NFL-Power Rankings #15: Das Phänomen mit Namen „Momentum“

Ich werde morgen früh auf die noch möglichen Playoff-Szenarien eingehen; heute erstmal ein Blick zurück auf das Spiel, das die hohen Seeds in beiden Conferences massiv beeinflusst hat: Das Sunday Night Game New England PatriotsSan Francisco 49ers: Wild, aufregend, gegen die Skripten verstoßend. Und weiter: Playoffwürdige Konditionen im nasskalten Nieselregen von Foxboro, und ein durchaus mögliches Vorspiel für die Superbowl 47 in sechseinhalb Wochen.

San Francisco (10-3-1) bleibt dank Sieg der Vorreiter für den #2-Seed in der NFC und ein Freilos für die erste Playoffrunde. New England (10-4) verlor dagegen höchstwahrscheinlich genau dieses (an Denver), und zudem auch die Restchance auf den Top-Seed in der AFC.

Das Spiel selbst war fantastisch. San Francisco dominierte zu Beginn die Offensive Line der Patriots physisch, wurde aber mit zunehmendem Spielverlauf und dem Verlust des exzellenten DE Justin Smith immer seichter und seichter. Trotzdem bauten die mutigen (Punt-Fake, anyone?) 49ers die Führung schrittweise auf unglaubliche 31-3 aus – und es hätte ohne Fehlkicks und Turnovers (INT in der und Fumble nahe der EndZone) noch deutlicher sein können.

Auf der anderen Seite waren die Pats gefühlt nie aus dem Spiel. Die Offense groovte sich nach dem höllischen Beginn mit zig Turnovers (u.a. eine dreifach abgefälschte INT in die Hände von #99 Aldon Smith) langsam in die Partie zurück, aber es gab Rückschläge wie z.B. den wirklich schwachen Brady-Wurf in die Secondary (für CB #22 Carlos Rogers) oder den Fakt, dass San Francisco 7 der 8 herumkullernden Fumbles aufnehmen konnte (vier davon waren von Kaepernick gefumbelte Snaps, die allerdings meistens von der Offense aufgenommen werden).

Die zwischenzeitliche 28pts-Führung für die 49ers passte ins Bild der extrem vielen Blowouts diese Woche, aber sie fühlte sich nicht „echt“ an. Wir sollten sehen, warum.

Denn was die Patriots, orchestriert von QB Tom Brady, ab Mitte des dritten Viertels aufstellten, allererstes Sahne und ganz großes Footballkino. Natürlich war die 49er-Defense etwas passiver und natürlich traf sie der Verlust #94 Smiths ins Mark, aber wie die Patriots ihr komplettes verfügbares Arsenal einsetzen, welches Repertoire an bisher ungesehenen Plays New England auf das Spielfeld zauberte und wie viele 4th downs man (notgedrungen) ausspielte: Beeindruckend und große Klasse.

Die amerikanischen Mathleten beginnen schon wieder, „in game“-Momentum, das Pendel, infrage zu stellen: Nope. Ich halte dieses Phänomen für real, und es gehört zu den faszinierendsten Dingen im Sport. Im Fußball ist es vergleichbar mit einer Mannschaft, die sich in der 63. Minute plötzlich „findet“ und für ca. 20 Minuten schlagartig „Druck macht“. Man kennt dies: Plötzlich sind die einen voll konzentriert, während die anderen eine zeitlang nicht wissen, wie ihnen geschieht. Die einen sind aggressiv, emotionalisiert, im Rausch, gehen auf den Mann, bei den anderen schleichen sich Fehler ein, die 3m-Pässe gelingen nicht mehr, Befreiungsschläge über fuffzich Meter sind‘s höchste der Gefühle.

Aber dieses Phänomen, das die Amerikaner eben momentum getauft haben (glaube ich wenigstens), muss nicht für ewig halten.

In Foxboro killte ein langer Kickreturn des irrwischsten aller Irrwische, RB LaMichael James, die Hochstimmung der Pats, und eine Blitz-verbrennende Touchdown-Rakete für WR #15 Michael Crabtree war das Football-Gegenstück zum perfekt abgeschlossenen Konter im Fußball.

Plötzlich hatten wir in den letzten sechs, sieben Minuten wieder ein echtes Spiel. Das ausgeschlagene Pendel fiel ins Gleichgewicht zurück. Die 49ers wussten wieder, wo sie waren. Dem surrealen Treiben war ein Ende gesetzt. Daraus aber dem Gefühlshoch („Momentum“) die Existenz absprechen zu wollen, halte ich für übertrieben. Glaube ich. Ich bin mir nicht sicher.

San Francisco gewann, und sie präsentierten sich mit ihrem explosiven, aber wegen zu vieler Fehler noch nicht über alle Zweifel erhabenen QB #7 Colin Kaepernick als extrem potente Mannschaft, Superbowl-Favoriten in der NFC.

New England muss sich seinerseits nicht grämen. Der Weg in den Playoffs wird nun zwar wegen der wahrscheinlichen Auswärtsspiele in Denver und vielleicht Houston steiniger, aber man hat Nerven und Charakter bewiesen, eine ausgezeichnete Defense für eine Stunde lang komplett an die Wand gespielt, so drückend, wie ich es in fast zwölf Jahren NFL noch selten gesehen habe.

New England bleibt einer der Big-3 in der kopflastigen AFC, und New England bleibt ein heißer Superbowl-Tipp.

Die Power-Rankings.

NFL-Power Rankings Week 15

NFL-Power Rankings Week 15

WP entspricht der Siegchance der jeweiligen Franchise gegen eine standardisierte, durchschnittliche NFL-Franchise, (LW) ist das Ranking von letzter Woche, E16 ist WP hochgerechnet auf 16 Spiele (WP*16 = E16), SOS ist der bisherige Strenght of Schedule, den dieses Modell für die jeweilige Franchise errechnet, Rs die Platzierung des Schedules, W-L die tatsächliche Sieg-Niederlagen-Bilanz jeder Franchise zum Ende der Woche 15. Fettgedruckte Teams sind bereits für die Playoffs qualifiziert.


Auffälligkeiten

  • Blowouts. Letzte Woche waren ganze vier Spiele innerhalb eines Scores, und ohne das fulminante Patriots-Comeback wären es noch weniger gewesen. Der durchschnittliche Sieg betrug 18.9 Punkte, also fast drei Touchdowns.
  • Minnesota Vikings. Minnesota eilt derzeit von Sieg zu Sieg, und fällt im Power-Ranking fast umgekehrt proportional nach unten. Der Hauptgrund dafür ist das anämische Passspiel um QB Christian Ponder, das an vorletzter Stelle (hinter Jacksonville!, hinter Kansas City!) rangiert, mit Tebow-artigen 5.2 NY/A (okay, ist noch ein halbes Yard besser als Tebow, aber Sie verstehen). Das ist ein so schlimmer Wert, dass Minnesotas Head Coach Les Frazier – wahrscheinlich eher aus Intuition – für die nächsten Jahre noch viel mehr (!) Laufspiel ankündigte: Ein sicheres Zeichen dafür, dass die Vikes auf absehbare Zeit nicht aus dem Mittelmaß herauskommen werden.
    Und selbst dieses – in absoluten Zahlen erfolgreiche – Laufspiel wird vom Modell eher entwertet, rankt nur an #11. Grund dafür ist der boom-or-bustRB Adrian Peterson. Keine Frage, diese langen Läufe sind herausragend, aber dann kommen wieder viiiiiiele erfolglose Plays (am Sonntag eröffnete Peterson beispielweise mit 9 Carries für 9 Yards und damit waren bereits zwei Drives kaputtgemacht, ehe der 82yds-Lauf kam).
    Besser als erwartet sind die Vikes dagegen in Pass-Defense (#12, 6.0 NY/A) und vor allem bei den Strafen, wo man die fünftdisziplinierteste Mannschaft ist. Es soll auch nicht verschwiegen werden, dass die Vikes ein Team sind, dem das Turnoverglück dieses Jahr nicht besonders hold war; von daher sind die 8 Siege dann wieder noch beeindruckender.
  • Seattle Seahawks. Russell Wilsons Pass-Offense ist mit 6.8 NY/A über ein halbes Yard pro Versuch effizienter als Andrew Lucks Angriff. Das ist für mich überhaupt eine Statistik der Saison: Wenn wir die Defense standardisieren, ist Seattles Angriff eine Top-5 Unit! Laufspiel ist das fünftbeste, explosiv und konstant, und trotz Rookie-QB ist das Passspiel effizient und fehlerlos. Und es wäre nicht so, dass Seattle bloß ein Standbein hätte: Die Defense ist ebenso Top-5, angeführt vor allem von der zweitbesten Pass-Abwehr in der NFL. Man erinnere noch daran, wie unsanft QBs wie Rodgers oder Brady eingebremst wurden. Selbst wenn die Seahawks ihre Division nicht gewinnen, und selbst wenn sie in den Playoffs, wo sie wohl zuerst auswärts ranmüssen (vielleicht in Washington bei RG3), schnell scheitern: Das ist für mich eines der Teams der Saison.
  • Cincinnati Bengals. Absturz für die Bengals diese Woche, und ich kann verstehen, warum: Sie murksten bei den Eagles, einem Team aus der unteren Hälfte des Tableaus, schlimm genug rum, dass erst der Selbstzerstörungsbutton der Eagles die Partie zu einer klaren Angelegenheit werden ließ.
  • New York Jets. Fünftschlechtester Passangriff. Wer mehr Jets-Spiele verfolgt, würde das noch für überschätzt halten, und Fakt ist: Wenn die Jets bloß ein exakt durchschnittliches Passspiel im Angriff hätten, wäre das ein sicheres Playoff- und Top10-Team. Was mich an den Jets weiters überrascht: Die Disziplin: Drittwenigste Raumstrafen pro Spielzug.
  • New England Patriots. Die Offense steht weit über allen anderen, aber die Defense ist in Pass und Lauf jeweils im untersten Viertel klassiert und wird mittlerweile nur noch von den wirklich enttäuschenden Jacksonville Jaguars (!) unterboten.
  • St Louis Rams. Das besondere an den Rams: Sie sind nirgendwo besonders gut, aber sie hielten sich gegen den drittschwersten Schedule ordentlich. Das reicht in der NFL 2012/13 für Platz 10 im Power-Ranking. Klarster Stellhebel ist sicherlich die Pass-Offense (5.9 NY/A, #21), während eigentlich alle anderen Stats außer Penaltys überdurchschnittlich oder gar in den Top-10 rangieren (v.a. die Defense).
  • Arizona Cardinals. Letzter in Lauf-Offense und Lauf-Defense, fünftmeiste Interceptions pro Passversuch in der Offense (hinter Chiefs, Jets, Bears und Bills). Das ist alles so horrend, dass Ken Whisenhunt bedrohlich wackeln sollte. Größte Stärke der Cards: Sie fangen jeden zwanzigsten Pass ab! Das ist weit vor allen anderen Teams (Bears jeden vierundzwanzigsten, das ist #2).

Sieg-Wahrscheinlichkeiten für Week 16

Die Power-Rankings von letzter Woche tippten die letzte Spielwoche wieder fantastisch (13-3); mittlerweile liegt Excel bei 121-54, was einer Tipp-Quote von 69.1% entspricht – bester Wert, seit ich vor dreieinhalb Jahren mit einem erst groben, dann immer mehr verfeinerten Programm begonnen hatte. Noch 32 Spiele, und wenn die Rankings am Ende die 70% kratzen, bin ich schon sehr zufrieden. Denn: Wenn wir davon ausgehen, dass irgendwo zwischen 40 und 50 Prozent Zufall im Spiel ist, kann ein optimiertes Modell in etwa 75%-80% der Spiele richtig tippen (50/50 schafft ein Affe, plus 50/2 bis 60/2 Skill = 75 bis 80%).

HOME              %   AWAY              %
Detroit          47   Atlanta          53
Dallas           57   New Orleans      43
Green Bay        73   Tennessee        27
Kansas City      49   Indianapolis     51
Miami            59   Buffalo          41
Tampa Bay        46   St Louis         54
Carolina         83   Oakland          17
Jacksonville     16   New England      84
Baltimore        48   N.Y. Giants      52
Houston          76   Minnesota        24
Philadelphia     40   Washington       60
Pittsburgh       57   Cincinnati       43
Denver           87   Cleveland        13
Arizona          36   Chicago          64
N.Y. Jets        62   San Diego        38
Seattle          47   San Francisco    53

Die vierte Nachkommastelle entscheidet Chiefs vs. Colts.

The U

ESPN America wird heute um 21h die Doku The U aus der teilweise sehr, sehr starken Serie 30-for-30 wiederholen. „The U“ behandelt das umstrittene Footballprogramm der University of Miami Hurricanes, die in den 80ern als Emporkömmling die Welt des College Football komplett auf den Kopf stellte.

Darin wird aufgezeigt, wie Miami/FL zu dieser Zeit unter Coach Howard Schnellenberger vorging, um aus einem quasi unsichtbaren Programm die dominanteste Dynastie jener Zeit zu bauen: Schnellenberger, ein kauziger Schnauzbart, brach sämtliche Konventionen und ging als erster mit seinem Trainerstab furchtlos hinein in die Ghettos von Südflorida und fand dort die besten Athleten (nicht unbedingt: die besten Studenten) Amerikas. Es war gleichzeitig die Zeit, in der die Tony Montanas in Miami die Straßen kontrollierten. Und das pathetische Publikum in der Orange Bowl wurde durch unkontrollierbare Massen ersetzt und verdrängt. Sports meets Culture. The U = Lifestyle galore.

Entsprechend eng verbandelt waren ab sofort Mannschaft und Uni mit der Ghetto-Kultur, umso mehr nach der sensationellen ersten (von insgesamt fünf) National Championship 1983/84 gegen die legendären, bodenständigen, traditionellen Nebraska Cornhuskers. Auf der anderen Seite wollte das Präsidium der University of Miami, eine eher kleine Privatuniversität, ihren Ruf als exzellente akademische Institution nicht verlieren und schikanierte intern sachte die eigene Mannschaft wo es ging.

Auf Schnellenberger folgte die gestriegelte Betonfrisur Jimmy Johnson (heutiger Studiopundit bei Fox (?) oder CBS), ein Coach, der im Film als Mann mit weißer Schale, aber schwarzem (im Sinen von: afroamerikanischem) Herzen charakterisiert wird. Johnson führte das Programm bis zu seinem unerwarteten Abgang in die NFL (Dallas Cowboys) zu ungekannten Höhen, aber auf der anderen Seite machte sich Miami durch seine laute, ungehobelte Art nicht nur Freunde. Das Programm sorgte für Rekordeinschaltquoten. Das Programm spaltete.

Und so ging es weiter. Legendäre Siege und Niederlagen folgten. Die hasserfüllten Rivalitäten mit Notre Dame („Catholics vs Convicts“) und der anderen Großmacht Floridas, FSU („Wide Left“),werden aufgearbeitet, wie auch die Miami Rule, das Verbot von dutzenden – grenzwertigen – Jubelgesten, die die Canes-Spieler in einem Bowlspiel gegen Texas aufführten und damit bei den Assauers und Neubergers des College Football Ekelherpes hervorriefen.

Die Doku gab mir bei ihrer Erstausstrahlung vor zwei Jahren ein recht gutes Gefühl, welchen „Impact“ Miami/FL für die heile College-Footballwelt einst gehabt haben muss, und sie macht verständlich, warum bei nun mittlerweile fast zehn Jahren sportlichem Mittelmaß immer noch ein solcher Terz um dieses Programm und ihre Aura gemacht wird.

Sehtipp für die, die heute noch nichts vorhaben.

Race for Top-Draftpicks 2013

Dem NFL-Draft 2013 wird womöglich der ganz große Superstar-Name der letzten Jahre á la Suh, Newton oder Luck abgehen und es fehlt der can’t miss-QB, aber der Jahrgang wird besonders in den beiden Lines entlang der Anspiellinie exzellent besetzt sein, vielleicht sogar mit einem Deutschen, dem DE Björn Werner, ein sophomore junior von Florida State, der, wenn er ein Jahr verfrüht in den Draft geht, als sicherer Top-10 Pick gehandelt wird.

Die Picks 1 und 2 werden sich höchstwahrscheinlich die Kansas City Chiefs (2-12) und Jacksonville Jaguars (2-12) untereinander ausmachen; KC ist wegen der schwächeren Bilanz in Conference-Spielen in der „Führungsposition“, und muss nur noch gegen IND und @DEN verlieren. Chiefs und Jags: Jahrelang im Siechtum und auf QB-Suche, aber immer etwas zu wenig schlecht für den Top-Pick. Da ist es 2012/13 mal soweit, und dann ausgerechnet in einem Jahrgang ohne „sicheren“ Franchise-QB…

Die Chiefs haben mit .469 den viel einfacheren Strength of Schedule (SOS) als Jacksonville (.541) und werden daher bei zwei weiteren Niederlagen an #1 picken. Wait – Chiefs haben einen schwachen Schedule gespielt und trotzdem nur zwei Siege geholt?

Für die Picks 3-5 haben wir drei punktgleiche Kandidaten mit 4-10 Bilanz: Lions, Raiders, Eagles. Oakland aktuell mit dem schwächsten Schedule (.469) an #3, Philadelphia mit .505 an #4, Detroit mit .542 an #5.

Danach haben wir sechs Teams mit 5-9 Bilanz: Chargers (aktuell #6, .474), Browns (#7, .480), Bills (#8, .500), Titans (#9, .526), Panthers (#10, .536) und Cardinals (#11, .543).

Tampa Bay (!) mit 6-8 und .469 aktuell an #12, und auch Miami, die Jets und New Orleans sind jeweils 6-8 und haben noch „Chancen“ auf einen Top-10 Pick. St Louis mit 6-7-1 dagegen kaum noch.