Dümmer als die Affen

Wir halten es bei den NFL-Previews für SPOX.com als Tradition, am Ende eine Saisonbilanz für die jeweilig vorgestellte Franchise zu tippen. Ich bin seit jeher kein Freund solcher Tipps, ist es doch bekannt, für wie zufällig ich den Ausgang eines Großteils der NFL-Spiele halte, aber ich beuge mich dem Gruppenzwang. Bloß: Darf ich mir am Saisonende auf die Schultern klopfen lassen, wenn die Buccaneers Anfang Jänner tatsächlich mit haar- und tippgenau sechs Saisonsiegen rausgeflogen sind?

Antwort: Nope. Ich habe auf dem deutschen Football-Weblog Football Is Sex, Baby! die Behauptung aufgestellt, ein Tippen auf den Saisonausgang sei für die NFL überflüssig, weil Lotterie, und habe dies mit einem von ungefähr zigtausend famosen Blogeinträgen von Brian Burke auf Advanced NFL Stats untermauert: Pre-Season Predictions Are Still Worthless. Ich schrieb:

[…] Des weiteren sei angemerkt, dass es keine zuverlässigen Indikatoren für eine präzise Vorhersage der Bilanz der kommenden Saison gibt. Nicht die Pythagoreische Erwartung, nicht sonstwelche Berechnungen auf Ebene der Spielzüge, nicht die Eier der Pundits im amerikanischen TV. Dafür ist in der NFL zu viel Zufall im Spiel. Zum Beispiel ist ein Affe, der alle Teams auf 8-8 tippt, im Durchschnitt ähnlich präzise (oder sogar präziser, wenn wir die Abweichung der Quadratischen Mittel (RMSE) als Kriterium hernehmen) als die aufwändig mit vielen Formeln und für gutes Geld verkauften Projektionen der Football Outsiders. […]

Zur Diskussion steht: Wie kann ich die Vergangenheit auf die Zukunft projizieren? Wie kann ich aus Zahlen schließen, mit welcher Bilanz Franchise XY in der Saison 2012/13 abschließen wird?

Burke vergleicht drei Methoden:

  1. Einfach alle Mannschaften auf 8-8 tippen.
  2. Ein Äffchen namens Koko, das für jede Mannschaft 6 Siege plus ein Viertel der Vorjahressaison tippt.
  3. Die für gutes Geld von den Football-Outsiders verkaufte Methode fortgeschrittener Statistik.

Footballissexbaby hat sich daraufhin die Mühe gemacht, die verschiedenen Methode (plus Pythagoreische Erwartung) für die vergangenen drei Saisons miteinander zu vergleichen: DVOA gegen Koko, den Affen. Ich kann vorwegnehmen: Das Resultat ist nicht rosig…


(you’re entering the stats zone)

Über Korrelationen zwischen den Saisons

Nach einer weiteren Studie von Footballissexbaby („Die Vorhersagekraft der Pythagoreischen Erwartung“) korreliert das Punkteverhältnis der vergangenen Saison mit 0.43 mit der Sieg-Niederlage-Bilanz derselben Mannschaft in der folgenden Saison.

Zum Vergleich: Die Siegbilanzen der Mannschaften korrelieren nur mit 0.36. Eine Nullkommasechsunddreißig, die sich so interpretieren lässt: Wenn die Siegbilanz von Team A in der Saison 2009 eine Standardabweichung über dem Ligadurchschnitt lag, wird die Siegbilanz in der Saison darauf (2010) 0.36 Standardabweichungen über dem Durchschnitt liegen.

Beispiel: Das durchschnittliche Team gewinnt in der NFL – völlig überraschend! – 8 Spiele. Die Standardabweichung von diesem Mittelwert liegt im Zeitraum der letzten zehn NFL-Saisonen bei 0.193 (auf 16 Spiele gerechnet 3.08 Siege). Das Testteam hat also roughly 11 Siege eingefahren (8 + 3.08). In der darauf folgenden Saison würde man von diesem Team nach besagter Theorie 9 Siege erwarten (Mittelwert von 8 plus 0.36 mal 3.08).

Persönlich bin ich ein Fan von Burkes „Efficiency Model“ (ich habe es für eigene Zwecke sogar etwas ummodelliert und ausgebaut), das nicht darauf abzielt, die Anzahl an Siegen zu tippen, sondern die wahre Stärke einer Mannschaft zu schätzen, auf Basis der kleinsten von NFL-Statistikern gemessenen Einheit: Den Spielzügen – und zwar jedem einzelnen. Jeder Mannschaft. Jedes Spiels. Der kompletten Saison. Die entsprechende Excel-Tabelle sieht… nicht nervenschonend aus. In Burkes Modell korrelieren Saison n und Saison n+1 mit 0.55, eine erhebliche Verbesserung.


Zufall in der Saisonbilanz einer Mannschaft

Mittels der Methode der Varianzabweichung lässt sich der Anteil des Roulettes auf den NFL-Spielfeldern errechnen bzw. schätzen. Ich würde sagen „schätzen“, weil eine gnadenlose Rechnung („errechnen“) implizieren würde, dass jede Mannschaft gleich gebaut ist; was ich für inkorrekt halte: Manche Teams passen besser auf andere und umgekehrt.

Wie rechnen wir?

Wir erstellen eine simple Excel-Tabelle mit den Records aller Mannschaften seit 2002 – damit haben wir eine Spanne von zehn Jahren. Wir messen die Varianz der Saisonbilanzen. Ergebnis: Sie streuen mit 0.193^2 (0.193 ist die Standardabweichung der Records, wie schon oben geschrieben).

Eine rein zufällig verteilte Footballliga würde eine Varianz von 0.125^2 aufweisen [0.5*0.5/16]. Nun lässt sich die Abweichung der imaginären, rein zufällig verteilten Liga mit der realen NFL vergleichen:

VAR (Zufallsliga) / VAR (reale NFL) = 0.125^ / 0.193^2 = 0.42

Burke hat – wie eben verlinkt – für einen anderen Zeitraum ein identisches Ergebnis errechnet: 42% der Siegbilanz einer Mannschaft kann demnach dem reinen Zufall zugeschrieben werden. Oder sagen wir: „Ungefähr“ 42%.

Die Zahl darf man aber durchaus als Hausnummer verwenden; sie deckt sich mit anderen Beobachtungen. Etwa, dass sich Spiele mit einem Score Differenz (also maximal acht Punkten) zufällig verhalten. Und pro Saison werden mehr oder weniger die Hälfte der Spiele in der Regular Season innerhalb eines Scores entschieden.


Schianos berufliche Zukunft steht auf einem Würfel

Fassen wir zusammen: Der König unter Blinden ist nicht mal einäugig. Wir haben keine Instrumente, die uns zuverlässige Prognosen für die kommende NFL-Saison liefern können. Ein Affe hat mehr oder minder die gleiche Chance, die Saison gut oder schlecht zu tippen, wie wir oder wie unsere Lebensabschnittsgefährtin, die unter „Eiern“ was anderes versteht und die ganz einfach alle Spiele auf 50/50 tippt.

Ein Grund dafür, dass wir in der NFL nur mit so geringer Präzision tippen können, ist die geringe Anzahl an Spielen, weswegen es von Jahr zu Jahr – und oft mitten in der Saison- extrem viel vom Phänomen „Regression zur Mitte“ zu erleben gibt. Eine Verlängerung der NFL-Saison um die lang und breit diskutierten zwei Spiele würde mit Sicherheit eine Besserung bringen, aber Punkt ist: Wollen wir das? Wollen wir eine längere Saison, nur um ein klein wenig vom Zufall aus dem Spiel zu boxen?

Ich nicht. Wir werden also wieder tippen und einige Tipps werden korrekt sein und einige richtig neben der Spur. Wir werden uns im Hinterher nur noch an die guten Tipps erinnern und uns stolz auf die Schultern klopfen („ich hab’s euch doch gesagt!“). Punkt ist: Wir hatten bei diesen wenigen goldrichtigen Tipps reinstes und unverfälschstestes Glück.

Wir werden im Jänner wieder vom nächsten Trainergenie Schiano fusseln, wenn die 12-4 Buccs (10-1 in engen Spielen) die NFC South gewonnen haben und vom Ende der Packer-Ära, weil Rodgers statt 1% mehr als 2% INT-Quote widerfahren und die Defense nur noch fuffzehn statt fünfhundertfunfundzwanzig Interceptions abfängt. Wir werden vergessen, wie eng die 32 Teams in ihrem Leistungsniveau beeinander liegen. Wir werden vergessen, wie viel Unsicherheit jede Spielsituation umgibt. Wir werden wieder stattdessen was von better execution und guts und clutch Eli und momentum hören und faseln.

Und ich kann es nicht erwarten.

Die NFL beginnt bald.

Noch 38 Tage.

12 Kommentare zu “Dümmer als die Affen

  1. Super Artikel wieder! Bin erst vor ein paar Tagen über football-austria auf diesen Blog gestossen und ich bin echt begeistert, tolle Arbeit! Bin grad beim Lesen des FO Football Almanac 2012, ha, ha… Aber interessant ist es ja schon irgendwie aber scheinbar eher für die Würschte…

  2. nice! jaja der liebe zufall…trotzdem traue ich mir zu die saison „richtiger“ zu tippen wie ein affe 😉

  3. warum eigentlich nicht:

    AFC South
    Texans 10-6
    Colts 7-9
    Titans 5-11
    Jaguars 3-13

    AFC West
    Broncos 11-5
    Chargers 9-7
    Chiefs 7-9
    Raiders 5-11

    AFC North
    Steelers 12-4
    Ravens 9-7
    Bengals 9-7
    Browns 1-15

    AFC East
    Patriots 12-4
    Bills 9-7
    Jets 6-10
    Dolphins 3-13

    NFC South
    Saints 11-5
    Falcons 9-7
    Panthers 8-8
    Buccaneers 4-12

    NFC West
    49ers 12-5
    Rams 8-8
    Cardinals 3-13
    Seahawks 2-14

    NFC North
    Packers 12-4
    Lions 10-6
    Bears 9-7
    Vikings 5-11

    NFC East
    Giants 11-5
    Cowboys 10-6
    Eagles 10-6
    Redskins 2-14

    oje wünscht mir Glück 🙂

  4. Pingback: Die einfachst mögliche NFL-Prognose | Football is Sex, Baby!

  5. Pingback: Vor der NFL-Saison 2012/13 | Sideline Reporter

  6. Pingback: Saison-Review 2012/13: Was waren meine Vorhersagen aus dem Sommer wert? | Sideline Reporter

  7. Pingback: NFL Close Win Percentage: Würfelspiel | Sideline Reporter

  8. Pingback: NFL-Power Ranking zum Ende der Regular Season 2013/14 | Sideline Reporter

  9. Pingback: NFL Power Ranking 2014/15 – Die Saison im Rückspiegel | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.