Mit dem Henkelpott im Blick: Vor dem Endspiel der Champions League 2011/12

In den Stunden vor dem Finale der UEFA Champions League fällt es schwer, den kompletten Wust an Gedanken straight in ein paar knackige Sätze zu formulieren. Daher sei der erzählerische Faden um die Evolution des FC Bayern gespannt.

Ich bin Bayern-Fan, seit Kuffour nach dem Schlusspfiff 1999 weinend in den Boden von Barcelona hämmerte. Ich mochte die charakterstarken Bayern um die Jahrtausendwende. Aber ich liebe den FC Bayern umso mehr seit dem Umdenken um Klinsmann/van Gaal, ein Umdenken weg von der eher zerstörerisch angelegten, hin zu einer spielerischen, proaktiven Spielweise mit der Denke „Offensive zuerst“ – insbesondere seit van Gaal gehört der FC Bayern zu den optisch attraktiveren Spitzenmannschaften.

Dass das Experiment auf halbem Weg abgebrochen wurde, ist noch heute ärgerlich. Im Kern ist die Arbeit van Gaals noch immer erkennbar, wenn auch deutlich „verwalterischer“ angehaucht und aufgrund der fehlenden Automatismen im Spielaufbau gegen überfallartig konternde Mannschaft immer noch anfällig. Das lässt in regelmäßigen Abständen – dann nämlich, wenn der FC Bayern mal wieder von reiferen, abgewichsteren Mannschaften wie Dortmund ausgespielt wird – erahnen, dass wir es hier mit einer noch immer nicht fertigen Mannschaft zu tun haben. Allein: Unter Heynckes kommen gefühlt keine neuen Impulse mehr. Die Mannschaft ist irgendwo in der Verwaltungsabteilung angekommen. Vielleicht nur ein Gefühl. Vielleicht ein trügerisches. Auf alle Fälle ein Gefühl, das sich nicht recht in Worte fassen lassen will, aber doch irgendwo… schmerzt.

Der FC Bayern kann heute Abend im eigenen Stadion die Champions League gewinnen, und trotzdem bleibt das Feeling, dass da sogar im eigenen Lande eine Mannschaft noch besser (oder wenigstens absolut auf Augenhöhe) ist, eine Mannschaft, die im Kern eher zerstörerisch ausgerichtet ist, aber mit ihren fantastischen Einzelspielern prächtig harmonisch im Umschalten auf Angriff daherkommt. Wo ein BVB Kilometer an Schleichwegen zurücklegt, um seine Offensive in der blitzartigen Vorwärtsbewegung ins Rollen zu bringen, ist der FC Bayern häufiger auf „richtige“ Einzelaktionen angewiesen – bei Ribéry oder Robben kein unprobates Mittel, aber eben auch nicht die größte Beruhigung.

Freilich kriegen auch die Bayern gute Mannschaftsleistungen zustande. Die beiden Halbfinals gegen Madrid sind dafür Beweis genug. Insbesondere das Rückspiel begeisterte und gehört schon jetzt zu meinen absoluten TV-Highlights ever. Auch wenn es am Ende einen Elfmeter (Ramos) benötigte, der erst gestern wieder ins Gravitationsfeld unseres Planeten eingedrungen ist und der heute, 20h45 in Fröttmaning einschlagen soll. Auch wenn Madrid nicht seinen besten Tag hatte und das starke Offensivpressing wohl zu früh aufgab: Bayern steht gemessen an diesen beiden Spielen zu Recht im Endspiel.

Dort trifft man heute Abend freilich auf ein Team, das noch sehr viel unerwarteter dort steht. Der FC Chelsea weiß vermutlich selbst noch nicht, wie man sich gegen Napoli, Lissabon und Barcelona trotz dreimaliger, klarer Unterlegenheit durchwursteln konnte. Die Mannschaft wirkt selbst an guten Tagen nur noch wie ein matter Abglanz jener fabulösen Konterkönige von einst, spielerische Retardierung und wackelig bis dorthinaus und muss sich auf seine Physis und den einen oder anderen Gedankenblitz der kurz vor der Pensionierung stehenden Stürmer verlassen. Trotzdem laufen in den letzten Tagen auf unseren Straßen wieder vermehrt nun jahrelang untergetauchten Kids in Blues-Shirts auf der Straße rum. Die Bandwagoners sind wieder da und kotzen dir auf die Schlapfen.

Ich bin für heute vorsichtig optimistisch. Der FC Bayern wird diesmal, anders als vergangenen Samstag, gedanklich voll da sein. Zudem ist der Gegner heute eine Stufe unter dem BVB einzuordnen und darf als größte Stärke mit Identitätslosigkeit aufwarten… okay, wenn Drogba zum Kopfball hochsteigt, wird einem dann doch auch angst und bange. Anyhow. Für Bayern wünsche ich mir jedoch so oder anders, dass man sich nicht zu stark vom Finaldurchmarsch 2012 blenden lässt und in Zukunft unabhängig vom Ausgang des heutigen Endspiels den vor einiger Zeit ab- oder unterbrochenen Prozess gen Offensiv-Orchester wieder aufnehmen wird.

Ein Tipp noch für einen großen Anlass: Bayern 3, Chelsea 1.