College Football, Woche 9 in der Rückschau

Im Rennen um die Tickets zum BCS Championship Game nach Miami haben sich am Wochenende mehrere Mannschaften fast, einige endgültig verabschiedet. USC und Oklahoma sind nach der jeweils zweiten, Oregon State nach seiner ersten, Saisonpleite komplett weg vom Fenster, und auch die Chancen der Florida Gators dürften nur noch theoretischer Natur sein. Ganz heiß im Rennen bleiben die Big Four: #1 Alabama, #2 Kansas State, #3 Oregon, #4 Notre Dame.

Alle haben noch Stolpersteine im Schedule. Notre Dame muss am letzten Spieltag zu USC, Oregon muss noch den schwereren Teil seines Conference-Schedules bestreiten (u.a. mindestens einmal @USC), Kansas State sieht noch vier nicht zu unterschätzende Offenses aus der Big 12, und Alabama fährt dieses Wochenende nach Baton Rouge, um im „Death Valley“ gegen die LSU Tigers zu spielen, die um ihre letzte Chance auf das BCS-Endspiel fighten.

Southeastern Conference – transatlantische Phantomschmerzen und Semesterempfehlungen für Pädagogik

Das Bild in der SEC-East wird klarer. Florida hätte mit einem Sieg gegen die Georgia Bulldogs sein Endspielticket für die SEC fixieren können, aber dann schlug das zu, was eine Woche zuvor gegen South Carolina so brutal für die Gators eingeschlagen hatte: Turnovers. QB Driskel lebte in seiner Pocket in unsicherer Zone, fumbelte gleich mehrmals und verlor auch die meisten davon – wie auch die Returner. Die Gators mit insgesamt sechs Ballverlusten in einer unansehnlichen Partie, die fast vier Stunden dauerte und von elendigen Werbepausen und null Spielfluss gekennzeichnet war.

Georgia bekleckerte sich seinerseits nicht mit Ruhm: Aus den ersten fünf Turnovers schlug man praktisch kein Kapital (Field Goal und Touchdown aus kürzesten Feldpositionen), während das Laufspiel am Boden lag und QB Murray mehrere haarige Entscheidungen traf. Ich stimme dem CBS-Cokommentator Gary Danielson zu, dass Murray manchen Wurf besser nicht gemacht hätte. Aber: Zwei der drei Interceptions waren letztendlich abgefälschte Bälle, nur eine Interception war ein wirklich horrender Wurf (drei Meter überworfen). Letztlich war Georgias Spiel notgedrungen auf Murray zugeschnitten, und immerhin: Der siegbringende Drive von 10-9 auf 17-9 im Schlussviertel war dann auch schön ausgespielt – wenn auch, und das passte ins Bild, nur dank eines hirnlosen Penaltys gegen einen Defensive Lineman der Florida Gators bei einem eigentlich gescheiterten dritten Down.

Cooler war bei all dem Gemurkse, was an der Seitenlinie abging: Ich wusste seit Langem, was für ein emotionaler Typ Floridas Headcoach Will Muschamp ist, und es hatte was, wie sich Muschamp da teilweise mit letzter innerer Kraft zusammenreißen und wie er die Zähne bis zum Gebrechen zusammenbeißen musste, um nicht einem Assistenzcoach nach dem anderen eine zu knallen.

Auf der anderen Seite möchte man auch Georgias DefCoord Todd Grantham wenigstens zu zwei Semestern Pädagogik raten: Nur, weil die Sofa-QBs letzte Woche von „Coordinator nimmt den Jungen in den Arm“ gesprochen haben…

Georgia hat durch den Sieg sein Schicksal in der SEC-East nun in eigener Hand, und „nur noch“ Ole Miss und Auburn vor der Brust. Nur noch eine kleine Außenseiterchance haben die Pechvögel des Jahres, die South Carolina Gamecocks. Die gewannen zwar zuhause knapp genug 38-35 gegen andere Pechvögel, die Tennessee Vols, aber die Art und Weise dürfte nicht schmecken.

Dass QB Connor Shaw erneut kurzzeitig ausgeknockt wurde, war noch geschenkt. Viel, viel, viel bitterer war die erneute Verletzung von RB Marcus Lattimore. Ich poste aus Pietätsgründen kein Video, aber bei Lattimore dürfte den Eindrücken nach nicht bloß ein Kreuzband gerissen sein. Da ging gestern ein potenzieller Top-Draftpick den Bach runter, entsprechend emotional war Lattimores Familie, waren Lattimores Teamkollegen, und entsprechend könnte die Diskussion, dass für Running Backs das College nur drei verlorene Jahre und zusätzliches Verletzungsrisiko bedeuten, wieder an Drive gewinnen.

Der Moment, als Lattimore unter einem Handtuch vergraben aus dem Stadion gefahren wurde, hatte aber etwas Ergreifendes. Das komplette Gamecock-Team plus drei Viertel vom Gegner verabschiedeten Lattimore persönlich, ein Stadion mit Standing Ovations und Einblender von einem weinenden Lattimore-Clan: Eine solche Wertschätzung und Mutzusprechung sieht man lange nicht alle Tage.

Von der spielerischen Seite dürfte es den Vols geschmeckt haben, wie lange man DE #7 Jadeveon Clowney aus dem Spiel nehmen konnte – ehe dann Clowney im letzten Play doch noch durchbrach und den entscheidenden Fumble gegen QB Bray provozierte.

Der BCS-Rest – Kantersiege und knackige Defense

Die Oregon Ducks werden selbst bei Ungeschlagenheit ein interessanter Fall für die Bowl Championship Series: Ja, die Mannschaft fährt über ihren Schedule drüber als seien es Pappstangen (u.a. am Wochenende 56-0 Führung mit fast 450yds Offense gegen Colorado!), aber der Schedule der Ducks ist – nett gesagt – suspekt, und dürfte nach der erneuten Schlappe der USC Trojans nicht an Wert gewinnen.

Stanford, Washington, USC und Oregon State sind noch auf dem Speiseprogramm, und alle vier gelten zwar lange nicht als „Cupcakes“, aber im Vergleich zu dem, was z.B. die SEC-Teams oder Kansas State so im Laufe eines Herbstes antreffen, eher als Gegner ohne große Reputation.

Mitschuldig daran ist auch der Kollaps der USC Trojans, die trotz fast 500 Passyards und mehr als 340 allein durch WR Lee ihre zweite Saisonpleite gegen Arizona kassierten und nicht mehr für voll genommen werden dürften.

Man werfe die grundsätzliche Skepsis der amerikanischen Voter gegen die Westküste mit ins Spiel (bei Westküstenspiele samstagnachts schlummern viele Pundits bereits genüsslich vor sich hin), und Oregon wird ähnliche Kantersiege bis hin zum Pac-12 Finale brauchen, um seine BCS-Chancen am Leben zu erhalten. Sehenswert vom Oregon-Spiel übrigens: Der sensationelle Puntreturn von Black Mamba #6 De’Anthony Thomas.

Neben Kansas State, die mit Texas Tech das nächste Kaliber locker aus dem Weg räumten, kriegt vor allem Notre Dame nun den – nicht unberechtigten – Hype. Notre Dame, die Mannschaft, die ich seit Monaten für in der öffentlichen Wahrnehmung zu sehr unterschätzt gehalten hatte, nach Jahren mit völlig überzogenen Erwartungen. Notre Dame putzte Oklahoma in deren Stadion, nach einem knappen Spiel, das erst in den letzten Minuten zu einem klaren 30-13 wurde. Knackpunkt war dabei eine einzigartige Interception von LB #5 Manti Te’o, dessen Heisman-Kandidatur Fahrt aufnimmt. Te’o ist nicht nur wegen seiner exzellenten Vorstellungen 2012 und seiner für alle greifbaren „Leadership“ eine gute Story. Te’o hatte in den letzten Wochen auch mit schweren Schicksalsschlägen zu kämpfen, als direkt nacheinander Großmutter und Freundin an Krebs verstarben.

Bei den Sooners zeigten sich altbekannte Probleme. Die Defensive Line sah gegen eine nie überwältigende Offense Line der Fighting Irish nur mittelmäßig aus, und in der Offense bliebt QB Landry Jones mal wieder blass; bei Jones sind es diese leichten Ansätze von Unsicherheit, die immer wieder sichtbar sind, wenn eine mächtige Defense heranrauscht, und daher glaube ich nicht, dass Jones nächstes Jahr bei all seiner wunderbaren Wurftechnik ganz hoch gedraftet wird.

BCS-Ranking Review

Die vollständigen BCS-Rankings können bei ESPN.com nachgelesen werden. In der zweiten Spalte (nach dem Win/Loss-Record) habe ich die SRS-Punkte aus meiner Excel-Tabelle eingepflegt.

Rk  TEAM              W-L   SRS
#1  Alabama           8-0   31.2
#2  Kansas State      8-0   26.2
#3  Notre Dame        8-0   23.0
#4  Oregon            8-0   25.8
#5  Louisiana State   7-1   15.3
#6  Georgia           7-1   15.0
#7  Florida           7-1   21.4
#8  South Carolina    7-2   16.2
#9  Florida State     8-1   16.3
#10 Louisville        8-0    3.6

Fest steht damit: Am Samstag steht und fällt die Saison für die LSU Tigers (vs Alabama). Sollten nicht noch zwei oder drei der Top-5 stolpern, werden uns gegen Saisonende wieder handfeste Diskussionen um die Finalplätze drohen. Sogar Georgia ist nicht meilenweit von einem BCS-Endspielplatz entfernt: Die verbleibende Schedule ist lauwarm, und im SEC-Finale gegen Alabama oder LSU dürfte es noch einmal die Chance geben, sich zu beweisen; Potenzial ist zuhauf da bei Georgia. Das Team ist bloß unbeständig. Wenn den Bulldogs ein „guter“ Tag ausrutscht, dürfte man mit den Big Dogs mithalten können.

Für relativ überbewertet halte ich im Übrigen die Boise State Broncos an #19; Boise State ist damit nicht mehr unendlich weit von einer BCS-Einladung als BCS-Buster entfernt, zumal sowohl die Big Ten Conference abgrundtief schlecht besetzt scheint und auch die Kandidaten in der Big East suspekt genug sind. Boise State würde ich dieses Jahr – nur die beiden „besten“ Spiele gesehen zu haben – nicht in den Top-25 verorten. Dem Team „widerfährt“ offensichtlich selbiges Phänomen, wegen dessen es in den vergangenen Jahren gescheitert waren: Das Voting besteht zu beträchtlichen Teilen aus dem Ruf der Vergangenheit – die Marke „Boise State“ scheint irgendwo in Nähe der Großen angekommen zu sein – aus sportlicher Sicht leider ein oder zwei Jahre zu spät.

Bei #10 Louisville ist das Simple Rating System übrigens extrem skeptisch: Die Cardinals haben ein SRS von 3.6 Punkten über dem Durchschnittsteam – nach SRS der 51t-beste Wert. In der Tat war Louisville bisher ein Team, das von extrem vielen knappen Siegen profitierte (5-0 in engen Spielen), und das am Freitag gegen Cincinnati gehörig wackelte. Die Jungs von Charlie Strong haben noch zwei härtere Begegnungen (@Syracuse und vor allem @Rutgers).

4 Kommentare zu “College Football, Woche 9 in der Rückschau

  1. Kann mir jemand erklären, warum Oregon bis jetzt nur 1 oder 2 Auswärtsspiele hatte? Kann mich nur an Arizona State erinnern.
    Abgesehen davon, dass das Autzen stadium geil ist, ist das doch relativ unfair.

  2. Wieso unfair? Die Conference-Spiele haben schön zwischen Heim und Auswärts gewechselt.Und bei OOC Games gegen Arkansas State, Tennessee Tech und Fresno State ist es auch ehal ob zu Hause oder auswärts. Zumal ja so ziemlich alle Teams die OOC-Games gegen kleine Gegner zu Hause schedulen.

    @ Korsakoff: Hatte Georgia diese Saison schon mal einen guten Tag, respektive einen Tag, der ausreicht Alabama zu schlagen? Ich habe in dieser Saison die Spiele gegen die Gamecocks, gegen Missouri und gegen Florida gesehen – gegen Mizzou und die Gators hatte man lange mit sich zu kämpfen und gegen SC war man völlig unterlegen. Nee, nee, Georgia wird den Osten dank eines größeren Sieges gegen Florida und Dank eines billigen Schedules gegen West-Teams gewinnen. Aber wie schon letzte Saison gibt es mindestens ein stärkeres Team aus dem Osten.

  3. @CmonMan, Als Ergänzung: Dass die Großen ihre OOC-Spiele zuhause ansetzen, hat mit Payouts zu tun: Sie verdienen ganz einfach mehr an einem Heimspiel gegen FAU, als wenn sie auswärts gegen sie antreten würden.

    @Gamecock, SC: Nein, kein großartiges Spiel bisher. Aber großartige Viertel – ist natürlich kein wirklicher Qualitätsnachweis, aber Zeichen, dass Potenzial zuhauf da wäre. Dass es wohl sogar zwei bessere Teams in der Eastern Division gibt, steht für mich auch außer Frage.

  4. Pingback: Die Unbekannte: Marcus Lattimore, Running Back | Sideline Reporter

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