Pfingst-Trilogie: Die Bühne gehört erneut der Klasse von 2010, Part 2

Gestern hatten wir das erste Dutzend an Draftpicks des NFL-Drafts von 2012 in der Mangel. Heute folgt der Rest der ersten Runde.

Die nicht mehr Gesichtslosen

Vor einem Jahr hatte ich die #11-19 zu den „Gesichtslosen“ erklärt. Und heute? G Mike Iupati (#17/SF) ist das Niner-Gegenstück zu OT Davis, gilt als potenzieller All-Star, wenn ihm auch ein leichter Rückschritt gegenüber der Rookie-Saison nachgesagt wurde.

Den anderen Weg nahm DE Jason Pierre-Paul (#15/NYG), genannt The Haitian Freak aufgrund seiner Krakenarme und seiner karibischen Wurzeln. Pierre-Paul soll noch nicht der Beständigste und trotz Fortschritten auch noch nicht der Kompletteste sein, aber man nennt so was Kritisieren auf hohem Niveau: Pierre-Paul gehörte zu den Verteidigern mit den meisten effizienten Spielzügen (Situation für die Defense verbessert) NFL-weit. Inwiefern sich dies halten lässt, bleibt offen, aber gemessen an den Eindrücken aus der Superbowl darf man optimistisch sein.

Ein Favorit aus spielästhetischer Sicht ist Seattles #14-Pick S Earl Thomas, der für einen Defensive Back außerordentlich oft im Blickfeld der Kamera auftaucht. Ohne wirklich Substanzielles an Eigenleistung beisteuern zu können, darf ich auch LB Sean Weatherspoon (#19/ATL) als Erfolgsstory des zweiten Jahres in der NFL verkünden. Stats, fortgeschrittene Stats und Scouts stimmen alle überein.

Massiv von den Kreuzbandverletzungen aus ihren Debütjahren waren DE Brandon Graham (#13/PHI) und DE Derrick Morgan (#16/TEN) betroffen, sodass bei beiden kombiniert nur 15 Einsätze im Einsatzbuch stehen, die dann auch noch großteils sporadischen Charakter hatten. Beide sind vorerst entschuldigt, dürften aber 2012/13 starke Aufwärtstrends zur Rettung ihrer Karriere benötigen.

C Maurkice Pouncey (#18/PIT) war als Rookie unglaublich (überbewertet). Die Offensive Line der Steelers wirkt immer noch wackelig genug und die Lobhudelei um Pouncey ließ mit dem zweiten Jahr dann auch recht schnell nach.

Pre-Tebow

Schnell abgearbeitet: CB Kareem Jackson (#20/HOU) war ein unterirdisches Rookie-Jahr in allerdings unglücklichen Umständen nachgesagt worden. Jackson soll in einer insgesamt stark verbesserten Texan-Abwehr auch Fortschritte gemacht haben, der Sprung soll aber im Verhältnis zu den meisten Teamkollegen kleiner gewesen sein. TE Jermaine Gresham (#21/CIN) gehört in Cincinnatis Angriff zu den Fixsternen und war bereits in der Pro Bowl.

WR Demariyus Thomas (#22/DEN) hatte bereits seine Verletzungsgeschichten, gehört aber von der physischen Statur zur absoluten Elite. Soll noch nicht alle Basics drauf haben, aber allein mit Körperbau vieles wettmachen können, und dann war da noch dieser Spielzug. Der vielleicht noch eine Spur überzeugendere Wide Receiver ist Dez Bryant (#24/DAL) von den Cowboys, der, wenn auf der Höhe, zur absoluten Ligaspitze gezählt werden darf. Bryant gilt allerdings immer noch als Problemkind, muss mit Samthandschuhen angegriffen werden und läuft selbst dann als tickende Zeitbombe durch die Straßen von Dallas.

OT Bryan Bulaga (#23/GB) wird ein sehr gutes Jahr 2011/12 nachgesagt, ein Jahr nach einer schwachen Rookie-Saison.

Tebow

Vor einem Jahr wunderte ich mich immer noch, wie die Denver Broncos unter McDaniels einen atypischen Spielertyp wie Tim Tebow (Pick #25) in Runde 1 hatten nehmen können. In Sachen sportlicher Analyse fühle ich mich Stand heute bestätigt, den Playoff-„Unfall“ der Broncos zum Trotz: Die sportliche Leitung gab Tebow nicht nur trotz Playoffsieg auf, sie verscherbelte den Mann der 46% Completions Rate für lächerliche Spätrundendraftpicks nach New York und zog damit frei nach Andy Benoit den offiziellen  Schlussstrich unter das unglückliche Experiment „Tebow“.

Davon ab muss man sich fragen, ob Tebow seinen Preis nicht trotzdem wert gewesen ist. Die Story der tausendundeins Comebacks gehörte zum faszinierendsten NFL-Stoff der letzten Jahre. Das Heimspiel der Broncos gegen Chicago gehört zu den fassungslosesten Footballspielen der letzten Jahre. Insofern: Tebow in der Unterhaltungsbrille war ein Volltreffer. Sportlich freilich sieht es etwas anders aus.

Post-Tebow

Der Nose Tackle der Arizona Cardinals, Dan Williams (#26), wird zu den hoffnungsvollsten Talenten der Branche gezählt, soll aber nicht mit dem größten Biss gesegnet sein und gerne ein paar Fettwaben zu viel mich sich schleppen.

CB Devin McCourty (#27/NE) war der erste Draftpick einer fantastischen Patriots-Klasse von 2010 und galt als Rookie in einer schwachen Pass-Defense als großer positiver Ausreißer. 2011/12 korrigierte den McCourty-Hype, nach so vielen aufgegebenen Yards, dass McCourty erstmal auf Safety abgestellt wurde.

Eher „langweilige“ und bis heute sich nicht vollends ausgezahlte Picks waren DT Jared Odrick (#28/MIA), CB Kyle Wilson (#29/NYJ) und CB Patrick Robinson (#32/NO). Keiner jedoch gilt als Flop der Güteklasse DE Jerry Hughes (#31/IND), dem neben Raffgier zum Karrierestart danach fehlende Klasse für die „Tampa-2“ Defense in Indianapolis nachgesagt wird. Hoffnung könnte für Hughes der Systemwechsel unter Chuck Pagano bringen.

The Best

Einer der spektakulärsten NFL-Spieler ist RB Jahvid Best (#30/DET), ein prototypischer Running Back für die nächsten Jahre NFL: Kein klassisches Arbeitstier, dafür ein vielseitig einsetzbarer Mann (NFL-Jargon „Matchup-Problem“) für Formationen aller Art, gut als Ballfänger und jederzeit für einen 75yds-Touchdown zu haben. Kurzum: Obwohl selten geduldig genug, um die traditionelle Ballträger-Arbeit zu übernehmen und auf das sich öffnende Loch zu warten (das sich in Detroit selten genug öffnet), ist Best in der Form der wenigen Spiele von 2011/12 eine Waffe, weil sich Verteidiger allein aufgrund der Aufstellungen nicht auf die Situation nach dem Snap einstellen können.

Freilich hängt die Karriere des Jahvid Best am seidenen Faden, nachdem der Mann ein Patent auf ernsthafte Gehirnerschütterungen angemeldet hat und vermutlich nur mehr einen oder zwei Hits am falschen Ort vom schnellen Karriereende entfernt ist.


Zwischenfazit: Die erste Runde von 2010 sieht nach zwei Spielzeiten richtig vielversprechend aus. Der Glamour-Faktor, auch: die Würze, geht aufgrund des Fehlens eines wirklich starken Quarterbacks (noch?) ab, abseits davon sind die wenigen negativen Ausreißer hauptsächlich schweren Verletzungen geschuldet. Aber noch sind nicht alle Messen gelesen.

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