NFL-Franchises im Kurzporträt, #12: Chicago Bears

Eine der ältesten Franchises der NFL hat einige der charismatischsten Persönlichkeiten der Footballwelt hervorgebracht. Der einzige Superbowl-Gewinn ist zwar schon lange her, aber immer noch präsent – als Höhepunkt einer der besten Mannschaften ever.

Papa Bear

Gegründet wurden die Bears 1919, als Farmteam der Staley-Company, die in Decatur in der Nähe Chicagos ansässig war. Entsprechend der innovative Name: Decatur Staleys. Das Unternehmen setzte sofort George Halas in die Führungsetage und Halas sorgte mit seiner weitsichtigen Politik dafür, dass die Staleys a) in den großen Markt Chicagos wanderten, dass b) die NFL mit den Staleys gegründet wurde und c) die Staleys von ihrem Image als Farmteam wegkamen und fortan „Bears“ genannt wurden. Letzteres gelang, weil Halas dem Unternehmen das Team abkaufte. Die Staley-Company ist aber noch heute offiziell repräsentiert: Das Maskottchen der Franchise hört dann hin, wenn man Staley, da Bear ruft.

In den 20ern knüppelte man sich mit den Chicago Cardinals mehrfach um den Titel, aber geholt hat man ihn nur 1921. Die Bears blieben stets in Titelnähe, auch in den späten 30ern, als QB Sid Luckman eingekauft wurde.

In den 40ern wurden die Bears The Monsters of the Midways genannt. Ein berühmter Spitzname, und die Bears waren auch wirklich schier unschlagbar und holten drei Titel, unter durch einen Rekordsieg über die Washington Redskins: 73 zu 0. „Papa Bear“ Halas, Luckman und Konsorten waren recht massenkompatible Persönlichkeiten und die Bears mutierten in dieser Zeit, auch aufgrund der funkelnden Rivalität mit den Packers, zu Massenlieblingen.

Halas coachte die Bears noch bis in die moderne Ära hinein – bis 1967, als er bereits Hall of Famer war. Halas sollte danach noch ein Weilchen im Management tätig bleiben. ABER: Den größten Erfolg der Clubgeschichte sollte er nicht mehr miterleben, auch wenn er die Weichen dafür nicht höchstpersönlich stellte.

Halas starb 1983.

The 46

Die Saison 1985 ist die, die die Chicago Bears der Neuzeit definiert: Sie holten sich den neunten und bisher letzten Titel in Super Bowl XX gegen die hoffnungslos überrollten Patriots. Die Saison gilt unter Pundits und weiten Teilen der Footballwelt weithin als beste jemals von einer Mannschaft gespielte und nur eine Niederlage gegen die Miami Dolphins (hallo, Perfect Season!) in der Woche 13 (kann ja kein Zufall sein, nein, das wäre absolut unmöglich) verhinderte eine ungeschlagene Saison.

1985 war das Jahr des Titels, aber die Mannschaft rundherum war einige Jahre lang furchterregend, allen voran die Defense um DE William Perry, genannt der Kühlschrank. Die Mannschaft wurde gecoacht vom cholerischen Head Coach Mike Ditka, den Halas natürlich noch eigens installiert hatte.

Dann der DefCoord Buddy Ryan, der mit der revolutionären 46-Defense sämtliche Offensivbemühungen der Gegner zubetonieren ließ. Die Defense der Superbowl-Nachfolgesaison 1986/87 ist statistisch eine der dominantesten, die es zu kriegen gibt. Ryan floppte zwar später überall als Head Coach, aber diese Defense ist sein Erbe.

Superstar war aber trotz aller Maurermeister ein Angriffsspieler: RB Walter Payton, genannt „Sweetness“ aufgrund seiner bescheidenen Person. Payton pflügte sich in 13 Jahren NFL zum damals ewigen Rekord an rushing yards. Payton ist 1999 an einem seltenen Leberkrebs gestorben, aber sein Lebenswerk lebt in Form des Walter Payton Man of the Year Awards für große Leistungen großer Persönlichkeiten weiter.

In den 90ern dann wurde aber ersichtlich, wie es einem Unternehmen – und nichts anderes ist eine NFL-Franchise – ergeht, wenn man Leute im obersten Führungsstockwerk hat, die sich nur dahin „geerbt“ haben, ohne die Qualifikationen zu besitzen: Sohnemann und Halas-Enkel Michael managte die Bears mehrfach an die Wand, bis er vor einigen Jahren schließlich (und endlich) gefeuert wurde. Der neue CEO: Ted Phillips.

Lovly Era

Der führte dazu, dass seit 2004 Lovie Smith die Zügel in Chicago in der Hand hält. Smiths Credo: Laufspiel und quicke Defense führt zum Erfolg – ganz nach der Idee seines Freundes und Mentors Tony Dungy aus alten Buccs-Zeiten. Unter Smith blühten die Bears innerhalb kürzester Zeit förmlich auf und überwanden sogar die Probleme ihrer schwach spielenden jungen Quarterbacks Orton/Grossman.

2006/07 mauserte man sich trotz Grossman, aber dank LB Brian Urlacher und seiner Defense in die Superbowl, wo Return-Genie Devin Hester zwar den opening kickoff zum Touchdown zurücktrug, danach aber sukzessive immer mehr Kontrolle abgegeben wurde und schließlich chancenlos 17-29 verloren wurde. Seitdem setzte ein schleichender Niedergang ein, unterbrochen vom glücklich erreichten, aber verlorenen NFC-Endspiel 2010/11.

Highlights der aktuellen Mannschaft sind die gelegentlich eingestreuten Sensations-Returns des Devin Hester sowie die Offensiv-Combo Cutler/Forté, die sich hinter nonexistenter Protection an 50yds-Bomben versuchen.

Der Soldatenfriedhof

Soldier Field – ©flickr

Soldier Field ist eigentlich eines der ältesten Stadien der NFL, aber im Prinzip ist die Arena 2002 komplett neu gebaut worden und hat einen Teil ihrer Reize verloren. Das Stadion liegt direkt am Michigansee und ist berüchtigt für seine wechselnden Winde und sein katastrophales Spielfeld. Mit 63.000 Plätzen eines der kleinsten Stadien der NFL. In der alten „Version“ des Stadions spielte die deutsche Nationalmannschaft 1994 übrigens das WM-Eröffnungsspiel gegen Etcheverrys Bolivianer.

Rivalitäten

Mit ihrer langen Historie haben die Bears auch eine Reihe an Rivalitäten aufgebaut. Die, nein die größte, ist jene mit den Green Bay Packers, sozusagen der Freundesfeind der ersten Stunde. Über diese Rivalität habe ich vor eineinhalb Jahren im Zuge des NFC-Championships geschrieben.

Chicago Bears gegen Green Bay Packers ist die älteste Rivalität der NFL-Geschichte, beginnend mit dem ersten Aufeinandertreffen 1921, als die Bears noch „Staleys“ hießen und Papa Bear George Halas die Packers für ein paar Tage aus der NFL ausschließen ließ, um einen Spieler zu verpflichten, an dem auch Green Bay interessiert war. Seitdem sind die beiden Mannschaften sagenhafte 181 Mal aufeinandergetroffen. Unglaublicherweise nur ein einziges Mal in den Playoffs. Die Jüngeren unter uns werden das nicht mehr in Erinnerung haben: Es war 1941, ein paar Tage nach Pearl Harbour…

Dies und über die „Bountygate“-Version der 80er in eben verlinktem Artikel mehr.

Wie es sich für eine NFC North gehört, fetzen sich die Bears auch mit den Vikings und Detroit Lions Jahr für Jahr. Mit den Lions gibt es gemeinsame Geschichte in dem Sinne, dass man in den 30ern das erste „indoor“-Spiel der NFL bestritt.

Kleinere Rivalitäten bestehen mit den Arizona Cardinals (einst als Chicago Cardinals der Lokalrivale, plus gleich folgende Dennis-Green-Anekdote), Indianapolis Colts („I65-Spiel“ wegen der kurzen Autobahnverbindung, plus Superbowl 2006/07), San Francisco 49ers (80er Jahre) sowie New York Giants.

Gesichter der Franchise

  • George Halas – Head Coach/Owner. Papa Bear. Mythische Gestalt in der langen Geschichte der Bears.
  • Walter Payton – RB. Genannt “Sweetness” und als einer der erfolgreichsten Running Backs ever noch heute die #2 der ewigen Bestenliste nach Rushing Yards. Einziger Makel: In Super Bowl XX verpasste Payton einen Touchdown. Verstarb 1999 an Krebs.
  • Buddy Ryan – DefCoord. Stratege hinter der meist gehypten Defense der Neuzeit und Vater von Rex und Rob.
  • Mike Ditka – Head Coach, Choleriker und später TV-Reporter . War in den 60ern Bears-Spieler (Tight End) gewesen. Schaffte das seltene Kunststück, die Superbowl als Spieler, Co-Trainer und Chefcoach zu gewinnen.

korsakoffs Highlight

Super Bowl XLI (Colts 29, Bears 17) – Das größte Bears-Spiel der letzten 25 Jahre ist auch das für mich prägendste bis heute geblieben. Es war, kurz nach dem WM-Finalsieg der deutschen Handballer, kein gutes Endspiel im strömenden Regen von Miami, auch dank zahlreicher Fumbles und fallen gelassener Snaps. Die Bears hatten den Indianapolis Colts abseits von jenem fantastischen ersten Kickoff-Return Devin Hesters (Touchdown im Opening Kickoff) gleich zu Beginn wenig entgegenzusetzen und die zweite Halbzeit verlief eigentlich unglaublich: Indianapolis, das Team aus der Halle mit dem Quarterback, der nicht gewinnen konnte (Peyton Manning), überlief das Schlechtwetterteam Chicago nach allen Regeln der Kunst und musste dennoch bis relativ spät ins Schlussviertel hinein um den sich stundenlang angekündigten Sieg zittern. Erst als der Cornerback und Bears-Fan von Kindheit an, Kelvin Hayden, einen eher idiotischen Pass Rex Grossmans zum siegbringenden Touchdown returniert hatte, war das Ding gegessen und das Schicksal der offensivschwachen Bears besiegelt.

Eckdaten

Gegründet: 1919 als Decatur Staleys
Besitzer: Halas-Familie (zu 80%)
Division: NFC North
Erfolge: Superbowl-Champ 1985, Superbowl-Verlierer 2006, dazu zusätzlich NFL-Champ 1921, 1932, 1933, 1940, 1943, 1946, 1963, 26x Playoffs (17-18) – Stand 2012

Ein Kommentar zu “NFL-Franchises im Kurzporträt, #12: Chicago Bears

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