NFC North in der Frischzellenkur

Anbahnung von Generationswechsel und Stopfen der eklatantesten Löcher (“need”) sind die zwei dominierenden Themen in der NFC North.

Chicago Bears

Rd #   Pos Name
1  19  DE  Shea McClellin
2  45  WR  Alshon Jeffery
3  79  S   Brandon Hardin
4  111 TE  Evan Rodriguez
6  184 CB  Isiah Frey
7  220 CB  Greg McCoy

Durchaus konventionell, was Chicago da veranstaltete. Die Defense war 2011/12 zwar vor allem in der Front Seven großartig, kommt aber als Gesamtes langsam in die Jahre. Boise States Shea McClellin war einer der meistgehypten Spieler in den letzten Tagen vor dem Draft und ging dann auch recht schnell an #19 vom Tablett. Leicht merkwürdig ist die Tatsache, dass der als prototypisch für „3-4“ geltende McClellin in eine Mannschaft rückt, die immer noch eine seichte Version der „Tampa-2“ Defense mit Viererreihe ganz vorne praktiziert.

Der verletzungsanfällige S Brandon Hardin kommt in einer Region (#79), in der eine Franchise durchaus einen Starter in 1-2 Jahren erwartet. Bis es soweit ist, sind die verbleibenden Safetys der Bears eh alle in Rente. Zwei Cornerbacks aus den späten Runden dürften sich um einen Platz im Kader balgen und möglicherweise bei der ebenso in die Jahre kommenden CB-Position dabei sogar beide gute Chancen haben.

Der WR Alshon Jeffery war vor eineinhalb Jahren heißer als Frittenfett und überhaupt der Wide Receiver schlechthin am College, der alles und jeden aus der Luft graptschte, was ihm QB Garcia in South Carolina servierte. Jeffery gilt als physisch und zweikampfstark, aber launisch – sollten sich die Bears die gute Variante von Jeffery angelacht haben, wird er die dringend gebrauchte Verstärkung werden und gemeinsam mit Marshall ein grundsolides Duo an Anspielstationen bilden. Andernfalls: Pech gehabt, aber wenigstens keinen unmenschlichen Preis für bezahlt.

TE Rodriguez… nach dem Abgang von OffCoord Martz dürften Tight Ends in näherer Zukunft in Chicago wieder mit anderen Augen gesehen werden.

Detroit Lions

Rd #   Pos Name
1  23  OT  Riley Reiff
2  54  WR  Ryan Broyles
3  85  CB  Dwight Bentley
4  125 LB  Ronnell Lewis
5  138 LB  Tahir Whitehead
5  148 CB  Chris Greenwood
6  196 CB  Jonte Green
7  223 OLB Travis Lewis

Durchaus nicht mit Sicherheit hatte man einen Offensive Tackles als ersten Lions-Pick erwarten können. Riley Reiff kommt aus der physischen Big Ten Conference (Iowa) und könnte beim Gespann Backus/Cherilus schneller an vorderter Front auflaufen als erwartet (zumindest Schwartz ließ die Vermutungen in diese Richtung gehen). Reiff ist aber insbesondere eine Absicherung für die Zukunft, nachdem Backus in die Jahre kommt und Cherilus auslaufenden Vertrag hat. Goody: Der Mann war in seiner Jugend Raiders-Fan. Passen die neuen Bad Boys, die Lions, wie die Faust aufs Auge.

Pick #2 mit WR Ryan Broyles ist ein Risiko-Pick, nachdem der Mann nach einer schweren Knieverletzung noch ein paar Monate in der Reha sein dürfte und möglicherweise erst in der zweiten Saisonhälfte die ersten Eier zu sehen bekommt (andere Quellen sprechen von Einstieg ins Training Ende Juli). Technisch auf alle Fälle ein interessanter Move der Lions: Die WR-Corps mit einem quicken , nicht allzu großgewachsenen Mann vertieft, nachdem Calvin Johnson nicht jedes Spiel 15x angespielt werden kann und WR Titus Young wieder in schlimmste Boise-Zeiten zurückgefallen zu sein scheint (Schlägereien im Training/tagelang von der Bildfläche verschwunden). Übrigens hatten die Lions Mitte Mai auch einen deutschen Wide Receiver, Christian Bollmann von Braunschweig, zum Training eingeladen. Aufgrund zu wenig Speed (dt. „Geschwindigkeit“) wurde aus einem möglichen Vertrag leider nix.

Dahinter folgt nur noch Defensive, bevorzugt aus Oklahoma: Die beiden Lewisse, Ronnell und Travis, galten jeder für sich als ungewöhnlich flott bei Fuß und vor allem bei Travis Lewis sind mit exzellente Spiele in Erinnerung, nachdem in der sehr speziellen Sooner-Defense das Linebackerdasein ja nicht das einfachste unter der Sonne ist. Der pfeilschnelle Travis Lewis kommt allerdings wie Teamkollege Broyles von einer Verletzung zurück (verpasste meiner Erinnerung nach einen Großteil der Saison 2011/12) und könnte Probleme haben, es in den Kader zu schaffen.

Und dann ist da noch der ungedraftete QB Kellen Moore (Boise State), der in den Minuten nach Draft-Ende zum Team stieß, dem die Heerscharen an Pundits aber kaum Chancen auf einen Kader-Platz geben.

Green Bay Packers

Rd #   Pos Name
1  28  OLB Nick Perry
2  51  DT  Jerel Worthy
2  62  CB  Casey Hayward
4  132 DT  Mike Daniels
4  133 S   Jerron McMillian
5  163 LB  Terrell Manning
7  241 OT  Andrew Datko
7  243 QB  B.J. Coleman

Die ersten sechs Draftpicks 2012 betreffen die Defense – irgendjemand überrascht? Erstaunter darf man da schon ob der Tatsache der aggressiven Haltung GM Ted Thompsons sein, der ungewöhnlich oft nach oben tradete. Thompson = Belichick; eigentlich nix Neues, nur dass das Gefälle früher halt bei beiden ein anderes war.

Ein Outside Linebacker als Matthews-Gegenstück war durchaus nicht nur erwartet, sondern vor allem massiv gefordert worden. Mit Nick Perry gibt es nun ein Trojans-Duo im hohen US-Norden. Allerdings soll Perry von der Anlage nicht unbedingt so ganz 100% in Dom Capers’ Defense passen. Vielleicht wird Matthews‘ Rolle daher in Zukunft neu interpretiert, um Perrys Stärken (Pass Rush, Pass Rush, Pass Rush) zur Geltung zu bringen.

DT Jerel Worthy dürfte als Drohung in Richtung des lustlosen Raji verstanden werden. Eher in der Zone der Ergänzungsspieler wurde der zweite Defensive Tackle, der relativ schmächtig gebaute Mike Daniels (1,83m/132kg), einberufen. Als Zweitrundenpick und mit der windelweichen Secondary im Hinterkopf, dürfte CB Hayward aus der zweiten Runde eher früher denn später seine Spielzeiten sehen. Haywards Reputation gründet vor allem auf relativ sicheren Fangarmen – die Packers halten nun seit Jahren den Trend, viele Interceptions abzufangen. Das war 2011/12 aber auch das einzig Sehenswerte an dieser Defense.

S McMillian, Florida States OT Datko und LB Manning dürften erstmal eher Ergänzungsspieler sein oder Probleme haben, den Kader-Cut zu schaffen. Nicht uninteressant ist das QB-Talent B.J. Coleman, dem man durchaus NFL-taugliche Fähigkeiten nachsagt. Zuletzt schaffte es Green Bay, neben einem Bust (Brohm/2008) auch zwei heutige Multimillionäre auf Quarterback nachzuzüchten: Rodgers und Flynn. Coleman dürfte sich aber erstmal hinter Rodgers (eh klar) und dem famosen ehemaligen Texas-Tech-QB Graham Harrell (ex-Passrekordler im College Football im Kurzpassfeuer von Mike Leach) einordnen und warten und lernen. Green Bay baut sowieso allein auf und um Rodgers und ist sich voll bewusst, dass die Saison bei dessen Verletzung den Bach runtergehen wird.

Minnesota Vikings

Rd #   Pos Name
1  4   OT  Matt Kalil
1  29  S   Harrison Smith
3  66  CB  Josh Robinson
4  118 WR  Jarius Wright
4  128 FB  Rhett Ellison
4  134 WR  Greg Childs
5  139 S   Robert Blanton
6  175 K   Blair Walsh
7  210 LB  Audie Cole
7  219 DE  Trevor Guyton

Unisono großartig fand man in den US-Medien das Draft-Wochenende der Vikes: Mit LT Matt Kalil den gewollten Spieler bekommen, zusätzlich mit einem Fake (?) haufenweise Draft-Picks eingesammelt, mit denen später ausreichend Holz vorhanden war, um mit S Harrison Smith das große Loch in der Defense zu stopfen. Was will man mehr?

Nun, ein Draft besteht nicht bloß aus zwei Spielern, und neben Kalil und Smith wurden die quantitativ schwach besetzten Positionen im Kader gleich in Serie angegangen. Ein Cornerback, zwei Wide Receivers und ein Fullback (Kleinsasser ist in Rente!) in der Zone „Ergänzungsspieler in Jahr 1“ (Runden 3-4), Defensive Back, Linebacker, Defensive End gegen Draftende. Dazu ein Kicker nach Longwells Abschied.

Die Vikings standen vergangene Saison IMHO schlechter da, als man angesichts „3-13“ glauben möchte. Sicher ist: Das Pass-Spiel in der Offense ist deutlich verbesserungswürdig und sofern man dem jungen QB Christian Ponder noch etwas zutraut, ist es nie die schlechteste Idee, die Offensive Line zu verbessern und Wide Receivers jeder Art einzuberufen.

WR Childs ist mit 1,91m potenziell ein Mann für die Außen. WR Wright von Arkansas? 1,78m. Könnte eine Superzwergencombo mit Harvin anstehen… Für Ponders NFL-Zukunft dürfte bereits 2012/13 von erhöhter Wichtigkeit sein und sofern RB Peterson rechtzeitig fit wird, sind die Optionen in der Offense nun zumindest in der Breite zahlreicher vorhanden als vorher.

9 Kommentare zu “NFC North in der Frischzellenkur

  1. Ich glaube ja, dass es kaum ein Topteam gibt, welches einen Ausfall des QB #1 verkraften kann. Die Lions nicht, die Bears schon gar nicht, die Pats nicht, Giants auch nicht.

    Ansonsten vortreffliche Analyse.

  2. Das Thema „Backup-QB“ ist ein interessantes Thema, weil die Intuition vermuten lassen würde, dass der Backup-QB eine der wichtigsten Positionen in einer NFL-Mannschaft ist. Dabei dürften Teams wie New Orleans, San Diego und mittlerweile auch wie du richtig sagst wohl auch New England oder Green Bay so abhängig vom Spitzen-QB sein, dass es Sinn macht, alle Ressourcen in dessen Support-Cast zu stecken, den Backup links liegen zu lassen und zu hoffen, dass der QB-Star unverletzt durchkommt. Der Spitzen-QB als eine Art „Venture-Investment“: Alles oder nix, da selbst mit durchschnittlichem Backup-QB (der teuer ist) die Tendenz deutlich gen „nix“ neigt.

    Ich würde die Behauptung aufstellen, dass Teams wie San Francisco oder Jacksonville (IMHO auch Chicago*), die keinen der Big-4 oder Big-5 auf QB besitzen und das Gefälle zwischen #1 und #2 nicht so krass ausfällt, sich mit guten Backups aufstellen sollten, da sie weniger „QB-zentriert“ sind und entsprechend auch über mehr Geld verfügen, um rundherum eine ausgefeilte Mannschaft zu bauen. Bei Teams dieser Güteklasse dürfte der Backup-QB tatsächlich erhöhten Wert besitzen.

    *Chicago würde ich deshalb in diese Kategorie setzen, weil die Bears eine der besten Defenses besitzen und vergangenes Jahr mit wenigstens durchschnittlichem QB in der zweiten Saisonhälfte in die Playoffs gekommen wären.

  3. Ich sehe übrigens gerade, dass die Football-Outsiders andeuten, dass ein Backup-QB für Green Bay vor allem deswegen wichtig wäre, um die 1-2 Spiele einzuspringen, die Rodgers mit Gehirnerschütterung aussetzen muss.

    Interessanter Punkt.

    Umgekehrt dürfte ein Backup-QB, den man mit der Absicht für nur zwei Spiele holt, einer der – relativ gesehen – überbezahltesten Spieler im Kader sein (ca. 2,5 Mio. Gehalt entspräche dann 1,25 Mio./Einsatz, was selbst Topstars auf anderen Positionen nicht kassieren – beachtet werden müssten dann im Umkehrschluss wohl wieder, dass der Wert eines Backup-QBs für eine so QB-lastige Truppe wie Green Bay auch im Faktor „Versicherung/Absicherung“ läge).

    Definitiv ein spannendes Thema, das sich bei gegebener Zeit zu durchleuchten lohnt.

  4. Die Frage, die sich natürlich stellt ist, welche Alternative hat man. Entweder man nimmt sich einen guten, aber teuren Backup-QB und hat so die Chance, einen Ausfall zu kompensieren oder man riskiert den Verlust der Saison, wenn der #1-QB früh in der Saison ausfällt, wie z.B. bei den Colts. Zumal du als Team ja auch erstmal deine dringlichen „Needs“ befriedigst im Draft oder beim Traden.

    Das Risiko bei Green Bay ist schlicht weg, dass sie nur Rodgers haben und die gesamten Offense von McCarthy darauf ausgerichtet ist. Laufspiel liegt in Green Bay seit Jahren eher brach und McCarthy hat auch schon zu verstehen gegeben, dass man daran nicht viel ändern wird.

  5. Die Frage ist aber: Warum sollte Green Bay eine andere Art von Offense spielen lassen, wenn sie die größte Erfolgschance gibt? Warum sollte man die „sichere“ Variante mit teurem Backup und überflüssigen Laufspielzügen gehen, wenn selbst bei einer Rodgers-Verletzung immer ein nächstes Jahr mit neuer Chance folgen wird?

    Ich halte es für möglich, dass „Schauen und hoffen“ aus Packer-Sicht die beste Titelchance bietet. Jedenfalls besser, als mit Gewalt ein Laufspiel zu implementieren und eine einfachere Offense für einen eventuell limitierteren Backup zu basteln.

  6. Mit einem Laufspiel hätte man aber z.B. eine alternative, wenn Rodgers mal keinen guten Tag hat, wie gegen die Giants im Januar. Und in Philly 2010 hätte man ohne das Laufspiel von Starks wohl nicht gewonnen.

    Wobei du im Grunde recht hast. Sollte Rodgers mal ausfallen wäre es mir persönlich viel lieber, dass die Defense nichts zulässt. Denn irgendeinen Ball von Harrell oder so werden die Herren Jennings, Nelson, Finley oder Driver schon fangen.

  7. Mini-Berichtigung, soweit ich mich erinnere haben die Vikes longwell erst nach dem Draft gecuttet 🙂

  8. Mal gleich vorweg: super Blog, steigert die Vorfreude auf die Saison.

    Sag mir aber doch noch schnell, welche Safeties der Bears du denn in Rente schicken willst? 2011 hatten Chris Conte und Major Wright die meisten Starts, und die beiden sind gerade mal 22 bzw. 23 Jahre alt. Craig Stelz, erster Backup, ist 25. Die werden alle noch ein bisschen spielen. Freu mich aber auf Hardin, Wright wird sich sputen müssen im Training Camp, um seinen Posten als Starter zu behalten.

  9. Berechtigter Einwand. Die Safetys gelten eher als Schwachpunkt, während im Defensive Backfield eher die Cornerbacks sich um die Region „30 +/- 2“ bewegen (wie mancher wichtiger Linebacker übrigens auch). Ist korrigiert.

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