Think Twice: Nur mit Elite-QB kann eine Mannschaft erfolgreich sein

In der Berichterstattung zur Draft war es wieder überall zu lesen: ohne einen absoluten Top-Quarterback hat heutzutage keine Mannschaft mehr eine Chance, irgendetwas in den Playoffs zu reißen. Eine Mannschaft wird um den Quarterback herum aufgebaut. It´s a passing league. Nie war der QB wichtiger als heute. Man braucht doch gar kein Laufspiel mehr. „Defense wins Championships“ hat als Cliché ausgedient. Undsoweiterundsofort.

Als Begründung dient dann immer die Aufzählung der Quarterbacks, die in den letzten Jahren einen Ring gewonnen haben. Brady, Roethlisberger, die Mannings, Brees und Rodgers. Das sind ganz sicher große Namen und hervorragende QBs – heute. Brad Johnson, QB der Bucs bei ihrem Triumph in Super Bowl XXXVII, gilt immer als das einzige aus der Rolle gefallene Gegenbeispiel. Genauer betrachtet, war er aber gar nicht der einzige caretaker, dessen Job nur darin bestand, nichts kaputt zu machen, was Defense und/oder Laufspiel aufgebaut haben.

Als Tom Brady in der Saison 2001 mit den Patriots seinen ersten Ring gewinnt, war er in seiner zweiten NFL-Saison – und hatte nicht viel mit dem Spieler zu tun, der er heute ist. In 15 Spielen wirft er nicht mal für 3000 Yards, 18 TDs bei 12 INTs und ein Rating von 86,5.

Ben Roethlisberger, nicht der von heute, sondern der Rookie 2005, liefert im Super Bowl gegen die Seattle Seahawks eine der schlechtesten Leistungen aller Zeiten ab: 9 von 21, 123 Yards, kein Touchdown, zwei Interceptions – und gewinnt.

„Mr. Überfordert in Big Apple I“, Eli Manning, gewinnt in der Saison 2007 den Super Bowl, weil Big Blues D die beste Offense aller Zeiten bei 14 Punkten hält. Manning war zu dem Zeitpunkt in Augen der pundits eine größere Gurke als Mark Sanchez heute. In der Regular Season wirft er 20 Interceptions, macht pro Paßspielzug nur 6,3 Yards und hat ein mickriges QB-Rating von 73,9.

Ebenjener „Mr. Überfordert in Big Apple II“, Sanchez, „führt“ seine Jets 2009 und 2010 ins AFC Championship Game. Auch hier ist es die Defense, die die Mannschaft trägt – und nicht der Quarterback. Erlebt diese Verteidigung in der ersten Halbzeit des Championship Games 2009 gegen die Steelers nicht einen der seltsamsten Zusammenbrüche der jüngeren Geschichte, hätte der Sunny Boy sogar im Super Bowl gestanden.

Joe Flacco, auch kein besonders guter Quarterback, schafft es in seinen ersten vier Jahren vier Mal in die Playoffs, zwei Mal sogar ins Championship Game. Immer getragen von einer der besten Verteidigungsreihen der Liga und Rumbling Running Back Ray Rice. In der letzten Saison ist der Mann mit einer Completion Percentage von 57,6, 6,7Yards/Attempt und einem Rating von 80,9 sogar haarscharf an einer Super-Bow-Teilnahme vorbeigeschrammt.

Dort hätte er dann beinahe Alex Smith und seinen 49ers gegenübergestanden. Diese 49ers, ein ground-and-pound Team wie die angesprochenen Jets, wurde von einer bärenstarken Defense ins Finale getacklet. Seltsamerweise hat dieses Ergebnis vielerorts nicht dazu geführt, Smith einen ausgesprochen glücklichen Mann zu nennen, der auf dem Rücken einer derart starken Defense mitschwimmt, sondern zu der Behauptung, er sei jetzt, ganz plötzlich, ein guter Quarterback – schließlich hat er ja sein Team ins Championship Game geführt. Ähnlich war es auch bei Flacco und Sanchez. Die Argumentation sah so aus: QB steht im Championship Game, also ist er ein guter QB. Nimmt man die Behauptung vom Ausgangspunkt – nur mit einem guten QB kann eine Mannschaft erfolgreich sein (hier der Einfachheit halber gemessen am Erreichen von Championship Games/Super Bowls) – dazu, erhält man ein völlig sinnloses Argumentationsgebäude, für das man hochkant aus jedem Logik-Grundkurs fliegen würde:

  • 1) Man braucht einen Top-QB um ins Championship Game zu kommen
  • 2) Ein QB, der es ins Championship Game schafft, ist ein Top-QB

Ich will gar nicht behaupten, daß man mit einem Curtis Painter einen Super Bowl gewinnen könnte. Nur gibt mehrere Wege, eine starke Mannschaft aufzubauen. Und ganz sicher ist der einfachste Weg, einfach Drew Brees oder Aaron Rodgers oder Tom Brady hinter den Center zu stellen. Aber eben nicht der einzige.

6 Kommentare zu “Think Twice: Nur mit Elite-QB kann eine Mannschaft erfolgreich sein

  1. Der letzte Satz ist der entscheidende: Ja, es gibt andere Wege. Aber ohne ein großartiges Passspiel sind viele andere Stellhebel notwendig, u.a. eine famose Pass-Abwehr, eine starke Lauf-Defense und ein Jahr mit relativ wenigen Turnovers in der Offense, und diese Teams tendieren dazu, viele enge Spiele bestreiten zu müssen, was bekanntlich den Zufallsfaktor erhöht. Wird man 2012/13 an den San Francisco 49ers ablesen können, die Probleme bekommen werden, sollte sich die Pass-Offense nicht massiv steigern, woran durchaus Zweifel erlaubt sind.

    BTW Pittsburgh 2005/06 ist kein aus der Reihe fallendes Team wie die Giants 2007 und vor allem die Patriots 2001. Die Steelers waren mit 7.1yds/Passversuch über die Saison die #2 ligaweit und in den Spielen, die Roethlisberger machte, sogar mit absolut großartigen 7.8yds/Passversuch – das wird nur zu gern vergessen angesichts eines wirklich schlechten Spiels von Roethlisberger.

  2. @korsakoff
    Völlig d´accord.

    Ich finde nur die Absolutheit dieses „ohne Elite-QB geht gar nichts“ so verwunderlich, wo doch immer wieder Mannschaften mit mittelmäßigen QBs einigermaßen erfolgreich sind.

    Der größte Nachteil einer Mannschaft mit schlechtem Paßspiel ist ja, daß es unglaublich schwierig ist, einen Rückstand aufzuholen. Da kommen auch die von Dir angesprochenen Turnovers ins Spiel: ein später pick six, ein Fumble in der eigenen Redzone und ein 10-Punkte-Rückstand und die Siegchancen gehen gegen null. Mit einem Brees oder Manning hat man aber auch dann immer noch eine gute Chance.

  3. Ich tendiere in diesem Fall auch sehr zur Meinung von Herrmann.
    Wichtigster Knackpunkt ist , dass das ca. halbe Dutzend Super QBs wie wir sie kennen, eben nicht 32 fach an Bäumen wächst wo man sie nur wie reife Äpfel, zu pflücken braucht,

    Und gute Trainer machen aus dem was sie haben oder kurzfristig hinzufügen können, bessere Mannschaften.
    Sei es mit Hilfe von Trickplays, harter DEF, Running game, auch special team, Fokus auf Disziplin und weniger Strafen, effektivern Tarining, Zusatzeinheiten, erhöhter Konzentration bei Spielern und cleveren Coaching….

    Es gibt Schrauben wo man drehen kann, wenn man keinen Rogers, Manning, Brady oder Brees besitzt. Sehen wir zig fach vielleicht zuletzt auch bei DEN gegen Steelers.

    Und nicht zu vergessen, Schedule ist ein ganz wichtiges Kriterium für Stats.
    Es ist ein enorner Unterschied (sorry STL, ARZ, SEA) ob ich gegen ine NFC West in einem Jahr spiele oder gegen eine NFC East oder vielleicht auch North.

    Dito AFC

    Und es kann für ein Team, das gersae im Umbruch und Aufbau ist, durchaus sein, dass sie sowohl besser Leistungen bringen , aber ergebnismässig schlechter aussehen als im Vorjahr, eben weil sie einen brutlaeren Schedule haben und manche Jungprofis gerade am Reifen sind.

    Schedule ist auch ein Grund mit, warum es plötzlich Teams in die Playoffs spült, die plötzlich wie Phönix aus der Asche auftauchen.

    Und vielleicht sieht ja die eine Statistik für Pass auch deswegen so gut aus, weil man zu der Zeit eine super OL hatte, ein Tier und zukünftigen HOF namens Bettis, WR die gut blocken und fangen konnten und eventuell hat sogar eine gute DEF die gegnerische DEF Leistung mit beeinflusst.
    Und ein Management, weclhes jahrelang souverän agiert und Ruhe auch auf ein Team ausstrahlt wie bei den Steelers.

    Es ist wie beim Marketing, man muss sich an allen Ecken und Enden einen guten Mix zustammen stellen und auf seine vorhandenen Stärken konzentrieren. Ich denke das geht auch ohne dass zwangshaft ein HOF QB die Regie führen muss.
    Es kann nicht nur Mercedese geben. Es kann verschiedene Wege zum Erfolg geben .
    Brachiale Umbauten und Neuasurichtungen anhand von Koieren ( Coachestree) schaden eventuell nur.
    Und auch wenn die NFL oft eine Kopierliga ist, es gewinnt nur einer den SB.

    Ich hoiffe, es ist verständlich was ich deutlich machen will.

    Gruß Alexander

  4. Nein, die Superstar-QBs wachsen nicht auf Bäumen und mögen nicht alleinig verantwortlich für den Erfolg einer Pass-Offense sein, aber allein der Fakt, dass die Pass-Offense eine solch massive Auswirkung auf die Siegbilanzen von Teams hat, rechtfertigt meiner Meinung nach das Bestreben der NFL-Franchises, „ihren“ eigenen Franchise-QB zu finden – selbst auf das Risiko hin, dass sie sich einen Flop aneignen.

    Es gibt immer ein paar Ausreißer, wo Freak-Teams ohne Pass-Offense (San Francisco 2011 oder NY Giants 2007 als Beispiel), ja sogar ohne Pass-Offense und ohne Defense (z.B. Patriots 2001) sich durchwursteln, aber solche Modelle sind nur in höchst seltenen Fällen nachhaltig und auf ein Jahr angewiesen, in dem

    – die Pass-Offense über ihre Verhältnisse spielt und kaum Turnover erzwingt
    – die Defense großartig klassiert ist oder fassungslos viele Turnover produziert
    – die Special Teams (v.a. Punts und Returns) für exzellente Feldpositionen in Offense und Defense sorgen.

    Turnovers und Special Teams sind nicht nachhaltig erfolgsversprechende Faktoren. Ergo: Stabilste Anlage einer jeden Mannschaft ist ein über alle Zweifel erhabener QB. Wer ihn findet, wird über Jahre oben bleiben, auch wenn er wie Rivers in San Diego nicht zwangsläufig auf die Schnelle den Titel abstauben wird.

  5. Pingback: Cleveland Browns in der Frischzellenkur | Sideline Reporter

  6. Pingback: Die Flacco Line | Sideline Reporter

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