Blick in die Kristallkugel: Die Independents vor der Saison im College Football 2012/13

Gestern hatten wir die legendäre University of Notre Dame im Rennen um die Crystal Ball Trophy („Kristall-Trophäe“ für den BCS-Champion) zum Auftakt der Vorschau auf die Saison im College Football 2012/13. Heute folgen im zweiten Teil die anderen drei FBS-Universitäten ohne Conference-Zugehörigkeit (sog. „Independents“): BYU, die US-Army und die US-Navy.

Brigham Young Cougars

Wie Notre Dame ist auch die Brigham Young University aus Provo/Utah eine Bildungsanstalt mit konfessionellem Hintergrund: Diesmal nicht Katholiken, sondern Mormonen. Das Wesen als Independent ist noch relativ neu bei BYU (2012 ist das zweite Jahr als solcher). Man möchte sich als Marke etablieren, inklusive zauberhaftem Stadion (das Bergpanorama bei Heimspielen im LaVell Edwards Stadium in der Dämmerung ist atemberaubend), eigenem TV-Sender und attraktivem Schedule – langfristig hin zu einer Art kleines Notre Dame des Westens. Daran gemessen war die erste Saison in der Unabhängigkeit mit 10-3 Siegen ein relativer Erfolg. Für das Recruiting blieb der erhoffte Schwung dagegen aus.

Möglicherweise mitschuldig daran war das „Chargers-Syndrom“, von dem BYU unter dem Head Coach Bronco Mendenhall befallen zu sein scheint: Man kommt zu Beginn der Saison einfach nicht in die Gänge. Letztes Jahr war man nach drei Wochen und einer bösen, bitterbösen Schlappe gegen Erzfeind Utah bereits abgeschrieben – das danach folgende Aufbäumen bis in die Bowl Season hinein wurde kaum mehr beachtet und lief völlig unterm Radar.

Dabei hätte es Stoff gegeben: Das QB-Talent Jake Heaps wurde nach schwachen Vorstellungen von dessen Vorgänger Riley Nelson ersetzt und transferierte anschließend wie Crist von Notre Dame zu Kansas. Heaps hatte ich noch vor einem Jahr als kommenden Superstar angepriesen. So schnell geht’s manchmal. Nelson ist ein fehlerarmer Werfer und als Scrambler ein ganz schöner Fummler (kein Polygamistenwitz).

Hinter Nelson, einem Senior, werden nun die hoffnungsvollen QB Taysom Hill und der mit viel Boohay gekommene Freshman QB Tanner Mangum herangezüchtet (Mangum arbeitet diesen Sommer wie für Mormonen üblich in der Mission und dürfte dadurch erst in 2-3 Jahren richtig zum Einsatz kommen).

Sollbruchstelle in der Offense sind die fehlenden Big Plays: Der Angriff hat trotz ordentlicher Line kein gutes Laufspiel und ist nicht auf vertikale Pass-Offense ausgelegt, weswegen BYU-Spiele oftmals eine etwas zähe Angelegenheit sind.

Dafür trägt die Defense diese Mannschaft. Die Front Seven ist körperlich massiv gebaut und würgt alles an Laufspiel ab. Die Dreier-Line um die 180kg-Bomber DE Eathyn Manumaleuna und DT Romney Fuga macht allerdings im Pass Rush nicht einmal einen Hauch von Lüftchen. Man hofft, dass das durch einen völlig überraschenden Neuzugang geändert werden kann: Der Ghanaer Ziggy Ansah kann noch nichtmal gscheid Englisch sprechen, wechselte im April aber von der Tartanbahn hinüber auf das Footballfeld und spielte ohne bis dahin jemals Football-Erfahrung gesammelt zu haben gleich mal alles in Grund und Boden – keep an eye on. Pass-Rush ist, damit wir uns richtig verstehen, lebenswichtig für die Cougars, da ohne im Defensive Backfield das blanke Chaos ausbricht.

Fazit: Wie bei Mormonen üblich, ist das eine reife, erfahrene Mannschaft. Knackpunkt wird allerdings der Schedule sein. Der Saisonstart ist für die Langsamstarter nicht einfach – er wäre auch für Schnellstarter gesalzen: Washington State (Passgewalt gegen die lahme Pass-D von BYU!) daheim, und dann noch Auswärtsfahrten zu Utah (passstark) und Boise State (Passgewalt) im September. Später folgen tückische Auswärtstrips zu Notre Dame und Georgia Tech – eine weitere 10-3 Saison scheint unmöglich.

Army Black Knights

Die ersten US-Kadetten in der Vorschauserie, und die sportlich wohl schwächsten. Die Army ist aber immer ein Hingucker, weil sie als eine der wenigen der flexbone triple option offense spielt und mal eben 61.7 Laufspielzüge pro Spiel „einstreut“ (346.5yds Laufspiel pro Partie). Das alles reichte 2011 aber trotz viel Zungenschnalz nur zu 3-9 Siegen – HC Rich Ellerson ist bereits angezählt.

Problenzonen im Angriff sind die unerfahrene Offensive Line und die Abhängigkeit von QB Trent Steelman, der als außergewöhnlich verletzungsanfällig gilt. Ohne Steelman im Line-Up kann die Army gar die vereinzelt notwendigen tiefen Bälle vergessen. Abseits von Steelman liegt das Laufspiel in den Beinen von FB Jared Hassin und dem sich aufdringenden SB Raymon Maples (zuletzt 7.3yds/Carry).

Wer so lauflastig spielt, muss seine Defense entsprechend aufstellen. Was bei der Army dazukommt: Die Militärs erwarten, die anderen Militärs zu schlagen. Ergo ist Armys Defense dafür gebaut, reinstes, blankes Laufspiel der Navy und Air Force einzubremsen. Heißt: Die Anspiellinie wird Down für Down mit acht Mann zugestellt und die Absicherung liegt allein an der tiefstehenden Secondary. Das alleinige Zustellung ist jedoch zumeist nicht richtig effektiv, weil die Spieler zu klein und leichtgewichtig sind (startende Defensive Ends zum Beispiel wiegen 102kg) – Ellerson reagiert häufig mit Variation in den Aufstellungen (4-2-5 und 4-6 kommen ebenso vor wie 2-4-5 in Passsituationen) – alles komprimiert auf die Zone bis 5yds hinter der Line of Scrimmage.

Navy Midshipmen

Flexbone triple option, da ist auch die Navy nie weit, wenn auch seit dem Abgang von Flexbone-Guru Paul Johnson (jetzt Georgia Tech) nicht mehr so hardcoremäßig und in Reinform. Unter dem energiegeladenen „Player’s Coach“ Ken – Achtung, Zungenverschluckgefahr! – Niumatalolo wird durchaus variantenreiches Laufspiel aufgezogen, wie Interessierte dank Chris Brown studieren und nachlesen können. Ein interessanter Punkt bei der Navy wird in dieser Saison der neue Quarterback werden: Nach dem Studienabschluss von Kriss Proctor wird der spritzig wirkende Trey Miller übernehmen, der die Feinheiten der Option-Offense noch nicht drauf haben soll.