Sportradio360: Andreas Renner über die NFL

In der eben aufgeschlagenen Big Show LXVII von Sportradio360 diskutiert Andreas Renner mit Marco Hagemann in 9min über die Monday Night Games und gute wie schlechte Vorstellungen von Woche 1, blickt auf den heutigen Klassiker Green Bay – Chicago voraus und spricht über die Schiedsrichterleistungen in Woche 1. Hier entlang.

Date am Donnerstag, Week #2: Green Bay Packers – Chicago Bears

In dieser NFL-Saison gibt es die Donnerstagsspiele von Woche 2 an – gut für die Fans, die dadurch einen TV-Slot mehr bekommen. ESPN America und SPORT1+ sind live dabei. ESPN America wird wie in der Vergangenheit das TV-Signal vom NFL-Network übernehmen, was bedeutet: Brad Nessler und Mike Mayock werden kommentieren. Mike Mayock, wer ihn noch nicht kennt, ist jener Mann, der sich seit fünf, sechs Jahren einen Namen als kompletter Draft-Freak gemacht hat, der beim 238ten Draftpick sofort ein fünfminütiges Solo über Stärken, Schwächen und Lieblingsnachspeise vom Prospect hinlegen kann.

Mayock macht seit Jahren auch als Co-Kommentator bei Livespielen im NFL-Network und bei Heimspielen der Notre Dame Fighting Irish eine gute Figur, und gehört nicht bloß zu meinen Favoriten. Mike Mayock ist mein Favorit. Sofern Mayocks Scheitel nicht gerade wieder windschief sitzt, ist sein markantestes Markenzeichen seine etwas eigenartige Nasenstimme, die klingt, als wäre Mayock 365 Tage im Jahr verkühlt. Also: Matchup ist uns wurscht. Mayock zählt.

Green Bay Packers – Chicago Bears

Wo: 02h30 LIVE bei ESPN America und SPORT1+ (ESPNA-Tape morgen, 17h30/SPORT1+ Tape morgen, 20h15)

Obwohl: Das Matchup gibt diesmal auch einiges her. Green Bay gegen Chicago, das ist die älteste Rivalität der NFL, ein Divisionsduell aus der NFC North, und ein Spiel der beiden Teams mit der größten Anhängerschaft im US-Norden.

Wiederzufalleswill, birgt diesmal bereits das zweite Saisonspiel potenziellen Sprengstoff: Superbowl-Aspirant Green Bay hat sich nämlich bereits mit dem Rücken an die Wand angelehnt. Am Sonntag wurde man zuhause von den San Francisco 49ers an die Wand gespielt – der Endstand 22-30 liest sich nicht so verheerend, wie die Packers dominiert wurden. Nur zwei Touchdowns mit der Offense, dafür ein komplett abgewürgtes Laufspiel und ein komisch eingesetzter Stamm-RB #32 Benson, eine unrhythmische Passoffense um NFL-MVP Aaron Rodgers und eine lendenlahme Defense, die das Leid von 2011/12 fortsetzte.

Der Packer-Defense mangelt es weiterhin eklatant an Waffen im Pass Rush, und ohne diese Waffen kann Green Bays Defense nicht die so dringend benötigten Turnovers provozieren. #52 Clay Matthews brachte zwar ein bissl Wirbel zu Beginn, aber der hoch gehandelte Rookie-OLB #58 Nick Perry bot nicht mal ein laues Lüftchen. Selbst die Blitzes aus der Secondary sorgten für nicht mehr als eine noch entblößtere Passabwehr. Und DT #90 B.J. Raji wurde, nach allem was ich gesehen habe, erneut komplett pulverisiert von einer 49ers-Line, die dem allgemeinen Tenor nach nicht zu den besten gehört.

Chicago hatte am Sonntag zu Beginn Probleme mit dem Pass Rush der Colts. Chicago bekam diesen Pass Rush erst nach einem halben Spielviertel in den Griff. Als QB Jay Cutler aber diese halbe Sekunde mehr Zeit in der Pocket hatte, dominierte der Passangriff der Bears komplett. Und ich würde die Packer-Secondary momentan nicht viel besser einstufen als das Backfield der Colts…

Interessant wird auch, ob und wie Rodgers und Konsorten das Timing wiederfinden können. Chicagos Defense ist prinzipiell eher dafür gebaut, die langen Big Plays zu verhindern, und könnte ein dankbares Ziel für die präzisen Mitteldistanzpässe des QB Rodgers sein. Allerdings kann man auch gegen Chicagos Front-Seven nicht mit viel Laufspielentlastung rechnen, und wenn Peppers gegen LT Newhouse aufgestellt wird, muss die erste Anspielstation vermutlich bereits nach 0.8 Sekunden offen sein, um den Sack zu verhindern.

Tipp: Ein eher enges Spiel. Ich gebe Green Bay aber einen leichten Vorteil. Es ist der noch verbliebene Vertrauensvorschuss der nun über Jahre gesehenen, und so schnell nicht gern abgeschriebenen Passoffense Green Bays.

NFL-Woche 1/2012: Arizona Cardinals – Seattle Seahawks im Rückspiegel

Eineinhalb Spiele lang ein sehr durchwachsenes Spiel zweier mäßiger Mannschaften mit Wackel-Offenses, aber die Schlussphase machte in Glendale/AZ alles wieder wett: Arizona gewann nach einer knisternd spannenden, schlicht bizarren Schlussphase knapp 20-16 gegen das dark horse Seattle.

Seattle Seahawks

Alle Augen waren auf Rookie-QB # 3 Russell Wilson gerichtet, den athletischen, kleinen Mann von der University of Wisconsin bei seinem Debüt. Leider lief es nicht so brillant für Wilson, der den kompletten Abend hinter einer wenig überzeugenden Offensive Line litt und zudem die Tendenz zeigte, den Ball viel zu lange zu halten, zu sehr auf seine Scramble-Eigenschaften zu vertrauen, wenn die Pocket zusammenklappt. So war das eine zähe Angelegenheit für Wilson.

Die Seahawk-Offense war dabei weniger um das eher ideenarme Laufspiel um RB #24 Lynch kreiert, sondern um vielfältige Pass-Formationen: 5WR-Sets, 3WR mit Tight End, I-Formationen usw. Fast ausschließlich auf den Außenpositionen zu finden war der neue WR #17 Braylon Edwards (ausgerechnet im letzten Play allerdings im Slot), während #89 Baldwin und #18 Rice wie Schachfiguren umhergeschickt wurden. Rice war dabei gegen seinen Gegenspieler #21 Patrick Peterson weitestgehend abgemeldet (bis auf einen bärenstarken TD-Catch).

Insgesamt eine dezent enttäuschende Vorstellung des Angriffs, dessen beste Waffe Leon Washington mit zwei großen Returns war.

Überzeugender war die Seahawks-Defense, die jegliche Ansätze von Laufspiel völlig abwürgte, aber nicht den ganz massierten Pass Rush zustande brachte. Die Defensive Line um #90 Jones und #91 Clemons und das Defensive Backfield um #25 Richard Sherman (tolle INT beim Hechtsprung) und S Earl Thomas schauen aber wie kurz vor dem Durchbruch aus.

Arizona Cardinals

Die Quarterbacks sind das Thema, nein: Die Offense Line ist es. Nix Neues also, aber warum HC Whisenhunt so unbedingt auf QB #19 John Skelton baut, ist mir nicht ganz klar. Skelton reagiert völlig allergisch auf Pass Rush. Pass Rush, der hinter einer wackeligen Protection fast notgedrungen durchkommen wird. Seattle war nicht so explosiv an der Anspiellinie, aber Skelton war doch häufiger unter Druck als man angesichts der Reaktionszeiten von Jones, Clemons oder MeBane annehmen würde. Skelton brachte unter Druck nichts zustande, musste im Schlussviertel verletzt raus und wurde durch QB #4 Kevin Kolb ersetzt.

Kolb antwortete mit einem 66yds-Drive zur letztlich entscheidenden Führung. Kolb hatte zwar Glück, als sich die Seahawks eine saudumme Pass Interference leisteten (bei 2nd down und 20 und einem 6yds-Pass), aber die Offense war in jenem einen Drive merklich runder drauf. Laufspiel dagegen ging gar nicht, sah überhaupt kein Land.

Die Cardinals-Defense gehört zu meinen Favoriten. Seattles Offensive Line ist ja nicht als eine der unterirdischen bekannt, aber was die Herren Campbell/Dockett da veranstalteten, war groß. Ganz groß. Selbst der schwerfällige NT Dan Williams dominierte die Spielfeldmitte nach Belieben. OLB #51 Paris Lenon mit seinen verzögerten Blitzes hatte leichtes Spiel, durch die offenen Lücken auf Wilson durchzustarten und zwei oder drei Sacks zu produzieren.

Im Backfield leistete sich CB #21 Patrick Peterson zwei Pass Interferences (eine davon wäre fast ins Auge gegangen), aber Peterson schien den großgewachsenen WR Sidney Rice voll im Griff zu haben (Rice 4 Catches bei 11 Anspielen). Und auch CB #22 Gay ist der schlechteste Deckungsspieler nicht. Alles in allem eine Defense, von der wir noch öfter hören werden: Dynamisch, mit Zug zum Quarterback, aggressiv in der Deckung. Wenn die Cards bloß einen Quarterback hätten…

Ein souveräner Head Coach würde auch reichen. Whisenhunt mit einem wenig überzeugenden Spiel. Erst scheute der konservativste Coach von 2011/12 das 4th down von der gegnerischen 4yds Line, dann wollte Whisenhunt auf Biegen und Brechen ein Timeout nehmen, bei dem Spielzug, bei dem Kolb einen lockeren Touchdown zum Sieg produzierte. Die Refs hatten Whisenhunt gottlob übersehen.

Ze Schlussphase

Was sich in den letzten 50 Sekunden an der Goal Line der Cards abspielte, war absolut großartig und vielleicht das Highlight des ersten Spieltages. Wilson und seine Seahawks mit einer Bombe in die EndZone nach der anderen. Zwischendurch völlige Konfusion der Referee-Crew um HeadRef „Clint Eastwood“ um ein möglicherweise falsch gegebenes Timeout an die Seahawks mit 30sek auf der Uhr. Dann noch der sechste, siebte, achte Wurf Wilsons in die EndZone – die Defense Arizonas hielt. Im letzten Play wehrte #22 Gay gegen den zwei Meter größeren WR #17 Edwards ab.