Sag mir, wo sind meine Fans?

Deadspin.com hat sich die Facebook-„Likes“ von Fans unter die Lupe genommen und sie per Bezirke aufgeteilt. Resultat ist die hier verlinkte Mappe – eine sehr interessante Aufstellung der Fanverteilung in den Vereinigten Staaten. Natürlich bleibt zu beachten, dass es sich jeweils nur um die am stärksten vertretene Fangruppe in jedem Bezirk handelt, aber trotzdem ein paar Beobachtungen:

  • In erstaunlich vielen Bundesstaaten entsprechen die Staatsgrenzen den Grenzen der Fans. Besonders krasse Beispiele sind Michigan (Detroit Lions), Georgia (Atlanta Falcons), Indiana (Indianapolis Colts), Illinois (Chicago Bears), Tennessee (Titans) und das Staatenbündel New England (Patriots), das vielleicht krasseste Beispiel.
  • Die Dallas Cowboys sind flächendeckend in Texas, Oklahoma bis rüber nach Nevada, Arizona, Arkansas, rauf bis in den hohen Nordwesten, aber auch in weiten Teilen Virginias die Nummer 1. Das scheint ein richtiges „America’s Team“ zu sein.
  • Weitere Teams mit großen Einzugsgebieten: Vikings, Broncos, Packers, Steelers. Bei ersteren beiden ist zu beachten, dass es sich bei besagten Gebieten um wenig bevölkerte handelt, bei letzteren, dass sie zusätzlich in vielen Teilen Amerikas verstreut ihre Fans haben und häufig #2 oder #3 sein dürften.
  • Man kann die richtigen „Regional-Teams“ rauslesen: San Diego, Tampa, Miami, Jacksonville, Houston, St Louis, Cleveland, Cincinnati, Carolina, und auch der Superbowl-Teilnehmer am Sonntag, die Baltimore Ravens.
  • Die Washington Redskins sind auch eher regional präferiertes Team.
  • In New York/New Jersey ist der Fall klar: Die Giants besetzen das Land. Die lärmigen New York Jets sind das Team mit den wenigsten Bezirken mit den meisten Fans: Wenn ich das richtig sehen, haben sie nur in Staten Island die Vorherrschaft als #1.
  • Die 49ers besetzen große Teile Kaliforniens, inklusive Oakland (!), aber in Los Angeles (wenig überraschend), Nevada, hinauf nach Oregon haben die Raiders die Vorherrschaft.
  • Die Saints scheinen so was wie das Team des Südens zu sein: Louisiana, Mississippi und Alabama werden richtiggehend besetzt.
  • Alaska ist ein gespaltener Staat. Hawaii wird von den Pittsburgh Steelers dominiert – ob hier die polynesische Mähne Troy Polamalus den Ausschlag gibt?

Ist eine interessante Landkarte. Nochmal: Hier entlang.

Hart, aber fair: Die Baltimore Ravens am Ende einer Epoche

Superbowl 47 ist auch ein Kampf der Kulturen. Das von Kriminalität und Gentrifizierung gebeutelte Baltimore gegen das weltoffene San Francisco, mit den Eliteschulen Stanford und Cal und Silicon Valley in unmittelbarer oder mittelbarer Nähe. Die sehr lauten, aggressiven Ravens gegen die eleganten, charmanten 49ers – ein Aufeinandertreffen zweier Welten. Ein Zweiteiler, der sich mit den Eigenheiten der beiden Superbowl-Teilnehmer 2012/13 auseinander setzt. Heute: Die Ravens.

Wer erst seit ein paar Jahren Football verfolgt, möchte kaum glauben, dass es sich bei den Baltimore Ravens um die drittjüngste NFL-Franchise handelt, noch keine 20 Jahre alt. Aber während andere Neulinge wie Jacksonville oder Houston noch am Erstellen von Identifikationspunkten werkeln, weiß bei den Baltimore Ravens jeder per sofort, worum es geht.

Physische Defense. Laut. Testosterongeladen. Harte Hits.

Niemand verkörpert diese Baltimore Ravens besser als der Mann mit der #52, Linebacker Ray Lewis. Lewis, in den 90ern von der University of Miami („The U“) kommend gedraftet worden, passt wie die Faust aufs Auge auf beschriebene Attribute. Besser umgekehrt: Lewis dürfte der wichtigste Grund sein, dass wir heute über jene Attribute schreiben. Lewis war alles: Superbowl-MVP, Defensiv-MVP, Motivator, Mordverdächtiger. Es gibt kaum einen Spieler in der NFL-Geschichte, der enger mit dem Image seiner Mannschaft verknüpft ist als Ray Lewis.

Lewis wurde rein zufällig auch im ersten Jahr des Bestehens der Ravens gedraftet. Das war 1996. Und wie es zu einer zwielichtigen Stadt mit so eigenen Charakteren so passt, war die Teamgründung nicht ohne Kontroversen abgelaufen. Wir haben schon mehrmals abgehandelt, wie es genau ablief, deswegen nur noch die Kurzfassung.

Baltimore hatte in der Urzeit des Football mit seinen heiß geliebten Colts, Superbowlsieger 1970, und dem mystischen QB Johnny Unitas, ein gefürchtetes und landesweit bekanntes Team gehabt, das Mitte der 80er über Nacht an das seelenlose Indianapolis verloren wurde („Mayflower-Transit“). Trotz vieler Versprechen der NFL dauerte es über ein Jahrzehnt, bis die Schweinehaut nach Baltimore zurückkehrte.

Ende 1995 sorgte der Owner der Cleveland Browns, auch so ein geschichtsträchtiges Team, Art Modell, für einen Skandal, als er mitten in der Saison ankündigte, mit seiner Franchise nach Baltimore umzuziehen. Nach Protesten und Klagen musste Modell den Franchise-Namen „Browns“ in Cleveland lassen, durfte aber mitsamt der kompletten Angestelltenschaft schließlich übersiedeln.

Es entstand ein „neues“ Team, eine neue Franchise mit neuer Geschichte: Die Ravens, benannt nach einer poetischen Figur des Dichters Edgar Allen Poe, der in Baltimore begraben liegt („und es sprach der Rabe Nimmermehr“).

Die Ravens schienen die Pechmarie in Cleveland gelassen zu haben, und Modell beförderte schnell einen ehemaligen NFL-Profi, den schwarzen Ozzie Newsome, zum GM. Newsome machte sich einen Namen als exzellenter Draft-Stratege, und punktete gleich im besagten ersten Versuch (1996) doppelt, holte mit Lewis und OT Jonathan Ogden zwei fast sichere künftige Hall of Famer.

Nach wechselhaften Anfangsjahren verpflichtete Newsome im Jänner 1999 schließlich den Offensive Coordinator der rekordträchtigen Minnesota Vikings, Brian Billick, und weil man alles so schön planen kann, mutierten die Ravens fast über Nacht zur Defensivmaschine galore.

Die NFL-Saison 2000/01 hat bis heute und darüber hinaus etwas Freakiges, etwas, das es kaum jemals wieder geben wird. Der eine Satz wurde auf die Grausamste bestätigt: Defense wins Championships. An alle Pundits: Der Satz ist verbraucht. Er ist auf ewig reserviert für die Ravens 2000/01, die es tatsächlich schafften, nahezu ohne Offense die Superbowl zu gewinnen (bzw. mit nicht mehr als parasitärer, „effizienter“ Offense).

Über ein Monat Durchlavieren ohne Touchdown durch die Offense. 165 zugelassene Punkte in der kompletten Regular Season. Am Ende ein Kantersieg in einem Puntfestival (nicht Punktfestival), das sich selbst mit US-Hypemaschine nur schwer als „Superbowl 35“ verkaufen ließ. MVP wurde, natürlich, Ray Lewis, kein Jahr, nachdem er in einem bizarren Doppelmordfall nur wegen unsicherer Beweislage freigesprochen worden war.

So ging es unter Billick weiter, Herbst für Herbst. Spektakuläre Tackles, blaue Flecken, aber kein Quarterback und keine Offense. Man war gut genug, um mit 9-7 oder 10-6 in die Playoffs zu kommen, flog dort aber meistens schnell wieder raus. Bis Billick schließlich Anfang 2008 gefeuert wurde und durch John Harbaugh, ein unbeschriebenes Blatt aus den Tiefen des Trainerstabs der Philadelphia Eagles, ersetzt wurde.

Harbaugh griff gleich im ersten Draft, 2008, nach einem Quarterback, der einst in der Stadt des größten Rivalen, Pittsburgh, am College gescheitert war, und sich dann in der Niederungen der Div-IAA/FCS ein paar Meilen weiter nördlich in Delaware seine Sporen verdient hatte: Joe Flacco.

Flacco war nie der beständigste, aber mit ihm war die Offense gut genug, um die Ravens vom Level des reinen Wildcard-Teams zu einem alljährlichen Superbowl-Anwärter zu heben. Prachtstück blieb die Defense um ihre nichts anderes als fantastischen Einzelspieler: Lewis. DT Haloti Ngata. OLB Terrell Suggs. Und der allerbeste von allen, Free Safety Ed Reed, ein Freelancer, der die Anforderungen an seine Position neu schrieb.

Im Kern sind die Ravens 2012/13 noch immer defensivorientiert, aber dank Flacco gibt es einen zumindest akzeptablen Angriff, der die langsam zerbröckelnde Defense auffangen kann. Dort sind die Herren alt geworden. Mit Ray Lewis wird sich der erste am Sonntag verabschieden. Reed kokettierte auch schon des Öfteren mit der Footballrente.

Superbowl 47 könnte das letzte Halali der Baltimore Ravens, wie man sie kennen und fürchten gelernt hat, werden.