Glaskugel 2012: Kansas City Chiefs

Manchmal läuft´s einfach ganz blöd: drei der wichtigsten Spieler verletzten sich spätestens Woche 1 und verbringen die Saison auf IR; in der ersten drei Spielen kassieren die Chiefs 110 Punkte und erzielen selber nur 27; die Mannschaft fängt sich mit vier Siegen in Folge und dann verletzt sich der Quarterback. Trotzdem fehlte am Ende nur ein Sieg für Platz eins in der AFC West. Für die meisten anderen Trainer wären das genügend Ausreden, um sich in die nächste Saison zu retten. Bei Todd Haley nicht.

Haley hat sich in Kansas City eine katastrophale Reputation als durchgeknallter, kontrollsüchtiger Egomane „erarbeitet“. Ob das auch alles so stimmt, weiß natürlich niemand. Mit dieser Reputation im Hintergrund hatte GM Scott Pioli keine Schwierigkeiten, Haleys Rauswurf zu rechtfertigen. Pioli hat schon in den 90er Jahren bei den Browns für Bill Belichick garbeitet, später bei den Jets auch für Bill Parcells, bevor er dann lange Jahre in New England Belichiks rechte Hand in Personalangelegenheiten war. Darüber hinaus ist Parcells sein Schwiegervater.

Man kann sich also vorstellen, wie Pioli auf Untergebene reagiert, die aus der Reihe tanzen. Nach dem Haley-Experiment vertraut er lieber wieder auf Leute aus der guten, alten Parcells-/Belichick-Schule. Head Coach Romeo Crennel hat bei den beiden fast sein ganzes Leben verbracht und der junge Offensive Coordinator Brian Daboll hat seine Ausbildung unter Charlie Weis bei den Patriots absolviert. Die Defense übernimmt Crennel als Coordinator selbst.

Chiefs Defense

Die oldschoolige 34-Defense ist im Ganzen sehr anständig. In Glenn Dorsey und Tyson Jackson stehen zwei ehemalige Top-10 picks in der Linie. Auch wenn beide bis jetzt noch nicht so gespielt haben, wie sie gedraftet wurden, so wurde ihnen doch zumindest zum Ende des letzten Jahres nachgesagt, einen großen Schritt gemacht zu haben.

Viel problematischer ist schon der fehlende Nose Tackle. In der letzten Draft an Position 11 wurde Dontari Poe gedraftet, der aussieht wie Haloti Ngata und sich bewegen kann wie Haloti Ngata – aber das leider alles nur außerhalb des Spielfeldes. Er hat wohl schon am College bei Memphis oftmals keinen großen Einfluß auf das Spielgeschehen gehabt und die NFL wird erstmal eine Nummer zu groß für ihn sein. Die Spielzeit wird er sich mit Amon Gordon und Jerrell Powe teilen. Gordon hat in seinen acht Jahren NFL 50 Tackles gemacht und Powe war letztes Jahr ein 6th-rd pick.

Dahinter steht mit ILB Derrick Johnson jemand, der verdammt viel von dem Abräumen kann, was die Linie vor ihm durchläßt; ein 34-ILB wie er im Buche steht. Javon Belcher ist ein athletischer Typ, der sehr aufmerksam seine Kreise underneath zieht und den kreuzenden Tight Ends und Slot Receivern das Leben schwermacht. Ungemein wichtig in jeder klassischen 34 ist das Vorhandensein von zwei OLBs, die Druck auf den QB machen können. Die Chiefs haben mit Tamba Hali zumindest einen; mit dem letztjährigen 3rd-rd pick Justin Houston vielleicht anderthalb. Houston muß deutlich besser werden, wenn diese Defense in Top-10-Regionen vorstoßen will.

Die individuelle Klasse in der Secondary ist dafür vorhanden. Mit Brandon Flowers verteidigt ein klassischer NR.1-Corner eine Seitenlinie. Mit Neuzugang Stanford Routt steht an der anderen Seitenlinie ein guter Nr.2-Corner und mit dem ehemaligen 1st-rd pick Javier Arenas hat Crennel auch einen ganz patenten Mann für den Slot.

Weil dahinter Eric Berry mit 100mph rumrennt, müssen die Cornerbacks auch gar nicht überragend spielen. Berry hat sich in seiner Rookiesaison 2010 sehr gut entwickelt, fiel dann aber 2011 mit Kreuzbandriß aus. Den anderen Safety-Spot hat der junge Kendrick Lewis inne. Lewis soll einer der Lieblinge von Crennel sein, weil er unaufgeregt einfach seinen Job macht und ein „excellent learner“ ist.

Chiefs Offense

Der Franchiseplayer in Kansas Citys Offense ist Running Back Jamaal Charles. Der kleine speedster hat astronomische Statistiken abgeliefert, bevor auch er die letzte Saison mit Kreuzbandiß im Lazarett verbringen mußte. In drei Jahren hat Charles bei seinen 500 Carries im Durchschnitt 6,1 Yards erlaufen, eine fast schon astronomische Zahl für NFL-Verhältnisse. Als sidekick gesellt sich Peyton „Rammbock“ Hillis zu ihm. Nach seiner breakout season 2010 in Cleveland (mit OC Brian Daboll) ist er letztes Jahr lieber öffentlichkeitswirksam mit irgendwelchen Homestories hausieren gegangen und hat ständig wegen seinem Vertrag rumgebockt. Findet Hillis seine alte Form zurück, könnte Kansas City den aufregendsten 1-2-punch der gesamten Liga haben.

Der ursprünglich mal als Franchiseplayer angedachte QB Matt Cassel konnte diese Rolle nie richtig ausfüllen. Aber als game manager mit einem stark Laufspiel ist er durchaus zu gebrauchen. Er hat die Patriots 2008 und auch die Chiefs 2010 zu zehn Siegen geführt, dabei mehr als 7 Yards pro Paßversuch erfworfen und bei 48 TDs nur 17 INTs verursacht. Wenn er jetzt endlich mal Konstanz in sein Spiel bringen würde, wär er zwar kein Tom Brady, aber er würde auch in den Playoffs nicht völlig fehl am Platze aussehen.

Schedule

Wk1 v ATL
Wk2 @ BUF
Wk3 @ NO
Wk4 v SD
Wk5 v BAL
Wk6 @ TB
Wk7 BYE
Wk8 v OAK
Wk9 @ SD (TNF)
Wk10 @ PIT (MNF)
Wk11 v CIN
Wk12 v DEN
Wk13 v CAR
Wk14 @ CLE
Wk15 @ OAK
Wk16 v IND
Wk17 @ DEN

Wenn das receiving corps sich dann mal konstant aus den Schlagzeilen heraushalten könnte, wär das ein richtig guter Paßangriff. Nr. 1 Dwayne Bowe, ein sehr kräftiger Typ mit starken Händen, kann man ruhigen Gewissens als Nr. 1 wideout bezeichnen. Der 1st-rd pick des Jahres 2007 macht aber lieber mit Drogen und Holdouts auf sich aufmerksam. Lange werden sich das die Disziplinnazis patriot´scher Prägung nicht mehr mit ansehen. Die Nr. 2 ist der letztjährige 1st-rd pick Jonathan Baldwin. Der hat in seiner Rookiesaison einem Teamkollegen eine durchgereicht und sich dabei die Hand gebrochen. Die unter Wide Receivern beliebte Kombination undiszipliniert/dumm also. Wenn er sich mal selbst auf die Reihe bekommt, soll er aber verdammt talentiert sein.

Im Slot spielt Steve Breaston wie ein typischer Slot Receiver: unauffällig und zuverlässig. Ganz angenehm für Daboll und Cassel ist, daß Breaston mit 1,85m sehr groß für einen slot guy ist. Noch viel angenehmer für Daboll/Cassel ist Allzweckwaffe Dexter McCluster. Der kleine Irrwisch kann aus dem Backfield heraus wie auch als WR spielen und ist so etwas wie eine Mischung aus Darren Sproles und Percy Harvin – minus das außergewöhnliche Talent der beiden.

Eine sehr gute Waffe im Paßspiel könnte auch der junge Tony Moeaki werden (auch er einer der Kreuzbandrißgeschädigten 2011). Moeaki ist zwar lange nicht in der Gronkowski/Graham-Klasse, aber er sieht zumindest körperlich so aus. Der andere Tight End, Kevin Boss, ist mehr ein sechster Offensive Linemen. Aber genau der wird auch gebraucht im KCs Angriff, das ja vom Laufspiel getragen werden soll.

Brandon Albert ist so Durschnitt. Aber in einer Liga, in der die guten Tackles immer weniger werden, ist ein durchschnittlicher schon mal viel wert. Vor allem, wenn er gegenüber einem ziemlich guten Tackle spielt. Eric Winston kam als Free Agent aus Houston uns ist sofort der beste Linemen Chiefs – was mehr gegen die anderen als für ihn spricht. Winston war sehr erfolgreich in Gary Kubiaks zone blocking scheme und muß jetzt die Umstellung auf ein neues System und neue Kollegen in der Linie machen. Zwischen den beiden ist man sich noch nicht so sicher, was das werden soll. Center soll auf jeden Fall der letztjährige 2nd-rd pick Rodney Hudson spielen. Er hat zwar letzte Saison hinter dem Opa Casey Wiegman kaum gespielt, aber der Staff ist sehr zuversichtlich, daß die Kombination von Hudsons Talent und der Ausbildung unter Wiegman ausreichend war, um ihm den Ball snappen zu lassen. Daneben streiten sich der schwache Jon Asamoah, Ex-Colt Ryan Lilja und 2nd-rd pick Jeff Allen um die zwei verbleibenden Plätze. Insgesamt also keine sehr gute Linie.

Ausblick Chiefs

Die Kansas City Chiefs haben einige starke Mannschaftsteile und auch fast in allen Bereichen playmakers – Safety Berr, CB Flowers, LBs Johnson und Hali, RB Charles, WR Bowe, TE Moeaki und McCluster – und in vielen Units auch einen stabilen Mittelbau. Crennels Truppe wird bis zum Schluß um die Playoffs mitspielen, aber falls sie da hinkommen, wird es nicht mehr für viel reichen, dafür sind beide Linien einfach nicht stark genug besetzt. Auf den jungen Kern dieser Mannschaft kann man getrost aufbauen und optimistisch in die Zukunft blicken.

2 Kommentare zu “Glaskugel 2012: Kansas City Chiefs

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