NFC West in der Frischzellenkur

Die Bodensatz-Division seit Jahren – aber eine für einmal sehr konsequent wirkende Draftklasse für die NFC West.

Arizona Cardinals

Rd #   Pos Name
1  13  WR  Michael Floyd
3  80  CB  Jamell Fleming
4  112 OT  Bobby Massie
5  151 G   Senio Kelemete
6  177 S   Justin Bethel
6  185 QB  Ryan Lindley
7  221 OT  Nate Potter

Nach dem Kolb/Cromartie-Trade aus dem vergangenen Sommer liest sich der Draft 2012 der Cardinals recht unspektakulär. Der herausstechende Pick ist einer, über den schon tagelang zuvor gemunkelt worden war: WR Michael Floyd von Notre Dame, der aus derselben Region wie Fitzgerald (Bundesstaat Minnesota) kommt und als großgewachsene, physische Präsenz neben Fitzgerald fungieren soll. Klar war einzig: Arizona braucht jedwede Verstärkung für das Passspiel (5.9yds/Pass). Diese Mannschaft ist der Divisionsfavorit mit wenigstens annehmbarem Passspiel in der Offense. Kolb gehen mit jeder Neuverpflichtung die Entschuldigungen aus.

Aus den mittleren Runden eine Entwicklungs-Option für die Secondary (CB Jamell Fleming) und zweimal Offensive Line. Ein interessanter Mann ist QB Ryan Lindley von San Diego State: Aus dem College als relativ unpräziser Werfer bekannt, aber abseits davon mit allen physischen Tools zum eventuellen Herausforderer Kolbs, sollte sich jener nicht weiterentwickeln. (Natürlich ist ein unpräziser Werfer in der NFL aber immer ein Fragezeichen) Aus den späten Runden noch Boise States Nate Potter.

Arizona gefällt mir. Die Defense ist jung und schnell, macht vorne recht schön Rabatz und besitzt ein relativ gutes Backfield. In der Offense waren die zu starke Fokussierung auf Fitzgerald (wurde versucht, zu verbessern) und die vielen Interceptions (das Phänomen Regression zur Mitte dürfte helfen) das Problem – beides Felder, die man bereitet hat. Fraglich ist freilich nur noch die Ernte.

San Francisco 49ers

Rd #   Pos Name
1  30  WR  A.J. Jenkins
2  61  RB  LaMichael James
4  117 G   Joe Looney
5  165 LB  Darius Fleming
6  180 S   Trenton Robinson
6  199 OT  Jason Slowey
7  237 DE  Cam Johnson

Zwei Skill Player zu Beginn für die 49ers. WR A.J. Jenkins kann getrost als große Überraschung gewertet werden, nachdem doch deutlich bekanntere und mehr diskutierte Leute an #30 auf dem Tablett gegeben waren. Jenkins soll ein deep threat sein, dem allerdings im direkten Duell die letzten paar Kilo Physis abgehen. Nichtsdestotrotz liest sich der Stall an Ballfängern insgesamt besser als noch im Jänner: Jenkins, Manningham, Randy Moss, Crabtree, Davis, Walker, dazu die „Joker“ Ginn und Williams.

RB LaMichael James ist einer meiner persönlichen Favoriten (sportlich zumindest), dürfte mit seinem Speed eine wertvolle Ergänzung zum enttäuschenden RB-Pärchen Gore/Hunter sein, aber so richtig möchte man sich das noch nicht ausmalen: Der 20kg-Back James hinter einer wackeligen Offensive Line – ob da die erhofften Big Plays nicht bereits frühzeitig abgewürgt werden?

Dahinter folgen Ergänzungsspieler für eben jene Line (G Looney/T Slowey), sowie ein durchaus variabel einsatzfähiger DB Robinson und in der siebten Runde ein Defensive End Cam Johnson, den man wenigstens 2-3 Runden früher hatte vom Tablett gehen sehen.

Insgesamt liest sich die Draftklasse der 49ers recht rund: Tiefe in einigen kritischen Mannschaftsteilen geschaffen und mit den Skill Players dem mäßigen QB Alex Smith paar dringend notwendige Anspielstationen verschafft. Sollte Smith den Durchbruch auch 2012/13 nicht schaffen, kann man es dann ja mal mit dem „Pistol“-Interpreten Colin Kaepernick probieren.

Seattle Seahawks

Rd #   Pos Name
1  15  DE  Bruce Irvin
2  47  LB  Bobby Wagner
3  75  QB  Russell Wilson
4  106 RB  Robert Turbin
4  114 DT  Jaye Howard
5  154 LB  Korey Toomer
6  172 CB  Jeremy Lane
6  181 S   Winston Guy
7  225 DE  J.R. Sweezy
7  232 DE  Greg Scruggs

Querbeet geprügelt wurde Seattle für diese sich uns bietende Klasse. Die Kritik fokussierte sich vor allem auf den einen Namen: DE Bruce Irvin, ein pfeilschneller Pass Rusher von West Virginia mit einer turbulenten Lebensgeschichte. Irvin gilt als „reach“, d.h. wurde dem common sense nach viel zu früh gedraftet (oder anders: Seattle hätte mit einem Trade nach unten Gegenwert und Irvin bekommen können). Nun weiß man nie, wie sich andere Teams wie bsp. die Jets verhalten hätten; Seattle und sein HC Carroll wollten Irvin um jeden Preis und dürften ergo gut damit leben. Dass ein schneller Pass Rusher eine große Hilfe sein würde, davon war man ausgegangen (gegen Draftende folgten zwei weitere Ends).

Die interessantesten weiteren Picks in einer ansonsten extrem defensivlastigen Draft (8/10 sind Abwehrspieler) sind die beiden Angreifer. QB Russell Wilson, der in der dritten Runde – einer Zone, die dem Strategiepapier nach Perspektivspielern für 2014 vorbehalten ist – kam, ist ein Kleinwüchsiger (1,80m) für einen Quarterback, aber flott bei Fuß. Nun kommt Wilson haarklein zu einem Zeitpunkt, an dem man sich in Seattle mit QB Flynn eine relative Unbekannte für drei Jahre und teures Geld angelacht hat – Wilsons Einberufung riecht nach Absicherung für ein eventuelles Scheitern Flynns. Und mobil sind beide Männer zur Genüge… Dazu RB Robert Turbin, ein „grinder“ von den Utah State Aggies, der dem oftmals recht fußlahmen Laufspiel der Seahawks einen Rhythmuswechsel beibringen dürfte.

Nun ja. Es ist der zweite Seahawks-Draft in Serie, der relativ stark kritisiert wurde. In den letzten beiden Jahren der Versuch, die Offensive Line zu zementieren (selten eine schlechte Idee), heuer den Pass Rush aufzupeppen und mit der Hoffnung auf den QB-Retter. Gefällt.

St Louis Rams

Rd #   Pos Name
1  14  DT  Michael Brockers
2  33  WR  Brian Quick
2  39  CB  Janoris Jenkins
2  50  RB  Isaiah Peed
3  65  CB  Trumaine Johnson
4  96  WR  Chris Givens
5  150 G   Rokevious Watkins
6  171 K   Greg Zuerlein
7  209 LB  Aaron Brown
7  252 RB  Daryl Richardson

In Tennessee bekam Jeff Fisher immer mal wieder Draftklassen der Güteklasse: Athleten aus kleinen Universitäten und schwierige Charaktere. Die Rams-Klasse von 2012:

[X] kleine Universitäten
[X] schwierige Charaktere

Dreimal „Small-School“ in den ersten fünf Picks für St Louis: Quick, Jenkins und Johnson kommen aus der FCS (ehem. Division 1-AA), und wenigstens letztere beide (plus WR Givens) gelten als nicht unbedingt leicht zu handhabende Jungspunde.

DT Michael Brockers ist die „Entschädigung“ dafür, dass sich St Louis gleich zweimal nach unten tradete (von 2 auf 6 auf 14): Ein Tackle der Marke boom or bust – gesegnet mit Fähigkeiten der Güteklasse Ndamukong Suh, aber roh wie die Eier aus dem Stall. Trotzdem sammelt sich in der Front-7 der Rams still, heimlich und leise eine Serie an hohen Draftpicks zusammen.

Die Skill-Players für den stagnierenden QB Bradford sind die beiden WR Quick und Givens und RB Peed. Ersterer gilt als besonders entwicklungsfähig, hat aber auch mangels Konkurrenz und adäquater Spielsysteme am College noch nicht wirklich viel NFL-Komplatibles gesehen. RB Peed soll mittelfristig den jahrelang versauerten RB Steven Jackson ersetzen und dürfte in den ersten Jahren vor allem als dessen „change of pace“-Back fungieren.

Für das viel kritisierte und von Verletzungen gerüttelte Defensive Backfield kommen zwei vieldiskutierte Leute aus der FCS, wobei Janoris Jenkins bereits jahrelange Erfahrung bei den Florida Gators hatte sammeln dürfen, aber nach dem xten Kind der xten Frau und diverser Drogendelikte geschmissen worden war. Nicht nur ein Experte sieht in Jenkins das größte Cornerback-Talent in diesem Draft, wenn wir nur den Charakter ausschalten könnten. Ähnliches galt laut Mayock für Trumaine Johnson: FCS, enormes Potenzial, aber nach Rangeleien auf College-Partys nicht über den besten Ruf verfügend.

Aus der Zone „Entwicklungsspieler“ kommen noch ein Kicker (Zuerlein) sowie ein Guard mit einem genialen Vornamen: Rokevious Watkins. Die Rams werden in den nächsten beiden Jahren nach dem Griffin-Trade jeweils mit zwei Erstrundenpicks beginnen können und dürften zusätzlich mit den Draftklassen von 2012 und 2011 solide Grundlagen für die Zukunft geschaffen haben.

4 Kommentare zu “NFC West in der Frischzellenkur

  1. zu Arizona
    EIne kleine Ergänzung:
    Kolb hat letztes Jahr nur recht wenige Spiele gemacht. Seine Starts waren zwar keineswegs überzeugend, aber dieses Sternchen sollte man an die Bewertung von Kolbs Leistungen/Entwicklung (auch der Bewertung des Trades und seines Vertrags) und die der Card’s Offense insgesamt machen.

    zu Seattle
    Die Kombo Seattle und Caroll wurde bislang nach jeder FA oder Draft durch’s Dorf gejagt. Auch für mein ungeübtes Auge sieht diese Draftklasse sehr „unkonventionell“ aus, aber angesichts der Entwicklung in der letzten Saison bin ich schon bereit dem Konstrukt erstmal eine Bewährungssaison zu geben.
    Die QB-Situation ist aber dennoch ein einziges Fragezeichen: 3 QB, davon einer mit wenig Spielerfahrung in der FA eingekauft (-> braucht im Training jede mögliche Rep), einer ein Rookie mit Bezeichnung „Entwicklungsprojekt“ (-> braucht möglichst viele Reps für Entwicklung) und der Dritte ist ein Scrambler mit geringer Präzision (-> braucht allein vom Spielstil her (aber auch den Leistung nach) viele Reps).

    zu St. Louis
    Mit dem #2-Pick haben sie ihr Draft-Pick-Arsenal ordentlich aufgestockt.
    Man sagt Fisher zwar nach ein gutes Händchen für schwierige Charaktere zu haben (obwohl es auch substantielle Negativbeispiele gibt…), aber trotzdem sieht dieser Draft quasi nach größtmöglichem Boom-or-Bust aus.
    Wenn sich alles gut ausgeht, bauen sie Fischer in 2-3 Jahren ’ne Statue in St. Louis, andernfalls implodiert das Team/die Franchise dieses Jahr, „spielt wieder um den #1-Pick mit“ und zieht nach LA, sobald da das Stadion steht…

  2. Pingback: Glaskugel 2012: Arizona Cardinals | Sideline Reporter

  3. Pingback: Glaskugel 2012: St. Louis Rams | Sideline Reporter

  4. Pingback: Glaskugel 2012: San Francisco 49ers | Sideline Reporter

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