Sacks

Mal wieder was zum Nachlesen: Pro Football Focus hat einen sehr guten Artikel veröffentlicht, der einmal mehr die Kurzsichtigkeit der Sack-Statistik bei der Bewertung von Einzelspielern betont. PFF.com bietet im gleichen Atemzug auch seine altbekannte Alternativlösung zur Einzelbewertung an. Ich hoffe, dass auch PFF.com mit dem vermehrten Einsatz von „All-22“ in Zukunft ein noch präziseres Bild vom Geschehen auf dem NFL-Feld geben wird können.

NFL-Franchises im Kurzporträt, #14: Buffalo Bills

Einer der kleinsten Märkte der Liga beheimatet eines der traditionellsten Teams. Die Bills waren nicht immer die unsichtbaren Jungs von nebenan, und sie halten bis heute einen unglaublichen Rekord.

Der Büffel steht über allem

Eher zufällig kam Buffalo 1959 zu seiner Football-Franchise, denn Ralph Wilson war an anderen Orten mit seiner angedachten AFL-Franchise gescheitert. Blieb die Frage nach der Namensgebung. Am Ende stand „Buffalo Bills“ nach einer bereits krepierten, früheren Franchise.

„Buffalo Bills“ ist natürlich eine Anspielung an den Western-Helden Buffalo Bill, aber weil Bill weder im Helm-, noch im Vereinslogo vorkommt, liegt der Verdacht nahe, dass Fans und Owner interessierter daran waren, einen „nichtssagenden“ Spitznamen zu kreiern und dafür den Büffel (ist gleich Buffalo) als Ikone (und Maskottchen) des Vereins zu nehmen.

Die Jahre in der AFL…

…waren wechselhaft. Die Bills gewannen zwar zwei Meisterschaften, aber sie sind auch bis heute die einzige Mannschaft, die je gegen eine CFL-Truppe (CFL = Canadian Football League) verloren haben. Immerhin: Mit dem Guard Bill Shaw spielte der einzige Hall of Famer, der nie ein NFL-Spiel bestritten hat, bei den Bills.

Die ersten Jahrzehnte NFL…

…waren ziemlich schlecht. Buffalo erlebte mehr schlechte als gute Jahre, trotz des berühmten (und mittlerweile eher berüchtigten) Running Backs O.J. Simpson. Coaches kamen und gingen, nur der Erfolg kam nie. Bis 1985.

Vizechamp im Viererpack

Unter Bill Polian und dem greisen Coach Marv Levy bastelten die Bills jahrelang klammheimlich an einer titelreifen Mannschaft. Levy war ein rigider, vom Militär geschulter Mann, der auch im hohen Alter noch innovativ zu denken imstande war, und wurde durch Sprüche wie (sinngemäß) Die Superbowl ist kein „Must-Win“. Der Zweite Weltkrieg war „Must-Win“ berühmt. Die Philosophie: Die Defense um Pass Rush-DE Bruce Smith bauen und ansonsten alle Ressourcen in die Offense stecken.

Im Jänner 1991 war es dann endlich soweit – ein paar Wochen nach dem Golfkrieg stand man hinter QB Jim Kelly und einer äußerst schnell spielenden Offense („No-Huddle“) in der Super Bowl. Gegner: Die Giants. Ergebnis: Buffalo verlor 19-20, weil nach langem Hin und Her Kicker Scott Norwood in der letzten Sekunde des Spiels ein Field Goal wenige Zentimeter rechts vorbeikickte. Al Michaels‘ Kommentar dazu („No Good. Wide Right“) ist für Bills-Fans in etwa das, was für Bayern-Fans „Wo-warst-du-während-der-Nachspielzeit-von-Barcelona-99?“ ist.

Die Bills erholten sich von dem Schock und spielten in den nächsten drei Saisons JEDES Jahr in der Superbowl (gegen Washington und zweimal Dallas). Vier Superbowls in Folge hat außer Buffalo keine Mannschaft je erreicht. Allein: Die Bills verloren sie alle und jedes Jahr wurden die Niederlagen deutlicher.

Eine potenziell deutliche Niederlage in der Saison 1992/93 wurde legendär abgewandt: Im Wildcard-Spiel lag man zuhause gegen die Houston Oilers bereits mit zweiunddreißig Punkten (3-35) in Rückstand, nur um am Ende unter der Führung des Backup-QB Frank Reich noch in der Overtime 41-38 zu gewinnen – das größte Comeback in der Historie der NFL. Reich ist keiner der höher dekorierten Quarterbacks, hält jedoch für NFL und College Football die größten Comeback-Siege ever inne.

Post Marv Levy

Nach Marv Levys Abgang wurde es ruhig um die Bills. 1999/2000 war man noch einmal in den Playoffs – um in einem weiteren legendären Spiel rauszufliegen. Bei 16-15 Führung wenige Sekunden vor Schluss trugen die Tennessee Titans einen Kickoff nach Lateral mit auslaufender Uhr in die Endzone. Das Spiel ist noch heute berühmt als „Music City Miracle“.

Seitdem haben die Bills die Post Season nie mehr erreicht. Quarterbacks kamen und gingen, die Erfolge blieben aus, aber die Fans kommen nach wie vor ins Stadion. Besitzer Ralph Wilson jr. ist in den 90ern und wird mit seinem Tod das Team höchstwahrscheinlich aufgrund der hohen Erbschaftssteuern verkaufen lassen. Ob die Bills danach noch in Buffalo spielen werden, weiß kein Mensch.

Das Stadion

Ralph Wilson Stadium in Orchand Park

Ralph Wilson Stadium in Orchand Park

Die Bills spielen in Orchand Park im Ralph Wilson Stadium (68.000 Plätze), ein vom Design her eher 0/8/15-Stadion, das aber berüchtigt ist a) wegen seiner Winde und b) wegen der treuen und wilden Fans, die trotz langer sportlicher Dürreperioden und schwacher Konjunktur in der Stadt immer noch fast jedes Spiel ausverkaufen.

Rivalitäten

Richtig intensive Rivalitäten haben die Bills keine. Mit den Miami Dolphins vielleicht – eine Rivalität, die auf die Gegensätzlichkeit zwischen dem sonnigen Südflorida und dem kalten, windigen Buffalo beruht. Mit Jets und Patriots ist es mehr eine divisionsinterne, gesunde Rivalität.

Gesichter der Franchise

  • Ralph Wilson jr. – Owner. Mit dem berühmten Telegramm „Count me in with Buffalo“ gründete er die Bills. Heute mit 93 Jahren der älteste Owner.
  • Jim Kelly – QB. Verweigerte sich erst zwei Jahre lang den Bills, aber dann ging die Post ab. Viele Yards, viele Super Bowls, keine Titel, aber bekannt geworden durch den engagierten Kampf gegen eine seltene Nervenkrankheit seines Sohnes.
  • Marv Levy – Head Coach. Als einer der letzten Überlebenden der amerikanischen Unabhängigkeitskriege war der Levy auf seine alten Tage erfolgreicher Kopf hinter der pfeilschnellen No-Huddle-Offense – und ein Mann martialischer Worte.
  • Bruce Smith – DE und mit genau 200 Sacks der Leader der ewigen Tabelle.
  • O.J. Simpson – einziger Running Back, der 2000yds in 14 Spielen schaffte. Später in einen so berühmten Mordfall an seine Ehefrau verwickelt, dass die am gleichen Tag stattfindende WM-Eröffnung 1994 (Deutschland – Bolivien) US-weit kaum Beachtung fand. Simpsons Verfolgungsdrama wurde dagegen live übertragen.

korsakoffs Highlight

Don Beebe – die Bills sind eines der Teams, mit denen ich noch kein bleibendes TV-Erlebnis teilen konnte. Vor Jahren gab es mal einen Kollaps in einem Monday Night Game gegen die Patriots, doch das einschneidendste Erlebnis aus Bills-Sicht ist für mich jene Szene aus Superbowl 27. Die Bills gegen Spielende ein paar Touchdowns in Rückstand und bereits mehr oder weniger zum dritten Mal in Serie sicherer Superbowl-Verlierer. Dallas’ Abwehrspieler Leon Lett returniert einen Fumble gen EndZone.

Der Mann mit der BUF #82 ist Don Beebe, ein Sprinter mit Kämpferherz. Jener Don Beebe ist im Übrigen der Head Coach an der Schule, an der der Enkel des Dean Griffing (wir hatten berichtet), zur Schule gegangen war.

Eckdaten

Gegründet: 1960
Besitzer: Ralph Wilson jr. (Versicherer)
Division: AFC East
Erfolge: Superbowl-Verlierer 1990, 1991, 1992, 1993, AFL-Champ 1964, 1965, 17x Playoffs (14-15)