Der erste deutsche NFL-Superstar? Defensive End Björn Werner. Ein Scouting-Report

Heute gibt es wieder einen Gastbeitrag von Flo Zielbauer/Hardcount Blog zu Björn Werner, der großen deutschen NFL-Hoffnung für 2013.


Wer ist Björn Werner? Björn Werner ist ein 1,93 m großer und 116 kg (6‘4, 255lbs) schwerer Defensive End, der die letzten drei Jahre für die Florida State Seminoles spielte und ursprünglich aus Berlin stammt. Im Gegensatz zu den anderen beiden Deutschen in der NFL, Markus Kuhn und Sebastian Vollmer, besuchte er auch eine amerikanische Highschool. Wie ein deutscher Junge an eine amerikanische Highschool kam, um dort Football zu spielen, beschreibt Werner im Interview bei SPOX.com. In diesem Rahmen will ich mich auf das Sportliche beschränken.

College-Karriere

In seinem ersten Jahr an der Florida State sah Werner das Feld ausschließlich als Backup. Ab seiner zweiten (der „Sophomore-“) Saison startete er für die Noles als linker Defensive End. In dieser gelangen ihm 37 Tackles, davon elf für Raumverlust und sieben Quarterback-Sacks. In der nun gerade abgelaufenen, seiner Junior-Saison, gelang ihm der endgültige Durchbruch. Er sammelte 42 Tackles, davon 18 für Raumverlust und es gelangen ihm 13 Sacks. Keinem Spieler im ganzen Land gelangen mehr. Obwohl er noch ein Jahr am College hätte bleiben können, entschloss er sich dazu, sich für den NFL-Draft zur Verfügung zu stellen. Dies scheint vor allen Dingen für seine finanzielle Zukunft eine sehr gute Entscheidung zu sein.

Analyse: Auf dem Feld

Werners Zahlen lesen sich bombastisch. Zahlen sind auch schön und gut. Im Football können manche Zahlen allerdings auch recht einfach täuschen. Deswegen ist es für die Evaluation von Spielern unverzichtbar, sich die Performance auf dem Feld genau anzuschauen, also das von Pundits und Scouts viel beschworene „Tape“ anzusehen, um einen Eindruck für Stärken und Schwächen eines Spielers zu erhalten, den einem die nackten Zahlen nicht liefern können.

Leider ist mir keine Möglichkeit für Otto-Normal-Fans bekannt, an All-22-Gametape für College Spiele zu kommen (Aufzeichnungen von Spielen, bei denen alle Spielzüge aus zwei verschiedenen, sehr weiten Blickwinkeln gefilmt sind. Diese werden von den „richtigen“ Scouts und den Teams verwendet). Daher mussten für meine Evaluation die regulären TV-Bilder herhalten. Ich möchte hierzu noch anmerken, dass ich es im Zuge der Recherche für diesen Artikel absichtlich vermieden habe, zu lesen was Scouts und Draft-Experten bereits über ihn gesagt haben, um meine unverfälschte Meinung über seine Fähigkeiten darzustellen. Es kann also durchaus sein, dass es große Unterschiede zwischen meiner Analyse und der der Profis gibt, sie ist am Ende des Tages auch nur eine Meinung unter vielen.

Die Aufgaben eines Defensive Ends lassen sich in zwei große Untergebiete unterteilen, den Pass Rush und die Laufverteidigung. Beide Gebiete verlangen teilweise recht unterschiedliche Skillsets. Wie sich Werner jeweils anstellt, will ich im Folgenden analysieren.

Pass Rush

Werner ist ein Pass Rusher, der vor allen Dingen von seinem schnellen ersten Schritt profitiert. Er schafft es regelmäßig, Tackles mit Schnelligkeit zu überrumpeln. Oft schlägt er sie mit Hilfe dieser Schnelligkeit über aussen, mit einem klassischen „Speed-Rush“ (verlässt sich dabei auf sein schnelles Wegkommen aus dem Stand). Wenn die Gegner gegen seine Geschwindigkeit überkompensieren, also zu schnell und mit zu großen

Schritten zurückgehen, um ihm zuvorzukommen, nutzt er dies mit einem harten Cut (oder „Dip“, also Absenken seines Körpers um den Lineman zu überraschen) nach innen aus und attackiert die Innenschulter des Gegners auf dem direktem Weg zum Quarterback.

Von dieser Kombination aus Move und Gegenmove lebt Werner größenteils, denn andere Pass Rush Moves sucht man bei ihm vergebens. Das von mir gesehene Tape zeigte ihn keinen Spin-Move oder Swim-Move benutzen. Ab und zu setzt er einen Bullrush ein (mit purer Kraft den Gegner nach hinten schieben), der, weiter ausgebaut, zu einer mächtigen Waffe in seinem Arsenal werden könnte. An dieser Stelle gibt es aber definitiv noch etwas zu verbessern. Er sollte in der NFL sein Arsenal an verschiedenen Moves verbreitern, damit NFL-Tackles kein zu leichtes Spiel mit ihm haben werden.

Werner ist ein sehr aufmerksamer Pass Rusher, der nicht mit „Scheuklappen“ spielt, sondern stets mit einer unerwarteten Entwicklung rechnet, wie zum Beispiel einem Screenpass oder einem Draw-Spielzug durch die Offense. Beide sind Mittel, die unaufmerksame Verteidiger sofort aus dem Spiel nehmen können. Beide Tricks der Offense diagnostiziert Werner zuverlässig und fällt nur selten auf sie herein. Auch ist er ein disziplinierter Rusher, der in den meisten Fällen auf der Außenschulter des Quarterbacks bleibt (von immenser Wichtigkeit für einen Defensive End in einer 4-3) und es ihm so schwer macht aus der Pocket zu flüchten. Sein oben erwähnter bevorzugter Counter-Move, der Inside-Dip könnte ihm aber hier Probleme bereiten, da er die Defense vor allen Dingen gegen mobile Quarterbacks der Kaepernick/Griffin/Wilson-Sparte über außen angreifbar macht.

Das Sahnehäubchen auf Werners guten Pass Rush-Fähigkeiten ist aber sein Gespür dafür, in die Luft zu springen und Bälle an der Linie herunterzuschlagen. Er besitzt ein gutes Näschen für den richtigen Zeitpunkt, den Rush abzubrechen und in die Luft zu springen. In der vergangenen College-Saison gelang ihm dies acht Mal, in der vorletzten Saison sogar neun Mal. Es gibt für einen Quarterback kaum etwas deprimierenderes, als einen Defensive Lineman, der die Completion schon verhindert bevor der Ball überhaupt in Richtung Receiver unterwegs ist. In der NFL beweist Texans-Defensive Lineman J.J. Watt seit Kurzem wie wertvoll diese Fähigkeit für eine Defensive sein kann.

Alles in Allem ist Werner ein dominanter Pass Rusher mit guten Instinkten, der aber noch an seinen Pass Rush-Moves arbeiten sollte, um unberechenbarer zu werden.

Laufverteidigung

Der mit Abstand wichtigste Job eines 4-3 Defensive Ends in der Laufverteidigung ist es, die Außenseite dicht zu machen („Outside Contain“). Diese Aufgabe erfüllt Werner diszipliniert und mit dem richtigen Verhältnis zwischen Attackieren und Abwarten. Er platziert seine Hände exzellent und kontrolliert Blocker dadurch, dass er ihre Arme nie in seine Körpermitte kommen lässt. Besonders sauer wird er, wenn er sich am Point of Attack eines Laufes nach außen befindet. Ich habe ihn in Spielen schon Blocker zehn Yards durch die Gegend schieben und somit mit „Penetration“ die Pläne der Offense komplett durchkreuzen sehen.

Auch gegen Double Teams sah er besser aus, als die meisten College-Defensive Ends, an die ich mich in letzter Zeit erinnern kann. Es scheint, als sei seine Laufverteidigung als Ganzes um einiges aufpolierter und ausgereift als sein Pass Rush. Er erweist sich als sehr sicherer Tackler, der nicht unbedingt durch harte Hits, sondern eher durch einen sehr starken Griff auffällt. Wenn er auch nur einen Knöchel oder eine Hand des Ballträgers erwischt, so kann man sich sicher sein, dass er diesen auch zu Boden bringt. Sollte er tatsächlich Mal von einem Blocker aus dem Play herausgeschoben werden, so setzt Werners Stolz ein; er dreht auf und verfolgt den Ballträger bis dieser auf dem Boden ist.

Welches Team draftet ihn und wann?

Oder: In was für eine Defense passt Werner?

Das ist die erste Frage, die man sich stellen muss, wenn man Vermutungen darüber anstellen will, wo Werner in der NFL-Saison 2013 spielen wird. Er spielte bei Florida State den linken Defensive End in einer klassischen Vierer-Front, was ihn rein auf dem Papier in der NFL für die selbe Position in einer Vierer-Line oder einen Outside Linebacker in einer 3-4-Defense qualifiziert. Ob Werner sich aber als Linebacker in der 3-4 genau so gut machen würde wie als End in der 4-3 wage ich zu bezweifeln. Zumindest nicht ohne eine Umgewöhnungs-Phase.

In der 3-4 muss er zumindest einmal in der Lage dazu sein, in Coverage zurückzudroppen und Tight Ends oder crossende Receiver zu decken, eine Tätigkeit, die er bei Florida State nicht ausübte. Es kommt aber auch auf das System an. In einer attackierenden 3-4 wie zum Beispiel der von Wade Phillips in Houston (die eher eine „verkleidete“ 4-3 ist) könnte Werner sich gut machen. Einfacher wäre die Umstellung auf die NFL aber definitiv, wenn ihn ein 4-3 Team nehmen würde. Teams wie Philadelphia und Detroit erscheinen mir als die logischsten „Fits“, da beide ihre Defensive Ends von sehr weit außen rushen lassen (wird „Wide-9“ genannt) und Werner dies auch bei den Seminoles bereits kennenlernte.

Wie früh wird Werner genommen werden?

Im Gegensatz zu Markus Kuhn letztes Jahr, der bis zur letzten Sekunde zittern musste, überhaupt gedraftet zu werden wird Werner nach Ansicht der Experten wahrscheinlich früh in der ersten Runde vom Board gehen. Vorausgesetzt, seine „measureables“, also Zahlen und Werte beim Scouting Combine Ende Februar werden wie erwartet sein. Besonders wichtig wird seine Zeit beim Sprint sein, speziell auf den ersten 10 Yards des 40-Yard-Dashs, die seinen explosiven ersten Schritt belegen sollen.

Werners exzellente Laufverteidigung macht ihn zu einem wertvollen Spieler für Teams, die in letzter Zeit oft (auch in der ersten Runde) Pass Rusher drafteten, die sie in offensichtlichen Laufsituationen vom Feld nehmen mussten, weil ihre Laufverteidigung ihren Pass Rush-Fähigkeiten weit hinterherhinkte. Bestes Beispiel hierführ ist der Seahawk und letztjährige Erstrundenpick Bruce Irvin, der Seattle in Passing-Situationen gute Dienste erwies. Als er aber durch die Verletzung eines Mitspielers spät in der Saison auch in Laufsituationen auf dem Platz stand, rieben sich Gegner die Hände und liefen jedes Down über seine Seite mit beachtenswertem Erfolg. Dies wird Werner nicht passieren. Er ist ein NFL-Starter und „every down player“ vom ersten Tag an.

Mit seiner persönlichen Geschichte wird Werner darüber hinaus NFL-Teams beeindrucken. Ein Junge aus Übersee, der sich komplett dem Football verschreibt und in ein fremdes Land geht, kaum der Landessprache mächtig? American Dream anyone? Werner ist ausserdem bereits verheiratet (Nein, nicht mit Lennay Kekua) und wirkt auch generell wie der perfekte Schwiegersohn, fern von einem wilden Hund mit „character issues“, mit denen sich Teams jedes Jahr zuhauf auseinandersetzen müssen. Auch die Tatsache, dass er vor seiner letzten College-Saison 15 Pfund abnahm, um ein besserer, schnellerer Spieler zu werden unterstreicht seine Selbstdisziplin und wird bei NFL-Teams gut ankommen.

Was heißt das nun konkret?

Auf den Gesamtranglisten der Draft-Experten streitet sich Werner im Moment mit Texas A&Ms Ausnahme-Pass Rusher Damontre Moore und Georgias OLB Jarvis Jones um den Platz des zweitbesten Spielers im gesamten Draft. Allerdings ist die Defensive End/OLB-Konkurrenz stark und gute/schlechte Performances/Interviews beim Scouting Combine werden mit Sicherheit noch einige Spieler fallen und steigen lassen.

Müsste ich raten, wären Jacksonville an Nummer 2 oder Detroit an Nummer 5 meine (zugegeben optimistischen) Tipps. Allerdings steht vor dem Draft auch noch die Free Agency-Phase aus, durch die sich naturgemäß noch viele Verschiebungen der Team-Needs ergeben, weswegen wir uns auf extrem spekulativen Grund bewegen.

Was allerdings sicher scheint, ist dass Björn Werner die Chance hat der erste deutsche NFL-Superstar zu werden. Anders als der ebenfalls auf hohem Niveau spielende Sebastian Vollmer spielt Werner eine Position mit echter „Starpower“ und geht als einer der besten verfügbaren Spieler überhaupt in diese Offseason.

„Ick freu mir!“, sagt der Berliner glaube ich.


Nochmal die Empfehlung: Das Hardcount Blog, das von taktischen Analysen über Regelkunde ein breites Spektrum über Football abarbeitet. Vorbeischauen, wer es noch nicht kennt.