Silvester in Miami, oder: Orange Bowl 2013. Ein Erlebnisbericht

Discover Orange Bowl

Discover Orange Bowl

Mit etwas Verspätung (ich bin nicht schuld!) gibt es von mir weniger einen Nachklapp zum sportlichen Teil des College Football, dafür einen kurzen Reisebericht. Ich war über Neujahr in Florida, genauer gesagt in Miami, da ich Ende der letzten Woche dort eine Präsentation im Rahmen eines Forschungsprojektes vorführen musste. Mit zwei ehemaligen Kommilitonen von der Florida State University hatte ich schon im Voraus abgemacht, im Falle von freien Tickets den Orange Bowl zu besuchen.

Das stellte sich einfacher heraus als wir dachten, und so war es ausgemachte Sache, Silvester und Neujahr diesmal in Südflorida zu verbringen und den Trip mit vier Tagen Urlaub zu verknüpfen. Untergebracht waren wir in Silverbluff in Coral Way, etwas südlich des Miami-Airports, in etwa auf halber Distanz zwischen Downtown Miami an der Küste und Coral Gables (Campus der University of Miami) etwas weiter südwestlich, und nicht weit von Little Havana entfernt. Silberbluff stellte sich als niedlicher Ort mit vielen kleineren, älteren Häuschen heraus, mit Leuten, die mir im Vergleich zu denen in Tallahassee viel aufgeschlossener vorkamen.

South Beach haben wir natürlich auch besucht, wenn auch nicht am Silvesterabend, und es ist schon eine Erfahrung wert. Noch auffälliger als in allen anderen Bezirken ist in South Beach, dass die Leute sehr exzellent angezogen sind und sehr viel Wert auf das Äußere legen, bis auf ein paar vereinzelte Footballfans in Seminoles- und Huskies-Trikots, die sich da wenig drum schissen.

Weg zum Stadion

Miami

Miami

Wir starteten am Neujahrstag nach einem ersten Sightseeing in South Beach erst am späteren Nachmittag hinaus in Richtung Stadion. Man muss wissen, wenn man in Miami ein größeres Footballspiel besuchen will, dass das Sun Life Stadium nicht in Miami-Stadt liegt, sondern weit außerhalb der Stadtgrenzen in Miami Gardens, etwa eine dreiviertel Stunde nördlich von Downtown. Viele Fans bemängeln immer noch den Abschied (und Abriss) des alten Orange Bowl Stadiums, das mitten im Herzen der Statt lag, aber schon lange durch das viel professionellere Sun Life Stadium ersetzt wurde.

Von South Beach aus führt eine Verbindung (A1) auf die I-95, eine typische dreispurige Autobahn auf unruhigem Belag, die von Süden herauf westlich der Innenstadt nach Norden führt. Nach etwa 20 Fahrminuten kommt die Abzweigung auf die „Toll Road“, die zum Sun Life Stadium führt. Dort begann dann der Verkehr, und auch wenn die Veranstalter die Leute zum Tailgating animieren um das Verkehrschaos kurz vor Spielbeginn unter Kontrolle zu halten, ging es in unmittelbarer Stadionnähe nur noch zähflüssig voran. Wir parkten dann auch nicht am Stadion, sondern fast einen Kilometer abseits (Studenten haben keine hunderte Dollars für Parkplatz und Tailgating am Stadion).

Grillen auf Betonweiden

Tailgating

Tailgating

Die Stadionumgebung fand ich bemerkenswert, und vorsichtig gesagt ungewohntes Ambiente für College Football (was aber dran liegen kann, dass an der FSU und in Bloomington die Stadien auf dem Universitätscampus liegen): Abgesehen von ein paar Palmen und Wiesen ist das in Miami eine Betonwüste wie zum Beispiel in München um die Allianz Arena herum.

Soll unsere Feiertagsstimmung ja nicht verderben, schließlich waren ja auch tausende gut gelaunte Menschen auf den Füßen, das Wetter zwar ein wenig dunstig, aber doch viel Sonne und schätzungsweise 25°C, man konnte es also in kurzen T-Shirs leicht aushalten.

Tailgating wurde besonders im Noles-Lager  – überraschte mich ja nicht wirklich – bierfreundlich interpretiert. Mark und Kylie, die beiden Kommilitonen, kannten Leute an einem Tailgating-Stand, und so durften wir dort auf ein Getränk vorbeischauen. Wir wurden auch sonst beim Durchschlendern überall freundlich empfangen, im Vergleich zu einem Gameday auf dem Campus in Tallahassee ist es aber nicht so ausgelassen.

Der allgemeine Tenor unter den Noles war ganz klar „schade, dass wir keinen richtigen Gegner zugelost bekamen“ und es gab mehrheitlich Abneigung für die Wahl von Northern Illinois. Aber wenigstens hole man damit mal wieder einen B.C.S. Bowlsieg. Falls das arrogant klingen sollte: Nein. Ein paar waren’s vielleicht, aber insgesamt überwog bei mir der Eindruck, dass man es in erster Linie auf die Party abgesehen hatte.

Ähnlich empfand ich die Gemütslage bei den Huskies-Fans: Viele freuten sich einfach, im sonnigen Florida Urlaub machen zu dürfen und hofften auf eine kämpferisch starke Leistung gegen die „mighty Seminoles“. Man sei schon froh, überhaupt dabei sein zu dürfen und wolle die Party einfach genießen. Auf das Spiel freute man sich, aber an ein Upset glaubte niemand so richtig.

Bei den Huskies waren zwar auch viele junge Menschen dabei, die sich auf der Wiese Footbälle zuwarfen oder ein Beef grillten, aber mehrheitlich war das Publikum sicher über 30, was ich mir damit erklären würde, dass sich Studenten den langen und sicher nicht ganz billigen Trip aus dem „hohen“ Norden nicht leisten können oder wollen.

Ausverkauft, oder nicht?

Gegen 20 Uhr steuerten wir dann das Stadioninnere an. Das Sun Life Stadium ist architektonisch ein langweiliges Achteck mit Bars und Restaurants in jeder Ecke. Unsere Plätze waren auf der Gegentribüne, im unteren Rang, und wir waren so in der Zone wo sich Huskies- und Noles Fans „trafen“.

Zum Pregame-Programm gehörte neben der Nationalhymne (my dear, die Jungs über uns grölten nicht, sie lallten) und dem Einlauf der Mannschaften auch die Landung von Fallschirmspringern.

Feuerwerk zum Einstand

Feuerwerk zum Einstand

Das Stadion war gewiss nicht ausverkauft, und auch wenn irgendwann im Verlauf des Abends von „fast ausverkauft“ gesprochen wurde, schätze ich grob: Mindestens 15.000 Sitze blieben frei. Das sieht man in Miami recht gut, da die Schalen knallig in grün und grellorange gefärbt sind und deswegen auch deutlich herausstechen. Zu Beginn dachte ich noch, dass viele vom Tailgating noch draußen waren, aber auch am Ende des ersten Viertels war die Arena bei maximal 60.000 Menschen (das Stadion bringt angeblich 72.000 rein wenn gefüllt). Einige meinten aber, das seien 20.000 mehr als wenn die Dolphins spielten, und – Achtung – 40.000 mehr als wenn die Canes spielten. Die Hurricanes! Ich wusste, dass die private University of Miami keinen überragenden Rückhalt in ihrer Heimatstadt hat und dass die Fans wetterwendisch wie die Tornadosaison sind, aber ja, angeblich interessiert sich im Moment kein Mensch für die Canes.

Das Publikum in diesem Spiel würde ich auf drei Viertel Noles und ein Viertel Northern Illinois schätzen. 15.000 Huskies-Fans mag hoch gegriffen sein, denn zwischen den weinroten Noles-Farben und den schwarz-roten Husky-Farben ist nicht so leicht zu unterscheiden.

B.C.S.-Buster gebusted

Das Spiel selbst ist schnell erklärt: F.S.U. war einfach besser, körperlich überlegen. Die Noles reagierten schneller, sie tackelten besser und Northern Illinois und ihr großmäuliger Quarterback Jordan Lynch kamen überhaupt nie ins Spiel. Als zur Pause die Marching Bands auftraten und Jake Owen seine Konzerteinlage abhielt, führten die Noles 14:3, aber es fühlte sich an wie ein 30:3.

Umso erstaunlicher, dass die Huskies im dritten Viertel auf einmal auf 10:17 verkürzen konnten und auch noch einen überraschenden Onside Kick fangen konnten. Das Stimmungshoch hielt nur kurz an, da ausgerechnet Lynch eine Interception warf und Florida State auf 24:10 davon zog und das Spiel damit entschied.

Marching Bands

Marching Bands

Es war natürlich eine Freude, aber danach war für mich Fremdschämen angesagt, als ein großer Teil des Stadions (die F.S.U.-Fans natürlich) Schlachtrufe von wegen „O-V-E-R-R-A-T-E-D! O-V-E-R-R-A-T-E-D“ anstimmten, was natürlich in die Richtung der Huskies ging, deren B.C.S.-Einladung bekanntlich nicht unumstritten gewesen ist. Dass ausgerechnet die alljährlichen „Overrated“-Seminoles, die jede Saison in den Preseason-Polls höher stehen als im Jänner, weil sie wieder einmal zwei oder drei Spiele sinnlos vergeigt haben, diese Schlachtrufe anstimmten, fand ich enttäuschend und überflüssig.

Dass Northern Illinois überrumpelt und ganz einfach nicht gut genug war, um ernsthaft mitzuhalten, sah jeder und sahen auch die bis zum Spielende verbliebenen Fans ein, mit denen wir nach der Siegerehrung die Treppen zum Ausgang hochstiegen. F.S.U. sei der beste Gegner gewesen, den man je gesehen hätte, und so ähnlich waren die Meinungen, und man würde uns gratulieren, aber selbst nicht traurig sondern viel mehr stolz sein, dabei gewesen zu sein. Die Schlachtrufe hätten zwar kurz weh getan, aber man habe ja insgeheim damit gerechnet.

Fazit: War ein tolles Erlebnis, einmal das Rundherum bei einem B.C.S.-Bowls gesehen zu haben und das Flair in Miami ist auch etwas besonderes. Das Stadion selbst passt für mich nicht in den selben Satz wie „College Football“ und das ganze Event hatte sehr viel Artifizielles, wenn nicht die ehrliche Freude einiger Huskies-Anhänger gewesen wäre, aber gepaart mit einem Miniurlaub oder so lässt sich so ein College-Bowl schon mal besuchen.

Für richtiges Aufsehen sorgte aber erst das B.C.S. Championship Game, das bekanntlich am Montag, 7.1. stattfand, und das schon zwei Tage nach dem Orange Bowl in den lokalen Sportteilen thematisiert wurde. Diesen Gameday habe ich aber nicht mehr in Südflorida erlebt. Das geht nur mit den Noles im Line-Up.

2 Kommentare zu “Silvester in Miami, oder: Orange Bowl 2013. Ein Erlebnisbericht

  1. @jogi

    Da ich wie geschrieben auf alle Fälle sowieso dort gewesen wäre: Nicht so viel. Unterkunft war nicht die luxeriöseste: recht billig über ein Buchportal bekommen. Fahrtgelegenheiten durch die Kommilitonen. Eintrittskarten second Hand $18 (unglaublich, dass die Unis ihr Kartenkontingent für weit über $100 pro Stück einkaufen müssen). Leben in Miami ist nicht billig. Paar hundert Dollar in Summe.

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