NFL-Woche 1/2012: Detroit Lions – St Louis Rams im Rückspiegel

Aus Spoilergründen gibt es den Kommentar zum Spiel erst nach dem Sprung.

Es war ein eigenartiges Spiel im Ford Field. Detroit dominierte die Partie eigentlich nach Belieben, brauchte am Ende aber einen lupenreinen Comeback-Drive, um zehn Sekunden vor der Schlusssirene die sehr niedrig eingeschätzten St Louis Rams noch 27-23 zu schlagen.

Hauptgrund dafür: Die fürchterlichen schweißgebadeten Lions-Trikots Turnovers. Deren drei produzierte der etwas unvorsichtige QB Matthew Stafford in der ersten Halbzeit, und es war dreimal Schema F: Quicke Out-Route eines Receivers, und dann springt ein Linebacker oder Cornerback dazwischen. Doppelt bitter: Zwei der Interceptions passierten in der gegnerischen RedZone, eine davon an der Goal Line. Minimum zehn verschenkte Punkte, und die dritte INT wurde von CB Cortland Finnegan zum Touchdown returniert.

Von den Interceptions abgesehen war es eine gute Partie Staffords, der mindestens vier oder fünfmal Pech hatte mit Drops, bei denen aber im Umkehrschluss auch wieder wenigstens zweimal eine weitere INT möglich gewesen wäre (ein weiterer abgefälschter Ball wurde von Stafford für 3yds gefangen!). In Halbzeit zwei schaltete Detroit in den gewohnten Modus mit zwei Tight Ends und gab Stafford somit kürzere Würfe, was zwischendurch merklich an Sicherheit gab.

Und dann hat Detroit immer noch WR #81 Calvin Johnson, der nicht häufig angespielt wurde, aber immer dann, wenn es brenzlig wurde. So beim entscheidenden TD-Drive, wo das Rams-DB kein Land sah. Johnson bei sieben Anspielen mit 6 Catches für 111 Yards.

Lobend hervorzuheben ist auch der Mut von Head Coach Jim Schwartz, der ohne Timeouts mit 15sek auf der Uhr anstelle des sicheren Field Goals zur Verlängerung die Entscheidung suchte und Erfolg gegen seinen Lehrmeister auf der anderen Seite, Jeff Fisher, hatte.

Auf der anderen Seite war es ein eher enttäuschendes Spiel der Rams-Offense. Der Druck der Lions war nicht übermäßig (trotz dreier Sacks, je einer von Suh, Fairley und Williams), aber QB Sam Bradford operierte fast ausschließlich über die Spielfeldmitte und brachte downfield nur einen akkurat geworfenen Ball zustande. Der wurde dann von einem weit offenen WR #13 Chris Givens in dessen erstem Profispiel fallen gelassen. Bradford war aber weniger „schuldig“ (machte IMHO ein gutes Spiel) als das PlayCalling.

Denn die Rams setzten erstaunlich häufig auf ihr Laufspiel und RB Steven Jackson, der zu einer Phase im zweiten Drive der Rams die komplett einzige Waffe war (sechs Läufe, drei Catches). Jackson kämpfte zwar wie ein Löwe, aber die Ausbeute ist eher traurig: 21 Läufe für nur 53yds, vier Catches für 31yds. Zu allem Überfluss im Schlussviertel dann auch noch den LT Rodger Saffold verloren.

Am Ende ein komisches Spiel, bei dem ich nicht recht weiß, was davon zu halten. Detroit brauchte am Ende alles, um eines der vermutlich schwächsten NFL-Teams zu putzen, sah aber in diesem Spiel fast alles gegen sich laufen (besagte Turnoverbilanz von -3, plus ein Fumble, den die Rams aufnahmen). Die Rams dagegen wären fast mit einem Upset heimgefahren, müssen sich aber hinter die Ohren schreiben, viel zu viel Laufspiel versucht zu haben und die Geberlaune Staffords nicht ansatzweise ausreichend genutzt zu haben.

Die Stats zum Spiel:

Kategorie       Einheit    DET    STL
Pass-Offense    NY/A       7.2    6.9
Lauf-Offense    NY/A       4.6    2.9
Turnovers       %          4.4    ---
Penaltys        Y/P        0.4    1.2

[Erklärung: NY/A ist Nettoyards pro Versuch, % die Turnoverhäufigkeit pro 100 Spielzüge, Y/P die Raumstrafe pro Spielzug – das sind die vier Statistiken, die am besten autokorrelieren (also am vorhersagbarsten sind) und am besten mit Sieg und Niederlage korrelieren.]

Glaskugel 2012: Denver Broncos

Selten hatte eine Mannschaft eine aufregendere Saison als die Denver Broncos 2011. Haufenweise knappe Siege, Herzschlagfinale, Comebacks, total verrückte Spielverläufe, ein scheinbarer Einbruch und dann doch tatsächlich ein Playoffsieg gegen die Pittsburgh Steelers. Und natürlich mittendrin: jeden Menge Teeeeeeeeeeeeebooooooooooooowww!

Insgesamt war das wohl für die beiden alten Johnnies Fox und Elway zuviel Aufregung und ihr Arzt hat ihnen mehr Ruhe verschrieben. Was liegt da näher, als den unquarterbackigsten Quarterback aller Zeiten gegen das Idealbild eines signal callers einzutauschen? Der Blutdruck sollte 2012 wieder deutlich sinken mit Mr. Cool, Calm and Collected himself: Peyton Manning.

Broncos Offense

Es gibt wohl niemanden in der NFL, der in den letzten Jahren mehr über offensiven Football gelernt hat als Mike McCoy. Der Offensive Coordinator der Denver Broncos wurde 2009 von Josh McDaniels nach Colorado geholt und mußte sich dessen System anpassen. Nach zwei Jahren kam sein alter Lehrmeister John Fox und er Angriff wurde umgebaut. Als dann Tim Tebow als Starter installiert wurde, hat McCoy Nachhilfe in Sachen (Spread-)Option-Offense genommen und ihm ein einigermaßen passendes „System“ zusammengeschustert. Jetzt hat Peyon Manning den Posten des OC übernommen und McCoy kann sich auf dem Beifahrersitz zurücklehnen und von einem der Besten lernen. Viel arbeiten muß er nicht, den Großteil der Arbeit übernimmt Peyton.

Über Peyton Manning müssen wir hier nicht mehr in epischer breiten Schreiben, zu ihm ist alles gesagt. Er ist einer der besten QBs aller Zeiten. Er sah in der Preseason fast aus wie der alte. Aber wie stark oder weniger stark sein Wurfarm noch beeinträchtigt ist, wird man erst im Laufe der Saison sehen. Um sein receiving corps muß man sich jedenfalls keine Sorgen machen. Wir haben hier schonmal beschrieben, warum er mit Eric Decker, Demariyus Thomas, Brandon Stokley und Jacob Tamme sehr gut zusammenarbeiten sollte. (In dem Artikel gibts auch einige Links, die das Peyton-Manning-/Tom-Moore-System erläutern.)

Auch die Offensive Line ist weniger wichtig, wenn man einen Peyton Manning hat. Er kann Defenses so gut lesen, daß er schon vor dem Snap immer weiß, was (beziehungsweise wer) auf ihn zukommen wird; er hat eine unglaubliche pocket awareness und er trifft so schnell Entscheidungen, daß es kaum möglich ist, ihn zu sacken. Seine Linie in Denver ist nicht großartig, aber mit ihr könnten auch schlechtere Quarterbacks ganz gut arbeiten. LT Ryan Clady muß sich in einer Liga, in der sehr gute Offensiv Tackles immer seltener werden, vor niemandem verstecken. Neben Clady stehen vier junge Typen, die alle talentiert sind und auch schon gute Leistungen gebracht haben. Chris Kuper, J.D. Walton, Zane Beadles und RT Orlando Franklin haben vor allem im Laufspiel phasenweise stark ausgehen.

Das wird in dieser Saison wohl etwas schwieriger, da sich keine Defense mehr Sorgen um die Laufkünste des Quarterbacks machen muß. Willis McGahee ist kein überragender RB. Daß er nur guter Druchschnitt ist, wurde 2011 von Tebow und dem System überdeckt. Knowshown Moreno, der vor vier Jahren in der ersten Runde gedraftet wurde, konnte bis heute nicht beweisen, warum. Zugegeben, er hatte viel mit Verletzungen zu kämpfen und mußte ständig neue Systeme lernen, aber von so einem talentierten Ballträger erwartet man mehr. Um ihm noch ein bißchen mehr Feuer unterm Hintern zu machen, hat Denver in dieser Draft Ronnie Hillman in der dritten Runden gezogen. Hillman soll ein wendiger, explosiver Typ sein. Da Defenses sich hauptsächlich auf das Paßspiel konzentrieren werden und Manning in der Regel das Spiel sehr breit macht, sollte Hillman einigen Platz bekommen, um diese Explosivität zu beweisen.

Broncos Defense

Die Defense hat 2011 insgesamt ganz anständig gespielt. Gegen die Packers und Patriots mehr als 300 Yards durch die Luft kassieren, ist kein Beinbruch. Problematischer war die Verteidigung gegen den Lauf. Nun ist ausgerechnet der beste Mann gegen den Lauf, DT Broderick Bunkley auch noch abgewandert. Ersetzt werden soll vom Langzeitverletzten Ty Warren. Der Ex-Patriot hat seit zwei Jahren nicht gespielt und soll nun mit dem 34-Jährigen Justin Bannan die Mitte dicht machen. Das hört sich nicht gut an. Immerhin ist aber DT die Position, auf der oftmals auch ältere und verletzungsanfällige Spieler noch auf einem hohen Level spielen können. Als Backups rotieren der solide Kevin Vickerson und der diesjährige 2nd-rd pick Derek Wolfe rein.

Schedule

Wk1 v PIT (SNF)
Wk2 @ ATL (MNF)
Wk3 v HOU
Wk4 v OAK
Wk5 @ NE
Wk6 @ SD (MNF)
Wk7 BYE
Wk8 v NO
Wk9 @ CIN
Wk10 @ CAR
Wk11 v SD
Wk12 @ KC
Wk13 v TB
Wk14 @ OAK (TNF)
Wk15 @ BAL
Wk16 v CLE
Wk17 v KC

Für die Außen haben die beiden Defensivfüchse John Fox und sein alter Buddy Jack Del Rio, den er sich jetzt als DC zurückgeholt hat, viel besseres Spielermaterial. Elvis Dumervil, obwohl den Lehrbüchern nach viel zu klein für die Position des Defensive Ends, ist genauso stark gegen den Lauf wie gegen den QB. Für die andere Seite stehen der talentierte Robert Ayers, der lange bei den Broncos die für ihn falsche Position OLB spielen mußte, und der sich gut entwickelnde Jason Hunter bereit. In sub packages kommt der DROY 2011 Von Miller in die Linie und macht so stark Druck auf den gegnerischen Passer, wie nur selten ein Rookie vor ihm.

In der Base-D spielt Miller OLB und hat auch dort seinen Status als Nr. 2 overall pick gerechtfertigt. Der andere OLB D.J. Williams ist ein unterschätzter Verteidiger, der nun aber für die ersten sechs Spiele der Saison gesperrt ist. Das ist ein großes Problem, einen fähigen Ersatz gibt es für ihn haben die Broncos nicht. Auch nicht stark ist MLB Joe Mays. Del Rio muß hoffen, daß einer der jungen Wesley Woodyard, Nate Irving und Mike Mohamed sich in der Offseason stark verbessert haben.

Einigermaßen wackelig könnte auch die Secondary werden. So lange CB Champ Bailey fit ist, ist alles OK. Bailey ist immer noch einer der besten cover guys, die man in der NFL findet. Auf der anderen Seite wird Neuzugang Tracy Porter spielen. Porter ist kein Superstar, aber viele bessere Nr.2 corners wird man nicht finden. Fälschlicherweise wird immer behauptet, Porter hätte außer seiner Peyton-Manning-Interception im Super Bowl 2009 nichts gerissen. Richtig ist dagegen, daß die Saints ihn liebend gerne behalten hätten, aber aufgrund ihrer Salary-Cap-Situation keince Chance hatten. Für Slot und Kadertiefe hat Denver Neuzugang Drayton Florence, den diesjährigen 4th-rd pick Omar Bolden und den nicht gedrafteten Chris Harris, der nach der einer guten Rookiesaison angeblich im Camp sehr beeindruckt haben soll.

Nach dem Abgang von Safety-Legende Brian Dawkins sind in der tiefen Mitte des Feldes erstmal die 2nd- und 4th-rd picks 2011, Rahim Moore und Quinton Carter als Starter vorgesehen. Diese beiden sind alles andere als vertauenserweckend. Wenn ich da was zu sagen hätten, würde ich meinen alten Liebling Jimmy Leonhard spielen lassen.

Broncos Ausblick

Solange sich der 34 Jahre alte Bailey nicht verletzt, ist das Defensive Backfield ganz gut aufgestellt. Das Linebacking-Corps ist ganz anständig, aber nicht überragend. In der Linie gibt es Fragezeichen in der Mitte. Diese Defense könnte richtig gut werden, die Defense könnte mit etwas Pech aber auch unterdurchschnittlich werden. Bei den erfahrenen Coaches Fox und Del Rio würde ich mein Geld aber auf „ziemlich gut“ setzen.

Auch in der Offense sollten Broncos-Fans zuversichtlich sein. Ich wette nicht mehr gegen einen Manning. Denver sollte auf jeden Fall um einen Platz in den Playoffs mitspielen. Und solange Peyton nicht gegen Rex Ryan spielt, muß er auch in den Playoffs vor keiner Defense Angst haben (immer vorausgesetzt, er ist tatsächlich gesund). Wobei es ja noch eine viel witzigere Storyline bei einem Aufeinandertreffen Jets-Broncos gäbe.