen soll. Mit einer ähnlichen Smashmouth-Taktik werden wohl keine zehn Siege mehr eingefahren, zumal gegen einen deutlich schwereren Schedule. Auf der anderen Seite kann man dank des Ankers „Defense“ auch davon ausgehen, dass eine komplette Implosion der 49ers nicht passieren wird, egal wer denn nun die Bälle wirft, trägt und fängt.

Eierrollen

Zum heutigen Ostersonntag zwei in den letzten Tagen bekannt gewordene Wechsel in der US-Sportnetzlandschaft. Andy Benoit, 26jähriges Matchup-Genie aus Boise, wird ab Herbst die „Cover-2“-Kolumne der Football Outsiders schreiben. Benoit ist der interessanteste und lesenswerteste US-Footballschreiber, was das Einbinden von physischen wie athletischen Attributen in GamePlans anbelangt. Benoit verfolgt im Gegensatz zu Pro Football Focus weniger die Leistung von Spielern auf Spielzugbasis, sondern wirft sein Augenmerk darauf, wie Coaches Talent evaluieren (sollten) und im direkten Duell einbauen (sollten). „Cover-2“ tendierte in der Vergangenheit dazu, sich auf einzelne Teams zu konzentrieren, deswegen darf man sich bereits jetzt über Benoits Wechsel freuen. Inwiefern Benoit weiterhin bei Fifth Down, CBS sowie seiner Privatseite NFL-Touchdown aktiv bleiben wird, ist mir unbekannt.

Für die Football Outsiders ist es nur ein weiterer Schritt weg von ihrer ursprünglichen Gründungsidee. In den letzten vier-fünf Jahren wurde die Seite aber IMHO eh auf dem Gebiet der fortgeschrittenen Statistik von anderen (Advanced NFL Stats, KC Joyner, PFR, Code and Football, Drive-by Football) an die Wand genagelt und hat ihre Hauptkompetenzen mittlerweile in teilweise fantastischer Schreibe (Mike Tanier, früher Bill Barnwell, nun Benoit) sowie der vermutlich fachkundigsten Leserschaft im Netz (siehe die Kommentarspalten der Spieltagsreihe Audibles at the Line).

Der zweite Wechsel betrifft Joe Posnanski, der nicht mal drei Jahre nach seiner Anstellung bei der renommierten Sports Illustrated schon wieder Pfiatgott sagt und bei USA Today sowie MLBAM anheuern wird. Das ist ein trauriger Move, da er impliziert, dass Posnanski sich in Zukunft noch vermehrter auf Baseball konzentrieren wird. Posnanski hat einen ganz eigenartigen, höchst lesenswerten erzählerischen Stil und war IMHO eine fassungslose Bereicherung für SI.com, deren einzige verbliebene Koryphäen nun „Monday Morning Quarterback“ Peter King sowie der CollegeFootball-Experte Stewart Mandel bleiben.

Frohes Fest und lasst euch von eurem Osterhasen verwöhnen.

Pittsburgh Steelers in der Sezierstunde

Die Steelers waren in der abgelaufenen Saison trotz etlicher Verletzungsprobleme mal wieder eine der potentesten Mannschaften, und vor allem: Sie waren ein ausgeglichenes Team. Während die alternde Defense nicht mehr so dominiert wie in früheren Tagen, zeigte die Offense explosive Elemente, explosiver als noch in der Vergangenheit. Am Ende scheiterte man aufgrund eines GAU-Viertels in Denver in einem Spiel, in dem ein halbes Dutzend an wichtigen Startern entweder fehlte oder aus dem Spiel getragen wurde.

Was damals wie erste Anzeichen von Untergangsstimmung rüberkam, muss nicht sein. Auch wenn der Mannschaftskern Weiterlesen

Wir lesen (3) – Bill Walsh. The Genius (David Harris)

[Nummer 3 in unserer Buchreihe: David Harris: The Genius. How Bill Walsh Reinvented Football and Created an NFL Dynasty. Random House: New York 2008. Als Taschenbuch zum Beispiel hier schon ab 12,95 Taler. Teil 1 und 2 der Bücherreihe hier und hier. Leseproben auf der Internetseite von David Harris hier.]

Bis Bill Walsh das Label “Genie” um den Hals gehängt bekam, hat er in seinem Leben viele Niederlagen einstecken müssen. Der Linkshänder wollte Quarterback werden, da aber seine Eltern, mit denen er in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen ist, oft umzogen, konnte er in keiner der mehreren High Schools einen Stammplatz ergattern und einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Nachdem er sich für eine Trainerlaufbahn entschied, konnte er lange Zeit keinen besseren Job als High-School-Trainer ergattern. Schließlich bekam er nach einem beeindruckenden Interview beim damaligen Head Coach der University of California, Marv Levy, einen Job als Assistant an einem guten College. Von dort aus gelang ihm 1966 das erste Mal der Sprung in die NFL – als RBs-Coach bei den Oakland Raiders. Das war aber – schon damals – ein derartiger Sauhaufen, daß Walsh schon nach einem Jahr keine Lust mehr darauf hatte.

So verbrachte er zwei Jahre ohne Football, bevor sich ganz überraschend eine neue Chance auftat. In der Bay Area hatte sich Walsh durch Jobs bei San Jose State, Cal und schließlich den Raiders einen guten Ruf erarbeitet. Jemand seiner Kollegen – neben Levy zum Beispiel Dick Vermeil und Al Davis – mußte ihn Paul Brown empfohlen haben, der in Cincinnati 1968 eine neue Franchise aus dem Boden stampfte. Walsh überzeugte Brown sofort und wurde Quarterbacks Coach.

Innerhalb kurzer Zeit bekam Walsh immer mehr Verantwortung. Er entwickelte eine Offense, mit der auch die limitierten QBs der Bengals erfolgreich sein konnten. Ein neuer Ansatz war, die gesamte Breite des Feldes zu nutzen (statt nur die Tiefe); ergänzt wurde dieser durch die Konzentration auf perfektes Timing und milimetergenaue Abstimmung zwischen QB und Wide Receivers – der Kern der Philosophie, die später als “West Coast Offense” das Spiel revolutionieren sollte. Folgerichtig wurde er auch Offensive Coordinator und Mitte der 70er Jahre, als sich das Ende von Browns Trainerkarriere abzeichnete, weithin als der logische Nachfolger für den Cheftrainerposten gesehen.

Nur hatte Brown anderes im Sinn. Er mochte Walsh nicht besonders, gab sich, als der Erfolg allzu deutlich geworden war, selber als Vater der neuen Offensivphilosophie aus und hielt Walsh für keinen geeigneten Head Coach, weil dieser sich mehr als Lehrer seiner Spieler sah und weniger als Drill Instructor, wie es damals üblich war. Brown machte Offensive Line Coach Tiger Johnson zum Head Coach ab der Saison 1976. Daß Walsh nach diesem “greatest disappointment of my life” nicht als OC unter dem neuen Chef bleiben wollte, legte ihm Brown als unerhörte Illoyalität aus und erzählte allen Teams, die Walsh als Kandidaten für ihren Cheftrainerposten interviewen wollten, daß er zu soft und überhaupt völlig ungeeignet als HC wäre. Browns Wort zählte viel damals.

Zwischen Riesenenttäuschung und neuer Chance

Nach einer Saison als OC bei den Chargers, in der er den jungen Dan Fouts unter seinen Fittichen hatte, bekam er immerhin auf dem College-Level die Chance, eine Mannschaft zu führen. Auch wenn es nur Stanford war, die mehr Wert auf akademische denn auf sportliche Leistungen legten. Aber passenderweise waren die vergleichsweise klugen Studenten der Eliteuni wie gemacht für Walshs modernen Ansatz, der sehr sophisticated war im Gegensatz zu vorherrschenden Meinung, daß immer der größere und stärkere mit “3 yards and a cloud of dust” gewinnen müsste. In seinen zwei Jahren, 1977 und ´78, führte der schon damals weißhaarige Head Coach die Cardinal zu 9-3- bzw. 8-4-Bilanzen mit zwei Siegen im Sun Bowl und im Bluebonnet Bowl.

Danach, im Alter von 47 Jahren, bekommt Bill Walsh 1979 endlich die Chance, Head Coach in der NFL zu werden – von einem 32-jährigen. Edward DeBartolo, Jr. hatte die San Francisco 49ers zwei Jahre zuvor von seinem Vater als Spielzeug geschenkt bekommen. Die miese Franchise hat er in dieser Zeit noch schlechter gemacht. Er übergibt dem neuen Cheftrainer und General Manager Bill Walsh den schlechtesten Kader der Liga, der 1978 zwei von 16 Spielen gewonnen hat.

Alle diese Stationen in Walshs Leben bettet David Harris wunderbar in die damit verworbenen Geschichten ein. Die rückständige Bay Area der 40er und 50er Jahre; das Leben als Lehrer und Coach an einer High School; die Schwierigkeiten, die “Coaching-Ladder” hinaufzusteigen; die Expansion Franchise Bengals mit ihrem Gründer Paul Brown; und nicht zuletzt die Familie DeBartolo und die Franchise 49ers. Harris hat einen wunderbaren Schreibstil, der zwar seine – auch persönliche – Nähe zu Walsh nicht versteckt, aber zu keinem Zeitpunkt in hymnische Töne oder Abfeierei abrutscht. Der Buchtitel „The Genius“ ist schon das höchste aller Gefühle.

Die Nähe zu Walsh ist entstanden durch zahlreiche Interviews, die Harris in den Monaten vor Walshs Tod im Sommer 2007 mit ihm führen konnte. Diese persönlichen Gespräche bilden den Kern des umfangreichen Quellenmaterials, das Harris für die Biographie ausgewertet hat. Dazu gehören unzählige Interviews mit Weggefährten wie auch Gegnern, als auch zahlreiche Zeitzeugnisse wie Zeitungsartikel und Fernsehsendungen. Ausweislich seiner eigenen Biographie ist Harris Journalist, aber bei einem derart qualifizierten Umgang mit Quellen würde es mich nicht wundern, wenn er in der Uni auch ein paar Seminare bei den Historikern belegt hat. Was nur immer mal wieder unangenehm aufstößt, ist seine Eigenart, einfach Namen wegzulassen und stattdessen nur die Position anzugeben.

Das Vermächtnis 49ers

Ab 1979 beginnt schließlich Bill Walshs Vermächtnis rasend schnell zu wachsen. Er übernimmt eine Franchise, die nicht nur vom Spielermaterial her am Boden liegt, sondern auch ein lächerliches Teamquartier und Trainingsbedingungen hat. Viele Colleges hatten schon damals bessere Trainingseinrichtungen; die 49ers hatten nicht einmal ein 100 Yards langes Trainingsfeld, sondern nur zwei nebeneinander liegende 50 Yards lange Hälften. Von Anfang an nimmt Walsh alles selber in die Hand und übernimmt auch die Verantwortung. Vom Starting Quarterback bis hin zu schiefen Bildern auf den Fluren gibt es nichts, an das er nicht Hand anlegen würde. Sein großes Mantra, nach dem er die gesamte Franchise organisiert, lautet Control. Control. Control. „He was king“ sagen schon frühe Weggenossen.

So ein Führungsstil funktioniert nur, wenn man ein Genie als King hat. Und selbst dann nicht immer. Nicht nur der Lorbeer gehört dem König im Erfolgsfall, sondern viel mehr noch trägt er Verantwortung auch für die Schande. Nicht nur für völlig verkorkste Jahre wie 1982 oder das schockierende Playoff-Aus ´87, sondern auch für jede einzelne Niederlage in der Regular Season hat Walsh sich manchmal derartig fertiggemacht, daß sein Team ihn zwei, drei Tage lang nicht zu sehen bekam oder er sogar seine Mannschaft nach dem letzten verlorenen Saisonspiel ohne Wort und Gruß einfach stehenließ.

Bis zum Schluß litt er unter Versagensängsten. Geschürt hat Walsh diese nicht nur selbst, auch sein zeitweise völlig durchgeknallter Boss, DeBartolo, hat ihn – manchmal nüchtern, meistens nicht – rund gemacht wie einen Buslenker. Dabei war es Mr. D auch völlig egal, ob sie unter vier Augen, vor der Mannschaft oder vor Geschäftsfreunden waren. Auch Walshs persönlichen Beziehungen gerade zu seinen besten und wichtigsten Spielern wie Joe Montana und Ronnie Lott waren schwierig.

Neben seiner Control-Obsession hatte Walsh noch zwei weitere Prinzipien, die über allen anderen standen: „attention to detail“ und den Anspruch, alles „first class“ zu machen. Es war kein Wunder, daß sie am Ende seiner Amtszeit 1988, nach dem dritten Super Bowl Erfolg, die besten Stars hatten; die beste Mannschaftstiefe hatten; den besten Coaching Staff hatten; und aus dem Kreisliga-Trainingsgelände ein State-of-the-Art-Komplex wurde.

Control(Genie) * Detail = First Class

In seinen zehn Jahren als Head Coach und General Manager in der NFL hat er tatsächlich viele Dinge auf ein ganz neues Level gehoben. Dazu gehören Aspekte des Coaching, Personalmanagement, Talentscouting, game planning, Trainingsgestaltung und Organisation von Training Camps. Das liest man besten alles selber nach. Als pars pro toto aber dazu vielleicht eine Geschichte der Draft 1986:

Bill traded the number eighteen pick in the first round to Dallas for its pick at number twenty plus a fifth-rounder. Then he packaged the Dallas pick, plus one of his own in the tenth round, to Buffalo for their second- and third-round picks. He also moved another second-round pick to Washington for their first-rounder in 1987. Along the way, the Philadelphia Eagles called to ask if the apparently crazy Forty Niners president [Walsh] would trade his backup Quarterback, Matt Cavanaugh, for a third-rounder now plus a second-round pick next year. Putting that proposal on hold, [Quarterbacks Coach] Mike Holmgren remembered, ‚Bill hung up the phone and said he had a chance to trade Cavanaugh, and to a man, every coach in the room said, ‚Don´t do it‘. Bill listened politely and then said, ‚You guys don´t know anything‘, picking up the phone and says, ‚Trade him‘.‘ To cover that sudden vacancy on the roster, Walsh then moved one of his third-rounders from Detroit to the Rams for two fourths and backup quarterback Jeff Kemp.

All told, Bill had made six trades, leaving him with one choice in the second round, three in the third, three in the fourth, one each in the fifth and sixth, and another five between round eight and ten. […] In round two, he selected Larry Roberts, a defensive end out of Alabama, whom the Niners would have taken with their first-round pick if they had kept it. In round three, Bill chose fullback Tom Rathman of Nebraska, cornerback Tim KcKyer from Texas-Arlington, and wide receiver John Taylor from Delaware State. Round four yielded linebacker and pass rush specialist Charles Haley out of James Madison, offensive tackle Steve Wallace from Auburn, and Miami defensive tackle Kevin Fagan. In round six, he picked up cornerback Don Griffin from Middle Tennessee State. All eight would become starters for the Forty Niners – the two corners in their rookie year – and five of them would eventually be selected for the Pro Bowl.

Die Wege auf denen „Personaler“ wie Andy Reid oder Bill Belichick heute wandeln, wurden von Bill Walsh etabliert. Auch wie man ein Team umbaut und verjüngt und gleichzeitig trotzdem erfolgreich ist, haben die heutigen Maestros in dieser Disziplin – Reid und Belichick – in vielen Teilen sicherlich von Walsh gelernt. Nicht zufällig ist Walshs Buch „Finding the Winning Edge“ so etwas wie die Bibel unter den Managementratgebern für Personnel Men in der NFL. Walsh hat seine 49ers in einem Jahrzehnt dreimal umgebaut. Aus einem wild zusammengewürfelten Haufen aus „Castoffs“ und jungen Draftpicks hat Walsh den Super Bowl Sieger der Saison 1981 gemacht. Einen kleiner Kern bildetet den Ursprung für die schon viel bessere Mannschaft, die 1984 nach 15-1 Regular Season die Lombardi Trophy gewann. Diese hat er dann nochmal über den Haufen geworfen und mit Spielern wie Jerry Rice und per Draft 1986 (s.o.) zu einem Godzilla mutieren lassen. Das muss man sich mal überlegen: die 1984er Niners, eine der besten Mannschaften aller Zeiten, wurde verstärkt um Spieler wie Jerry Rice, Tom Rathman, John Taylor, Don Griffin, Charley Haley und Steve Wallace.

David Harris fokussiert sich zwar auf die sportliche Seite, aber auch der persönliche Walsh kommt nicht zu kurz. Von Episoden, in denen sein trockener Humor deutlich wird bis zu seiner Affaire mit dem Playmate des Monats September 1974, Kristine Hanson, (nicht im Büro googlen!) und seinem schwierigen Verhältnis zu seinen Kindern kommt alles vor, was man wissen will – ohne aber zu intim zu werden. Überhaupt ist das dies eine Biographie wie aus dem Lehrbuch. Tiefgründigste Recherche, tolle Schreibe und weder zu sehr Krönung noch Demütigung des Mannes, der im Mittelpunkt steht. Man hat das Gefühl, das man viel mehr Gehaltvolles gar nicht in einer Biographie über einen Menschen schreiben kann. Das einzige, was komischerweise fehlt, ist der Mann, den Walsh selber zu seinem Nachfolger erwählte, nachdem er ihm viele Jahre als Coordinator wertvolle Arbeit geleistet hat – George Seifert. Seifert wird irritierenderweise nur zwei, drei Male am Rand erwähnt.

Absolute Kaufempfehlung für den NFL-freien Frühling.

Auch Zeit.de…

…recherchiert schlampig. M. Götting ließ sich in seinem Artikel über die March Madness beim Blick über den Tellerrand hinaus lumpen. Butch Davis wurde eben nicht „erst vor wenigen Tagen“ bei UNC gefeuert. Der entsprechend verlinkte Artikel von Ivan Maisel ist bei ESPN.com wohl versehentlich per Datum geupdatet worden. Butch Davis war bereits im vergangenen Juli entlassen worden [23h33 im Liveblog] und kotzbrockt seit Februar 2012 im Trainerstab der Tampa Bay Buccaneers.

Up the Hill

Es passiert jedes Jahr, dass im Verlauf des Scouting-Prozesses plötzlich Spieler aus dem Quasi-Nichts zwischen Ende März und Mitte April in den Himmel gejazzt werden. Das Beispiel schlechthin in dieser Off-Season ist QB Ryan Tannehill von Texas A&M. Tannehill ist ein Spieler, einst von den Aggies als Nachwuchs-QB rekrutiert, zum Wide Receiver umgeschult und dann in College Station mitten in einer enttäuschenden Saison 2010/11 von Chefcoach Mike Sherman in einem Verzweiflungsmove zum Spielmacher befördert. Weiterlesen

Südlich des guten Geschmacks

Disclaimer: Ich verlinke in Sachen Lernschwäche auf Rotoworld.com. Ich bin mir nicht sicher, wie zuverlässig die Quelle ist (anscheinend ist die Quelle Greg Gabriel, ein langjähriger Scout). Eigentlich ist mir die Zuverlässigkeit der Quelle aber auch egal. An der Grundaussage ändert sich nichts.

Wie ich gestern bei ESPN.com las, fuhr der CB Morris Claiborne von LSU (gilt heuer als sicherer Top-5 Draftpick) im Wonderlic-Test ein desaströses Ergebnis ein. Zur Region nur ein Wort: Vince Young. Der obligatorische knackige Kommentar bleibt diesmal aus, da im Nebensatz etwas von wegen Weiterlesen

Six Years Later

Football Outsiders, die falsch verstandene Footballseite, hat den nächsten Teil eines alljährlichen Tradition veröffentlicht – jener Tradition, die mich vor Jahren via Google nicht nur zu „Football Outsiders“ brachte, sondern generell zu „Football and outside thinking“ und diesmal in der Serie „Six Years Later“ auf den NFL-Draft 2006 zurückgeschaut. 2006, das war der bis heute lauteste Draft, den ich miterlebte. Er schrie.

Es war das Jahr, als das NFL Network in die Draft-Berichterstattung einstieg und aus den Tiefen des amerikanischen Fernsehens Draft-Halbgott Weiterlesen