Der Aufschrei

Die National Football League und Commissioner Roger Goodell geraten nach dem dritten Spieltag und einigen weiteren schlechten Entscheidungen der Ersatzreferees immer ärger in Bedrängnis. Schon am Sonntag hatte die Protestwelle von Spielern, Coaches und Journalisten einen neuen Höhepunkt erreicht, und vorhin gab es beim Monday Night Spiel in Seattle wohl eine spielentscheidende Fehlentscheidung, die das Fass nahe ans Überlaufen gebracht hat, und neben dem Streik der Packers regten sich auch die Kommentatoren Tirico und Gruden tierisch auf.

Bei ESPN wurde nachher im Sports Center nicht über die sogar für mich sichtbaren Adjustments der Packers in der zweiten Halbzeit diskutiert, sondern 25 von 30 Minuten Referee- und NFL-Bashing betrieben.

Ein paar Beispiele aus dem US-TV (sinngemäße Zitate):

  • John Clayton (ESPN): Für mich ist es ein Deja-Vu. Für die NFL eine Katastrophe. Der Ruf wurde in den letzten drei Wochen sehr angekratzt. Das einzige, was mir da noch dazu einfällt: Diese Fehlentscheidung muss den Lockout beenden.
  • Adam Schefter (ESPN): Schande. Die Referees haben ein NFL-Spiel entschieden.
  • Chris Mortensen (ESPN): Es ist nicht mal zum Ärgern. Es ist zum Lachen. Wenn die NFL den offiziellen Repräsentanten der Teams und den Coaches den Maulkorb abnehmen würde, wäre der Teufel los.
  • Trent Dilfer (ESPN): Das ist ein Witz. Die Regel lautet nun wohl: Es ist ein Touchdown, wenn man den Mann fängt, der den Ball gefangen hat.
  • Andrew Brandt (ESPN): Es gibt zwei parallele Linien in diesem Streit. Das eine sind die schwachen Leistungen der Replacement-Referees, das andere der Tarifkonflikt zwischen NFL und ersten Garde. Ich glaube nicht, dass diese Fehlentscheidung in Seattle den Wendepunkt darstellt. Ich glaube, es gibt zwischen Fehlern der Referees und dem Fortschreiten der Verhandlungen weniger Zusammenhang als viele glauben. Bitte nicht die möglichen ökonomischen Auswirkungen vergessen, die solche Fehlentscheidungen haben können, bsp. das Verpassen der Playoffs durch Fehlentscheidungen. Für Green Bay (wo er glaube ich gearbeitet hat) wäre das besonders fatal.
  • Peter King (NBC): Das ist vielleicht die größte Schande in der NFL-Geschichte. Unverständlich, dass der NFL ihr eigener Ruf nicht mal drei Millionen und eine Pensionsvorsorge wert ist.

My Take

Die Spiele sind auf alle Fälle unansehnlicher geworden, weil kein Spiel ohne zehn bis 15 Strafen (im Sunday Night Game waren es 24) unterbrochen wird, weil ständig diskutiert wird, weil es in jedem Spiel Rangeleien gibt. Was immer klarer sichtbar wird: Die neuen Referees kennen sich im Regelwerk noch nicht 100%ig aus, was zu Auslegungsfehlern und viel mehr Challenges, und in der Folge natürlich zu weniger Spielfluss und längeren Spielen führt. Am Sonntag war im Schlussviertel der Mittagsspiele das Abendessen nicht mehr weit weg.

Auf der anderen Seite wirkt der Aufschrei auch artifiziell. Die Replacement-Referees kriegen für meinen Eindruck zu viel auf den Deckel; sie sind im kalten Wasser und müssen viel höheres Tempo, viel größere Egos und leicht abgewandeltes Regelwerk auf einmal bewältigen.

Auf der anderen Seite werde ich nicht so schnell vergessen, wie der Seattle-WR Tate den Packers-Verteidiger erst direkt vor den Augen eines Schiedsrichters meterweit wegschubste, dann der „andere“ Verteidiger der Packers die Interception machte, ehe zwei Refs ihr Signal gaben: Der eine markierte den Touchdown. Der andere zeigte Touchback an.

Ich kann mir vorstellen, dass das Seattle-Spiel der Referee-Vereinigung in die Karten spielt. Es gibt nun einen konkreten Aufhänger, ein „Symbol“ für den Lockout, und der Mediendruck, der seit Wochen da ist, ist heute so extrem wie nie zuvor.

NFL Woche 3, Notizblock Bengals@Redskins

Die Washington Redskins (1-1) empfingen zu ihrer Heimspielpremiere 2012 die Cincinnati Bengals (1-1). Warum das wirklich sehenswert war, gibts after the jump.

Bei diesem Spiel sind zwei Philosophien aufeinandergetroffen. Auf der einen Seite die vergleichsweise langweiligen Bengals, die vor allem in der Defense sehr diszipliniert sind; und auf der anderen Seite die Redskins, die im Angriff aussehen wie eine College-Mannschaft und in der Defense unter DC Jim Haslett wilde Sau spielen und mehr blitzen als jedes Sommergewitter.

Die Defense der `Skins ging schon enorm geschwächt ins Spiel, nachdem OLB Brian Orakpo und DE Adam Carriker sich letzte Woche auf IR verabschiedet haben. In dieser Woche fehlte auch noch Safety Brandon Meriweather verletzt. Cincys OC Jay Gruden wollte gleich mit dem ersten Play mal versuchen, Hasletts Aggressivität gegen ihn zu wenden – und war sehr erfolgreich: WR Mohamed Sanu steht als QB in der wildcat, Washington spielt ohne tiefe Absicherung; WR A.J. Green hat ein 1-on-1 gegen einen Backup-Safety, läßt diesen natürlich locker hinter sich und Sanu, der zu Highschoolzeiten QB gespielt hat und auch im College einige Pässe geworfen, schleudert den Ball einfach so weit wie er kann und Green erläuft ihn sich – 73-Yard-TD. Nach 17 Sekunden steht es 7-0.

Später im ersten Viertel macht Haslett das, was Haslett eben so macht: all out blitz on 2nd&20. Ich werde nie verstehen, warum man so etwas macht. Will er unbedingt ein 3rd&30? In der Regel ist das eine Einladung für jeden einigermaßen fähigen QB. So ein Himmelfahrtskommando funktioniert vielleicht, wenn man einen Darelle Revis hat. Aber ganz sicher nicht mit Leuten wie DeAngelo Hall. Nach 11 Minuten also gibts den zweiten langen Touchdown-Paß der Bengals: Andy Dalton über 48 Yards zu Rookie Armon Binns.

Washingtons-D hatte dazwischen auch ein Big Play, was aber mehr ein Geschenk von Dalton war, der völlig blind eine Interception in der eigenen Endzone zu Back-up OLB Rob Jackson geworfen hat.

Das war aber noch nicht genug Action für den Geschmack aller Beteiligten. Mitte des zweiten Viertels, nachdem Dalton wie fast gesamte Spiel über seine Mannen zu einem 1st Down nach dem anderen dirigiert hat, entscheidet sich HC Marvin Lewis für ein fake field goal attempt von Washingtons 6-Yard-Linie aus – und scheitert. Ein Field Goal später, es steht nun 17-7 Cincinnati, erlebt Washingtons Laufspiel seinen absoluten Tiefpunkt des Tages, als QB Robert Griffin bei einem read option play den Ball saudämmlich fumblet. Drei Minuten vor dem Halbzeitpfiff steht es 24-7 Bengals.

Überhaupt war Griffin den ganzen Nachmittag lang völlig überfordert. Die Bengals haben einfach das alte Rezept gegen Option-Offenses angewendet: alle Spieler, besonders die der Front-7, haben diszipliniert ihre jeweilige Aufgabe erledigt und niemand hat versucht, total spektakulär den Helden zu markieren und Griffin einen Denkzettel zu verpassen. So kamen die Redskins in der ersten Hälfte nur auf sechs passing Yards (6!) bei vier Sacks; 62 rushing yards nur sechs First Downs und drei Punkte. Die Offensive Line (die gleich im ersten Drive LT Trent Williams verloren hat) hatte dabei die größten Schwierigkeiten, gerade gegen die DEs Michael Johnson und Carlos Dunlap.

Hälfte zwei begann Washington dann wie verwandelt. OC Kyle Shanahan verlegte sich viel mehr aufs „richtige“ Laufspiel, vor allem um Griffin aus der Schußlinie zu nehmen, und zwei Drives später, einmal über 9 Plays und einmal über 10, steht es plötzlich 24-24. Das Spiel steht völlig Kopf, als Ben-Jarvus Green-Ellis das erste Mal in seiner NFL-Karriere fumblet. Das war Ende des dritten Viertels und da entschieden sich die Bengals, mal wieder vernünftigen, disziplinierten Football zu spielen.

Dalton steht das ganze Spiel über sehr selbstbewußt in der Pocket, einige Male auch zu selbstbewußt bei den wilden Blitzes und mußte das lange Ballfesthalten mit einigen blauen Flecken bezahlen. A.J. Green zerstört CB Hall in Mannverteidigung ein ums andere mal, aber weil Washingtons DC Haslett ein „my-way-or-the-highway“-Typ zu sein scheint, bleibt es bei man coverages und blitzes und es bleibt dann schließlich auch bei den selben Ergebnissen wie in der ersten Hälfte. TE Gresham macht den TD zum 31-24 und den Schlußpunkt setzt WR Andrew Hawkins mit einem 59-Yard-TD, bei dem er erst seinen Verteidiger schlägt und schließlich im Playstadion-Modus zickzack zwischen einigen anderen Veteidigern hindurch zum 38-24 wuselt. Überhaupt dieser Hawkins! Zuweilen erinnert der kleine Irrwisch an einen Percy Harvin. Er könnte die zweite, dringend benötigte Waffe neben Green sein.

Gegen ganz softe Zonenverteidigung, fast schon prevent defense, kommt Washington zwar nochmal auf einen TD heran, aber weil auch HC Mike Shanahan von den Blödsinnigkeiten seines DCs genug hat (zu seiner Verteidigung sei gesagt, daß sein Personal im Defensive Backfield auch nur Regionalliganiveau hat), versuchen die `Skins mit noch 3:35 Minuten (!) einen Onside Kick. Game Over. Zum Schluß hat Kyle Shanahan dann noch die Referees verfolgt und sie aufs Übelste beleidigt, aber das gehört ja mittlerweile zum guten Ton.

Spieler des Spiels sind die DEs Dunlap und Johnson auf der defensiven Seite. Und der kleine Andy Dalton auf der anderen Seite, der mit der aggressiven Defense umgegangen ist wie ein Großer.