Glaskugel 2012: Cincinnati Bengals

 

Die Quote für einen Super-Bowl-Sieg der Cincinnati Bengals liegt derzeit bei 41,00. Wenn man vor der Saison nur zum Spaß mal einen Zehner setzen will, gibt es keine bessere Wette. Nach dem Preseason-Spiel gegen die Falcons bin ich mir sicher, daß diese Bengals ein Playoff-Team sind. Man sieht in Preseason-Spielen ja nicht viel, aber in diesem Spiel und auch schon in den zwei Serien vorher gegen die Jets war deutlich zu erkennen, daß Andy Dalton offensichtlich in einen Eimer voller Selbstvertrauen und Toughness gefallen ist; daß A.J. Green nicht mehr ein junger College-Star, der sich bei den Großen versucht und dabei ganz gut aussieht, sondern (jetzt schon) ein echter Nr.1 WR; und daß die Defense eine der besten ligaweit sein wird: hochtalentierte und ambitionierte junge Wilde, beeindruckende Tiefe auf allen Positionen und ein erstklassiger Defensive Coordinator in Mike Zimmer.

In der letzten Saison haben die Bengals einen Neustart um die Rookies Dalton und Green versucht und dabei sogar die Playoffs erreicht. Das war einerseits ein wenig glücklich, da alle sieben Spiele gegen Playoff-Mannschaften verloren wurden. Andererseits hatten die Bengals selber recht viele Turnovers (nur vier Spiele ohne TO) und in der Defense kaum Bälle erobert. Das Pendel sollte 2012 in die andere Richtung ausschlagen, da 1) der neue RB Ben-Jarvus Green-Ellis niemals fumblet und 2) die Defense stärker sein wird und aller Voraussicht nach auch die regression to the mean zuschlagen wird.

Ebenso vorteilhaft sollte der Schedule sein: nach der Monday-Night-Eröffnung in Baltimore spielt Cincinnati gegen Cleveland, Washington, Jacksonville, Miami und wieder Cleveland. (Wo kann ich auf einen 6-0-Start wetten?) Nach einem Sunday Night Game gegen Pittsburgh und der Bye-Week sind vier der folgenden fünf Spiele gegen die mittelmäßige AFC West. Wer soll die Bengals auf dem Weg in die Playoffs stoppen?

Aber genauer: warum der Optimismus?

Defense Bengals

Cincinnati hat eine sehr tief besetzte Defense mit vielen jungen Spielern. Das geht schon in der Defensive Line los – wie es das gute alte Lehrbuch verlangt. DE Carlos Dunlap, der aussieht wie Jason Pierre-Paul, aber ein bißchen länger in seiner Entwicklung gebraucht hat, war eh schon stark und sollte in seiner vierten Saison endgültig ein breakout year haben, nachdem er schon 2011 kaum einen Vergleich in der AFC zu fürchten brauchte. Noch besser sollte DT Geno Atkins sein. Atkins ist einer der besten Pass Rusher, die man in der Mitte einer Linie finden kann. Neben Atkins stehen mit Domata Peko und Pat Sims zwei zuverlässige und solide Ergänzungen. Weil DC Mike Zimmer niemals genügend Linemen sein eigen nennen kann, hat man dieses Jahr in den Runden zwei und drei mit Devon Still und Brandon Thompson noch weiter nachgerüstet. Als Defensive Ends stehen neben dem 2,00m-Mann Dunlap Michael Johnson (2,02m) und Jamaal Anderson (1,98m). Der älteste aller bis jetzt genannten ist Peko mit jugendlichen 27 Lenzen.

Das LB-Corps wird angeführt vom ehemaligen 1st-rd pick Ray Maualuga. Maualuga ist keine Weltklasse, aber hinter dieser Linie reicht auch ein solider, aber energiegeladener Typ wie er. Daneben stehen Thomas Howard, einer der besseren Verteidiger in Zone Coverages und und Manny Lawson, gut gegen den Lauf und mit seinem 1,95m-Körper auch wild auf Quarterbacks.

Schedule

Wk1 @ BAL (MNF)
Wk2 V CLE
Wk3 @ WAS
Wk4 @ JAX
Wk5 v MIA
Wk6 @ CLE
Wk7 v PIT (SNF)
Wk8 BYE
Wk9 v DEN
Wk10 v NYG
Wk11 @ KC
Wk12 v OAK
Wk13 @ SD
Wk14 v DAL
Wk15 @ PHI (TNF)
Wk16 @ PIT
Wk17 v BAL

Die Cornerbacks werden angeführt von Leon Hall. Der erfahrene und doch erst 27 Jahre alte Hall hat letztes Jahr schon so gut gespielt, daß man Jonathan Joseph fast gar nicht mehr vermißt hat. Auf der anderen Seite steht Nate Clements. Einstmals mit dem größten CB-Vertrag aller Zeiten in San Francisco gesegnet, hat er sich nunmehr in seinem 33. Lebensjahr mit der Rolle als sichere Bank zufrieden gegeben – füllt diese aber auch gut aus.

Weil Mr Adam Jones, genannt Pacman, daneben zwar immer noch unglaublich talentiert ist, aber mit diesem Talent gerne Roulette spielt, hat man einerseits mit Terrence Newman einen alten Liebling von Zimmer verpflichtet und andererseits mit Dre Kirkpatrick den Pfeiler von Alabamas Meisterschafts-Secondary in der ersten Runde gedraftet. Newman sah erstaunlich gut aus in den ersten beiden Spielen. Er könnte einer dieser Spieler sein, die mit einer neuen Herausforderung und einem Coaching Staff, bei dem man sich richtig wohlfühlt, noch mal durchstarten. Newman kam aus Dallas, wo er in den letzten Jahren von Fans und Trainern madig gemacht wurde (durchaus zu Recht), aber Zimmer, sein ehemaliger DC bei den Cowboys, hält ganz große Stücke auf ihn und meint zu wissen, wie man ihn einsetzen muß. Kirkpatrick vertreibt sich derzeit die Tage noch lieber mit Ärzten und Masseusen, aber wenn er wieder fit ist, hat Cincy einen starken und vier gute CBs. Mehr als fast alle anderen Teams.

Dünn sieht es nur bei den Safeties aus. Reggie Nelson ist gesetzt. Bei Nelson denke ich immer an „Oh-sorry-das-war-ja-mein-Mann-der-da-gerade-wegläuft“-Plays, aber Leute wie Andy Benoit oder PFF halten ihn für ganz solide. Daneben spielt dann wahrscheinlich Taylor Mays. Den physischen Voraussetzungen nach der beste Safety der Liga; aber wenn man ihn spielen sieht denkt man manchmal, der hat vorgestern das erste Mal auf einem Footballplatz gestanden. Eine Wildcard hat hier noch Rookie George Iloka, der bei Boise State für großes Aufsehen gesorgt hat, aber im Camp und in den Spielen ist er bis jetzt noch nicht sonderlich in Erscheinung getreten.

Offense Bengals

Nach der enttäuschenden Saison 2010 mit nur vier Siegen, sollte der Umbruch her. QB Carson Palmer und WR Chad Ochocinco spielten keine Rolle mehr in den Planungen und wurden in der Draft 2011 durch die 1st- und 2-nd round picks A.J. Green und Andy Dalton ersetzt. Außerdem wurde Jay „ja, der Bruder von Jon“ Gruden als Offensive Coordinator verpflichtet. Es sollte eigentlich nur ein Übergangsjahr werden, aber dann hat die Defense getragen und die Dalton-Green-Offense hat ganz solide gespielt und nichts kaputt gemacht. Dalton ist klein und schmächtig und ihm fehlt auch der ganz große Arm, aber er macht es weg durch gutes decision making und akkuraten Pässen, wenn er nicht gerade quer zur gegenüberliegenden Seitenlinie werfen muß. Gruden hat ihm auch eine recht simple, aber einigermaßen effektive Offense geschneidert, die ihn nicht überfordert. Nun traut er ihm etwas mehr zu und Dalton stand in den Preseason Games mit einer fast schon arroganten Coolness in der Pocket und hat sich von 300 Pfund Mensch in seinem Gesichtsgitter gar nicht weiter irritieren lassen.  Pocket awareness ist eine der wichtigsten Eigenschaften für einen QB, aber man kann es auch übertreiben – dann steckt man zu viele harte Hits ein und risikiert Ballverluste. Wir haben also einen jungen, talentierten QB mit Schwächen, die sein OC überdecken hilft und der sich in der Offseason merklich weiterentwickelt hat. Wenn er jetzt auch noch einen 1,92m Hünen mit sicheren Händen hätte auf den er sich immer verlassen kann…

…enter A.J. Green. Gepriesen als eines der größten WR-Talente der letzten Jahre, konnte er die hohen Erwartungen mit mehr 1000 Receiving Yards tatsächlich erfüllen – und er hat noch viel Raum nach oben. Problematisch wird es nur hinter Green. Jerome Simpson ist jetzt in Minnesota und im Kader ist nur noch Mittelmaß à la Brandon Tate und Andrew Hawkins.  Angeblich ist man mit 2nd-year man Armon Binns hochzufrieden und hält auch ganz große Stücke auf Rookie Mohamed Sanu.

Komplettiert wird Daltons Spielzeugkiste von TE Jermaine Gresham. Mit seinen 1,95m ist Gresham auch einer dieser „neuen“ Tight Ends und hat mit seinen erst 24 Jahren auch noch massig Entwicklungspotential. Daneben stehen dann noch der erfahrene Donald Lee und der Rookie Orson Charles.

Geschützt wird das Paßspiel auf den äußeren Positionen von LT Andre Whitworth und RT Andre Smith. Smith war mal 6th overall pick, bekam dann aber schnell das Bust-Label auf seinen übergewichtigen Wanst geknallt, während Whitworth wohl der unbekannteste Top-5-Tackle ist. Gemeinsam bilden sich eines der besten Tackle-Paare der Liga.  Den Center gibt der weder positiv noch negativ auffällige Kyle Cook. Die Guard-Positionen sollten aufgewertet werden und zumindest mit Rookie-RG Kevin Zeitler (WISCONSIN!) hat das auch geklappt. Links sollte FA Travelle Wharton spielen, der hat sich aber schon ins Lazarett verabschiedet. Der 23-jährige Clint Boling wird ihn wohl ersetzen.

Man steckt große Hoffnungen in Zeitler und Boling. Die Mitte der Linie war ein wenig das Sorgenkind der Bengals, da nur selten große Lücken für die RBs gerissen wurden. Wobei man auch zugeben muß, daß Cedric Benson schon lange nicht mehr der Fitteste war. Als jüngeres Upgrade kam The Law Firm Ben-Jarvus Green-Ellis von den Patriots. BJGE ist kein großer Brecher und auch nicht der Schnellste, aber er ist solide und ungemein sicher im Umgang mit dem Ball. Nach vier Jahren und mehr als 500 Touches in der NFL steht bei ihm immer noch kein Fumble im Resumee. Ein bißchen explosiver sollten Bernard Scott und Rookie Boom Herron sein.

Ausblick Bengals

Die Bengals sind kein Favorit auf den Super Bowl. Aber die Bengals sind ganz sicher eines der besseren Teams in der AFC. Ich würde sogar behaupten, daß Cincinnati in der AFC-North-Hackordnung an Baltimore vorbeigezogen ist. Die Verteidigung hat Top-5-Potential und durch die Tiefe auf beinahe allen Positionen sollten auch Verletzungen sie nicht allzuweit zurückwerfen.

Die Offense braucht den nächsten Schritt von Dalton nach vorne und ein gutes Laufspiel. Die Ingredenzien sind alle vorhanden und Zeit wirds, daß Cincy mal wieder zwei positive Saisonbilanzen in Folge hat. Das letzte Mal gab es das in den Jahren 1976 und ´77.

15 Kommentare zu “Glaskugel 2012: Cincinnati Bengals

  1. War Maualuga nicht ein 2nd Rounder?

    Jedenfalls fühle ich mich gerade verpflichtet, hier eine Lanze für Terence Newman zu brechen. Seine Entlassung hatte zwar auch mit seiner nachlassenden Leistung, aber vielmehr mit seinem dicken Vertrag zu tun. Sein Problem war schon immer seine Anfälligkeit für Verletzungen, der er auch letztes Jahr wieder erlegen war. Und wenn man verletzt spielt, spielt man eben schlechter. Wenn er fit ist, hätten die Cowboys ihn sicher gerne behalten – nur nicht für über $8 Mio pro Jahr.

  2. Aber das ist doch bei den meisten Routiniers Ü30 der Fall: Sie wissen, wie es geht, aber der Körper lässt langsam nach. Team X will nicht mehr den Namen (und Leistungen aus der Vergangenheit) bezahlen. Team X weiß: Der Körper wird mit der Zeit verletzungsanfälliger und er wird mit 32 oder 33 richtig „nachgeben“. Spieler Y wandert ab zu einem Team, das seine Dienste verzweifelter braucht und dafür auch über Marktpreis bezahlt. Team X nimmt die vielleicht etwas schwächere, aber jüngere und billigere Alternative aus seinem Kader.

  3. Bei Newman ging das ja schon vor einigen Jahren los mit seinen Verletzungen. Da war er erst so Mitte 20.

    Und Team X hat sich für $50 Mio-Alternative in der FA entschieden… 😉

  4. re Maualuga:
    stimmt natürlich, 2nd rounder. Nur seine beiden USC-Buddies Cushing und Matthews gingen 2009 in der ersten Runde.

    re Newman:
    Es hatte bei ihm sicher auch mit Verletzungen zu tun. Aber wohl auch damit, daß er ja wirklich ständig von allen Seiten kritisiert wurde und sich darum – denkt der Küchenpsychologe – überhaupt nicht mehr wohl gefühlt hat. Und für die Cowboys ist die Entscheidung ganz einfach: $8 Millionen für eine eingeschnappte Leberwurst Ü30 oder $10 Millionen für einen hochtalentierten jungen Typen in den besten Jahren seiner Karriere?

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